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Eine neue Rote-Sofa Geschichte: Der innere Antreiber und Sie

Männlein (2)

Eine Ruhe überfiel sie, als sie durch die Tür trat. Das leise Klingeln der Türglocke hieß sie willkommen. Sie schaute sich um. Das Café war gut gefüllt. Als hätte es auf sie gewartet, stand am Rand des Innenraumes ein rotes Sofa. Sie setzte sich und wartete. Die Stimme blieb aus. In ihrem Kopf war eine Stille, wie sie vorher noch nie da gewesene war. Sie schloß die Augen. Wie schön das war. Als sich ihre Augen wieder öffneten, stand eine Frau vor ihr. Sie lächelte und hatte einen Stift in der Hand. Die Frau auf dem Sofa lachte leise und sagte: «Entschuldigung. Ich war in Gedanken. Ich hätte gerne eine große Tasse Tee. Haben sie Earl Grey?» Die Frau nickte, blickte der Kundin in die Augen und sagte lächelnd: «Ja, habe ich. Er kommt sofort!» Die Worte der Bedienung hingen noch in der Luft, als sie wieder auf dem Rückweg zur Theke war. Die Frau auf dem Sofa schaute der Bedienung nach, ohne sie wahrzunehmen. Sie war ganz in ihrer Welt. Das war sie oft, aber sehr selten hatte sie sich dort so wohl gefühlt, wie in diesem Moment. Sie befand sich in einem Stille-Vakuum. Ihr innerer Antreiber war verstummt. Erstmal.

Ihr Tee wurde gebracht und sie setzte sich ein wenig auf die Kante des Sofas, um die Zitrone in den Tee zu rühren. Sie nahm das Knistern des Beutels wahr, das Geräusch, als sie ihn öffnete, um die Zitrone in den Tee zu träufeln. Sie schaute, wie sich der Tee mit der Zitrone vermengte. Er veränderte langsam seine Farbe. Wurde heller, als würden beide Flüssigkeiten einen Tanz aufführen, zu einer Melodie, die nur im Teeglas hörbar war. Sie hatte sich schon lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Wie war das möglich? Sie versuchte sich an die Einzelheiten des Gesprächs zu erinnern. Aber alles, woran sie sich erinnerte, waren einzelne Bruchstücke. Eins davon war, dass ihr innerer Antreiber sie schon von klein auf begleitete. Er kannte sie wirklich gut. Er hat nicht zufällig bei ihr halt gemacht. Er wurde ihr regelrecht „ins Ohr gesetzt“. Sätze aus ihrer Kindheit, die sie immer wieder gehört hatte, waren gepflanzt worden. Sie wuchsen und gediehen wie Unkraut. Nahmen von jedem Lebensbereich Besitz. Sie hatte die Sätze gehegt und gepflegt. Auf jedes „Du musst noch…!!!“ hatte sie gehorcht. Sich unterworfen. Sie hatte sich zur Sklavin machen lassen. Unbewusst und in bester Absicht. Angst ist ein treuer Begleiter und treibt zu Höchstleistungen. Ihr innerer Antreiber war mit ihr zusammen groß geworden. Er hatte auch etwas Positives: Er war immer da. Er hatte sie angetrieben und sie hatte viel geschafft. Wahrscheinlich hätte sie ohne ihn viel weniger erreicht. Sicherlich war er genauso müde wie sie. Vielleicht brauchte auch er mal eine Auszeit? Sie nippte an ihrem Tee. Er war heiß und schmeckte. Sie mochte diese blumige Note des Earl Grey Tees. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Gespräch. Sie wusste nicht mehr, wie sie darauf gekommen waren, eigentlich hatte sie wegen der Migräneanfälle ihren Hausarzt aufgesucht. Und plötzlich hörte sie, wie ihr Arzt sie fragte, ob sie ihren inneren Antreiber kennen würde. Sie war erschrocken gewesen und erinnerte sich, dass sie sofort ein Bild von einem grobschlächtigen Mann vor Augen gehabt hatte. Er hatte eine Peitsche in der Hand, grobe Stiefel an, einen dümmlichen Gesichtsausdruck und rief: „Du musst noch!“ Allein sein Bild vor Augen zu haben, ließ einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf entstehen. Parallel wuchs ein Kloß in ihrem Hals. Sie hatte den Arzt angeschaut und genickt. «Und, wie lange ist er schon bei ihnen?», hatte er gefragt. Daraufhin hatte sie nachdenken müssen. Sie wusste nicht, wie lange sie schweigend dort gesessen hatte. Der Antreiber ließ auf sich warten, bis er plötzlich mürrisch rief: «Du musst noch den Müll runter bringen!» Vorher war er einige Male laut stampfend auf und abgegangen. Es war ihm deutlich anzusehen gewesen, dass er wütend war. Sie spürte, wie eine alte Angst in ihrem Magen herauf kroch und sich schließlich in ihrem Nacken breit machte, um ihre Schultern nach vorne zu drücken. Als sie den Satz hörte, war ihr schlagartig bewusst: Er hatte die Stimme ihrer Mutter. Die Stimme passte nicht zum Bild des Sklaventreibers. Aber es war ihre Stimme. Der Antreiber hatte sich verraten, als er davon gesprochen hatte, dass der Müll runtergebracht werden sollte. Sie hatte als Kind den Müll runter bringen müssen, da sie in einem Hochhaus groß geworden war. Heute wohnte sie in einem eigenen Haus. Da brachte sie den Müll raus, nicht runter. Das war dem Antreiber entgangen. Er konnte nicht der Schlauste sein, war ein Gedanke, den sie gerne behalten hätte.

