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Begegnung VI oder: Vom Fühlen

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Er ging die Straße hinunter. Es war dunkel und die Straßenlaternen warfen hin und wieder helle Flecken auf den Asphalt. Er betrachtete die gelben Lichtkegel und beobachtete die Schatten der Nacht, die über den Fußweg tanzten. In Gedanken stand er noch immer neben ihr am Herd in der riesigen Küche mit all den anderen Kochkursteilnehmern. Gemeinsam hatten sie versucht die rundesten, schönsten, glattesten Kartoffelknödel herzustellen, die die Welt je gesehen hatte. Das waren nicht einfach nur Kartoffelknödel, sondern seidenen Klöße gewesen, die sie vom Leiter des Kochkurses in Auftrag bekommen hatten. Das Mehl wurde durch Speisestärke ersetzt und schon wurden sie glatt und zart, die Klöße. Er hatte in seinem Leben noch nie so gern Klöße gerollt, wie mit ihr an seiner Seite. Ihr schien es ähnlich zu ergehen. Sie hatten nebeneinander gestanden und er hatte das Gefühl gespürt, das von ihr ausgegangen war und sich in der Mitte zwischen ihnen mit seinem getroffen hatte. Es war ein schönes Gefühl. Ein Gefühl reiner Freude und Wärme. Er hatte es schon so lange nicht mehr gespürt. Als er in ihre Augen geschaut hatte, während sie in völliger Übereinstimmung den Teig in den Händen in gleichmäßigen Bewegungen zu Klößen formten, hatte er es in ihren Augen lesen können: Sie durchströmte das gleich Gefühl wie ihn. Es brauchte keine Worte. Jetzt nicht. Dennoch war er sicher, dass sie Worte finden würden für das was sich zwischen ihnen im Begriff war zu verknüpfen. Ihn hatte in diesem Moment eine große Ruhe überkommen. Eine Ruhe, die er sich immer gewünscht hatte. Einer der vielen Wünsche, die er fast vergessen hatte.
Der Leiter des Kochkurses hatte die Form ihrer Klöße sehr gelobt. Auch über den Geschmack hatte er nur Gutes zu berichten gehabt. Allerdings war er der Meinung gewesen, dass sie zu lange gebraucht hatten, um sie herzustellen. Da mochte er sicher Recht gehabt haben. Seinem Lächeln nach zu urteilen, kannte er auch den Grund dafür. Sie hatten so viel Spaß zusammen gehabt. Er und die Frau, die ihm beim Kochen als Partnerin zugeteilt worden war. Als er über die Straße schritt und in Erinnerung versank, war er geneigt über göttliche Fügungen seine Meinung zu ändern.
Es war der dritte Termin seines Kochkurses gewesen und die Frau, mit der er sich partnerschaftlich einen Herd geteilt hatte, hatte er zu einem Cafébesuch eingeladen. Sie hatte ihn angelächelt und ihm zu verstehen gegeben, dass sie sehr gerne mit ihm in ein Café gehen würde. Erst vor wenigen Tagen hatte er das kleine Café entdeckt, in das er sie ausführen würde. Es lag auf seinem Nachhauseweg, wenn er die Einkäufe in dem großen Supermarkt, der nicht weit von seiner Wohnung entfernt lag, erledigt hatte. Er musste schon sehr oft daran vorbeigekommen sein, aber erst letzte Woche war es ihm aufgefallen, das Café. Als er durch die Fensterscheiben geschaut hatte, war das einladende rote Sofa in seinen Blick gerückt. Ohne darüber nachzudenken, war er durch die Glastür getreten und hatte seine Einkaufstüten neben das Sofa gestellt. Er hatte sich auf das weiche rote Polster sinken lassen und sich für eine kurze Zeit ganz dem Geschmack des leckeren Kaffees hingegeben, den ihm die nette Bedienung zubereitet hatte. In dem Moment, als er den samtigen Bezug des Sofas unter sich gespürt hatte, war ihm bewusst geworden, dass er sie hierher einladen wollte. Sie würde dieses Café genauso gut leiden können, wie er. Dessen war er sich sicher.

