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Haltungsfragen-Eine Geschichte aus der Nachbarschaft

Wir wohnen in einer kleinen Nebenstraße. Unser kleines Häuschen ist eingebettet in eine Straße, die aus zusammengewürfelten Immobilien besteht. Ein bunter Strauß der Wohnmöglichkeiten. Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäuser tummeln sich aneinandergereiht zwischen mageren Grünflächen. Als hätte ein Kleinkind auf der Anlage seiner Modelleisenbahn die übrig gebliebenen Häuser nach Lust und Laune hingeworfen. Neben unserem kleinen Hexenhäuschen, steht zum Beispiel die stattliche Villa der Familie Stertz. Frau Stertz mag ich. Sie ist eine sehr angenehme Person. Den ganzen Tag zu Hause, kümmert sie sich liebevoll um ihr Haus und das Anwesen. Früher auch noch um die Kinder, aber die haben zum Studieren das Weite gesucht. Seit dem wohnt Ferdi bei Familie Stertz. Ferdi ist ein Rauhaardackel, der so lang wie breit ist und sich über alles und jeden freut. Vorzugsweise über alles, was Hunde nicht fressen sollten. Aber auch über jede streichelnde Hand. Am liebsten das des Frauchens, weshalb er sich ihr immer in den Weg stellt, wenn sie zum Beispiel versucht dem Unkraut im Garten beizukommen. Und wenn sie schon mal dabei ist, häusliche Pflichten zu erledigen, übernimmt sie manchmal auch unsere. Sie rollt nicht nur ihre eigene Mülltonne zuverlässig zum richtigen Termin heraus auf die krumme Straße, auch unsere wird mit dazu gestellt. Wir vergessen das oft oder stellen die Tonne zum falschen Termin an den Straßenrand. Frau Stertz rollt dann beide Tonnen wieder an ihren häuslichen Platz. Ohne Kommentar. Ohne Verbesserungsvorschläge. Sie nimmt wortlos hin, dass wir andere Qualitäten haben und Termine überblicken zu ihren Kompetenzen zählt. Dafür wird Frau Stertz stets mit einem Stück Kuchen bedacht, wenn ich Käsekuchen backe. Insgesamt verbindet uns eine gute Nachbarschaft. Das ist nicht selbstverständlich. Frau Stertz und ich wissen das. Manchmal übernehme ich den Spaziergang mit Ferdi, wenn Frau Stertz mal krank ist oder sie mit ihrem Mann ins Theater geht. Ferdi freut das, glaube ich. Bei uns darf er auf dem Sofa sitzen und es gibt Hunde-Leckerchen, mit denen er sich arrangiert hat. Menschen-Leckerchen wären ihm lieber, aber bevor er gar nichts bekommt, nimmt er das, was er kriegen kann.

Ein völlig anderes Verhältnis haben wir zu unserem Nachbarn gegenüber. Ich würde das passenderweise als Nicht-Verhältnis beschreiben. Das Haus, das unserem gegenüber in der Straße steht, ist ein Mehrfamilienhaus. Vier Wohnungen finden sich unter dem roten Dach. Besagter Nachbar mit dem Allerweltsnamen Herr Meier wohnt rechts unten und ist Eigentümer des Hauses. Die drei anderen Wohnungen sind vermietet. Die Mieter sind Lastwagenfahrer, Pilot und Krankenschwester und ihren Berufen entsprechend wenig zu Hause. Da haben sie meines Erachtens viel Glück gehabt, denn Herr Meier ist ein Unsympath. Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Meinung. Bestimmt gibt es Menschen, die Herrn Meier schätzen. Für was, kann ich mir jedoch nicht vorstellen.

