Schlagwort-Archive: Sofa

Begegnung VI oder: Vom Fühlen

Mann_Begegnung

Er ging die Straße hinunter. Es war dunkel und die Straßenlaternen warfen hin und wieder helle Flecken auf den Asphalt. Er betrachtete die gelben Lichtkegel und beobachtete die Schatten der Nacht, die über den Fußweg tanzten. In Gedanken stand er noch immer neben ihr am Herd in der riesigen Küche mit all den anderen Kochkursteilnehmern. Gemeinsam hatten sie versucht die rundesten, schönsten, glattesten Kartoffelknödel herzustellen, die die Welt je gesehen hatte. Das waren nicht einfach nur Kartoffelknödel, sondern seidenen Klöße gewesen, die sie vom Leiter des Kochkurses in Auftrag bekommen hatten. Das Mehl wurde durch Speisestärke ersetzt und schon wurden sie glatt und zart, die Klöße. Er hatte in seinem Leben noch nie so gern Klöße gerollt, wie mit ihr an seiner Seite. Ihr schien es ähnlich zu ergehen. Sie hatten nebeneinander gestanden und er hatte das Gefühl gespürt, das von ihr ausgegangen war und sich in der Mitte zwischen ihnen mit seinem getroffen hatte. Es war ein schönes Gefühl. Ein Gefühl reiner Freude und Wärme. Er hatte es schon so lange nicht mehr gespürt. Als er in ihre Augen geschaut hatte, während sie in völliger Übereinstimmung den Teig in den Händen in gleichmäßigen Bewegungen zu Klößen formten, hatte er es in ihren Augen lesen können: Sie durchströmte das gleich Gefühl wie ihn. Es brauchte keine Worte. Jetzt nicht. Dennoch war er sicher, dass sie Worte finden würden für das was sich zwischen ihnen im Begriff war zu verknüpfen. Ihn hatte in diesem Moment eine große Ruhe überkommen. Eine Ruhe, die er sich immer gewünscht hatte. Einer der vielen Wünsche, die er fast vergessen hatte.
Der Leiter des Kochkurses hatte die Form ihrer Klöße sehr gelobt. Auch über den Geschmack hatte er nur Gutes zu berichten gehabt. Allerdings war er der Meinung gewesen, dass sie zu lange gebraucht hatten, um sie herzustellen. Da mochte er sicher Recht gehabt haben. Seinem Lächeln nach zu urteilen, kannte er auch den Grund dafür. Sie hatten so viel Spaß zusammen gehabt. Er und die Frau, die ihm beim Kochen als Partnerin zugeteilt worden war. Als er über die Straße schritt und in Erinnerung versank, war er geneigt über göttliche Fügungen seine Meinung zu ändern.
Es war der dritte Termin seines Kochkurses gewesen und die Frau, mit der er sich partnerschaftlich einen Herd geteilt hatte, hatte er zu einem Cafébesuch eingeladen. Sie hatte ihn angelächelt und ihm zu verstehen gegeben, dass sie sehr gerne mit ihm in ein Café gehen würde. Erst vor wenigen Tagen hatte er das kleine Café entdeckt, in das er sie ausführen würde. Es lag auf seinem Nachhauseweg, wenn er die Einkäufe in dem großen Supermarkt, der nicht weit von seiner Wohnung entfernt lag, erledigt hatte. Er musste schon sehr oft daran vorbeigekommen sein, aber erst letzte Woche war es ihm aufgefallen, das Café. Als er durch die Fensterscheiben geschaut hatte, war das einladende rote Sofa in seinen Blick gerückt. Ohne darüber nachzudenken, war er durch die Glastür getreten und hatte seine Einkaufstüten neben das Sofa gestellt. Er hatte sich auf das weiche rote Polster sinken lassen und sich für eine kurze Zeit ganz dem Geschmack des leckeren Kaffees hingegeben, den ihm die nette Bedienung zubereitet hatte. In dem Moment, als er den samtigen Bezug des Sofas unter sich gespürt hatte, war ihm bewusst geworden, dass er sie hierher einladen wollte. Sie würde dieses Café genauso gut leiden können, wie er. Dessen war er sich sicher.

