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Die ehrliche Art zu reisen

Nachdem ich vor kurzem auf der A2 im Stau stecken geblieben und nächtlich in Petershagen Not-Schlafen musste, (in der RAD-STATION, kann ich nur empfehlen, hier empfängt ein freundliches Päärchen auch noch nachts um 23.30 Uhr herzlich, selbst wenn man nicht gebucht hat), wollte ich heute alles besser machen. Ich entschied mich für das Fahren mit der Bahn. Frohen Mutes kaufte ich gestern eine Fahrkarte, um heute morgen am Bahnhof zu entdecken, dass mein Zug ersatzlos gestrichen war. Was tun? Der Zug danach sollte auch nicht fahren. Die Deutsche Bahn ist gebeutelt – technische Störungen, Störungen im Betriebsablauf – alles auf einmal und alles an einem Morgen. Irgendwie habe ich es doch bis Hannover geschafft. Meinen Anschlusszug natürlich nicht.

Da ich nun schon viele Jahre immer wieder Bus, Bahn und Auto teste, mehr oder minder erfolgreich, komme ich heute zu dem Schluss: Es gibt nur EINE Art zu reisen. Auf eigenen Füßen!

Denn wenn Du willst, dass etwas funktioniert, mach es selbst.

(Aus: Das fünfte Element)

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Ein Zug der Notfälle

DB 0815

Dies ist ein Beitrag zur Deutschen Bundesbahn. Natürlich erwartet der deutsche bundesbahngeplagte Leser an dieser Stelle, dass es dabei um Verspätung geht. Ist auch so, allerdings nicht an erster Stelle. Wenn die Bahn mal pünktlich sein sollte, dann wird das DER Blogeintrag. Versprochen. Aber das wird sicher erst der Fall sei, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen werden. Hier geht es nun nicht darum, dass ich mit einer satten Verspätung von 90 Minuten meinen Zielort erreichte. Es geht darum, dass mein Zug auf einem Bahnsteig halten musste, weil im nächsten Ort unser Gleis gesperrt war. es gab einen Notfall, der eines Notarztes bedarf. Wir standen irgendwo im nirgendwo, während anderswo ein Mensch gerettet wurde. Vielleicht. Vielleicht wurden aber auch nur seine Überreste zusammen getragen. Meiner Meinung ist das wahrscheinlicher. Steigt schließlich statistisch gesehen die Anzahl der Selbsttötungen in der dunklen Jahreszeit um ein Vielfaches. Jetzt könnte man annehmen, dass es sich mit neuen Medien ausgestattet und mit Hilfe des angepriesenen freien WLAN im Zug ein wenig die Zeit vertreiben ließe. Wenn es denn nicht nur angepriesen, sondern auch funktionieren würde. Entschuldigung, wie dumm von mir. Ich befinde mich in einem Zug der deutschen Bundesbahn, wie kann ich anehmen das zu bekommen, was angeboten wird? Schließlich kommen die Züge nicht an wann sie sollen. Sie haben nicht die Wagen, in denen man Sitze reserviert hat und man kann von Glück sagen, wenn der Zug, den man gebucht hat, nicht ersatzlos gestrichen wurde. Ist mir leider auch schon mehr als einmal passiert. Aber das ist eine andere Geschichte. In Anbetracht des Grundes für die Verspätung ist das alles aber vielleicht auch nicht so wichtig, wie es mir in diesem Moment vorkam.

In der aktuellen Geschichte ging es, nachdem wir vom netten Zugbegleiter mit einem Wässerchen und einer Minitüte Knappergebäck versorgt worden waren, weiter. Ein Aufatmen und Raunen ging durch die Reihen der Reisegäste. Nicht lange, denn dann kam die Durchsage des Zugbegleiters: „Liebe Fahrgäste, falls sich unter ihnen ein Rettungssanitäter oder Arzt befindet, so kommen Sie bitte in Wagennummer 25. Sie werden hier dringend benötigt!“ Offenbar tummeln sich in der deutschen Bundesbahn die Notfälle. Vielleicht ist sie selbst ja auch….?!