Herr Meier ist der Nachbar, den man niemanden wünscht. Er lässt seinen Hund morgens einfach vor die Tür und es scheint ihn nichts anzugehen, dass sein Vierbeiner bei den Nachbarn (also zum Beispiel in unserem Vorgarten) seine Notdurft verrichtet. Er nimmt keine Pakete für die Nachbarn an, parkt Einfahrten zu und hat noch nie einen der Nachbarn gegrüßt. Er kümmert sich nicht um Bäume und Hecken, die auf seinem Grundstück wachsen, was bei seinen Nachbarn rechts und links zu gewissem Unwillen führte. Schließlich müssen sie sich um ausufernde und über den Zaun herüberwachsende Büsche und Bäume des Nachbargrundstücks kümmern. Dies ist nicht nur Zeit- und Kostenintensiv, es ist einfach ärgerlich. Herrn Meier interessiert das nicht. Er wohnt isoliert von seinem Umfeld in seiner Welt. Meiner Ansicht nach genau so, wie er es möchte. Weit ab vom Leben seiner Nachbarn. Die würden sich das auch wünschen. Ein Leben ohne Herrn Meier – aber so viel Glück haben wir leider nicht.

Herr Meier ist ein Mann, der schätzungsweise um die sechzig ist. Bis jetzt war er gut zu Fuß und sah rüstig aus. Allerdings scheint er seit dieser Woche einen Haltungsschaden zu haben. Frau Stertz ist das auch aufgefallen. Sie tippt auf einen Bandscheibenvorfall. Ihr Mann Jochen hatte das auch schon mal und bewegte sich genauso fort, wie das Herr Meier nun auch tut. Wie auf Eiern balancierend schiebt er sich auf der Straße Stück für Stück über den Asphalt. Viel Strecke macht er dabei nicht. Wenn er seinen Hund nicht schon bei den Nachbarn sein Geschäft erledigen lassen würde, wahrscheinlich würde er jetzt damit anfangen. Denn an spazieren gehen, ist jetzt nicht mehr zu denken. Herr Meier kann froh sein, dass er es von der Haustür bis zum Auto schafft. Seine Körperhaltung ist miserabel und es scheint so, dass er um zwanzig Zentimeter geschrumpft ist.

Bei Herrn Meier muss man sich jedenfalls nicht fragen was zuerst da war: Die innere miese Haltung oder die äußere? Das Innere war schon morsch – da musste der Körper nur noch nachziehen. Ich würde mir wünschen, dass es Herrn Meier bald besser geht. Wenn sein Körper es hinbekommt wieder Haltung zu bewahren, dann klappt es vielleicht auch mal mit der inneren Haltung. Vielleicht rege ich das mal an, wenn ich ihn das nächste Mal auf der Straße sehe, er mich nicht grüßt, dafür aber meine Einfahrt blockiert. Aber erst, wenn Herr Meier wieder gerade gehen kann.

Klopfen für den Weltfrieden

Klopfen für den Weltfrieden

Frau Kleinschmidt gibt Kurse an der Volkshochschule. Dabei ist sie nicht auf eine Disziplin festgelegt: Yoga, Seidenmalerei oder Klopftechnik zum Stressabbau. Alles beherrscht sie spielend. Früher war Frau Kleinschmidt Psychotherapeutin und konnte vielen Menschen die Ängste und Sorgen klopfend in die Flucht schlagen.

Mit der Klopftechnik hat es so seine Bewandtnis: Der Mensch klopft sich die Seele frei. Um genau zu sein, die Klopftechnik ist eine Disziplin, um sich in einer Therapie von Ängsten und Nöten zu befreien. Dabei werden neuralgische Punkte im Gesicht und an den Händen ab-ge-klopft. Ähnlich wie bei der Akkupressur. Dies soll befreien. Meine Tante Fine hat so einen Kurs früher mal belegt. Offen für neue Erkenntnisse hat sie sich angemeldet, um ihren Horizont zu erweitern. Tante Fines Horizont hat unendliche Weiten, die sie bereit ist zu erkunden. Außerdem kennen sich Frau Kleinschmidt und Tante Fine aus dem Strickkreis. Seit Jahren treffen sie sich mit fünf weiteren Damen und zwei Herren, um sich auszutauschen. Wer jetzt spekuliert, dass dort ausschließlich Strickmuster getauscht würden, ist einer Fehleinschätzung aufgesessen. Ich war einmal dabei. Dort geht es um nichts weniger, als das aktuelle politische Weltgeschehen. Medizinische Feinheiten bei unterschiedlichsten Erkrankungen. Thematisch konnte ich nicht mithalten. An diesem Abend war ich neidisch, dass ich noch nicht in Rente bin und mich besser über das aktuelle Weltgeschehen informieren kann. Darüberhinaus gestalten die wissensreichen Herr- und Damenschaften erstaunliche Strickkreationen und das in einem Tempo, dem ich auch nicht standhalten kann.

