Schlagwort-Archive: Leuchtturm

So sieht sie aus, die Wattenmeerelfe!

Wattenmeerelfe Deich

Das Schreiben meines Kinderbuchs neigt sich langsam dem Ende entgegen. Da hat es etwas mit den Sommerferien gemein. Ich befürchte, dass die Ferien schneller beendet sein werden, als mein Kinderbuch. Trotzdem wird es Zeit sich um die Illustration der Geschichte zu kümmern. Habe ich gemacht: So sieht sie letztendlich aus – die Wattenmeerelfe. Und wer genau hinguckt, kann im Hintergrund den Leuchtturm von Forum sehen. Womit auch klar wäre, wo die Geschichte spielt: An der ostfriesischen Nordsee – wo sonst sollten Wattenmeerelfen leben?

Advertisements

Aufgetaucht

Leuchtturm Bremerhaven

Der Augenblick, in dem sie dachte, dass sie es wirklich keine Sekunde länger bei den Socken aushalten würde, war vorbei, als sich jemand Ivi erbarmte und mit einem Ritsch den Reißverschluß geöffnet hatte. Die Wattelfe schaffte es gerade noch sich in ein Paar Ringelsocken zu retten, bevor eine Kinderhand die Strümpfe ergriff und in eine Jackentasche stopfte. Ivi saß in der Tasche eines kleinen Mädchens fest. Das Innere der Tasche war klein, dennoch freute es Ivi, dass sie den wenigen Raum mit zwei Stückchen Schokolade teilte. Bald war es nur noch ein Stück und Ivi hatte einen zufriedenen Gesichtsausdruck. Das Mädchen sprach die Frau mit Mama an. Einen Augenblick blitzte der Gedanke an Ivis eigenen Mama durch den Kopf, den die Wattelfe schnell beiseite schob. Vielmehr wollte sie wissen, wo sie war und wohin die beiden gingen. Mit etwas Mühe kletterte sie auf das Sockenpaar und versuchte aus der Jackentasche zu schauen. Das war nicht einfach, aber irgendwann hatte Ivi eine Position gefunden, von der sie einen guten Ausblick hatte. Mutter und Tochter gingen direkt auf ein Gebäude zu. Zoo am Meer stand in großen Buchstaben oben drauf. Ivi stöhnte innerlich. Schon wieder Meer! Da konnte das Watt nicht weit sein. Kaum dachte sie an Schlick und Wasser, juckten ihre Füße in den Gummistiefeln. Das taten sie, seit die Wattenmeerelfe heute morgen aufgewacht war. Aber sie hatte keine Zeit sich darum zu kümmern. Im Zoo gab es so viel zu sehen und zu bestaunen. Die vielen Tiere, Menschen und erst das Gebäude! Das Kind, in dessen Tasche sie steckte, lief kreuz und quer von einem Gehege zum anderen und rief bestimmt tausend Mal: „Mama, guck mal!“ Ihre Mutter antwortete ebenso oft: „Na, was gibt es denn da zu sehen?“ Ivi hätte am liebsten auch etwas gerufen, aber sie ließ es bleiben. Ihre Mama hatte ihr schon als kleine Elfe beigebracht, sich in Gegenwart der Menschen ruhig zu verhalten. Zwar sahen die Menschen die Wattelfen sowieso nicht, weil sie kleine Geschöpfe waren und sich farblich der Umgebung anpassen konnten, aber bei Kindern musste man besonders vorsichtig sein. Denn: Die guckten noch genau hin und sahen mehr, als das Auge allein erfassen konnte. 

Das Mädchen trug Ivi von Tier zu Tier, ohne dass sie eine Ahnung davon hatte. Sie hörte der Mutter zu, wie diese ihrer Tochter immer wieder etwas zu den Tieren erklärte. Sie waren lange unterwegs, denn das Mädchen wollte manche Tiere immer wieder anschauen. Besonders die Seehunde hatten ihr es angetan. Ivi hatte sich noch nicht entschieden, welches Tier sie am liebsten hatte, als die Mutter sagte: „Komm mein Schatz, wir müssen zum Auto. Wir haben noch eine lange Fahrt vor uns.“ Das Mädchen nickte und hüpfte vor ihrer Mutter dem Ausgang entgegen. Ivi hüpfte mit. Was blieb ihr auch anderes übrig in der Tasche? Der letzte Blick den sie erhaschen konnte, bevor sie mit der Jacke ins Auto verfrachtet wurde, war auf einen Leuchtturm. Irgendwie machte sie das traurig. Wer weiß, ob sie jemals wieder Leuchttürme zu sehen bekommen würde. Vielleicht war dies der letzte in ihrem Leben? Das Auto startete und Ivi rollte sich in der Jackentasche zusammen. Trotz ihrer Aufregung versuchte sie es sich so bequem wie möglich zu machen. Was mit ihren juckenden Füßen gar nicht so einfach war.

Ivi auf Reisen: Im Sockenfach

Sockenfach

Etwas hatte sie aus dem Schlaf gerüttelt. Als sie die Augen mit einem kleinen Blinzeln öffnete, blendete sie die helle Sonne. Es war noch früh am Morgen. Sofort kam die Erinnerung zurück: Sie war noch immer am Deich! Ivi schüttelte sich und ballte die kleinen Fäuste. Immer und immer wieder der Deich mit seiner Ebbe und Flut. Sie mochte sie einfach nicht mehr sehen und fühlte die gleiche Wut wie am Vorabend in sich aufsteigen. Als Ivi sich umschaute, erinnerte sie sich: Gestern hatte sie Zuflucht in einem Zelt gefunden. Weich und kuschelig war die Höhle gewesen, in der sie geschlafen hatte. Nun erkannte die Wattenmeerelfe, dass sie in der Seitentasche eines Trollis gelandet war. Es waren viele bunte frische Kindersocken darin, die ihr eine gute Nacht beschert hatten. Die Elfe hatte so gut geschlafen, wie seit langem nicht. Hatte sie es doch gewusst: Im Trocknen sein, war einfach viel besser.
 
