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Noch eine Valentinskarte

Für jemanden mit dem es sich gut in einer Blumenwiese liegen lässt…

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Valentinstag ist…

…ist nicht mehr weit.

Gelebte Inklusion oder wie viele Kartons es braucht, um einen Rollstuhlfahrer fern zu halten.

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Ein schöner sonniger Nachmittag, ein Telefonat mit einem lieben Freund, ich sitze auf einer Bank und blinzle in die Sonne. Während ich in das Gespräch vertieft bin, nehme ich meine Umgebung nebenbei wahr. Mir gegenüber ist ein kleines Café. Dort sitzt unter anderem ein Paar um die fünfzig. Daneben: zwei Bekleidungsgeschäfte mit entsprechenden Schaufenstern. Die Altpapierabholung scheint vor der Tür zu stehen, denn es stapeln sich große Kartons zwischen Café und Schaufenster. Hinter den Karton steht, mit Blick auf den gestapelten Turm, ein Rollstuhlfahrer, der vielleicht Anfang zwanzig ist. Mehr gibt es nicht zu sehen, jedenfalls sehe ich nicht mehr, denn ich vertiefe mich in das Gespräch mit besagtem Freund und versuche dabei jeden Sonnenstrahl aufzufangen, den ich kriegen kann. Wer weiß, vielleicht sind es die letzten in diesem Jahr. Nach einiger Zeit, die ich damit verbrachte das Für und Wider verschiedenster Dinge zu diskutieren, stelle ich fest, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht kennt das der eine oder andere. Man nimmt etwas unbewusst wahr, es stellt sich ein seltsames Gefühl ein und es dauert eine Weile, bis sich der Ursprung des Gefühls offenbart. So ging es mir. Ich schaue mir meine Umgebung an. Als ich feststelle, dass der Rollstuhlfahrer die ganze Zeit (und das waren ca. 15 Minuten) noch immer regungslos an genau der selben Stelle steht, bewegt sich etwas. Das Paar steht auf. Es geht zu dem Rollstuhlfahrer. Sie löst gekonnt die Bremse und er schiebt den jungen Mann zum angrenzenden Parkplatz hinter meiner Bank. Der junge Mann wird ins Auto verfrachtet und der Rollstuhl im geräumigen Kofferraum. Ich bin abgelenkt und frage meinen Freund, ob ihm eine Erklärung einfällt, warum ein Paar in einem Café sitzt, etwas trinkt und zehn Meter weiter den Mann, der vielleicht ihr Sohn, Neffe…. ist, aber definitiv zu ihnen gehört, hinter einem Stapel Kartons abstellt? Nachdem Stille für einige Momente die Verbindung füllt, bekomme ich ein „Nein“ als Antwort. Verschwunden ist die Sonne, wenn auch nur aus meinem Gemüt.
Das ist nun mehrere Tage her. Ich suche noch immer nach einer Erklärung. Und jetzt seid ihr mal dran. Vielleicht fällt einem von Euch eine harmlose Erklärung ein, warum dieser Mann im Rollstuhl nicht mit an den Tisch gestellt wurde, sondern hinter einem Stapel Kartons?