Als er sich plötzlich vor der eigenen Haustür wiederfand, war er überrascht. Gedanklich war er so mit ihr und den Erinnerungen an den schönen Abend beschäftigt gewesen, dass er den Nachhauseweg unbewusst gefunden hatte. Als er die Tür zu seiner Wohnung aufgeschlossen und den Flur betreten hatte, sah er das Blinken des Anrufbeantworters. Sorgfältig schloss er die Wohnungstür. Er zögerte, bevor der den Wiedergabeknopf betätigte. Als der Anrufbeantworter das letzte Mal geblinkt hatte, war es seine Frau gewesen. Sie war zwar noch seine Frau, aber sie hatte ihn verlassen. Er lebte jetzt allein und nachdem er einige Zeit gebraucht hatte, um zu verstehen, was in seinem Leben und in ihrer Ehe falsch gewesen war, musste er feststellen, dass es das Beste war, was sie hatte tun können: Ihn zu verlassen. Er hatte den Wiedergabeknopf gerade gedrückt, da hörte er schon die Stimme der Frau, mit der er so viele Jahre Seite an Seite gelebt hatte und die er doch nicht kannte. Sie war wütend, das konnte er an ihrem Tonfall hören. Einem Impuls folgend, löschte er die Aufnahme, bevor er erfuhr, was sie von ihm wollte. Er atmete laut aus und ging in die Küche, um sich ein Glas Rotwein einzuschenken. Dann setzte er sich auf den Balkon und genoss die Erinnerung an den schönen Abend, während er den Schatten der Nacht beim Tanzen zuschaute.

Werbeanzeigen

Neues vom Sofa: Der Brief

Das Sofa-11

Als die Frau auf dem Sofa Platz genommen hatte, dauerte es keine Minute und sie hatte den Zettel aus ihrer Handtasche gezogen. Noch bevor sie ihn auseinander falten konnte, sah sie die Bedienung auf sich aufmerksam werden. Die Frau hielt den Zettel, der eigentlich ein Blatt Briefpapier war, mit ihren Händen fest umschlossen. Sie schaute die Bedienung an, die lächelnd hinter ihrer Theke hervorkam, um direkt auf ihren neuen Gast zu zusteuern.

Die Bedienung betrachtete die Frau, die sich auf dem roten Sofa niedergelassen hatte. Sie hatte die Frau noch nie in ihrem Café gesehen. Die Bedienung schätzte, dass sie noch keine vierzig Jahre alt war. Sie hatte etwas Trauriges in ihrem Blick. Das war das Auffälligste an der Frau. Das Traurige. Die Frau trug eine braune Jacke, die sie gerade im Begriff war auszuziehen. Darunter kamen ein grauer Pullover  und eine Jeans zum Vorschein. Sie trug graue Halbschuhe. Keinen Schmuck, aber dafür eine Handtasche, die den gleichen braunen Farbton hatte, wie die Jacke, die die Frau sorgfältig auf den Kleiderständer gehängt hatte. Als die Bedienung an den Tisch der Frau trat, sah sie in die ungeschminkten braunen Augen der Frau und dachte, dass ihre kurzen braunen Haare vielleicht der ausschlaggebende Faktor bei der Wahl der Jacke gewesen sein könnten. Den braunen Augen der Frau fehlte jeglicher Glanz. Stumpf, aber nicht ohne Schönheit, schauten sie erwartungsvoll in die Augen der Bedienung. Der Gedanke, dass diese Augen einmal sehr schön gewesen sein mussten, bevor die Traurigkeit die Frau ereilt hatte, durchdrang die Bedienung, bevor sie ihren neuen Gast begrüßte und nach den Wünschen fragte. Die Frau bestellte ein Glas Sprudelwasser. Als die Bedienung sich vom Tisch entfernt hatte, betrachtete die Frau auf dem Sofa den Brief in ihren Händen. Es war ein nicht ganz weißes Papier. Elfenbein oder Champagner nannte man dieses Weiß wohl. Auch wenn es mittlerweile einen leichten Grauton angenommen hatte. Das fortgeschrittene Alter war dem Brief anzusehen. Die Frau ließ ihre Finger vorsichtig über das Papier gleiten, es war etwas rauer als das, was die Frau für ihre Briefe benutzte. Sie nutzte zum Schreiben stets das billige Kopierpapier, das ihr Mann für ihren Drucker zu Hause kaufte. Das Papier, das sie nun in den Händen hielt, war ein besonderes Papier. Es war schwerer als das was die Frau kannte und es fühlte sich fester an. Sie ließ ihre Finger vorsichtig darauf ruhen. Der Brief war oft gefaltet worden. Das war offensichtlich, als sie den Brief das erste Mal auseinandergefaltet hatte.