Als sie ihrem Arzt erzählt hatte, woher sie die Stimme kannte, hatte er ihr einen Vorschlag gemacht: «Schreiben sie drei Situationen auf, in denen ihr Antreiber laut wird. Beschreiben sie diese genau. Welche Emotionen werden dadurch in ihnen wach? Schreiben sie diese auf.» Damit hatte er sie entlassen. Das Erstaunliche war, jetzt wo sie auf dem Sofa saß und ihn hören solle, blieb ihr Antreiber stumm. Vielleicht fühlte er sich ertappt. Bestimmt war er feige und konnte nur im Verborgenen agieren. Sie brauchte in ihrem Gedächtnis nicht lange suchen, um eine Situation zu finden, in der der Antreiber besonders laut war. Morgens, direkt nach dem Aufwachen war er laut. Ihr wurde bewusst, dass er sie jeden Morgen weckte. So, wie sie es aus Kindertagen kannte. Das erste, was die Stimme sagte, wenn sie sich laut rumpelnd bemerkbar gemacht hatte war: «DU MUSST AUFSTEHEN!!!» Sie hatte die Stimme ihrer Mutter mitgenommen und ihr das Bild eines häßlichen inneren Antreibers gegeben. Das war eine schmerzliche Erkenntnis. Gerade das hatte sie zurück lassen wollen. Mitgenommen hatte sie ausgerechnet das, was ihr nicht gut tat. Und nun?