Im Restaurant mitgehört: Ein Ehepaar im Dialog

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Er: Lichtes graues Haar, ungefähr Mitte 50, schlank. Sie: Etwa im gleichen Alter, langes braunes Haar, stark geschminkt, ebenfalls schlank. Beide sehr gepflegt. Während er über seine Brille in die Speisekarte schaut, schiebt sie das Besteck von links nach rechts. Schließlich nimmt sie sich ein Messer und schmiert sich etwas von der angebotenen Kräuterbutter auf eines der kleinen Brötchen. Sie rutscht auf ihrem Stuhl etwas hin und her, während er nach wie vor in die Speisekarte vertieft ist.
Sie: „Wir müssten mal wieder den Rasen mähen.“
Er (ohne die Speisekarte aus den Augen zu lassen): „Hhmm…“
Es entsteht eine kurze Pause. Sie schaut ihren Mann erwartungsvoll an. Vergeblich.
Sie holt Luft und sagt: „Wann machen wir das denn?“
(keine Reaktion)
Sie (etwas lauter): „Schatz! Wann mähen wir denn den Rasen?“
Er schaut noch immer nicht von der Karte auf und sagt leise, wie zu sich selbst: „Morgen Nachmittag?“
Sie schmiert ihr Bröchen weiter, legt das Messer hin und hält einen Moment inne. Bevor sie abbeißt sagt sie: „Hhm. Das ginge.“
Eine weitere kleine Pause. die Frau kaut andächtig ihr Brötchen, dann stutzt sie einen Moment bevor sie sagt: „Ist morgen nicht Donnerstag?“
Er: „Ja.“
Sie : „Fällt morgen Nachmittag denn dein Training aus?“
Er schüttelt, noch immer in die Karte vertieft, den Kopf.
Sie seufzt, beißt erneut in ihr Brötchen, schweigt und kaut.
Damit wäre an dieser Stelle geklärt wer „wir“ ist.

Von der Freiheit, Jack Wolfskin Jacken und der Wahl des richtigen Waschmittels

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Alle Menschen in diesem Land sind in ihren Entscheidungen frei. Zumindest kann man sich der Illusion hingeben, dass es der freie Wille ist, der einen zu den unterschiedlichen Entscheidungen treibt. Vermeintlich. Bei näherer Betrachtung keimt jedoch der Verdacht auf, dass die Frau, die neben mir im Supermarkt vor dem Regal mit den siebenundneunzig verschiedenen Waschmitteln steht, sich nicht aus freien Stücken für ihr Produkt entschieden hat, sondern weil die Werbung ihr suggerierte, dass es dieses Waschmittel und kein anderes sein darf. Vielleicht hatte sogar das leckere Bütterken, welches sie genüsslich beim Konsumieren des Werbeblocks verspeiste seinen Anteil daran (kenne ich nur zu gut – deshalb schalte ich die Werbung aus. Ob das Parallelprogramm mit Talkshows über das richtige Halten von Kaffeetassen, wie es die Frau von heute tun sollte, weniger Schaden anrichtet, lasse ich hier mal unkommentiert). Hätte sie etwas weniger Leckeres zu sich genommen, vielleicht wären die Emotionen, die sie mit dem Waschmittel verbindet weniger positiv ausgefallen. Zwei Frauen die mir auf der Rückfahrt im Bus gegenüber saßen und sich darüber austauschten, dass wegen eines defekten Fernsehers nun kein adäquates Einkaufen mehr möglich sei, ließen mich aufhorchen. Die Erklärung der Frau mir gegenüber, dass sie wegen der fehlenden Werbung nun nicht wisse welche Produkte sie kaufen solle, zwang mich zum Aussteigen.
Aber mal ehrlich, bei der Wahl des vermeintlich richtigen Waschmittels, geht es nur um Alltägliches. Wahrscheinlich ist etwas Manipulation in diesem Zusammenhang verschmerzbar. Es mag zwar den einen oder anderen verwundern, dass sich ein wirklich großer Teil der deutschen Bevölkerung im Alter von 30 bis 55 freiwillig für das Tragen einer Jack Wolfskin Jacke entschieden haben soll, aber gut. Immerhin lässt die saisonbedingte Farbwahl eine gewisse Kreativität zu. Auch wenn sich, rein subjektiv, immer wieder feststellen lässt, dass Paare sich offensichtlich zum partnerschaftlichen Tragen der gleichen Wolfsjacke entscheiden. Die Frage, ob sich die farblichen Vorlieben mit den gemeinsamen Jahren angleichen wird hier wohl offen bleiben müssen. Sicher ist es eine freie Entscheidung gewesen die gleiche Jacke wie die bessere Hälfte zu tragen.
Aber was ist mit den großen Entscheidungen? Mit so elementaren Dingen wie berufliche Orientierung, Religion, Partnerwahl und Lebensplanung? Hier muss doch der freie Wille entscheidend sein! Was ist aber, wenn sich nach Jahren herausstellt, dass die eigene Freiheit der Entscheidungen nur so weit reichte, wie es die eigene Sozialisation zugelassen hat? Suchen sich Paare wirklich aus freien Stücken oder vervollständigen sie ein Rollenmuster, das sie von klein auf vorgelebt und als optimal durch das gesamte Umfeld suggeriert bekommen haben? Dass die Realität dieses Umfelds alles andere als positiv sein kann, ist bei der Vermittlung von optimal in diesem Zusammenhang völlig unerheblich. Recherchen und Beobachtungen im persönlichen Umfeld lassen bei mir eher den Verdacht aufkommen, dass Freiheit nicht wirklich existent ist. Schon gar nicht bei der Wahl des Lebenspartners. Da scheint es eher so etwas wie eine „Vorprogrammierung“ zu geben. Mit Freiheit hat das allerdings wenig zu tun. Wer glaubt sich frei für etwas entscheiden zu können, ist zu beneiden. Von denen, die immer glauben sich falsch entschieden zu haben (wer die Wahl hat, hat die Qual), will ich hier gar nicht anfangen. „Es ist doch schön so viele Entscheidungsmöglichkeiten zu haben“, kann so mancher auch als Drohung auffassen. Da kann schon mal die Vermutung aufkommen, dass es unterschwellige Manipulierungsmechanismen gibt, die von Generation zu Generation oder auch von Fernseh- zu Fernsehprogramm weitergereicht werden, ohne dass sich Menschen dessen bewusst werden. Hauptsache der Glaube an die Freiheit kann aufrecht erhalten werden. Da haben alle was von, vor allem die, die damit verdienen. Wer das ist? Da darf sich jeder die Freiheit nehmen das selbst herauszufinden.

