Schlagwort-Archive: Kurzgeschichte

Neue Geschichten vom Sofa – Kapitel 4: Die Stimme

In Zeiten von Corona ist Zeit plötzlich etwas, das im Überfluss vorhanden ist. Ob es die Freizeit oder die Arbeitszeit ist – alles fließt ineinander und findet in den gleichen Räumlichkeiten statt. Homeoffice, Familienzeit, freie Zeit – alles zur gleichen Zeit. Alles wird immer möglich.

Was also tun, wenn viele Dinge nicht mehr getan werden können, aber die Zeit zum Nachdenken darüber vorhanden ist?

Ich habe beschlossen neue Geschichten vom Sofa zu schreiben. Die einzige Möglichkeit momentan in ein Café zu gelangen. Auch wenn es ein sehr einladendes Café ist und seine Besitzerin eine Frau ist, die man gerne zu seinen Freunden zählen möchte, der junge Protagonist der folgenden Geschichte mag das Cafe trotzdem nicht. Warum das so ist? Vielleicht liegt es daran, dass wir alle schon so lange nicht heraus können, dass ich über jemanden schreibe, der in seiner Gefühlswelt gefangen ist? Aber lest selbst.

Kapitel 4: Die Stimme

Als er bemerkte wo er sich befand, war es zu spät. Er schaute sich um und alles was er entdeckte, hatte nichts mit ihm zu tun. Alles sah falsch aus. Nichts von dem was er in diesem Café erblickte, gehörte in seine Lebenswelt. Bis jetzt war er wenige Male in Kneipen gewesen oder in Bistros. Immer allein. Wer hätte ihn begleiten sollen? Dieses Café war eindeutig ein Raum, in dem sich seine Mutter wohl gefühlt hätte. Was sollte er hier? Er wäre so gerne gegangen, aber seine Beine wollten nicht gehorchen und blieben wo sie waren: An einem Platz, wo er nicht hingehörte. Wieso überraschte ihn dieses bekannte Gefühl immer wieder aufs Neue? Er und dieses Gefühl waren gute alte Bekannte. Es kam immer wieder ungefragt und er verabscheute es. So war es und es ließ sich nicht ändern. Er hatte es so oft versucht. Vergeblich. Er hasste es, wie so vieles andere auch. Da seine Beine beschlossen hatten hier zu bleiben, suchte er nach einem freien Sitzplatz. Außer dem alten roten Sofa war nichts frei. Ohne es zu merken biss er die Zähne zusammen und schaute sich um, während er auf das Sofa zusteuerte. Nur hin und wieder begegnete ihm der Blick einer der anwesenden Menschen. Er konnte den Blick in die Augen anderer nicht ertragen. Nie wusste er, warum sie ihn anschauten. Oft hatte er sich gefragt, was die Augen der Menschen ihm sagen wollten. Er verstand die Bedeutung nicht. Der Blick der anderen machte ihm Angst. Alle schienen zu wissen, was in den Augen der Menschen geschrieben stand, wenn sie einander anschauten. Er wusste es nicht. Ihm fehlte diese Fähigkeit. Er beherrschte diese Sprache nicht und er verstand nicht, was Gesichter und Augen zu bedeuten hatten. Das war einer der Gründe weswegen er es klüger fand, den Menschen aus dem Weg zu gehen. Er mied sie, wo er nur konnte. Leider war das viel seltener möglich, als ihm lieb gewesen wäre. Als er sich dem Sofa näherte, hielt er seinen Blick zum Boden gesenkt. Der Boden war ein unverfänglicher Gesprächspartner. Widerwillig ließ er sich auf das Sofa fallen und sofort quälte ihn die Frage, wie er seine Beine dazu bekommen konnte, diesen Ort zu verlassen. Das einfachste wäre gewesen, sofort wieder heraus zu laufen. Dafür hätte er seine Beine benötigt, die jedoch wieder streikend unter dem Tisch verharrten. Er blieb wo er war: Auf dem roten Sofa.

