Corona- die Zeit mit ohne und ohne mit

Corona ist eine Zeit in der alles anders ist: Es gibt…

Alltag ohne Alltag

Urlaub ohne Urlaub

Zeit ohne Geld

Freundschaft ohne Freunde

Freie Zeit ohne Freizeit

Dafür gibt es…

Heim mit Arbeit

Nähe mit Distanz

Familie mit Familie

Der letzte Punkt darf bleiben wie er ist!

Mit und ohne würde ich bei allen anderen Punkten gerne tauschen!

Neue Geschichten vom Sofa – Kapitel 4: Die Stimme

In Zeiten von Corona ist Zeit plötzlich etwas, das im Überfluss vorhanden ist. Ob es die Freizeit oder die Arbeitszeit ist – alles fließt ineinander und findet in den gleichen Räumlichkeiten statt. Homeoffice, Familienzeit, freie Zeit – alles zur gleichen Zeit. Alles wird immer möglich.

Was also tun, wenn viele Dinge nicht mehr getan werden können, aber die Zeit zum Nachdenken darüber vorhanden ist?

Ich habe beschlossen neue Geschichten vom Sofa zu schreiben. Die einzige Möglichkeit momentan in ein Café zu gelangen. Auch wenn es ein sehr einladendes Café ist und seine Besitzerin eine Frau ist, die man gerne zu seinen Freunden zählen möchte, der junge Protagonist der folgenden Geschichte mag das Cafe trotzdem nicht. Warum das so ist? Vielleicht liegt es daran, dass wir alle schon so lange nicht heraus können, dass ich über jemanden schreibe, der in seiner Gefühlswelt gefangen ist? Aber lest selbst.

Kapitel 4: Die Stimme

Als er bemerkte wo er sich befand, war es zu spät. Er schaute sich um und alles was er entdeckte, hatte nichts mit ihm zu tun. Alles sah falsch aus. Nichts von dem was er in diesem Café erblickte, gehörte in seine Lebenswelt. Bis jetzt war er wenige Male in Kneipen gewesen oder in Bistros. Immer allein. Wer hätte ihn begleiten sollen? Dieses Café war eindeutig ein Raum, in dem sich seine Mutter wohl gefühlt hätte. Was sollte er hier? Er wäre so gerne gegangen, aber seine Beine wollten nicht gehorchen und blieben wo sie waren: An einem Platz, wo er nicht hingehörte. Wieso überraschte ihn dieses bekannte Gefühl immer wieder aufs Neue? Er und dieses Gefühl waren gute alte Bekannte. Es kam immer wieder ungefragt und er verabscheute es. So war es und es ließ sich nicht ändern. Er hatte es so oft versucht. Vergeblich. Er hasste es, wie so vieles andere auch. Da seine Beine beschlossen hatten hier zu bleiben, suchte er nach einem freien Sitzplatz. Außer dem alten roten Sofa war nichts frei. Ohne es zu merken biss er die Zähne zusammen und schaute sich um, während er auf das Sofa zusteuerte. Nur hin und wieder begegnete ihm der Blick einer der anwesenden Menschen. Er konnte den Blick in die Augen anderer nicht ertragen. Nie wusste er, warum sie ihn anschauten. Oft hatte er sich gefragt, was die Augen der Menschen ihm sagen wollten. Er verstand die Bedeutung nicht. Der Blick der anderen machte ihm Angst. Alle schienen zu wissen, was in den Augen der Menschen geschrieben stand, wenn sie einander anschauten. Er wusste es nicht. Ihm fehlte diese Fähigkeit. Er beherrschte diese Sprache nicht und er verstand nicht, was Gesichter und Augen zu bedeuten hatten. Das war einer der Gründe weswegen er es klüger fand, den Menschen aus dem Weg zu gehen. Er mied sie, wo er nur konnte. Leider war das viel seltener möglich, als ihm lieb gewesen wäre. Als er sich dem Sofa näherte, hielt er seinen Blick zum Boden gesenkt. Der Boden war ein unverfänglicher Gesprächspartner. Widerwillig ließ er sich auf das Sofa fallen und sofort quälte ihn die Frage, wie er seine Beine dazu bekommen konnte, diesen Ort zu verlassen. Das einfachste wäre gewesen, sofort wieder heraus zu laufen. Dafür hätte er seine Beine benötigt, die jedoch wieder streikend unter dem Tisch verharrten. Er blieb wo er war: Auf dem roten Sofa.