Die Bedienung trug die Bestellung der Frau auf dem Tablett vor sich her, als sie sich erneut dem Sofa näherte. Sie stellte der Frau das Wasser mit einem lächelnden Nicken auf den Tisch. Als sie sich umgedreht hatte, um zurück zur Küche zu gehen, zuckte ihr der Gedanke durch den Kopf, dass die Frau auf den ersten Blick wirkte, als hätte sie nichts zu erzählen. Nichts, was sie eventuell beschäftigte, drang nach außen. Sie saß reglos auf dem Sofa. In ihrem Gesicht gab es nichts, was es zu lesen gegeben hätte, es war ebenso unbeweglich, wie die gesamte Erscheinung der Frau. Bis auf die Traurigkeit im Blick der Frau gab es nichts, was über ihren Gemütszustand etwas erahnen lassen würde. Auf den ersten Blick schien es, als gäbe es nichts im Inneren der Frau, was es sich lohnte nach außen gelassen zu werden. Mit einem Lächeln auf den Lippen schalt sich die Bedienung einen Dummkopf. Gerade sie sollte es besser wissen: Wie oft hatte sie schon über Menschen gedacht, dass diese nichts zu erzählen gehabt hätten, sie nichts beschäftigen würde, sie eine leere Hülle waren, die nur ihr Leben lebten, um die Erwartungen anderer erfüllen zu können? Genauso oft, wie sie eines Besseren belehrt worden war. Die Bedienung hatte die Erfahrung gemacht, dass es oft die Menschen waren, die auf den ersten Blick nichtssagend aussahen, die letztendlich am meisten zu erzählen hatten. Nur taten sie dies nicht. Dafür konnte es die verschiedensten Gründe geben. Entweder waren es so viele unschöne Dinge, die nicht erzählt werden wollten. Oder es gab niemanden der ihnen je zugehört hatte. Manchmal hatten diese Menschen auch Angst, das nach außen zu tragen, was sie beschäftigte, weil es nicht weniger als ihr Leben in Frage stellen würde, wenn sie ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf ließen. Manchmal waren die bewegenden Gefühle der Menschen aber auch verschüttet, um nicht an die Oberfläche dringen zu müssen. Zu schmerzhaft wäre, was zu Tage treten könnte. Wenn diese Menschen sich aber doch dazu entschließen konnten über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen, dann waren das meistens die interessantesten und ehrlichsten Gespräche. Ein Blick über die Schulter zu der Frau, die auf dem Sofa saß und ein zusammengefaltetes Papier in den Händen hielt, den Blick fest darauf gerichtet, ließ die Bedienung fragen, was diese Frau wohl für Gedanken hatte. Dann rief sie ein anderer Gast und sie musste alle Überlegungen beiseite schieben. Mit der sicheren Gewissheit, dass sie diese zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgreifen würde.

