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Vom Suchen und Finden oder: Wie das Häschen seinem Platz fand

Mein Beitrag zum Thema: Identität und Realitätsabgleich

Das Häschen raste los. Es hatte sein Bündel geschnürt, mit den wichtigsten Dingen, die ein Häschen benötigte. Die Angst und die Scham ließ es davon laufen. Schnell hatte es eine große Strecke zwischen sich und dem Angreifer gebracht. Das war gerade nochmal gut gegangen! Wie so oft. Aber wie oft konnte das noch gutgehen, fragte sich das Häschen immer wieder.

Als es immer weiter in den tiefen Wald gelaufen war, fragte sich das Häschen, wann es endlich einen Platz fände, an dem es so sein dürfte, wie es war. Es war mittlerweile so müde vom immer gleichen Suchen. Es wollte endlich einmal einen Ort finden, nicht immer nur suchen. Als es anfing zu regnen, kam das Häschen nur noch langsam voran. Dabei musste es seine großen Füße heben und sich darauf konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Dabei grübelte es vor sich hin. Das konnte es wirklich gut! Wie oft hatte es schon versucht eine Bleibe für sich und seine Bedürfnisse zu finden. Aber bis jetzt hatte es noch keinen Platz gefunden, an dem es so bleiben durfte, wie es war. Erst gestern hatte es gedacht, dass das viele Suchen mit einem Finden belohnt worden war. Das Häschen hatte eine ruhige Stelle im Wald gefunden. Unter einem großen schönen Baum. Weit und breit war Stille und niemand zu sehen. Hier konnte sich das Häschen bestimmt verstecken und keiner würde sich an ihm stören. So dachte es jedenfalls. Das Häschen hatte eine Grube gegraben, sich hinein gelegt und gehofft, dass es niemanden stören würde, wenn ein Häschen unter einem Baum im Wald lebte. Aber das Glück hatte nicht lange angehalten. Das Häschen hatte sich gerade zum schlafen hingelegt, da vibriert die Erde. Steine und Erde flogen in die Häschengrube. Ein Erdbrocken klatschte dem Häschen auf die Nase und vor Schreck fiel es mit einem lauten „Plumps“ aus dem Bett. Blitzschnell war es totenstill. Das Häschen hatte wahnsinnige Angst. Zitternd krabbelte es vorsichtig zum Ausgang der Grube. Als es ängstlich sein Näschen an die Luft streckt, erblickte es zwei fürchterlich große Nasenlöcher. Sie schnaubten dem Häschen die Ohren nach hinten. Es musste die Augen zukneifen, weil der fürchterliche Atem dem Häschen die Tränen in die Augen trieb. Neben der großen Wildschweinnase standen zwei bedrohliche Hörner ab. Das Wildschwein schnaubte erneut und seine grollende Stimme sagte: „Was suchst du unter meinem Lieblingsbaum, du Häschen du! Du bist zu klein, zu weich und zu…. Offenbar fehlten dem Schwein da die Worte. Dem Häschen lagen schon helfende Begriffe auf den Zunge, die sie dem Schwein gerne unterstützend gegeben hätte, wie z. B. dumm, nichtsnutzig, schwach….ängstlich. Das Häschen hatte schon so viele Wörter über sich gehört, es hätte dem Schwein, das offensichtlich Wortfindungsstörungen plagten, so gerne geholfen, aber: Es traute sich nicht. Das Schwein grunzte nur und grollte mit tiefster und finsterster Stimme: „Wenn ich morgen zurückkomme, bist du verschwunden!“ Damit hatte es sich umgedreht und war mit lautem Getöse davon gestapft. Nicht ohne dem Häschen noch mehr Erde und Steine in die Grube zu schmeißen. Das Häschen hatte geseufzt. Es war tieftraurig und sammelte sein Hab und Gut zusammen. Dann war es von dannen gehoppelt, wie immer.