Abwarten und Tee trinken. Die Stille im Kopf genießen. Sie hob das Teeglas und bemerkte, dass beide Flüssigkeiten sich miteinander verbunden hatten. Sie nahm einen Schluck. Der Tee war noch warm. Wie schön es in ihrem Kopf zuging, wenn die häßliche Stimme fehlte. Es war so still. Friedlich. Ruhig. Das hatte sie geschafft. Wo war der Antreiber, wenn er sich nicht in ihrem Kopf Aufmerksamkeit verschaffte? Sie dachte darüber nach, was ihm wohl gefallen könnte und sah ihn plötzlich in einem Zimmer sitzen. Das Zimmer war in einer Souterainwohnung. Die Fenster waren mit Efeu bewachsen. Es war dunkel, aber sehr sauber. Die Einrichtung war spartanisch. Es gab nur einen großen weichen Sessel mit Fußhocker. Einen Tisch, auf dem Knabberein standen und einen großen Fernseher mit einer Fernbedienung. Ein Glas Sekt stand auf dem Tisch. Der Antreiber saß vor dem Fernseher und schaute eine dieser furchtbaren TV-Serien mit Hans Meiser. Er trug Kopfhörer, so konnte die Frau nur die bewegten Bilder sehen, aber nichts hören. Sie verließ den Raum und schloß leise die Tür von außen. Sofort war das innere Bild des Raums aus ihrem Kopf verschwunden. Sie schloss die Augen und sie hörte in sich hinein, nur um die Stille zu genießen. Der Antreiber saß vor dem Fernseher. Er hatte sich zurückgezogen und ließ es sich gut gehen. Sie gönnte es ihm. Wenn es ihm gut ging, ging es ihr auch gut. Jetzt wo er stumm und beschäftigt war, konnte sie in Ruhe darüber nachdenken, was er für ein Mensch war. Warum hatte er ihr versucht einzureden, dass sie schwach war. Sie hatte ihm sooft beweisen müssen, dass sie alles alleine konnte. Du kannst das sowieso nicht!  war neben Du muss noch! sein zweiter Lieblingssatz. Wahrscheinlich war das die Strategie des inneren Antreibers von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Selbst bekam er nichts alleine geregelt, außer andere immer klein zu machen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie wahrscheinlich deswegen Menschen verabscheute, die andere immer wieder angriffen, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Sie musste an eine entfernte Bekannte denken, die gerne bei anderen immer den Finger in die Wunde legte. Man fühlte sich gezwungen, sich direkt zu verteidigen. Niemand war bis jetzt auf die Idee gekommen, diese Frau zu fragen, was mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten war. Alle waren sofort mit der eigenen Verteidigung beschäftigt. Das ging so weit, dass viele Menschen einen großen Bogen um diese Frau machten, da das Bedürfnis sich verteidigen zu müssen schon einsetzte, wenn die Frau nur in der Ferne am Horizont erschien. Wer andere immer klein macht, wird selbst nie groß sein.

Der Antreiber machte es genauso. Er sagte ihr ständig, was sie zu tun hatte und dass sie das gefälligst alleine tun solle. Hilfe durfte sie nicht annehmen, denn dann hätte sie bewiesen, dass sie es nicht konnte. Häh, Häh. Habe ich ja gleich gewusst. Du bist dafür zu doof!  Sagt jemand, der auf dem Sofa sitzt und hohle TV-Serien schaut, dachte sie. Sie stellte das leere Teeglas auf den Tisch. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Sie sah die Kirschblüten. Viele Blütenblätter rieselten zu Boden und bildeten einen dichten rosa Teppich. Sie konnte die Stille sehen. In diesem Moment wusste sie, dass sie durch das Bild der fallenden Blütenblätter die Stille in ihren Kopf zaubern konnte. Der Antreiber bekam davon nichts mit. Er war von Hans Meiser abgelenkt. Wer hätte gedacht, dass diese Fernsehserie für etwas gut sein konnte! Es dauerte, bis sie sich an der Stille satt gesehen hatte. Dann stand sie auf, bezahlte und ging. Den Antreiber nahm sie mit, aber er war noch nie so weit entfernt von ihr, wie heute.

 

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Im Krankenhaus kann es auch lustig sein…(III)

Oder: Zwei Ärzte – zwei Meinungen

krankenhaus

Wer krank ist, wird auch irgendwann wieder gesund. Vielleicht, wenn man Glück hat. Meine Prognose sah gut aus. Da ich viel Glück hatte, sollte von den unfallbedingten Verletzungen nichts zurück bleiben. Ob das auch tatsächlich so ist, sollte überprüft werden. Mit Hilfe der Technik. In meinem Fall mit einer CT-Untersuchung. Die mündlich formulierte Erwartungshaltung meines behandelnden Arztes im Krankenhaus war, dass die Fraktur gut verheilen müsste. „Sie sind ja noch jung!“, sagte er. Bei einer Frau meines Alters wäre zu erwarten, dass der Knochen nach neun Wochen belastungsfähig zusammen wächst und nicht die allseits formulierten 12 Wochen benötigen wird.