Als er sich plötzlich vor der eigenen Haustür wiederfand, war er überrascht. Gedanklich war er so mit ihr und den Erinnerungen an den schönen Abend beschäftigt gewesen, dass er den Nachhauseweg unbewusst gefunden hatte. Als er die Tür zu seiner Wohnung aufgeschlossen und den Flur betreten hatte, sah er das Blinken des Anrufbeantworters. Sorgfältig schloss er die Wohnungstür. Er zögerte, bevor der den Wiedergabeknopf betätigte. Als der Anrufbeantworter das letzte Mal geblinkt hatte, war es seine Frau gewesen. Sie war zwar noch seine Frau, aber sie hatte ihn verlassen. Er lebte jetzt allein und nachdem er einige Zeit gebraucht hatte, um zu verstehen, was in seinem Leben und in ihrer Ehe falsch gewesen war, musste er feststellen, dass es das Beste war, was sie hatte tun können: Ihn zu verlassen. Er hatte den Wiedergabeknopf gerade gedrückt, da hörte er schon die Stimme der Frau, mit der er so viele Jahre Seite an Seite gelebt hatte und die er doch nicht kannte. Sie war wütend, das konnte er an ihrem Tonfall hören. Einem Impuls folgend, löschte er die Aufnahme, bevor er erfuhr, was sie von ihm wollte. Er atmete laut aus und ging in die Küche, um sich ein Glas Rotwein einzuschenken. Dann setzte er sich auf den Balkon und genoss die Erinnerung an den schönen Abend, während er den Schatten der Nacht beim Tanzen zuschaute.

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Begegnung V oder: Alles zurück auf Anfang