Daran dachte nun das Häschen, als es sich im Regen unter einen Busch gekauert hatte. Es dachte an die vielen erfolglosen Versuche für sich einen Platz im Wald zu finden. Als es sich z. B. mit großer Mühe in einem heruntergefallenes Nest einquartiert hatte, war es vom Picken einer großen Elster wachgeworden. Es hatte sich gewundert, warum dieser Vogel ein Nest am Boden beherbergen wollte, aber das Häschen konnte vor lauter Angst nicht sprechen. Es war aus dem Nest geflüchtet und hatte schnell das Weite gesucht. Auch der Versuch sich tief in die Erde zu graben, hatte nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Auch da wohnten schon welche, die nicht bereit waren, das Häschen neben sich zu akzeptieren. Herr Maulwurf hatte drohend seine großen Schaufelhände geschwenkt und war nicht mal bereit gewesen, seine dunkle Brille abzunehmen. Das Häschen war weggerannt, so schnell es konnte. So wie heute und die vielen Male davor. Nun saß es erschöpft, traurig und resigniert unter diesem Busch, von dem es sicher war, dass es garantiert jemanden geben würde, der sich am Häschen störte. Aber so kraftlos wie es gerade war, rollte es sich trotzdem zusammen und schlief sofort ein. Es schlief sehr lange und im Traum erschien ihm die Hasenfee. Sie war eine sehr runde Hasenfee und das schlafende Häschen fragte sich im Traum, ob die Hasenfee eigentlich wusste, dass die kleinen filigranen Flügel sie eigentlich nicht tragen dürften? Wahrscheinlich wusste die Fee davon nichts, denn sie tanzte anmutig durch die Luft und schwirrte flink um die Nase des schlafenden Häschens herum bevor sie sagte: „Hase, mal ehrlich, wie lange willst du eigentlich noch vor dir davon laufen?“ Das Häschen runzelte die Stirn und antwortete: „Aber das mache ich doch gar nicht! Die anderen wollen mich nicht haben, weil ich zu dumm, klein, ängstlich,…“ Endlich, so dachte das Häschen, kann ich all die schlimmen Eigenschaften, die ich immer wieder gesagt bekomme, aussprechen…. Aber mit einer schnellen Handbewegung brachte die Hasenfee den Hasenfuß zum Schweigen. „Papperlapapp! Komm mir nicht mit solchen Ausreden! Du hast ein Recht darauf so zu sein, wie du bist. Aber wenn Du nicht sagst wer du bist, dann können die anderen auch nicht wissen, dass es gut ist, ein Häschen wie dich im Wald zu haben. Du musst nicht nur Hase sein und dich auskennen im Wald, du musst es den anderen auch sagen! Und wenn du nicht schnell einen Platz für dich finden wirst, wird von dir bald nichts mehr übrig sein. Wer soll sich denn dann um das kleine Häschen in dir kümmern? Wer soll ihm sagen, wo es sicher ist? Wer soll es versorgen? Also bitte: Finde einen Platz und zeig dich endlich!“

„Puff“, die Hasenfee löste sich in Luft auf. Das Häschen schlief noch sehr lange tief und fest. Ein Sonnenstrahl weckte es kitzelnd an der Nase. Das Häschen reckte und streckte sich ausgiebig. Es schüttelte die großen Füße aus. Dann setzte es sich vor den Busch und reckte die Nase in die Sonne. Es schloss die Augen und versuchte das kleine Häschen in sich zu finden. Und was soll ich euch sagen, es war schnell gefunden. Es saß auf einem gepackten Koffer und hielt ein Schild in der Hand auf dem stand: Kümmer dich, ich will endlich ankommen!

Das Häschen machte die Augen auf. Es sprang auf, trommelte auf der Brust und schrie aus Leibeskräften in den Wald hinein: „Ich kümmere mich und ich schaffe das!“ Da grummelte eine schneidende Stimme hinter dem Häschen: „Bist du denn total bescheuert hier so laut herumzubrüllen!?? Mach das du wegkommst!“ Das Häschen drehte sich um und erblickte einen großen schönen Fasan. Der stolze Vogel blickte herablassend in die Häschenaugen. Mit einem Satz sprang das Häschen auf den Fasan zu. Es stellte sich auf seine großen Füße und als es genau so groß war wie der Vogel, drückte es sein Gesicht an das Gesicht des Fasans und schrie, dass die Federn des Vogels nur so flogen: „Ich schreie, wann ich will und ich suche eine Bleibe für mich und mein kleines Häschen!“