Als die Bedienung am Nebentisch eine Tasse Kaffee auf den Tisch gestellt hatte, entdeckte sie den jungen Mann. Er hatte sich ganz an den Rand der Sofalehne gedrängt. Beim zweiten Hinschauen sah sie, dass er fast noch ein Junge war. Vielleicht hatte er gerade die Volljährigkeit erreicht, aber älter war er keinesfalls. Während sie die übrige Bestellung von ihrem Tablett auf den Tisch stellte, fragte sie sich, was diesen jungen Mann in ihr Café geführt haben könnte. Üblicherweise waren ihre Gäste älter. Junge Menschen bevorzugten Cafés mit angesagter Musik. Ihre Tochter hatte ihr einen langen Vortrag über die Vorlieben der Jugend gehalten und ihr deutlich gemacht, dass das Café ihrer Mutter sicher kein Treffpunkt für junge Leute werden würde, nicht bei dieser Musik im Hintergrund. Manchmal hatte sich die Cafébesitzerin gefragt, ob diese Erkenntnis sie bei der Musikauswahl beeinflusst haben könnte. Letztendlich war sie jedoch zu der Gewissheit gelangt, dass es ausschließlich ihre Vorliebe für klassische Musik gewesen war. Sie hatte nichts gegen junge Menschen, aber ihre Musikvorlieben konnte sie nicht teilen. Da glich sie wohl vielen anderen Menschen, die ihre Lebensmitte überschritten hatten. Als sie sich dem Mann auf dem Sofa näherte, hatte er in ihren Augen viel mehr von einem Jungen, als von einem Mann. Auch wenn dieser Junge sehr hoch gewachsen war und sicherlich fast an die ein Meter neunzig Marke heranreichte, er hatte ein Jungengesicht. Er war schlaksig und sie dachte, dass dies häufig der Fall war, wenn junge Menschen plötzlich an Größe zulegten. Die Größe änderte sich schneller, als das Gewicht hinterher kam. Im Alter relativierte sich das meistens, war ihre Erkenntnis, als sie vor ihm stand. Sie schaute ihren Gast an, aber dieser wich ihrem Blick aus. Er ließ seine Augen wirr durch das Café gleiten. Sie schienen nirgendwo anzukommen. Als sie die Hoffnung auf einen Blickkontakt aufgegeben hatte, fragte sie: «Hallo. Was darf ich ihnen denn bringen?» Er schaute sie noch immer nicht an. Sie runzelte leicht ihre Stirn und fragte sich, ob er sie überhaupt verstanden hatte. Vielleicht hörte er schwer? Sie wiederholte ihre Frage und der junge Mann fing an in seinen Hosentaschen zu suchen. Der Blick der Bedienung fiel auf den Rucksack, den er unter den Tisch gestellt hatte. Er war alt und der Reißverschluss wurde von einer verbogenen Sicherheitsnadel zusammen gehalten. Auf einmal hatte sie eine Ahnung, wonach der Mann suchen konnte. Sie hatte gerade den Mund geöffnet, um ihrem Gast mitzuteilen, dass er in Ruhe überlegen könne, was er trinken wolle, als er fragte: «Was kostet eine Cola?» Sie antwortete: «Zwei Euro.» Das war eine Lüge, aber der Gast nickte, hatte sich offenbar sofort entscheiden und sie war der Meinung, dass es durchaus vertretbar war auf die fehlenden siebzig Cent zu verzichten. Offenbar hatte der junge Mann wenig Geld. Es war nicht nur der Rucksack, der das vermuten ließ, sondern auch die abgelaufenen und kaputten Turnschuhe. Der Pullover, der zu klein war und dessen Ärmel nicht bis zum Handgelenk reichten, tat sein Übriges, um das Bild zu vervollständigen. Sie ging in die Küche und füllte ein großes Glas mit Cola. Als sie mit seiner Bestellung auf ihn zuging, trafen sich durch Zufall kurz ihre Blicke. Er konnte dem Blick in ihre Augen nicht standhalten und gleichzeitig griff er nach seinem Rucksack, um ihn neben sich auf das Sofa zu stellen. Diese Bewegung und der kurze Blick in seine dunklen Augen, ließ die Bedienung in ihrer Bewegung verharren. Sie hatte nur kurz in das Braun seiner Augen geschaut, aber alles was sie dort erkennen konnte war: Nichts. Sie schluckte. Das konnte nicht sein. Sie hätte gern ein zweites Mal hineingeschaut. Nicht weil es so schön gewesen wäre, sondern weil sie nicht glauben wollte, was sie gesehen hatte. Aber der junge Mann ließ es nicht zu. Wie konnte das sein? Ein Mensch mit leeren Augen, der hier am Tisch auf ihrem Sofa saß? Und was war in diesem Rucksack, war die Frage, die sie sofort erfüllte. Welche Beweggründe hatten ihn in ihr Café geführt? Er schien sich nicht besonders wohl zu fühlen und dennoch hatte er sich hier auf das Sofa gesetzt. Die Hand auf dem Rucksack, bezahlte er sofort die Cola, die sie ihm auf den Tisch gestellt hatte. Es war der Ausdruck seiner Augen, die er ruhelos durch das Café ziehen ließ, seine Hand, die den Rucksack fest umfasste und auch der Klang seiner Stimme, als er sie beim Bezahlen nach der Uhrzeit fragte, die ihr ein ungutes Gefühl bereiteten. Es war mehr als ein ungutes Gefühl. Die Haare ihrer Unterarme standen gen Himmel und sie spürte dieses Kribbeln der Furcht im Nacken. Als sie zu einem der Tische ging, an denen eine Frau die Hand gehoben hatte, um zu bezahlen, drehte sie sich noch einmal zu dem jungen Mann um, nur um zu erkennen, dass ihr dieser Blick weder die Beunruhigung nahm, noch weitere Erkenntnisse hervorbrachte.