Die Frau saß mit dem Brief in der Hand auf dem roten weichen Polster des Sofas. Während sie die Papierstruktur des Briefes fixierte, verlor sich ihr Blick und sie versank in Gedanken zu dem Zeitpunkt zurück, an dem sie den Brief auf dem Boden liegend gefunden hatte. Das war keine Stunde her. Sie war, wie immer donnerstags, zum Einkaufen in den großen Supermarkt gefahren. Das tat sie schon seit Jahren. Am Donnerstag fuhr sie zum Einkaufen. Ihr Mann hatte, wie jeden Mittwoch, einen Einkaufszettel für sie angefertigt. Als sie nun auf dem Sofa saß, fragte sie sich, was aus dem Einkaufszettel geworden war. Sie musste ihn wohl verloren haben, als sie den Brief gefunden hatte. Vielleicht lag er noch im Einkaufswagen, den sie gedankenverloren und leer, zurück in seine Reihe gestellt hatte? Letztendlich war der Einkaufszettel für ihren wöchentlichen Besorgungen unwichtig. Sie hätte jede Woche den von der vorherigen nutzen können. Es stand in der Regel immer das gleiche darauf. Das, was ihr Mann und sie gerne aßen oder wenigstens glaubten zu mögen. Schließlich probierten sie nie etwas Neues aus. Das galt nicht nur für Lebensmittel. Sie versuchte den Gedanken wegzuwischen, er kam ihr momentan unwichtig vor.

Sie hatte den Zettel direkt am Eingang gefunden. Sie war noch nicht einmal bis zur Obstabteilung gekommen, als sie ihn am Boden hatte liegen sehen. Sie hatte sich gebückt, um ihn aufzuheben. Schon als sie ihn verloren am Boden hatte liegen sehen, war ihr der Gedanke gekommen, dass dies eine sehr lange Einkaufsliste sein musste. Als sie das Papier in den Fingern gespürt hatte, wusste sie instinktiv, dass es etwas anderes sein musste. Sie hatte den Brief angeschaut, war mit den Fingern vorsichtig über seine Falten gewandert und hatte die vergilbten Ränder wahrgenommen. DAS war kein Einkaufszettel. Sie hatte ihn vorsichtig auseinandergefaltet und bevor sie die Zeilen gelesen hatte, war ihr bewusst, dass es ein persönlicher Brief war, der mit Tinte geschrieben worden war. Die Handschrift war klein, zierlich und jeder Buchstabe sah aus wie gemalt. Sie hatte als erstes auf das Datum in der oberen rechten Ecke geschaut und war überrascht gewesen, dass der Brief zwölf Jahre alt war. Wie kam ein Brief nach mehr als zehn Jahren in diesen Supermarkt, war eine Frage, welche die Frau zu gern auf der Stelle hätte beantwortet haben wollen. Wer hatte ihn verloren? Das war die Frage, die direkt danach folgte. Der Brief begann mit den Worten: Mein lieber Eduard. Er endete mit den Worten: Deine Dich immer liebende Sarah. Die Frau hatte den Brief angestarrt und ohne den Teil zwischen Anfang und Ende gelesen zu haben, wieder zusammen gefaltet. Offenbar war es ein Liebesbrief. Die Frau hatte sich plötzlich wie jemand gefühlt, der an einem Fenster stand und jemanden beobachtete, der davon nichts wusste. Das hatte etwas Voyeuristisches und nichts mit ihr zu tun. Also hatte sie den Brief wieder eingesteckt. Sie hatte versucht ihre volle Konzentration und Motivation auf die Erledigung ihrer Einkäufe zu fokussieren. Nachdem sie jedoch drei Mal um die Gurken, die Tomaten und die Kartoffeln gekreist war, musste sie feststellen, dass ihr Einkaufswagen nach wie vor leer war und ihr Kopf drohte vor lauter Fragen auseinander zu platzen. Sie hatte sich an den Rand der Obst- und Gemüseabteilung gestellt. Als sie den Brief erneut aufgeklappt hatte, waren die Weintrauben und die Birnen, zwischen denen sie sich platziert hatte, vergessen. Sie las:

Neues vom Sofa: Zwei unter einer Decke

Das Sofa-11

Der Mann betrat das Café nur zögerlich. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Es war als würde er Neuland betreten. Dies hatte weniger mit dem zu tun, dass er dieses Café zum ersten Mal betrat. Vielmehr waren es die Gründe, die ihn hierher geführt hatten. Er hatte etwas gewagt. Etwas, was er nie für möglich gehalten hätte und das so schön war, dass er an manchen Tagen nicht wusste, ob das wirklich wahr sein konnte. Aber es war die Realität. Die Realität seines Gefühlslebens. Er zögerte. Welcher Platz war frei und wo wollte er sitzen. Diese Fragen hatten ihn sein Leben lang aufgehalten. Nicht nur bei der Wahl eines Sitzplatzes. Was war richtig, was war falsch? Wollte er hier sitzen oder woanders? Gab es vielleicht auch noch irgendwas dazwischen? Etwas, was nicht so offensichtlich war? Welche Vorteile hatte der eine Platz im Vergleich zum anderen? Er wusste, dass diese Fragen in Bezug auf den Sitzplatz eines Cafés trivial waren. Weniger leicht waren seine Gedankengänge, wenn es um die anderen Fragen ging. Die Fragen die nicht weniger betrafen als sein Leben.[…]

 […] Sie hatte vor der Tür gestanden und durch die Fensterscheibe geschaut. Sofort hatte sie ihn auf dem Sofa sitzend erkannt. Sie schaute sich das Bild an und wünschte, sie hätte es zeichnen können, um es festzuhalten. Es war voller Schönheit, Wärme und Ruhe. Sie holte ihren Fotoapparat aus der Tasche und fotografierte ihn durch die Scheibe. Sie wollte dieses Bild gerne behalten. Er sah glücklich aus. Ein kostbarer Augenblick. Sie wusste, was es für ihn bedeutete, weil es für sie die gleiche Bedeutung hatte. Sie sah seine Gefühle in ihren eigenen Augen, als sie ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe betrachtete. Gleich nochmal drückte sie auf den Auslöser. Es war ein Bild von ihm auf dem Sofa und von sich selbst in der Spiegelung der Fensterscheibe. Sie wartete einen Augenblick vor der Tür, um der Welle des Glücks die Möglichkeit zu lassen jeden Raum ihres Körpers einzunehmen. Es hatte so selten den Weg zu ihr gefunden, das Glück, wenn es schon einmal da war, wollte sie jede Sekunde nutzen, um es dem Glück so schön wie möglich in ihrem Körper zu machen. Vielleicht mochte es dann wiederkommen, das Glück. Als sie die Augen einen Augenblick später aufschlug, saß er noch immer auf dem Sofa. Er hatte eine Tasse in der Hand und als er kurz aufschaute, trafen sich ihre Blicke. Sie versank im Blau seiner Augen. Die Realität schwand, das tat sie immer, wenn sie ihn sah. Der Blick in seine Augen war das Tor zu der Wirklichkeit, die nur sie beide kannten. […]

Neues vom Sofa: Die Stimme

Das Sofa-11

Als er bemerkte wo er sich befand, war es zu spät. Er schaute sich um und alles was er entdeckte, hatte nichts mit ihm zu tun. Alles sah falsch aus. Nichts von dem was er in diesem Café sah, gehörte in seine Lebenswelt. Bis jetzt war er ausschließlich in Kneipen gewesen oder in Bistros, allerdings nur einige wenige Male. Ganz allein. Dies hier wäre eindeutig ein Café für seine Mutter gewesen. Was sollte er hier? Warum ging er nicht einfach wieder? Seine Beine wollten nicht und blieben wo sie waren. An einem Platz, wo er nicht hingehörte. Wieso überraschte ihn dieses bekannte Gefühl immer wieder aufs Neue? Er und dieses Gefühl waren gute alte Bekannte. Es kam immer wieder ungefragt und er verabscheute es. So war es und es ließ sich nicht ändern. Er hatte es so oft versucht. Vergeblich. Er hasste es, wie so vieles andere auch. Da seine Beine beschlossen hatten hier zu bleiben, suchte er nach einem freien Sitzplatz. Außer dem alten roten Sofa, war nichts frei. Ohne es zu merken biss er die Zähne zusammen und schaute sich um, während er auf das Sofa zusteuerte. Nur hin und wieder begegnete ihm der Blick einer der anwesenden Menschen. Er konnte den Blick in die Augen anderer nicht ertragen. Nie wusste er, warum sie ihn anschauten. Oft hatte er sich gefragt, was die Augen der Menschen ihm sagen wollten. Er verstand die Bedeutung nicht. Der Blick der anderen machte ihm Angst. Alle schienen zu wissen, was in den Augen der Menschen geschrieben stand, wenn sie einander anschauten. Nur er allein wusste es nicht. Ihm fehlte diese Fähigkeit. Er beherrschte diese Sprache nicht und er verstand nicht, was Gesichter und Augen ihm sagen wollten. Schon immer war er den Menschen deshalb ausgewichen. Er mied sie, wo er nur konnte. Leider war das viel seltener, als ihm lieb gewesen war. Als er sich dem Sofa näherte, hielt er seinen Blick zum Boden gesenkt. Der Boden war ein unverfänglicher Gesprächspartner. Widerwillig ließ er sich auf dem Sofa nieder und sofort quälte ihn die Frage, wie er seine Beine dazu bekommen konnte, diesen Ort zu verlassen. Das einfachste wäre gewesen, sofort wieder heraus zu laufen, aber er schaffte es nicht sich den Blicken der anderen erneut auszusetzen. Er blieb wo er war. Auf dem roten Sofa, auch wenn er es nicht mochte, genauso wenig, wie das ganze restliche Café.