Ich habe versucht das angespannte Verhälnis zwischen mir und der Bundesbahn nicht weiter zu belasten, indem ich nur in absoluten Notfällen mit der Bahn reise. Es beschränkt sich mittlerweile auf höchstens zwei Reisen im Jahr. Ich hatte die Hoffnung, dass ich so den Widrigkeiten entgehe. Wer wenig fährt, hat vielleicht Glück und kommt mal ohne Schwierigkeiten ans Ziel. Leider geht meine Rechnung keineswegs auf. Die Bahn ist mittlerweile ein Ausbund an Unzuverlässigkeit, das völlig überteuert ist. An dieser Stelle muss ich nun feststellen:

Liebe DB, ab hier trennen sich unsere Wege. Auf Nimmerwiedersehen. Es war nicht schön mit Dir und Du kannst mich mal. Ab heute werde ich Dir den Rücken kehren und alle anderen Verkehrsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Such Dir jemand anderen, den Du ausbeuten und verklapsen kannst.

Nachtrag Logbuch letzte Fahrt mit der Bahn:

„Liebe Fahrgäste, auch wenn wir aktuell 15 Minuten Verspätung haben, wird der Anschluss-ICE 0815 nach irgendwo (Entfernung: 370 Kilometer – Anmerkung der Autorin) auf Sie warten. Bitte beeilen Sie sich beim Umsteigen. Vielen Dank!“ So weit, so gut. Keine zwei Minuten später dann: „Liebe Fahrgäste, aus aktuellem Anlass kann nun der ICE 0815 nach irgendwo doch nicht warten. Leider war dies die letzte Reisemöglichkeit nach irgendwo. Bitte wenden Sie sich im Bahnhof an den Servicepoint. Dort wird ihnen mit einer Busverbindung oder mit einem Gutschein für ein Hotel weitergeholfen. Vielen Dank für Ihre Reise mit der Bahn!“ … ohne Worte

Im Zug: Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht!

Berlin

„Entschuldigung, gehört Ihnen die Tasche dort oben in der Gepäckablage?“
„Ja!“
„Wäre es möglich, dass ich diese ein wenig beiseite schiebe? Meine Tasche passt sonst nicht oben in die Gepäckablage.“
„Nein, wir finden unsere Tasche ansonsten nicht wieder.“
Der junge Mann, der das ältere Ehepaar so höflich gefragt hatte, steht ratlos im Gang. In der einen Hand einen großen Rucksack, in der anderen einen Koffer. Er schaut sich Hilfe suchend um. Die Gepäckablage ist voll. Da hat sie etwas mit dem Zug gemein. Kein Wunder, der Zug in dem sich diese Szene abspielt ist überfüllt, weil er die Passagiere eines ausgefallenen Zugs mit an den Zielort bringen muss.
Besagter junger Mann sucht nach einer Lösung. Die zwei älteren Herrschaften, die ihm verboten hatten ihren Koffer ein wenig zur Seite zu schieben, schauen dem jungen Mann ungerührt beim Suchen zu. Schließlich sagt der ältere Herr gereizt:
„Hier ist kein Platz. Meinen sie etwa, wir sitzen hier zum Spaß mit unserem großen Rucksack zwischen uns?“
Der junge Mann antwortet höflich, dass er ihnen deswegen auch keinen Vorwurf mache. Dann setzt er sich mühevoll auf den Sitzplatz vor dem Ehepaar, dass den Platz auf der Gepäckablage für sich allein haben will. Bequem ist das sicher nicht, wie er da versucht sich zwischen seinen Koffer und den Rucksack zu falten.
Dem älteren Ehepaar findet jedoch keine Ruhe. Der Rucksack zwischen ihnen stört und soll weg. Jetzt fangen sie doch an ihren eigenen Koffer hin und her zu schieben (hoffentlich finden sie ihn auch wieder!). Sie ziehen, schieben und es dauert nicht lange, bis außer ihnen noch weiterer Passagiere und der Zugbegleiter behilflich sind. Sogar der junge Mann, dem sie ihre Hilfe verweigerten steht in den Startlöchern. Vielleicht kann er auch helfen? Schließlich ist das ein älteres Ehepaar, dass sicher Hilfe braucht und damit das auch funktioniert, werden die Helfer ordentlich dirigiert. Der ältere Herr hat früher sicherlich eine leitende Funktion, er scheint geübt im kommandieren anderer Menschen, die versuchen den Koffer so weit zu verlagern, damit sich der Rucksack auch noch irgendwie dazwischen quetschen lässt.
Als der Rucksack an Ort und Stelle verstaut ist, gehen Helfer ihrer Wege. Ich höre weder ein Danke noch irgendetwas anderes Nettes aus der Richtung des Ehepaares. Was ich jedoch höre ist, wie die ältere Dame zu ihrem Mann nicht ohne giftigen Unterton sagt: „Das hätte der aber auch vorhin schon machen können, als er uns die Reservierung zeigte“. Ich nehme mal an, dass sie damit den Zugbegleiter meinte, der so nett war dem älteren Ehepaar beim Einsteigen in den Zug behilflich zu sein. Aus meiner Sicht sollten die zwei Herrschaften mit ihrem Gepäck die Plätze tauschen. Dann hätte ich jetzt angenehmere Sitznachbarn.