Gesagt getan: Ein Kontrolltermin nach neun Wochen wurde vereinbart und ein Gesprächstermin. Leider trennten beide Termine acht Stunden. Untersuchung um halb neun in einer in Krankenhausnähe befindlichen Praxis, Gespräch um halb fünf im Krankenhaus selbst.

Das Glück war mir hold. Nach der besagten CT Untersuchung nahm sich ein Arzt der radiologischen Praxis für mich Zeit, um mir das Ergebnis mitzuteilen. Selbstverständlich wollte er dem behandelnden Arzt nicht vorgreifen. Ich war aufgeregt. Von dieser Untersuchung hing schließlich viel für mich ab. Durfte ich wieder normal gehen? Das linke Bein voll belasten?

Ein Blick in die Augen des Arztes reichte aus, um alle Hoffnungen im Keim zu ersticken.

Arzt: „Das sieht nicht gut aus! Bei einer Frau ihren Alters würde man ein deutlich besseres Zusammenwachsen der Knochen erwarten. Sie sind ja noch jung!“

Ich widerstehe dem Impuls den Mann anzuschreien. Ich hatte so oft von Ärzten gehört, dass ich jung sei, dass ich manchmal selbst nicht glauben kann, dass ich mich mit 45 Jahren oft anders fühle und frage:

„Was bedeutet das für mich?“

Er erklärt mir, dass ich meinen behandelnden Arzt fragen solle, was da zu tun sei. Diese Äußerung lässt für mich die Frage nach einer weiteren Operation aufkommen, die ich panisch stelle, denn das Letzte was ich will, ist eine Operation. Das hat nicht nur mit meiner tief sitzenden Abneigung gegen Operationen im allgemeinen zu tun, sondern hängt auch mit dem Unbehagen zusammen, den mir Krankenhausaufenthalte mittlerweile verursachen.

Da ging sie nun hin, die Hoffnung schnell wieder richtig laufen zu können. Der Arzt gab mir noch auf den Weg, dass ich sicherlich bei einer Teilbelastung von 20 kg maximal bleiben werde. Dann ging ich dahin, wo ich am besten aufgehoben war: Nach Hause. Gehen ist allerdings euphemistisch. Ich kroch zum Taxi und das brachte mich nach Hause. Dort verweilte ich in Trauer und verbrachte die folgenden acht Stunden mit Weinen und ANGST. Angst vor einer weiteren OP, Angst vor multiresistenten Krankenhauskeimen, Angst doch noch einen bleibenden Schaden zurückzubehalten, Angst…Angst…Angst. Nicht allein, ich hatte Aufsicht. Gute Freunde standen mir bei und ich suchte schon mal nach alternativen Krankenhäusern, um mir eine zweite Meinung einzuholen. Selbstredend, dass der Nachmittag in bleibender Erinnerung bleiben wird. Abgelegt in der Schublade Horror mit der Bitte an das sowieso schon lückenhafte Gedächtnis diese Erinnerung, wie viele andere zu verdrängen. Es kann dem Gedächtnis nichts ausmachen – es verdrängt so viel am Tag, da kann es doch auf diese eine Erinnerung nicht ankommen.

Niedergeschlagen erreichte ich wie geplant den Gesprächstermin um 16:30 Uhr mit meinem behandelnden Arzt. Als er mich sah, grüßte er und verließ das Sprechzimmer, weil er meine CT-Bilder besprechen musste. Zwanzig Minuten später kam er wieder. Das er mich überhaupt noch in seinem Sprechzimmer entdeckte, überraschte mich. Gefühlt war ich auf Erbsengröße geschrumpft. Mehr hatte die Angst nicht übrig gelassen.