Als der Fasan sein Gefieder wieder gerichtet, traurig die heruntergefallenen Vogelfedern betrachtet hatte, antwortete er: „Warum sagst du das nicht gleich? Es gibt einen schönen Hasenbau, der schon lange leer steht. Wir könnten einen Hasen wie dich in der Nachbarschaft gut brauchen, vorausgesetzt, du kannst auch leiser sprechen. Soll ich dir den Bau zeigen?“ Das Häschen nickte und nahm sein Bündel. Der Fasan schaute suchend umher und fragte: „Wo ist denn das kleine Häschen?“ Der Hase schaute den Fasan an und holte tief Luft, als es sagte: „Das ist in mir. Kann ich dir das später erklären?“ „Klar, Hauptsache du schreist nicht wieder!“, antwortete der Fasan. Der Hase sagte: „Ich kann auch ohne schreien sagen, wer ich bin und was ich möchte, versprochen!“ Der Fasan nickte und sagte: „Das ist gut, dann passt du genau hierher!“ Beide setzten sich in Bewegung.

Das kleine Häschen faltete das Schild zusammen, stand auf und verstaute es im Koffer. Es nahm ein großen Kissen und ein Buch aus dem Koffer heraus. Es atmete auf. Hier konnte es endlich bleiben und Ruhe finden. Es drapierte das Kissen so, dass es sich hinein kuscheln konnte und begann zu lesen. Das tat es für sein Leben gern!

Bahnfahrerinnen-mal wieder

Für vieles kann die Bahn verantwortlich gemacht werden: Unpünktlichkeit, fehlende Wagons, horrende Preise…. Für all dies könnte man flammende Wutreden verfassen. Aber für etwas kann die Bahn nichts! Die Bahn kann nichts für ihre Nutzer und Nutzerinnen.

Die Geschichten aus dem Leben sind die unglaublichsten. Dennoch ereignete sich folgende Situation heute im IC von Münster nach Hamburg. Reality TV, quasi ohne TV. Allerdings gab es bewegte und bewegende Bilder. Im überfüllten Zug. Alle Sitzplätze waren belegt, die Reservierungen ausgereizt und auch die Plätze auf den Gängen wurden knapp! Alle Plätze? Nein, ein Platz war frei und nicht reserviert. Er befand sich neben einer alten Dame. Außer mir fragten noch 354 (vielleicht waren es auch ein paar weniger) andere Passagiere besagte Dame, ob der Platz an ihrer Seite noch frei sei. Stets verneinte sie in knappem Ton. Außer mir zogen alle weiter. Nur ich blieb im Gang, weil ich lieber auf meinem Rucksack saß, als weiter durch die Gänge zu irren. Ich musste die alte Dame im Auge behalten (etwas anderes wäre mir lieber gewesen). Mit dem Ergebnis, dass der Platz neben ihr frei blieb. Ich begann mich zu fragen, ob sie den Platz für ihre Beinfreiheit verteidigte. Im Angesicht der vielen Passagiere, die alle stehen mussten, mutete der Gedanke recht aberwitzig an. Je länger dieser Zustand jedoch andauerte, desto wahrscheinlicher wurde dies aus meiner Sicht. Als ich mir mit einem Sprint einen frei werdenden Platz im Nachbarabteil gesichert hatte, überlegte ich, was zu tun sei. Ich wollte besagte Dame konfrontieren und sie fragen, für wen sie während der letzten neunzig Minuten den Platz verteidigt hatte!?

Ich legte mir die Sätze zurecht. Ob sie sich nicht schäme? Warum sie so rücksichtslos agiere? Ich überlegte mir mögliche Konter…als ich alles bedacht hatte (2 Stationen später), machte ich mich gewappnet auf den Weg. Die Dame und ihre imaginäre Begleitung waren ausgestiegen.

Das kommt davon, wenn Spontanität wohl überlegt ist!