Zurück zu Tante Fine. Diese wollte mit der Anmeldung etwas Gutes tun. Für Frau Kleinschmidt und sich selbst. Dabei kam folgendes heraus:

Wer die entsprechenden Punkte beklopft, kann zu Entspannung gelangen. Die Ängste und der Stress werden kleiner – behauptet Tante Fine. Man erreicht mehr Gelassenheit in allen Lebensberreichen. Mit dieser Erkenntnis war sie nicht allein im Kurs. Mich machte das nachdenklich. Als ich meine entspannte Tante Fine im Sessel Tee trinken sah, kam mir der Gedanke, dass die Klopftechnik für Politiker im allgemeinen und Kanzler, Kanzlerinnen, Präsidentinnen und Präsidenten und allen Länderbeherrschern Pflicht sein sollte. Festgelegt von einer weltumspannenden Verpflichtung. Erst werden Ängste und Sorgen weggeklopft, dann werden Länder regiert. Alles schön der Reihe nach, zum Wohle des Volkes.

Klopfen für Despoten und Diktatoren würde im VHS-Kursheft stehen und alle müssten daran teilnehmen. Ich bin sicher, Kriege könnten minimiert werden. Allerdings werde ich mich mit dieser Erkenntnis wahrscheinlich mal wieder nicht durchsetzen, denn der Weg der Vernunft ist bekanntlich lang und steinig. Außer bei Tante Fine – die sieht das ähnlich wie ich.

Auf in den Kampf: Mit Stricknadeln gegen den inneren Schweinehund!

Wer kennt ihn nicht, den inneren Schweinhund. So verschieden er daher kommen mag, sein Ziel ist ist überall ähnlich: Er hält uns ab, von was auch immer.

Er setzt sich gedanklich auf die Sportschuhe und suggeriert, dass körperliche Ertüchtigung überschätzt wird. Er weist uns den Weg des geringsten Wiederstandes und preist die schnelle Belohnung. Abends, wenn er schläft und endlich Ruhe gegeben hat, erahnen wir, dass er ein Lügner und Betrüger ist. Nicht, dass wir es schon erahnt hätten, im Bett kommt das schlechte Gewissen und bringt es auf den Punkt: Wir hätten es wissen müssen – schließlich belügt der olle Schweinhund uns nicht das erste Mal.

Meine Freundin Lena hat einen Schweinehund in sich, der ihr immer genau das ins Ohr flüstert, was sie gerade am wenigsten brauchen kann. Am meisten braucht Lena als vollbeschäftigte alleinerziehende Mutter Entspannung. Freie Zeit käme ihr da gerade recht, wenn sie denn den Weg zu Lena fände. Was sie leider bis jetzt noch nicht geschafft hat. Aber da die freie Zeit nicht auf Bäumen wächst, versucht Lena soviel freie Minuten wie möglich aus ihrem vollen Tag herauszuschlagen. Ein Kampf – sie könnte vielleicht nachts um drei aufstehen und eine ganze halbe Stunde entspannen. Wenn die Kinder schlafen und keine Termine die Entspannung blockieren. Aber Lena schläft lieber, wer mag es ihr verdenken. Sie hat es auch schon mit früher aufstehen probiert, aber auch das fiel ihr schwer. Zeit für sich findet sie an guten Tagen, wenn sie zwischen Arbeit beenden, einkaufen und Kinder im Kindergarten abholen, die Einkäufe nach Hause bringt. Wenn sie gut in der Zeit liegt, bleiben einige Minuten für sie übrig. Für sie ganz allein. Dann kann es losgehen mit der Entspannung. Ab aufs Meditationskissen, alle Gedanken ziehen lassen, einatmen und ausatmen….Und da ist er schon: Der innere Schweinehund, der geifernd und röchelnd sein Gift versprüht:

Rabenmutter – warum holst du deine Kinder nicht früher ab? Immer denkst du nur an Dich. Das klappt doch sowieso nicht mit der Entspannung. Was willst du eigentlich heute kochen? Hast du nicht den Ingwer beim Einkaufen vergessen?

An gute Tagen versucht sie sich an das zu erinnern, was sie gelernt hat, nämlich Gedanken und röchelnde Schweinehunde ziehen zu lassen. An schlechten Tagen beugt sie sich seinen Anweisungen und besinnt sich auf ihre mütterlichen Pflichten, steigt ins Auto und holt die Kinder früher ab. Nicht selten sind diese in ein inniges Spiel vertieft und wollen nur noch eben schnell zu Ende spielen. Man sollte meinen, dass der Schweinehund nun zufrieden sein sollte – aber weit gefehlt. Auch jetzt ätzt er, dass Lena zu wenig für sich tue und die Kinder sich spielerisch nicht entfalten können. Es ist verhext – er hat immer etwas zu meckern. Neulich eröffnete sie mir ihr ganzes Leid. Sie wolle ihn ihn so gern zum Schweigen bringen und wünschte sich eine Klappe, durch die er fallen solle, sobald er sich zu Wort meldet.

Wir diskutierten die unterschiedlichsten Entspannungs- und Meditationstechniken. Autogenes Training, Muskelentspannung, Meditation am Boden und im Laufen – egal was Lena machte, der Schweinehund und seine Stimme klebten an ihr. Meine Tante Fine hält nichts von Meditation – wahrscheinlich fiel sie mir deswegen gerade in diesem Moment ein. Sie sagte, da sie in ihrer freien Zeit stricken würde, bräuchte sie keine Meditation. Das verstand ich nicht. Sie versuchte es mir zu erklären: Durch die permanente Bewegung der Hände, fielen ihre Gedanken in eine Art Dämmerzustand. Bei Stricken gehe es ums stricken – da blieb kein Platz für innere Stimmen, Schweinhunde und irgendetwas Ablenkendes. Wer strickt, strickt. Sonst nichts. Tante Fine schwört darauf und sie behauptet, dass sich der gleiche Erfolg auch beim Sticken und Häkeln einstellt.

Ich packte Lena ins Auto und wir fuhren los, um Wolle und Nadeln zu kaufen. Mal schauen, ob es funktioniert.

Mensch und Tier oder: Diagnosenpapperlapapp

Über das Verhältnis von Mensch und Tier lässt sich viel lesen. Putzige Katzenbilder durchseuchen das Netz soweit die Maus klicken kann. Ganze Religionen beschäftigen sich mit der Frage, als welches Tier der nicht folgsame und sündige Mensch nach dem Tod wieder geboren werden könnte. Dies führte in der Vergangenheit zu den absurdesten Geschichten und Vorstellungen. Zu guter Letzt wären noch die obligatorischen Tiervergleiche erwähnenswert:

Falsch wie eine Schlange. Störrisch wie ein Esel. Gazellengleich. Wie ein Elefant im Porzellanladen. Lästig wie eine Fliege.

Meine Tante Fine benutzt diese Vergleiche gerne und oft. Meistens untermalt sie ihre Äußerungen mit bildhafter Sprache. Erst neulich wieder, als ich sie nachmittags besuchte, um mit ihr Kaffee zu trinken. Ich hatte Marzipantorte gekauft, Tante Fine liebt Torte sehr. Da schmeckt der Kaffee nochmal so gut, behauptet sie. Wer will ihr da widersprechen. Als sie das erste Stückchen Kuchen gegessen hatte, rückte sie unversehens mit der Sprache raus.