Als die Bedienung am Nebentisch eine Tasse Kaffee auf den Tisch gestellt hatte, entdeckte sie den jungen Mann. Er hatte sich ganz an den Rand der Sofalehne gedrängt. Beim zweiten Hinschauen sah sie, dass er fast noch ein Junge war. Vielleicht hatte er gerade die Volljährigkeit erreicht, aber älter war er keinesfalls. Während sie die übrige Bestellung von ihrem Tablett auf den Tisch stellte, fragte sie sich, was diesen jungen Mann in ihr Café geführt haben könnte. Üblicherweise waren ihre Gäste älter. Junge Menschen bevorzugten Cafés mit angesagter Musik. Ihre Tochter hatte ihr einen langen Vortrag über die Vorlieben der Jugend gehalten und ihr deutlich gemacht, dass das Café ihrer Mutter sicher kein Treffpunkt für junge Leute werden würde, nicht bei dieser Musik im Hintergrund. Manchmal hatte sich die Cafébesitzerin gefragt, ob diese Erkenntnis sie bei der Musikauswahl beeinflusst haben könnte. Letztendlich war sie jedoch zu der Gewissheit gelangt, dass es ausschließlich ihre Vorliebe für klassische Musik gewesen war. Sie hatte nichts gegen junge Menschen, aber ihre Musikvorlieben konnte sie nicht teilen. Da glich sie wohl vielen anderen Menschen, die ihre Lebensmitte überschritten hatten. Als sie sich dem Mann auf dem Sofa näherte, hatte er in ihren Augen viel mehr von einem Jungen, als von einem Mann. Auch wenn dieser Junge sehr hoch gewachsen war und sicherlich fast an die ein Meter neunzig Marke heranreichte, er hatte ein Jungengesicht. Er war schlaksig und sie dachte, dass dies häufig der Fall war, wenn junge Menschen plötzlich an Größe zulegten. Die Größe änderte sich schneller, als das Gewicht hinterher kam. Im Alter relativierte sich das meistens, war ihre Erkenntnis, als sie vor ihm stand. Sie schaute ihren Gast an, aber dieser wich ihrem Blick aus. Er ließ seine Augen wirr durch das Café gleiten. Sie schienen nirgendwo anzukommen. Als sie die Hoffnung auf einen Blickkontakt aufgegeben hatte, fragte sie: «Hallo. Was darf ich ihnen denn bringen?» Er schaute sie noch immer nicht an. Sie runzelte leicht ihre Stirn und fragte sich, ob er sie überhaupt verstanden hatte. Vielleicht hörte er schwer? Sie wiederholte ihre Frage und der junge Mann fing an in seinen Hosentaschen zu suchen. Der Blick der Bedienung fiel auf den Rucksack, den er unter den Tisch gestellt hatte. Er war alt und der Reißverschluss wurde von einer verbogenen Sicherheitsnadel zusammen gehalten. Auf einmal hatte sie eine Ahnung, wonach der Mann suchen konnte. Sie hatte gerade den Mund geöffnet, um ihrem Gast mitzuteilen, dass er in Ruhe überlegen könne, was er trinken wolle, als er fragte: «Was kostet eine Cola?» Sie antwortete: «Zwei Euro.» Das war eine Lüge, aber der Gast nickte, hatte sich offenbar sofort entscheiden und sie war der Meinung, dass es durchaus vertretbar war auf die fehlenden siebzig Cent zu verzichten. Offenbar hatte der junge Mann wenig Geld. Es war nicht nur der Rucksack, der das vermuten ließ, sondern auch die abgelaufenen und kaputten Turnschuhe. Der Pullover, der zu klein war und dessen Ärmel nicht bis zum Handgelenk reichten, tat sein Übriges, um das Bild zu vervollständigen. Sie ging in die Küche und füllte ein großes Glas mit Cola. Als sie mit seiner Bestellung auf ihn zuging, trafen sich durch Zufall kurz ihre Blicke. Er konnte dem Blick in ihre Augen nicht standhalten und gleichzeitig griff er nach seinem Rucksack, um ihn neben sich auf das Sofa zu stellen. Diese Bewegung und der kurze Blick in seine dunklen Augen, ließ die Bedienung in ihrer Bewegung verharren. Sie hatte nur kurz in das Braun seiner Augen geschaut, aber alles was sie dort erkennen konnte war: Nichts. Sie schluckte. Das konnte nicht sein. Sie hätte gern ein zweites Mal hineingeschaut. Nicht weil es so schön gewesen wäre, sondern weil sie nicht glauben wollte, was sie gesehen hatte. Aber der junge Mann ließ es nicht zu. Wie konnte das sein? Ein Mensch mit leeren Augen, der hier am Tisch auf ihrem Sofa saß? Und was war in diesem Rucksack, war die Frage, die sie sofort erfüllte. Welche Beweggründe hatten ihn in ihr Café geführt? Er schien sich nicht besonders wohl zu fühlen und dennoch hatte er sich hier auf das Sofa gesetzt. Die Hand auf dem Rucksack, bezahlte er sofort die Cola, die sie ihm auf den Tisch gestellt hatte. Es war der Ausdruck seiner Augen, die er ruhelos durch das Café ziehen ließ, seine Hand, die den Rucksack fest umfasste und auch der Klang seiner Stimme, als er sie beim Bezahlen nach der Uhrzeit fragte, die ihr ein ungutes Gefühl bereiteten. Es war mehr als ein ungutes Gefühl. Die Haare ihrer Unterarme standen gen Himmel und sie spürte dieses Kribbeln der Furcht im Nacken. Als sie zu einem der Tische ging, an denen eine Frau die Hand gehoben hatte, um zu bezahlen, drehte sie sich noch einmal zu dem jungen Mann um, nur um zu erkennen, dass ihr dieser Blick weder die Beunruhigung nahm, noch weitere Erkenntnisse hervorbrachte.