Langer Weg

Es war ewig her, dass sie sich so bewusst dem Fahren mit der U-Bahn hingegeben hatte. Die letzten Jahre war sie mit den Gedanken stets woanders gewesen, wenn sie die U-Bahn nutzen musste. Die erste Begegnung mit ihrem Mann war vor langer Zeit in Vergessenheit geraten. Nun hatte sie ihr Ziel erreicht und betrachtete die Rolltreppe mit einem Blick, die in ihr fast nostalgische Erinnerungen hervorrief. Hier hatte alles begonnen. Vor so vielen Jahren, dass es ihr erschien, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Auf seine Art und Weise war das kein verkehrter Gedanke. Sie schaute auf ihre Uhr. Wenn er es nicht vermasselte, dann könnte sie hier heute wieder von vorne beginnen. Ihre Liebe, die sie im Laufe der Jahre verloren hatten, konnte wieder gewonnen werden. Da war sie sich sicher. Auch wenn der alles verzehrende Alltag sie ihnen geraubt hatte. Heute sollte sie zum neuen Leben erweckt werden. So hatte die Frau es beschlossen. Sie hatte sich alles bis ins kleinste Detail ausgemalt. War zum Friseur gegangen. Hatte sich einen neuen Mantel gekauft. Ein kurzer Blick in die widerspiegelnde Fensterscheibe verriet ihr, dass es richtig gewesen war sich für den hellblauen Mantel entschieden zu haben. Heute sollte alles perfekt werden. Sie wollte es perfekt haben. Der Neuanfang sollte sich abheben gegen die letzten Jahre der Mittelmäßigkeit. Hoffentlich würde er nicht zu lange brauchen, um sie in der U-Bahn zu entdecken. Sie hatte ihm geschrieben, was er zu tun hatte. Jetzt musste er nur noch in der U-Bahnstation auftauchen und alles würde wieder gut werden. Nein, es würde besser werden. Sie würde dafür sorgen, dass es besser werden würde.
Sie setzte den Fuß auf die Rolltreppe, als sie eine freie Stufe entdeckte. Um sie herum waren Menschenmassen, die, wie sie, versuchten in das Innere der U-Bahnstation zu gelangen. Ihr Blick haftete auf der großen Uhr, die den Rolltreppenaufgang zierte. Sie war pünktlich. Damit sie nicht zu lange warten musste, hatte sie die Zeitspanne und auch die in Frage kommenden U-Bahngänge eingegrenzt. Sonst würde er sie am Ende nicht finden können. Das wollte sie nicht riskieren. Sie hatte die Uhrzeit so gelegt, dass er sie spätestens am frühen Abend gefunden haben musste. Dann hätten sie noch Zeit gemeinsam Essen zu gehen, um alles weitere zu besprechen. Sie hatte eine Liste der Dinge angefertigt, die sie geändert haben wollte. Es mussten Dinge aus ihrer gemeinsamen Wohnung gegen neue ausgetauscht werden. Sie war sich sicher, dass er nichts dagegen haben würde. Er würde einfach nur froh sein, dass sie endlich wieder nach Hause kam. Als sie einfach gegangen war, musste das für ihn ein Schock gewesen sein. Das war jetzt fast ein halbes Jahr her. Sie hatte beschlossen, dass er genug gelitten hatte.
Sie setzte sich auf eine zentrale Bank, von der aus sie einen guten Blick auf das Geschehen in der U-Bahn hatte. Die Menschen glichen einem Ameisenhaufen. Sie liefen in die verschiedenen Richtungen. Alle zusammen und doch jeder in seiner eigenen Welt versunken. Mit dem Handy am Ohr. Den Blick zum Boden gesenkt. Manche schauten auf die Uhr und sprinteten los. Sie atmete aus und freute sich über ihren gut durchdachten Plan. Während sie ihre Zeitung aus der Handtasche nahm, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Als sie die Zeitung ausgelesen hatte, schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass die Hälfte der Zeit schon vergangen war. Sie runzelte die Stirn. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er so spät kommen würde. Eher hatte sie gedacht, dass er direkt am Anfang der von ihr bestimmten Zeitspanne vor ihr stehen würde. Sie seufzte. Wahrscheinlich suchte er sie schon seit Stunden. Sie würde wohl sitzen bleiben und warten müssen. Sie bereute, sich keine weitere Zeitung mitgenommen zu haben. Sie wartete und studierte die Menschen, die an ihr vorbei liefen und keine Notiz von ihr nahmen. Es waren viel weniger Menschen, als zu Beginn ihrer Wartezeit. Nach einer weiteren Stunde, liefen nur noch vereinzelte Personen durch die Gänge und sie hatte einen sehr guten Überblick über jeden der da die Rolltreppe rauf und herunterfuhr. Sie wurde von Minute zu Minute unruhiger und wütender. Das konnte doch nicht sein, dass er nicht kam. Bestimmt hatte er sich das falsche Datum notiert. Oder die falsche Uhrzeit. Wahrscheinlich beides. Es war zum verrückt werden mit ihm. Nie konnte man sich auf ihn verlassen. Als die Nacht durch den Rolltreppenaufgang in die U-Bahnstation hereinlugte, beschloss sie nach Hause zu fahren. Sie wusste nicht welches Gefühl überwog. Die Wut oder die Traurigkeit. Als sie endlich zu Hause ankam, wurde ihr klar, dass sie einen ganzen schönen Nachmittag vergeudet hatte. ER hatte ihn verdorben, diesen Nachmittag, der eigentlich ihr Neuanfang hatte sein sollen. Sie holte ihr Telefon und wählte seine Nummer.
Als er lächelnd die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, war er noch immer in Gedanken mit dem Fischrezept beschäftigt. Er war so froh, sich bei dem Kochkurs angemeldet zu haben. Erst hatten ihn Angst und Bedenken davon abgehalten, aber die Werbung in der Zeitung hatte so spannend geklungen, dass er einfach nicht hatte widerstehen können. Es war ein toller Abend gewesen. Er hatte so viele nette Menschen getroffen. Sie hatten zusammen gekocht und danach waren sie noch ein wenig im Restaurant geblieben und hatten Wein getrunken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so intensiv mit anderen Menschen ausgetauscht hatte. Das Beste war aber das Gefühl gewesen, dass ihm jemand wirklich zugehört hatte. Als er jetzt die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ, freute er sich auf die weiteren neun Termine, die er noch vor sich hatte. Er summte ein Lied vor sich hin und hängte seine Jacke an die Garderobe. Das Blinken des Anrufbeantworters fiel ihm ins Auge. Er stutzte. Vielleicht sein Sohn? Er drückte auf den Knopf und sofort konnte er ihre Wut hören. Sie beschwerte sich. Darüber, dass er nicht zum richtigen Zeitpunkt dagewesen war. Dass er alles kaputt gemacht habe. Sie hatte auf ihn an der U-Bahnstation gewartet. Er stutzte und erst nach einigen Sekunden rückte ihr Brief zurück in sein Gedächtnis. Er hatte ihn weg geworfen und sich nicht weiter darum gekümmert. Das Datum hatte er sich nicht gemerkt, weil er nicht vorgehabt hatte zu diesem Treffen zu gehen. Kurz überkam ihn die Idee, dass er ihr vielleicht hätte sagen sollen, dass er nicht kommen würde. Kurz, dann war der Gedanke verflogen. Er drückte auf die Löschtaste des Anrufbeantworters und holte sein Rezeptbuch heraus, um das Fischrezept fein säuberlich aufzuschreiben.