Ratlos thronte Ivi auf dem obersten Strumpf und überlegte, was zu tun sei. Sollte sie wieder zurück zum Dorumer Deich? Oder hier bleiben und eine neue Deichhöhle suchen? Sie erinnerte sich an den kleinen Leuchtturm. Vielleicht bot der auch eine Unterkunft für so eine kleine Elfe wie sie? Den Gedanken weiter zu ziehen, um etwas ganz anderes zu finden, hatte sie am gestrigen Abend verworfen. Sie war bereit die große Sehnsucht nach einem Leben ohne Watt und Deich aufzugeben. Vielleicht sollte es so sein: Wattenmeerelfen gehören nun mal ins Watt! Das hatte sie früher schon immer zu hören bekommen. Damals war in ihr die Gewissheit gewachsen, dass wenn man nur diese Gummistiefel und das Watt los wäre, dann könne auch das schöne Leben beginnen. Mit dieser Meinung hatte sie ziemlich alleine dagestanden. Die anderen Elfen verstanden das nicht, schließlich liebten sie das Meer mit seinen Gezeiten und den dazugehörigen Gummistiefeln. Ivi wollte etwas anderes, aber das andere sie offenbar nicht. Sie seufzte und spürte, dass sie hungrig wurde. Aber es kam nicht mehr dazu, dass sie aus ihrem Sockenfach klettern konnte. Mit einer schnellen Bewegung schloss jemand den Reißverschluss des Trollis. Um Ivi herum wurde es dunkel. Dann wurde sie ein paar mal hin und her geschleudert. Die weichen Socken verhinderten glücklicherweise Verletzungen. Mit dem lauten Knallen einer Tür war das Geschaukel beendet. Da saß sie nun. Hungrig und ängstlich in ihrem dunklen Sockenfach. Was würde nun passieren? Plötzlich wünschte sie sich, sie wäre wie alle anderen Wattenmeerelfen. Dann würde sie jetzt auf die Flut warten und sich des Lebens freuen. Stattdessen steckte sie in einem Kindertrolli fest. 
 
Während die Wattelfe zwischen den Socken saß, fuhr das Auto, in dessen Kofferraum der Trolli lag, in Richtung Bundesstraße. Ivi konnte nicht hören, wie sich die Frau und das Kind im Auto über die bevorstehende Reise austauschten. Dass sie sehr lange unterwegs sein würden, erfuhr Ivi erst später.

Mehr Meer!

Sie hatte es satt, das Watt! Sie hatte noch nie verstehen können, dass alle anderen Wattenmeerelfen verrückt nach Schlick und Salzwasser zu sein schienen. Offenbar war sie die einzige Elfe weit und breit, die gerne auf das Watt verzichtet hätte. Gegen das Meer war ja nichts einzuwenden. Damit konnte sie leben, wenn es sich mal blicken ließ, das Meer. Sie mochte das Rauschen und Wellen waren ebenfalls ganz wunderbar. Aber warum sollte man in dunklen feuchten Deichhöhlen leben wollen? Schon als kleine Elfe hatte sich jeder ihrer Gedanken darum gedreht, wie es sich wohl im Trocknen leben ließe. OHNE diese blöden Gummistiefel.

Sie hatte sich auf den Weg gemacht, um ihr Glück weit weg von den Dorumer Deichhöhlen zu finden. Weit war sie nicht gekommen. Auch wenn ihre Fahrt in der Fahrradtasche insgesamt sehr komfortabel gewesen war. Als das Rad endlich stand und die Elfe aus der Tasche geklettert war, musste sie feststellen, dass das Watt noch immer direkt vor ihrer Nase war. Erst hatte sie gedacht, dass sie im Kreis gefahren war. Ein Blick auf den Leuchtturm verriet ihr jedoch, dass es nicht mehr der Dorumer Deich war, auf dem sie stand. Sie hatte es bis in den Nachbarort geschafft.
Leuchtturm_Wremen
Was für ein Mist! Wer weiß, vielleicht bestand die ganze Welt aus Deichen und sie würde nie einen Weg finden irgendwann einmal ins Trockene zu kommen?
Ziemlich frustriert tappte die kleine enttäuschte Wattelfe am Deich entlang und war bereit sich ihrem Schicksal zu ergeben. Dann würde sie eben am Deich bleiben, egal an welchem. Ebbe und Flut würden ihr Leben bestimmen, so wie es sich für eine Elfe vom Watt gehörte. Sie war zu müde, um weitere Pläne zu schmieden. Es musste ein Schlafplatz her. Als sie das aufgestellte Zelt auf dem Deich entdeckte, überlegte sie nicht lange. Sie krabbelte hinein und rollte sich auf einer weichen Unterlage zusammen. So kuschelig weich hatte sie noch nie gelegen! Aber darüber nachdenken ging nicht, denn sie war sofort eingeschlafen.
Obwohl die kleine Wattenmeerelfe Ivi dachte am Ende ihrer Reise angekommen zu sein, sollte sie jetzt erst richtig losgehen. Aber das ahnte sie in diesem Moment noch nicht.