„Ich mache mir Sorgen um Frau Gebberich!“

Dazu muss man wissen, dass Frau Gebberich die langjährige Nachbarin meiner Tante Fine ist, der sie freundschaftlich zugetan ist, was auf Gegenseitigkeit beruht. Frau Gebberich ist meines Wissens nach um die 80 und damit nur wenige Jahre älter, als meine Tante Fine. Frau Gebberich wohnt im Erdgeschoss, was ein Glück ist, da sie nicht mehr gut zu Fuß ist. Seit einiger Zeit hat sie einen Rollator, den sie sorgfältig im Treppenhaus abstellt. Auch wenn sie einkaufen geht. Sie will ihn schonen, für den Fall, dass sie ihn wirklich einmal brauchen sollte. Deswegen schleppt sie sich lieber, wie die letzten Jahre geübt und erprobt, mit ihrem Stock und dem Trolli zum Lidl um die Ecke. Frau Gebberich trennt sich nur ungern von einstudierten Ritualen. Da ich davon ausgehe, dass es um die Inobhutnahme des Trollis geht und der Rollator endlich zum Einsatz kommen soll, frage ich entsprechend nach. Aber Tante Fine winkt ab und nimmt noch ein Stück Torte. Das scheint ihr noch etwas Aufschub zu gewähren, damit sie ihre Gedanken ordnen kann. Sie erklärt mir, dass es um etwas anderes geht:

„Frau Gebberich wird immer komischer. Sie war schon immer eigen: Alles hat seinen festen Ablauf. Ihr Tag läuft nach festgelegten Mustern und Ritualen ab. Alles ist geplant und gut vorbereitet. So war sie schon immer. Aber früher kam sie besser mit Störungen des Ablaufs zurecht. Wenn sie um 11 Uhr anfing das Mittagessen zu kochen und das Telefon klingelte, dann konnte sie gut damit umgehen. Sie nahm das Gespräch an und hilt sich kurz. Das Essen war dennoch um 12 Uhr fertig. Aber jetzt? Jetzt bringt sie so ein klingelndes Telefon völlig aus dem Takt. Sie kommt mir vor, wie eine Ameise. Ameisen bewegen sich auf festen Straßen. Wehe, wenn ihnen etwas auf den Weg fällt! Dann tippeln sie auf der Stelle. Sie kommen nicht vorwärts, können nicht rückwärts gehen und links und rechts kommen sie am Hindernis auch nicht vorbei. Eine furchtbare Situation! So geht es Frau Gebberich. Sie ist für mehrere Stunden handlungsunfähig, wenn ihr Tagesablauf gestört wird.“

Ich denke nach und stelle mir eine Ameisenstraße vor, auf der ein Blatt gefallen ist. Keine der Ameisen kann etwas tun und sie sind zum Verbleib auf der Stelle verdonnert. Ich muss an den Sohn meiner Freundin Lene denken. Bei dem wurde ein Autismusspektrumsstörung festgestellt. Lene sorgt jeden Tag dafür, dass er einen geregelten Tagesablauf hat, weil ihn Unvorhergesehenes genauso aus dem Takt bringt, wie Frau Gebberich. Durch die Diagnose konnte er eine hilfreiche Autismustherapie bekommen.

„Vielleicht sollte Frau Gebberich mal zum Arzt gehen. Vielleicht hat sie genauso wie Lenes Sohn eine Autismussprektumsstörung. Die Diagnsose könnte ihr vielleicht helfen?“, sage ich, weil ich gerne Lösungen habe und schlecht aushalten kann, wenn ich nicht wirklich hilfreich anpacken kann. Tante Fine runzelt die Stirn und schaut mich über ihre Brille hinweg an.