Der junge Mann auf dem Sofa folgte der Bedienung mit den Augen. Bestimmt wollte sie etwas von ihm. Egal was es war, er war überzeugt, dass es nichts Gutes sein konnte. Nie wusste er, was die Menschen von ihm wollten. Aber er war sich sicher, dass sie es nicht gut mit ihm meinten. Alles was er im Leben gelernt hatte, war ein Beweis dessen, dass die Menschen schlecht waren. Vor allem zu ihm. Aber er würde es ihnen schon zeigen. Irgendwann, ihnen allen. Er zog den Rucksack fester an sich und beobachtete die Menschen im Café. Sie sollten ihn nur in Ruhe lassen. Keiner sollte ihm zu nah kommen. Dafür würde er sorgen. Immer hatte er darauf gewartet, dass er sich wehren konnte. Jetzt konnte er das. Er war endlich alt genug sich denen entgegenzustellen, die ihn verhöhnt und verlacht hatten. Die, die sein Leben schwer gemacht hatten. Er würde es keinem Menschen mehr erlauben ihn zu demütigen. Verstohlen betrachtete er die Menschen um sich herum. Sie alle waren eine Gefahr. Wenn er nicht aufpasste, würden sie über ihn herfallen. Er musste auf der Hut sein. Sie im Blick behalten. Er würde dafür sorgen, dass keiner ihm zu nahe kommen würde. Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Ein Blick darauf genügte, um ihm zu zeigen, dass es besser war, es vibrieren zu lassen. Er erkannte die Nummer, obwohl er sie nicht eingespeichert hatte. Es war die Nummer seiner Mutter. Sie hatte sich in sein Hirn gebrannt. Die Nummer. Er wusste, was sie wollte, dafür musste er nicht mit ihr sprechen. Sie hatte irgendetwas an ihm auszusetzen. Immer war sie unzufrieden mit ihm. War sie schon immer gewesen. Egal was er auch tat, sie wollte es anders. Nichts was er getan hatte, hatte sie zufrieden stellen können. In keiner Weise. Er wusste nicht was schlimmer war: Das oder die Tatsache, dass sie ständig wissen wollte wo er war, was er tat, was er dachte. Immer wollte sie Dinge von ihm wissen, die er nicht sagen wollte. Es war zum verrückt werden. Seine Mutter war eine Spinne und hatte ihn fest mit undurchdringlichen Schnüren umspannt. Sie machte ihn bewegungsunfähig. Sie war wie alle anderen. Sie tat ihm weh. Alle Menschen taten ihm weh. Die einen früher, die anderen später. Seine Mutter war die Schlimmste von allen. Diese Erkenntnis trug er schon lange in sich. Er würde sich schützen und sie sich vom Hals schaffen. Die Menschen, die ihm immer zu nahe zu kommen drohten. Wieder spürte er das Vibrieren in der Hosentasche. Er zog das Handy heraus. Eine Nachricht. Er steckte es wieder ein, ohne die Nachricht gelesen zu haben. Das Vibrieren wiederholte sich. Wieder und wieder. Sie gab nicht auf. Nie gab sie auf. Er hätte das Handy ausmachen oder stumm schalten können. Er tat es nicht. Aus dem gleichen Grund, weswegen er das Café nicht hatte verlassen können. Er konnte keinen Abstand finden. Er war ihnen ausgeliefert: Seiner Umwelt und dem Hass. Dem Hass gegen alles und jeden. Er hasste sich dafür. Wahrscheinlich am meisten von allen. Das Vibrieren hörte nicht auf. Während seine eine Hand den Rucksack fest im Griff hielt, holte die andere mit zitternden Fingern das Handy erneut hervor. Wie gern würde er sich dagegen wehren. Er hatte die Augen geschlossen und an seinen mahlenden Kieferknochen war zu erkennen, dass er die Zähne fest aufeinander biss. Er versuchte die Kontrolle zu behalten. Es hämmerte in seinem Kopf. Mach sie fertig. Es war die Stimme, die er kannte. Sie wiederholte sich. Immer mit der gleichen Intonation. Sie war immer gleich. Verlässlich. Sie scherte sich nicht um das, was draußen war. Sie hatte sich eingepflanzt in seinem Kopf. Mach sie fertig, hatte sie ihm zugeflüstert. Von Anfang an. Er hatte ihr gehorcht. Er konnte nicht anders. Mittlerweile war er bei Level 24 und die Stimme hatte ihn begleitet. Sie hatte ihn geführt und beaufsichtigt. War bei ihm geblieben. Die erste Frauenstimme, die ihm Sicherheit verlieh. Sie war da und würde ihn nicht angreifen. Sie reichte ihm das, was er brauchte und war immer da, wenn er sie brauchte. Mach sie fertig. Mach sie fertig. Er wusste wie sie aussah und was sie anhatte. Wenn sie auf dem Bildschirm erschien, dann hatte er keine Angst mehr. Sie wusste was zu tun war. Als er die Augen öffnete, war sie weg. Dafür hatte er noch immer das Handy in der Hand. Es vibrierte. Seine Mutter hatte nicht aufgegeben. Er atmete stoßweise durch die zusammengebissenen Zähne und spürte, wie die Wut ihn durchflutete. Er drückte auf eine Taste und las ihre Nachrichten. Sie war wütend. Wo er bleibe? Warum er nicht antwortete? Sie würde ihm schon zeigen, was das für ihn bedeutete! Er versuchte zu atmen, aber es gelang ihm nicht. Sie saß auf seiner Brust und schnürte ihm die Luft zum Atmen ab.