Wenn die Erwartungshaltung eine andere ist oder: In einer deutschen Kneipe

Paris Nacht

Es ist mitten in der Nacht. Wir befinden uns in einer Kleinstadt. Die Bürgersteige sind leer gefegt. Nur der gelbliche Schimmer einer großen Fensterfront erhellt an einer Stelle das Grau des Asphalts. Schaut man durch das Fenster, entdeckt man den Innenraum einer deutschen Kneipe. Barhocker, Spielautomaten, Tische, Bänke, Zapfanlage und ein gläsernes Regal mit Hochprozentigem. Ein Tresen. Davor drei Männer. Sie sitzen auf ihren Barhockern nebeneinander und schauen in ihre halb vollen Gläser. Geht man näher heran, hört man sie über das stattgefundene Fußballspiel des ortsansässigen Fußballclubs, dessen Name hier nicht genannt werden soll, da es unerheblich ist, schwadronieren. Egal welcher Fußballverein, die Gespräche verlaufen allen Orts ähnlich, egal ob der Schal, wie in diesem Fall, blau-gelb ist. Die Augen der Männer sind müde. Was nicht verwundert, denn sie haben mit ihrer Mannschaft gekämpft: In der Abwehr, im Sturm und im Tor! Da kann man nach dem was-weiß-ich-wie-vielten-Bier auch schon mal müde werden. Im Hintergrund klappert jemand mit Geschirr in der nicht einsehbaren Küche. Dass es spät ist, kann man den Bedienungen auf der anderen Seite des Tresens ebenfalls deutlich ansehen. Sie: blonder Pagenkopf, Mitte zwanzig, säubert die große Espressomaschine nicht ohne sich immer wieder die Augen zu reiben. Er, gleiches Alter, poliert die Biergläser und gähnt in regelmäßigen Abständen. Allen im Raum ist klar: Wenn das Bier alle ist, heißt es: Feierabend! Aus der Küche ertönt die laute tiefe Stimme eines weiteren Mannes: Schatzi, kannst du mal kommen? Das Gespräch der Fußballfans verstummt. Drei Augenpaare schauen erwartungsvoll auf den Pagenkopf, während der junge Mann hinter dem Tresen das polierte Glas ins Regal stellt, um danach in der Küche zu verschwinden. Die Frau widmet sich weiter ihrer Arbeit, ohne aufzuschauen. Die Männer bleiben stumm und trinken ihr Bier aus. Feierabend.