„Diagnose?! Papperlapapp! Was soll denn eine Diagnose helfen? Früher mussten wir mit dem leben, was wir hatten und das beste daraus machen.“ Ich nicke und sage: „Also gab es damals schon die Ressourcenorientierung.“

„Kindchen, das kannst du nennen, wie du möchtest – aber eine Diagnose hilft Frau Gebberich auch nicht weiter. Bis so ein Arzt herausgefunden hat, welche Art der Autismusspektrumsstöung sie eventuell haben könnte, ist sie vielleicht schon tot! Nein – sie braucht jetzt Hilfe und keine Diagnose. “

Wir schweigen und essen Kuchen. „Kannst du Frau Gebberich vielleicht das Telefon vormittags leise stellen? Dann bekommt sie ihre Anrufe auf ihren Anrufbeantworter und kann in Ruhe kochen. Wenn es etwas wichtiges ist, kann sie es nachher abhören und wird beim Kochen nicht mehr gestört.“, sage ich. Tante Fine lächelt und findet diese Idee praktisch. Praktisch ist eines der Lieblingswörter meiner Tante. Es kommt gleich nach dem Satz: Nicht reden – machen!

Ich bekomme noch eine Tasse Kaffee!

Wer bin ich…

…und wenn ja wie viele? ist nicht nur ein Buch von Herrn Precht aus dem Jahre 2007, sondern auch ein Zitat aus dem Film RobbyKallePaul aus dem Jahre 1989.

Während Prechts Buch mein Interesse nicht wecken konnte (vielleicht ärgerte mich damals schon, dass eins meiner Lieblingszitate plötzlich auf einem Bestseller an jeder Ecke zu lesen war), war es beim ersten Hören im Kino um mich geschehen. „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Dieser Satz sollte ein ständiger Begleiter werden. Nicht nur für mich. Meine Tante Fine war ebenfalls begeistert. Nicht, dass in unserer Familie Multiple Persönlichkeiten als Krankheitsbild hervorstechend gewesen wären. Tante Fine begeisterte der Gedanke jeden Tag eine andere sein zu können. Nicht dass sie es gewesen wäre. Meine Tante ist aus meiner Sicht eine der beständigsten Persönlichkeiten, die ich kenne. Sie regt sich über Politik auf, verhätschelt ihre Enkel, Nichten und Neffen und besteht nachmittags auf eine Tasse Kaffee. Keine Gemütsschwankungen, keine Überraschungen. Als ich sie mit meinen bahnbrechenden Beobachtungen konfrontierte, konterte sie, dass es nicht darum ging was IST, sondern um das was SEIN KÖNNTE. Hier geht es um die Möglichkeit in den Gedanken, sagte sie. In Gedanken sei so viel möglich. Sie faszinierte phantastische Möglichkeit, unentdeckten Persönlichkeitsanteilen nachzuspüren und diese zu reanimieren. Wobei in dem Zusammenhang die Wiederbelebung irreführend sein könnte. Ich weiß nicht, ob Tante Fine jemals eine Femme fatale gewesen ist, die es wieder zu beleben galt. Sollte ich es schaffen, alle meine mutigen Anteile gleichzeitig versammeln zu können, werde ich Tante Fine dazu befragen.

Fragen hatte ich auch, nachdem ich das erste Mal das Zitat gehört hatte. Jung, wie ich damals war, verstand ich den Satz ganz anders. Nicht die gedanklichen Möglichkeiten standen im Vordergrund, sondern das was alles in mir tatsächlich da war. Und das war so einiges: Der tägliche Kampf um einen ausgewogenen Gemütszustand, der sich nur widerwillig bei mir heimisch fühlen wollte. Die Frage, welches ICH heute Oberwasser gewinnen würde und welche Auswirkungen dies auf meine Gelassenheit erwarten ließ. Welche Möglichkeiten würden mir heute durch ein unpassendes ICH Wiederwahl entgehen? Entgegen Tante Fines Durchspielen der mannigfaltigen Möglichkeiten, entdeckte ich mit Hilfe dieses Satzes, dass ich täglich den Kampf ums entscheidende ICH kämpfte. Dabei hätte ich gerne mehr mitentschieden. Meistens fehlte dafür das passende ich, weil es sich wieder mal in der falschen Kopfnische herumdrücken musste.