Das Café hatte sich gefüllt. Kein Tisch war leer geblieben und die Bedienung hatte alle Hände voll zu tun. Wenn sie in diese Situation kam, dann liebte sie ihr Café besonders. Es war gefüllt mit Leben und sie durfte teilhaben. Die Menschen ein wenig begleiten, was ihr jedes Mal ein gutes Gefühl verlieh. Alle Tische waren besetzt und sie musste oft in die Küche, um allen die Hunger hatten, etwas zu Essen zu zubereiten. Es entging ihr, wie der Gast auf dem Sofa hin und her rutschte. Keiner der Menschen im Café nahm ihn wahr. Alle waren mit sich beschäftigt. Mit den kleinen und großen Ereignissen des Lebens. Es wurde gegessen, gelacht, getrunken. Die Menschen befanden sich in einer Welt, zu der dem jungen Mann der Zutritt fehlte. Schon immer gefehlt hatte. Er spürte es und er hasste sie alle dafür. Er kannte sie nicht, aber er hasste sie. Er war allein mit seinem Handy und niemand nahm es ihm aus der Hand. Niemand sagte seiner Mutter, dass sie ihn in Ruhe lassen sollte. Niemand. Nur er konnte machen, dass es aufhörte. Heute. Jetzt. Er griff nach seinem Rucksack. Drückte ihn fest an sich. Niemand hörte das Grollen tief in seiner Seele, dass es diesmal bis über seine Lippen geschafft hatte. Es war ein leises Grollen. Noch. Die Musik und die Menschen übertönten dieses Geräusch. Er war so weit. Er war alt genug. Groß genug. Er würde die Dinge selbst in die Hand nehmen. Endlich konnte er sich wehren. Er glaubte fest daran, dass er es konnte und dass es richtig war. Als er mit wenigen Laufschritten die Tür erreicht hatte, zog er die Tür auf und schloss die Augen bevor er auf die Straße trat. Er wusste, wenn er die Augen schloss, würde sie bei ihm sein. Das war sie. Sie war seine Partnerin und sagte, was sie immer zu ihm sagte: Mach sie fertig! Er öffnete die Augen und war dankbar. Dankbar, dass sie bei ihm war und ihm Mut zusprach. Er drückte den Rucksack so fest an sich, wie er konnte und wusste, was er zu tun hatte.