Als die Bedienung sich auf einen der Tische zu bewegte, entdeckte sie den jungen Mann. Er hatte sich ganz an den Rand der Sofalehne gequetscht. Beim zweiten Hinschauen sah sie, dass er fast noch ein Junge war. Vielleicht hatte er gerade die Volljährigkeit erreicht, aber älter war er keinesfalls. Während sie die Bestellung von ihrem Tablett auf den Tisch einer der Gäste räumte, fragte sie sich, was so einen jungen Mann in ihr Café geführt haben könnte. Üblicherweise waren ihre Gäste älter. Junge Menschen bevorzugten Cafés mit angesagter Musik. Ihre Tochter hatte ihr einen langen Vortrag über die Vorlieben der Jugend gehalten und ihr deutlich gemacht, dass das Café ihrer Mutter sicher kein Treffpunkt für junge Leute werden würde, nicht bei dieser Musik im Hintergrund. Manchmal hatte sich die Cafébesitzerin gefragt, ob diese Erkenntnis sie bei der Musikauswahl beeinflusst haben könnte. Letztendlich war sie jedoch zu der Gewissheit gelangt, dass es ausschließlich ihre Vorliebe für klassische Musik gewesen war. Sie hatte nichts gegen junge Menschen, aber ihre Musikvorlieben konnte sie nicht teilen. Da glich sie wohl vielen anderen Menschen, die ihre Lebensmitte schon überschritten hatten. Als sie sich dem Mann auf dem Sofa näherte, hatte er in ihren Augen viel mehr von einem Jungen, als von einem Mann. Auch wenn dieser Junge sehr hoch gewachsen war und sicherlich fast an die ein Meter neunzig Marke heranreichte, er hatte ein Jungengesicht. Er war schlaksig und sie dachte, dass dies häufig der Fall war, wenn junge Menschen plötzlich an Größe zulegten. Die Größe änderte sich schneller, als das Gewicht hinterher kam. Im Alter relativierte sich das meistens, war ihre Erkenntnis, als sie vor ihm stand. Sie schaute ihren Gast an, aber dieser wich ihrem Blick aus. Er ließ seine Augen wirr durch das Café gleiten. Sie schienen nirgendwo anzukommen. Als sie die Hoffnung auf einen Blickkontakt aufgegeben hatte, fragte sie: «Hallo. Was darf ich ihnen denn bringen?» Er schaute sie noch immer nicht an. Sie runzelte leicht ihre Stirn und fragte sich, ob er sie überhaupt verstanden hatte. Vielleicht hörte er schwer? Sie wiederholte ihre Frage und der junge Mann fing an in seinen Hosentaschen zu suchen. Der Blick der Bedienung fiel auf den Rucksack, den er unter den Tisch gestellt hatte. Er war alt und der Reißverschluss wurde von einer verbogenen Sicherheitsnadel zusammen gehalten. Auf einmal hatte sie eine Ahnung, wonach der Mann suchen konnte. Sie hatte gerade den Mund geöffnet, um ihrem Gast mitzuteilen, dass er in Ruhe überlegen könne, was er trinken wolle, als er fragte: «Was kostet eine Cola?» Sie antwortete: «Zwei Euro.» Das war eine Lüge, aber der Gast nickte, hatte sich offenbar sofort entscheiden und sie war der Meinung, dass es durchaus vertretbar war auf die fehlenden siebzig Cent zu verzichten. Offenbar hatte der junge Mann wenig Geld. Es war nicht nur der Rucksack, der das vermuten ließ, sondern auch die abgelaufenen und kaputten Turnschuhe. Der Pullover, der zu klein war und dessen Ärmel nicht bis zum Handgelenk reichten, tat sein Übriges, um das Bild zu vervollständigen. Sie ging in die Küche und füllte ein großes Glas mit Cola. Als sie mit seiner Bestellung auf ihn zuging, trafen sich durch Zufall kurz ihre Blicke. Er konnte dem Blick in ihre Augen nicht standhalten und gleichzeitig griff er nach seinem Rucksack, um ihn neben sich auf das Sofa zu stellen. Diese Bewegung und der kurze Blick in seine dunklen Augen, ließ die Bedienung in ihrer Bewegung verharren. Sie hatte nur kurz in das Braun seiner Augen geschaut, aber alles was sie dort erkennen konnte war: Nichts. Sie waren durchsichtig, nichtssagend, tot? Sie schluckte. Das konnte nicht sein. Sie hätte gern ein zweites Mal hineingeschaut. Nicht weil es so schön gewesen wäre, sondern weil sie nicht glauben wollte, was sie gesehen hatte. Aber der junge Mann ließ es nicht zu. Wie konnte das sein? Ein Mensch mit toten und leeren Augen, der hier am Tisch auf ihrem Sofa saß? Und was war in diesem Rucksack, war die Frage, die sie sofort erfüllte.