Eine Bahnfahrt, die begeisterte

Berlin

Es mag dem einen oder anderen komisch vorkommen, dass Begeisterung und Bahn in einem Atemzug genannt werden. Aber da so viel Negatives über die Bahn kursiert, muss ich eine Begebenheit dagegenhalten. Nach einem zehnjährigen regelmäßigen Pendlerdasein zugegebenermaßen eine etwas magere Ausbeute, aber schon allein aus beruflichen Gründen bin ich dazu angehalten danach zu schauen, was da ist und nicht was fehlt. Lasse ich also die anderen Tage, Wochen, Monate und Jahre beiseite und konzentriere mich auf diese eine wunderbare Begebenheit, die sich in einer Regionalbahn zugetragen hat. Also eine wahre Geschichte, auch wenn sie wie ein Märchen anmutet.
Es ist schon viele Jahre her, und ich bin sicher, besagter Bahnbeamte ist heute bestimmt nicht mehr als Zugbegleiter tätig, denn er hatte, aus meiner Sicht, gute Aussichten anderweitig Karriere zu machen. Die Geschichte begann um sechs Uhr morgens. Die Regionalbahn stand in einem der größten Bahnhöfe unseres Landes und wie zu erwarten, waren alle Sitzplätze belegt. Pendler wie ich halfen sich mit Kaffee über die Müdigkeit hinweg. Es wurde in Zeitungen und aus dem Fenster geschaut. Jeder, der dies schon mal erlebt hat, kennt diese Mischung aus Morgenmuff,Trägheit und schlechter Laune. Die Blicke, die einander zugeworfen wurden bedeuteten: Sprich mich nicht an!
Es knackte in der Leitung und alle wussten, was als nächstes kommen würde. Die Durchsage, dass unser Zug eine Nummer hatte, welche Orte wir passieren würden und natürlich Ankunftszeit und Ort würden ebenso wenig fehlen, wie die Durchgangsbahnhöfe, die wir in gewohnt genuschelter Rede erwarteten. Was wohl keiner erwartet hatte, war der Enthusiasmus, mit dem wir begrüßt wurden. Ich wusste nicht welchen Motivationskurs dieser Mann absolviert hatte, aber er musste Klassenbester gewesen sein. Seine Stimme war klar, laut und deutlich. Es schwang ansteckende Begeisterung mit, die dazu führte, das niemand mehr in seine Zeitung schaute. Alle hörten gespannt zu. Wie ein Entertainer sprach er seine Rede in das Mikrofon: Guten Morgen liebe Fahrgäste. Ich begrüße sie ganz außerordentlich und herzlich zu einer Fahrt mit der Deutschen Bundesbahn. Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, sie auf der Fahrt nach A. begleiten zu dürfen. Wie sie sicher wissen, werden wir in folgenden Orten halten: F., S., …. Mein Name ist Herr Mustermann und es wird mir eine große Freude sein, ihnen bei der Fahrt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Und jetzt enspannen sie sich, lehnen sie sich zurück und genießen sie die Fahrt mit der deutschen Bundesbahn und vor allem die wunderbare Aussicht!
Es knackte in der Leitung, dann wurde es still. Tatsächlich bekam er tosenden Applaus, einige johlten und pfiffen laut vor Begeisterung. Danach war der müde Ausdruck auf den Gesichtern meiner Mitreisenden verschwunden und achtzig Prozent der Anwesenden lächelten. Ich frage mich bis heute, was aus diesem Mann wohl geworden ist? Mir hat er jedenfalls in den zehn Jahren, die ich die Bahn als Transportmittel nutzen musste, die schönste Bahnreise aller Zeiten beschert.

Wattenmeerelfe unterwegs

Berlin

Ihre kleinen gelben Gummistiefel machten regelmäßige platschende Geräusche, als sie über die Fliesen der Bahnhofsvorhalle eilte. Sie wollte keine Minute länger in Braunschweig bleiben, als unbedingt notwendig. Sie hatte genug gesehen von dieser Stadt, die ausschließlich aus diesem blau-gelben Fußballverein und einem Löwen zu bestehen schien.