Die Bedienung hatte den jungen Mann nur noch kurz im Herauslaufen gesehen und bemerkt, dass seine Hose ebenfalls viel zu kurz war. Dann war sie in die Küche gegangen, um einen weiteren Salat für einen ihrer Gäste zuzubereiten. Sie war froh darüber, dass der Mann nun endlich weg war. Er hatte etwas Beunruhigendes an sich gehabt.

Ein neuer Tacheles Podcast ist online-Folge 75: Gender Pay Gap, Digital Index und: Wer wird die Frau von Morgen?

In dieser Folge unterhalten sich Frau Dings und Herr Bums über den Gender Pay Gap. Dabei stehen die Themen Frauen in Führungspositionen, Vergleich mit skandinavischen Ländern, Role-Model-Effekt, Lernen am Modell und einige andere Themen im Fokus.

Ihr findet die Folge unter:

tachelespodcast.de

Viel Spaß beim Hören!

Ein Jahr auf dem Sofa-Januar

Die erste Woche des Jahres war fast vergangen.

Das Gefühl festhalten! Sie wollte das Gefühl festhalten. Sie schaute vom roten Sofa auf und strich mit ihrer Hand über den samtigen Bezug. Sie freute sich über das Gleiten ihrer Hand über die weiche Oberfläche. Ob es anderen Menschen immer so ging? Das Fühlen des Glücks über die Schönheit des Augenblicks? So konnte es bleiben.

Fiona, die Bedienung schaute auf die Frau herab und fragte sich, woran die Frau denken mochte. Es war nur ein kleines Lächeln, das ihr Gesicht erstrahlen ließ. Dabei hatte sie die Augen geschlossen und strich immer wieder leicht über das Sofa. Sie wollte die Frau nicht stören und wartete einfach ab. Ihr Blick fiel nach draußen und sie sah, wie die Sonne versuchte sich an der Wolkenwand vorbei zu mogeln. Fiona bezweifelte, dass sie erfolgreich sein würde. Der Tag war in eintöniges Grau gehüllt. Es war 11 Uhr, dennoch sah es aus, als würde es heute nicht richtig hell werden. Dafür müsste die Sonne energischer sein.