Der rurpod: Das literarische Duett – zwei Autorinnen auf der Couch

Das rote Sofa

Jakob und Dirk vom rurpod waren so lieb unserem Leseabend eine ganze Sendung zu widmen. Vielen lieben Dank dafür an dieser Stelle. Es hat einfach großen Spaß gemacht diese Sendung mitgestalten zu dürfen. Das kann man auch hören! Unter folgenden Link kann der Podcast heruntergeladen werden.

http://rurpod.de/

Viel Spaß beim Hören!!!

Neues vom Sofa: Eine Leseprobe

Das Sofa-11

Aus dem Kapitel:  Auf ewig dein

Er kam zur Tür herein und der erste Gedanke, der ihr zu diesem Mann einfiel war, dass ihr nichts einfiel. Sie würde sich sein Gesicht kaum merken können. Dies wurde ihr sofort bewusst, als sie auf ihn zuging, um seine Bestellung aufzunehmen. Ihr Café hatte sich sichtlich gelehrt und es waren nur noch vereinzelte Plätze an den Tischen besetzt. Die Cafébesitzerin schaute auf die Uhr und stellte fest, dass sie nur noch zwei Stunden von ihrem Feierabend trennten. Sie beobachtete, wie der Mann, den sie auf ein Alter von ca. 60 Jahren schätzte, sich auf das freie Sofa setzte. Ganz an den Rand. Seine Hand hatte die Armlehne umschlungen, als wollte er sich daran festhalten. Seine Füße standen akkurat nebeneinander und er saß in der Ecke des Sofas, als wollte er sich darin verkriechen und unsichtbar machen. Als sie vor ihm stand, schauten sie durch dicke Brillengläser zwei erschrockene große braune Augen an.