Völlig zu unrecht, denn mir wurde mit einem Lächeln mitgeteilt, dass der Arzt vom Morgen einen falschen Befund gestellt hatte. Einer Vollbelastung würde nichts im Wege stehen. Auf mehrfaches ungläubiges Nachfragen meinerseits wurde mir erklärt, dass Röntgenbilder angucken und lesen zweierlei sein können. Ungläubig nahm ich das hin und versuchte mich zu freuen, wie es sich nach so einer freudigen Nachricht gehörte. Es gelang nicht auf Anhieb.

Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, ob der Arzt der radiologischen Praxis nicht der gleiche Arzt gewesen war, der einer guten Freundin von mir im letzten Jahr eine Krebsdiagnose gestellt hatte, die sich als pure Wasseransammlung entpuppt hatte. Leider erst vier Wochen später, nach einem Besuch in einer Spezialklinik, wo sich ein Arzt, der sich damit auskannte, ihrer annahm.

Ein Anruf bei besagter Freundin bestätigte: Offenbar behält mein Gedächtnis doch mehr Dinge als ich möchte. Gleicher Arzt, gleiche Praxis und noch ein falscher Befund.

Im Krankenhaus kann es auch lustig sein …(II)

Oder: Regen und Unterarmgehstützen vertragen sich nicht

krankenhaus

Mein Chauffeur hält vor den Toren des herrschaftlichen Anwesens. Mit anderen Worten: Das Taxi hält vor dem Eingang des Krankenhauses, weil ich in der nahe gelegenen radiologischen Praxis einen Termin habe. Der Weg dorthin führt durch das Krankenhaus. Es regnet. In Strömen. Der Weg bis zur Tür gestaltet sich unproblematisch, weil die Gehstützen gut mit den Pflastersteinen harmonieren. Wenig Rutschgefahr ist das Ergebnis. Das ändert sich schlagartig, als ich die Tür des Krankenhauses erreiche. Es handelt sich um eine elektrisch gesteuerte Glastür, die einen Vorraum vom Außenbereich trennt. Nach diesem Vorraum ist eine identische Glastür, durch die ich den Eingangsbereich des Krankenhauses gut erkennen kann. Mit der dazugehörigen Anmeldung, hinter der eine Frau sitzt. Sie hat mich entdeckt, so wie ich sie. Ansonsten ist keine Menschenseele zu sehen. Es ist noch früh am Morgen.

Ein Blick auf den Boden des Vorraums zeigt, dass es mit der gebannten Rutschgefahr hinter der Glastür vorbei ist. Das sagt nicht nur deutlich das aufgestellte gelbe Warnhinweisschild. Ein Blick auf den Boden reicht, um zu erkennen, dass dem tatsächlich auch so ist. Der Schmutzfangteppich bedeckt leider nicht den gesamten Boden des Vorraums. Rund um ihn herum sind mehr als ein halber Meter Platz, der wetterbedingt mehr als nass ist. Während ich noch überlege, wie ich mit meinen Krücken auf den Teppich gelange, ohne den nassen Boden zu berühren und ich dabei das Gleichgewicht behalte, hat die Glastür beschlossen nicht länger zu warten und sich zu schließen. Eine meiner Krücken hindert sie daran, was nicht zum Gleichgewicht beiträgt. Unter den wachsamen Augen der Frau an der Anmeldung, schiebt sich mein Fuss, der alles darf, Stück für Stück über das nasse Linoleum. Der andere Fuss, mit der ärztlich verordneten Belastungsgrenze, versucht die entstehende Instabilität auszugleichen. Während die eine Hälfte der Unterarmgehstützen nun schon Teppich unter sich hat, ist die andere noch vor der Tür. Besagte Tür schließt und öffnet sich nach Gutdünken. Als ich beide Füße auf dem Schmutzfangteppich versammelt habe, kann ich auch die zweite Unterarmgehstütze herein holen. Jetzt sind wir schon mal im Vorraum des Krankenhauses. Ich schaue die Frau an der Rezeption an, aber ein Applaus bleibt aus. Dabei hätte ich das angemessen gefunden, schließlich hatte das Betreten des Vorraums zur Hölle fast etwas Akrobatisches. Ich schiebe den Gedanken an die Frage: „Müsste ein Krankenhaus nicht besser darauf achten, dass solche Stolper-, Sturz- und Rutschfallen durch einen passenden Schmutzfangteppich aufgefangen werden?“ weg. Denn mich trennt vom Eingangsbereich des Krankenhauses die gleiche Aufgabe: Wie überbrücke ich den nassen Teil des Innenraums ohne Sturz?