„Ganz schön dunkel, oder?“, sagte die Frau auf dem Sofa und lächelte, als sie Fiona anschaute. Diese antwortete: „Ja, ein typischer Januartag. Alle bleibt wie in Blei getaucht. Eigentlich der perfekte Tag für eine heiße Schokolade.“ Sie lächelte und fragte: „Was darf ich Ihnen denn bringen?“ „Ihre Idee klingt gut. Ich hätte gerne die heiße Schokolade, von der sie eben sprachen. Bitte mit viel Sahne obendrauf!“ Als Fiona lächelte, kräuselten sich ihre Sommersprossen auf der Nase. Sie nickte und verschwand in der Küche. Als sie mit der fertigen Schokolade an den Tisch der Frau zurück kam, musterte sie diese. Kurze graue Haare, um die 50, mit sportlicher Figur. Das feine Lächeln, das ihren Mund umspielte, machte die Frau aus. Sie sah glücklich aus. Fiona versuchte auszumachen, was das Glück der Frau ausmachte. Es war nichts, was mit den Augen zu erkennen gewesen wäre. Es musste verborgen in der Mimik und Gestik sein. Etwas, dass Fiona erkannte, ohne es bewusst wahrzunehmen. Etwas an der Frau zeigte der Außenwelt, dass es ihr gut ging und dass sie genau zu diesem Zeitpunkt, an der Stelle wo sie war, sein wollte.

Als die Frau ihre Schokolade in Empfang genommen hatte, wendete sie sich der Sahne zu. Sie war weich und nur leicht mit Vanillezucker gesüßt. So wie die Frau es liebte. Während sie langsam den ersten Schluck nahm, dachte sie darüber nach, wie sie das Glücksgefühl festhalten konnte. Es war aus dem Nichts gekommen und hatte entschieden sich zu ihr zu gesellen. Das allein war schon ein großes Glück gewesen. Es festhalten zu wollen, war bestimmt der falsche Weg. Instinktiv war sie sich dessen sicher. Aber wenn sie sich es sich bewusst machen würde, dann könnte sie sich die Empfindungen bewusst machen. In sich hineinfühlen: Wie der Magen, die Beine und alle anderen Körperteile sich anfühlten? Welche Gedanken bevölkerten ihren Kopf?Diese Frage ließ sie inne halten. Welche Gedanken waren das denn? Sie stellte die Tasse ab und holte ihr kleines Notizbuch aus der Tasche. Sie zog den Kugelschreiber aus der zum Notizbuch dazugehörigen Stiftschlaufe und schlug eine freie Seite auf.

Sie hielt kurz inne, bevor sie anfing zu schreiben. Sie beschloss, dass es ein erstes Brainstorming sein sollte:

Gute Gedanken-glückliche Gefühle:

Ruhe haben und sich Zeit lassen. Es änderte nichts, sich zu beeilen, denn wenn sie darüber nachdachte, was es noch alles zu tun gäbe, hätte sie schon Zeit vergeudet. Sich auf das zu konzentrieren was man gerade tat, war für sie ein Schritt zum Glück.

Was war alles gut in diesem Augenblick? Da gab es sicher einiges:

Sie war gesund, sie hatte zwei erwachsene Kinder, die ihr Leben im Griff hatten, eine Arbeit, die ihr Spaß machte. Und nicht zu vergessen: Sie hatte ein warmes Zuhause für sich. Das war wirklich ein großes Glück. Wie lange hatte sie sich danach gesehnt und wie schnell hatte sie es für selbstverständlich erachtet. Es war gut, dass sie sich immer wieder daran erinnerte, dass es ein großes Glück war, dass sie alleine leben durfte. In Ruhe. Keiner, der ihr sagte, was sie zu tun und zu lassen hatte.