Als er einen Tee bestellt hatte, drehte sich die Frau um und verschwand in der Küche. Er war allein mit sich und seinen Gedanken und er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Es überraschte ihn, dass er sich wie immer fühlte. Nach allem, was an diesem Tag passiert war, hätte er mehr erwartet als die Leere, die ihn erfüllte. Die nette Frau, hatte ihm den Tee auf den Tisch gestellt und als er das Glas mit der dampfenden bernsteinfarbenen Flüssigkeit betrachtete, fühlte er wenigstens nicht das Bestreben sich beeilen zu müssen. In den letzten vierzig Jahren war das Gefühl sein ständiger Begleiter gewesen. Nun war es gegangen. Seltsam. Er war sich nicht sicher, ob es nicht heimtückisch wieder auftauchen würde. Ihm kam in den Sinn, wie sie ihn das erste Mal angetrieben hatte. Da waren sie auf einer Wanderung gewesen und sie wollte unbedingt mit ihm den Gipfel des Berges, dessen Namen er verdrängt hatte, erklimmen. Er hatte in seiner Naivität angenommen, dass es dabei um einen vergnüglichen Ausflug gehen würde. Er hatte gedacht, dass wandern Spaß machen sollte. Mit ihrem Ehrgeiz hatte er nicht gerechnet. Ebenso unvorbereitet hatte ihn ihr Ausdruck Versager getroffen, als er sich auf eine Bank gesetzt hatte, um sich auszuruhen. Damals war er ein ganz normaler junger Mann gewesen, der diesen Ausdruck noch nie mit sich in Verbindung gebracht hatte. Ihn aus dem Mund der Frau zu hören, die er über alles liebte, verletzte ihn zutiefst. Ihre Entschuldigung am Ende des Tages hatte jedoch aufrichtig geklungen und er hatte sie zu gerne angenommen. Dachte er doch, dass es sich um ein einmaliges Versehen ihrerseits gehandelt hatte. Seine Liebe zu ihr hatte der Vorfall keinesfalls in Frage gestellt.

Wenn er sich versuchte vorzustellen, wie er gewesen war bevor er sie getroffen hatte, erkannte er sich selbst nicht in diesem Mann wieder. Er war damals ein anderer gewesen. Jemand, der vor langer Zeit gestorben war. Der Mann, der jetzt auf dem Sofa saß, war er eigentlich gar nicht. Oder war es genau anders herum? Ab heute bestand zumindest die Möglichkeit es herauszufinden. Er trank einen Schluck des heißen Tees und das erste Mal seit vielen Jahren genoss er es: Das Gefühl nicht gehetzt zu werden. Keine Angst mehr haben zu müssen. Er hatte vergessen, wie sich das anfühlte. Aber in seinen Zellen war die Erinnerung daran noch gespeichert. Vielleicht konnte sie doch wieder ein Teil von ihm werden, die Ruhe.

Nach der ersten Beschimpfung auf dem Weg zum Gipfel, folgte nach nur kurzer Zeit die Zweite. Es dauerte nicht lange, dann hatten sie zum täglichen Allerlei gehört. Er hatte schnell die ganze Palette ihrer Boshaftigkeiten kennengelernt. Wenn sie ihn nicht als Versager beschimpft hatte, dann war er der Feigling und der Nichtsnutz. Bald war es ihm so vorgekommen, als habe sie seinen Namen komplett aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Egal, was er auch tat, sie hatte ihn kritisieren müssen. Nein, es war mehr als einfaches kritisieren. Demontage traf es wesentlich besser. In den letzten vierzig Jahren seines Lebens hatte sie keinen Tag ausgelassen ihn bis ins tiefste Mark zu kränken. Wenn er für sie gekocht hatte, rümpfte sie die Nase. In den letzten zehn Jahren hatte sie ihre Wut über ihn und sein Versagen immer weniger kontrollieren können. Es passierte immer häufiger, dass sie ihm die vollen Teller vor die Füße schmiss. Unter ihrem bösen Blick und ihrem permanenten Gezeter war er auf Knien durch die Küche gerutscht, um alles aufzuwischen. Da hatte er schon jegliches Aufbegehren gegen die Situation und vor allem gegen sie aufgegeben. Sie war übermächtig in ihrem Zorn. […]