Als sie den Bahnsteig erklommen hatte, stellte sie sich abseits der wartenden Menge. Sie hoffte auf ein schnelles Erscheinen des Zuges. Es war kalt, windig und sie wollte weiter. Die kleine Elfe hatte nicht den weiten Weg vom Wattenmeer durch das gesamte niedersächsische Land hinter sich gebracht, um jetzt in Braunschweig zu stranden. Es musste doch mehr in der Welt geben. Ein Blick auf die Anzeigetafel und sie hatte sich entschieden. Berlin! Das war ihr Ziel. Sie war sich sicher: Dort musste das passende Fleckchen Erde für sie zu finden sein. Weit weg von Deichhöhlen und Umsiedlungsmaßnahmen in Keller, Hühnerställe oder Ersatzstrandkörbe.

Der Zug brauste mit rasender Geschwindigkeit in den Bahnhof ein. Die Wattelfe musste sich mit aller Kraft an der Tasche eines Mitreisenden festhalten, um nicht vom Bahnsteig geweht zu werden. Da sie die Tasche weiterhin so fest wie möglich umklammerte, wurde sie von dessen Träger der in den Zug befördert. Kaum hatte sie das Innere des ICEs erreicht, machte sie sich selbstständig auf die Suche nach einem geeigneten Plätzchen für die Weiterfahrt. Dafür stromerte sie durch viele Gänge und musste so einigen Füßen ausweichen. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Menschen waren in großer Anzahl eine träge Masse. Da sie so klein war, gelang es ihr unter den Sitzen durchzuschlüpfen. Allerdings war das mit einem hohen Risiko verbunden. Sie durfte den Füßen nicht zu nahe kommen. Nicht auszudenken, wenn sie mit einem der dicken Winterstiefel kollidiert wäre. Unter einem Sitz lauerte sogar ein Hund. Es gelang ihr, sich ungesehen an ihm vorbei zu schleichen. Der Gedanke, was passieren würde, wenn er aufwachte, trieb ihr den Angstschweiß auf die Stirn. Schließlich erreichte sie ein Abteil, das ganz nach ihrem Geschmack war. Hier saßen nur wenige Menschen und alle schienen mit etwas anderem beschäftigt zu sein. Der eine las, eine Frau strickte mit dicker grüner Wolle einen Schal und der Mann mit der Brille hatte einen von diesen kleinen Computern auf dem Tisch vor sich stehen. Sie entschied sich für den nett aussehenden Mann. Er saß entspannt an einem Festerplatz und war ganz in seinen Computer vertieft. Hin und wieder holte er sein Handy heraus und lächelte, wenn er darauf schaute. Ungesehen krabbelte die Wattelfe an der Stuhllehne hoch und setzte ihren Weg fort, bis sie den kleinen Koffer, der neben ihm auf dem Sitz stand, ebenfalls erklommen hatte. Sie ließ sich in die kleine Seitentasche gleiten, so dass sie gerade noch herausschauen konnte. So hatte sie beste Sicht aus den Zugfenster. Als der Zug sich in Bewegung setzte, beobachtete sie, wie die Landschaft an ihr vorbei zog. Der Mann war sehr damit beschäftigt etwas in seinen Computer zu tippen. Die regelmäßigen Geräusche des Zuges, die Stille um sie herum und die vorbeiziehende Landschaft bewirkten, dass die kleine Wattelfe in nur wenigen Minuten tief und fest eingeschlafen war.

Sie erwachte vom Zuklappen des Computers. Der Mann packte seine Sachen zusammen. Ein Blick durchs Fenster verriet ihr, dass sich ihre Reise dem Ende näherte. Sie waren in der Hauptstadt angekommen. Der Zug fuhr nur noch langsam und die Elfe hatte Gelegenheit die vielen Gleise, die grauen, missmutig aussehenden Häuser und weitere an ihnen vorbeiziehende Züge zu betrachten. Beim Anblick der Stadt bezweifelte sie, dass es eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Sie machte sich ganz klein in ihrer Seitentasche und schlotterte ein wenig vor sich hin, so groß war die Angst vor der großen Stadt. Als der Mann seine Sachen verstaut hatte, griff er nach seinem Koffer und bewegte sich zum Ausgang des ICE. Ohne es zu wissen, beförderte er seinen kleinen blinden Passagier durch den riesigen Bahnhof. So hatte sich die kleine Wattenmeerelfe die Hauptstadt nicht vorgestellt. Sie hoffte inständig, dass der Mann an ihrer Seite Geschmack beweisen würde und sie an einen schönen Ort mitnähme.