Sie atmete ein und legte den Stift beiseite. Der Geschmack der süßen Sahne eroberte ihre Mundhöhle. Während ihre Zunge damit beschäftigt war den Geschmack zu verteilen, gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft. Ihr kam in den Sinn, wie sehr sie es genoß, dass sie zuhause vor dem Kamin mit einem Buch sitzen konnte, ohne dass ihr jemand Aufträge erteilte. Früher war das anders gewesen. Da hatte sie keine ruhige Minute finden können. Als sie noch bei ihren Eltern gewohnt hatte, war da ihre Mutter, die ihr stets sagte, was sie alles falsch gemacht hatte oder noch falsch machen würde. Später hatte sie die Stimme ihrer Mutter gegen die ihres Mannes eingetauscht. Und als diese auch nicht mehr da war, stellte sie fest, dass sie selbst ihr schlimmster und unerbittlichster Antreiber war. Die Stimme des Antreibers war in ihrem Kopf. Dort entfachte er unerbittliche Kämpfe gegen die Zeit. Sie versuchte ihren Terminkalender abzuarbeiten und stets perfekt auf alles zu reagieren. Sie brauchte keine Stimme, sie WAR die Stimme. Sie hatte den nie zufriedenen, stets anfeuernden inneren Antreiber in sich. Sie selbst gönnte sich keine Ruhe. Sie war ihr schlimmster Ruhe-Räuber und Stressverursacher. Sie hatte das Erbe ihrer Mutter angetreten. Niemandem konnte sie die Schuld dafür geben. Nur sich selbst.

Diese Erkenntnis war erschütternd gewesen. Sie hatte die Stimme ihrer Mutter zurücklassen wollen. Sie hatte gar nicht früh genug das Elternhaus verlassen können. Deshalb war sie so weit weg von zu Hause gezogen, wie es ihr möglich erschien. Nur um dann festzustellen, dass Sie die Stimme ihrer Mutter so verinnerlicht hatte, dass sie ein Teil von ihr geworden war. Das war das letzte, was sie gewollt hatte. Ihre Mutter war schon immer hartnäckig und unnachgiebig gewesen. Dennoch musste es doch einen Weg geben, damit sie nicht mehr in ihrem Kopf herumgeisterte. Dafür hatte sie die Stimme jedoch erstmal erkennen müssen. Was waren denn die Worte der inneren Antreiberin? Welches waren die Worte ihrer Mutter?

Während die Frau auf dem Sofa sich erinnerte, wunderte sie sich darüber, wie sie so lange nicht hatte merken können, dass ihre Mutter ihre Gedanken verpestet hatte. Sie erinnerte sich sehr genau daran, wie erleichtert sie war, als sie endlich eine Möglichkeit gefunden hatte, um die ungeliebte Stimme loszuwerden. Sie hatte ein Bild ihrer Mutter genommen. Auf diesem Bild war sie nicht so vorteilhaft getroffen. Sie sah eher griesgrämig aus. Genauso wie sie aussah, wenn sie schlechte Laune hatte. Da dies eher die Regel als die Ausnahme gewesen war, gab es davon viele Fotos. Sie hatte sich eher wahllos für eins davon entschieden. Dann waren ihr die Sätze eingefallen, die sie gesagt hatte. Sie hat sie auf ein Blatt geschrieben. Dann hatte sie das Foto, einen Schuhkarton und das vollgeschriebene Blatt Papier genommen und war in den Garten gegangen. Sie hatte erst das Blatt verbrannt. Danach hatte sie sich versucht vorzustellen, welchen Raum ihre Mutter so gerne hätte, dass sie ihn nie wieder verlassen wollen würde. In ihrer Gedankenwelt hatte sie genau so einen Raum eingerichtet und sich vorgestellt, dass das Innenleben des Schuhkartons so aussehen würde. Sie hatte das Foto ihrer Mutter hineingelegt und ihr gewünscht, dass sie dort in diesem Traumzimmer endlich glücklich sein und zur Ruhe kommen würde. Den Schuhkarton hatte sie ins Gartenhäuschen ins Regal gestellt. Als sie die Türe geschlossen hatte, schloss sie die Augen und hörte: Nichts! Die Stimme in ihrem Kopf war still, weil sie nicht mehr da war.

Die Frau rührte in ihrer Schokolade, trank einen Schluck und lächelte. Dann schrieb sie auf den Zettel: Ruhe und gute Gedanken