Ich mache es wie beim ersten Mal. Als ich den Innenraum des Krankenhauses erfolgreich betrete, bleibt wieder der mir zustehende Applaus aus. Ich kann mich darüber nicht wundern, denn ich stelle fest, dass nasse Unterarmgehstützen auch auf trockenem Linoleum rutschig sind. Während ich die Zähne zusammenbeiße, lächelt mich die Anmelde-Frau an und sagt: „Wo wollen Sie denn hin? Sind sie ganz alleine?“ Ich drehe mich um, so weit das meine körperlich instabile Lage zulässt, und schaue in die Leere hinter mir. Was hat sie denn erwartet? Dass aus dem Nichts noch eine Person auftaucht? Appariert oder ich aus meiner Tasche noch eine Helferlein zaubere?  Ich schaue sie an und bevor ich antworten kann fragt sie: „Schaffen Sie dass denn alleine?“

Was soll ich darauf sagen? Nein? Ja? Vielleicht? Wollten Sie mir helfen? Was ist wenn nicht? Ich versuche es mit einem: „Das muss ich wohl!“

Dann gelingt es mir mich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren: Nicht ausrutschen!  Und: Gesund und heile aus dem Krankenhaus heraus kommen. Letzteres ist eine schwere Aufgabe, die volle Konzentration benötigt oder Übung.

Glücklicherweise habe ich die mittlerweile (Ironie aus).

Ein neuer Tachelespodcast ist online: Im Metakrankenhaus

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Ihr habt euch bestimmt gewundert, dass der Tachelespodcast aktuell nicht regelmäßig erscheint. Dies liegt daran, dass Frau Dings einen schweren Autounfall hatte. In der aktuellen Folge machen wir daher ein wenig Metatalk, aber beschäftigen uns auch intensiv mit der Gesundheits(un-)versorgung in Deutschland, die Frau Dings unfreiwillig über sich ergehen lassen musste. Höret und staunet.

Frau Dings und Herr Bumms

Im Krankenhaus kann es auch lustig sein…(I)

krankenhaus

Wer glaubt, dass Krankenhäuser Orte des ausschließlichen Elends sind, der täuscht. Es passieren Dinge, die das Leben durchaus erfreuen. Geradezu erfrischend und erheiternd sind teilweise die Anekdoten und Dialoge, die sich zutragen. So wie dieser Dialog zwischen einer Patientin und Arzt:

Arzt: „Hallo Frau XY, sie bekommen dann heute noch eine Impfung!“

Frau XY (runzelt die Stirn): Warum bekomme ich denn noch eine Impfung? Wogegen denn?“

Arzt: „Da bei Ihnen durch den Unfall bedingt die Milz entfernt werden musste, brauchen sie eine Impfung!“

Frau XY (entsetzt und mit panisch schriller Stimme): „Wieso ist denn die Milz nicht mehr da?!!! Mir wurde doch gesagt, dass sie gerettet werden konnte!“

Arzt (runzelt nur kurz die Stirn und wirft einen Blick in die Patientenakte): „Ach, da hab ich mich vertan, natürlich haben sie ihre Milz noch. Das war ein anderer Patient!“

Frau XY: „Sind sie sicher? Brauche ich also keine Impfung?“

Arzt (lächelt): „Nein, keine Impfung!“