Als ich mich mit Tante Fine darüber austauschte, meinte sie, dass ich mich darüber freuen sollte, dass ich so ICHS zur Verfügung hätte! Was für Möglichkeiten mir das offenbarte! Mein Freude war verhalten – bis jetzt hatte ich es nicht als Ressource empfunden täglich ungebetene Persönlichkeitsanteile in die Flucht zu schlagen. Tante Fine ist sich sicher, dass ich das schnellstmöglich ändern sollte. Denn nicht mehr lange, dann entscheidet das Alter endgültig über meine ICHS – da bleiben nicht viele Persönlichkeitsanteile übrig.

Tante Fine kann sehr überzeugend sein.

Erhellende Gedanken

Meine Tante Fine behauptet, dass in ihrem Kopf ein Knäuel aus Gedanken für ihr Denken verantwortlich sei. Bei ihrer Beschreibung um die Beschaffenheit des Knäuels muss ich an meine üppigen Wollreste denken, die nach 40 Jahren Stricken in einer Kiste lose miteinander verwoben sind. Nachdem das Katertier mit ihnen fertig war, hatten sich aus so mancher loser Verbindung unzertrennliche Gefüge entwickelt. So ein Knäuel muss Tante Fine vor Augen haben, wenn sie über ihr Denken philosophiert.

Ansatzweise kann ich es ihr nachempfinden, wobei mich im Gedankenknäuel meist die losen Enden beschäftigen. Zeitweise blitzen sie auf und kommen als Blitzgedanke daher. Dann heißt es schnell sein. Den losen Gedanken erwischen und ohne Rücksicht auf Verluste ins Licht zerren. Am Schopfe packen und bei Licht entscheiden, ob es sich lohnt, den Gedanken auf Schultern tragend in den Himmel zu heben.

Häufig stelle ich fest, dass so mancher Gedanke nicht nur faktisch, sondern auch inhaltlich an den Haaren herbeigezogen ist. Bei Licht betrachtet, erscheint er allzuoft banal. Geradezu nichtssagend. Losgelassen verschwindet der Wichtigtuer belanglos in den hinteren Reihen, um sich weiter im Dunkeln wichtig zu tun.

Mich erinnert das an Bekanntschaften in dunklen Clubs, von denen es sich auch besser im Dunkeln verabschieden lässt, um Enttäuschungen bei Tageslicht zu entgehen.

Aber Tante Fine ist der Meinung, dass auch ansatzweise hohle Gedanken betrachtet werden wollen. Vielleicht ist doch ein Kleinod darunter, dass sich nur bei genauer Betrachtung zeigt. Deshalb sollen Gedanken unvoreigenommener Begutachtung begegnen – sagt Tante Fine.

Mangelware

Mangelware bezeichnete vor circa 50 Jahren die Textilien, die zum Glätten durch eine Mangel gezogen wurden. Heute wird der Begriff Mangelware eher im Zusammenhang mit minderwertigen Produkten benutzt.

Unser Kater Plüsch ist natürlich kein Mängelexemplar. Er ist traditionsbewusst und versucht durch sein Körpergewicht unsere Textilien zu mangeln und sie darüber hinaus mit Plüsch anzureichern und damit für den Winter tauglich zu machen.

Sicher: Es ist Frühling, aber das weiß er nicht. Außerdem macht bei uns jeder das, was er am besten kann.

Zweiter Teil: Habe ein Wunder erlebt…

Habe ein Wunder erlebt…kann gerade nicht.

Beide Teile könnten die Vorder- und Rückseite einer Tasse oder eines T-Shirts ausfüllen.

Was ein Wunder ist, darf jeder für sich entscheiden. Aber wenn das Wundererlebnis da war, bekommen die Alltäglichkeiten eine neue Bedeutung und sind oft nicht so wichtig, wie diese Dinge uns glauben lassen wollen. Aber auch ohne Wunder lohnt sich eine Reflexion über die vermeintliche Wichtigkeit der alltäglichen Dinge. Muss ich sofort reagieren oder kann ich gerade einfach mal nicht?!

Es lohnt sich!