Der junge Mann auf dem Sofa folgte der Bedienung mit den Augen. Bestimmt wollte sie etwas von ihm. Egal was es war, er war überzeugt, dass es nichts Gutes sein konnte. Nie wusste er, was die Menschen von ihm wollten. Aber er war sich sicher, dass sie es nicht gut mit ihm meinten. Alles was er im Leben gelernt hatte, war ein Beweis dessen, dass die Menschen schlecht waren. Vor allem zu ihm. Aber er würde es ihnen schon zeigen. Irgendwann, ihnen allen. Er zog den Rucksack fester an sich und beobachtete die Menschen im Café. Sie sollten ihn nur in Ruhe lassen. Keiner sollte ihm zu nah kommen. Dafür würde er sorgen. Immer hatte er darauf gewartet, dass er sich wehren konnte. Jetzt konnte er das. Er war endlich alt genug sich denen entgegenzustellen, die ihn verhöhnt und verlacht hatten. Die, die sein Leben schwer gemacht hatten. Er würde es keinem Menschen mehr erlauben ihn zu demütigen. Verstohlen betrachtete er die Menschen um sich herum. Sie alle waren eine Gefahr. Wenn er nicht aufpasste, würden sie über ihn herfallen. Er musste auf der Hut sein. Sie im Blick behalten. Er würde dafür sorgen, dass keiner ihm zu nahe kommen würde. Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Ein Blick darauf genügte, um ihm zu zeigen, dass es besser war, es vibrieren zu lassen. Er erkannte die Nummer, obwohl er sie nicht eingespeichert hatte. Es war die Nummer seiner Mutter. Sie hatte sich in sein Hirn gebrannt. Die Nummer. Er wusste, was sie wollte, dafür musste er nicht mit ihr sprechen. Sie hatte irgendetwas an ihm auszusetzen. Immer war sie unzufrieden mit ihm. War sie schon immer gewesen. Egal was er auch tat, sie wollte es anders. Nichts was er getan hatte, hatte sie zufrieden stellen können. In keiner Weise. Er wusste nicht was schlimmer war: Das oder die Tatsache, dass sie ständig wissen wollte wo er war, was er tat, was er dachte. Immer wollte sie Dinge von ihm wissen, die er nicht sagen wollte. Es war zum verrückt werden. Seine Mutter war eine Spinne und hatte ihn fest mit undurchdringlichen Schnüren umspannt. Sie machte ihn bewegungsunfähig. Sie war wie alle anderen. Sie tat ihm weh. Alle Menschen taten ihm weh. Die einen früher, die anderen später. Seine Mutter war die Schlimmste von allen. Diese Erkenntnis trug er schon lange in sich. Er würde sich schützen und sie sich vom Hals schaffen. Die Menschen, die ihm immer zu nahe zu kommen drohten. Wieder spürte er das Vibrieren in der Hosentasche. Er zog das Handy heraus. Eine Nachricht. Er steckte es wieder ein, ohne die Nachricht gelesen zu haben. Das Vibrieren wiederholte sich. Wieder und wieder. Sie gab nicht auf. Nie gab sie auf. Er hätte das Handy ausmachen oder stumm schalten können. Er tat es nicht. Aus dem gleichen Grund, weswegen er das Café nicht hatte verlassen können. Er konnte keinen Abstand finden. Er war ihnen ausgeliefert: Seiner Umwelt und dem Hass. Dem Hass gegen alles und jeden. Er hasste sich dafür. Wahrscheinlich am meisten von allen. Das Vibrieren hörte nicht auf. Während seine eine Hand den Rucksack fest im Griff hielt, holte die andere mit zitternden Fingern das Handy erneut hervor. Wie gern würde er sich dagegen wehren. Er hatte die Augen geschlossen und an seinen mahlenden Kieferknochen war zu erkennen, dass er die Zähne fest aufeinander biss. Er versuchte die Kontrolle zu behalten. Es hämmerte in seinem Kopf. Mach sie fertig. Es war die Stimme, die er kannte. Sie wiederholte sich. Immer mit der gleichen Intonation. Sie war immer gleich. Verlässlich. Sie scherte sich nicht um das, was draußen war. Sie hatte sich eingepflanzt in seinem Kopf. Mach sie fertig, hatte sie ihm zugeflüstert. Von Anfang an. Er hatte ihr gehorcht. Er konnte nicht anders. Mittlerweile war er bei Level 24 und die Stimme hatte ihn begleitet. Sie hatte ihn geführt und beaufsichtigt. War bei ihm geblieben. Die erste Frauenstimme, die ihm Sicherheit verlieh. Sie war da und würde ihn nicht angreifen. Sie reichte ihm das, was er brauchte und war immer da, wenn er sie brauchte. Mach sie fertig. Mach sie fertig. Er wusste wie sie aussah und was sie anhatte. Wenn sie auf dem Bildschirm erschien, dann hatte er keine Angst mehr. Sie wusste was zu tun war. Als er die Augen öffnete, war sie weg. Dafür hatte er noch immer das Handy in der Hand. Es vibrierte. Seine Mutter hatte nicht aufgegeben. Er atmete stoßweise durch die zusammengebissenen Zähne und spürte, wie die Wut ihn durchflutete. Er drückte auf eine Taste und las ihre Nachrichten. Sie war wütend. Wo er bleibe? Warum er nicht antwortete? Sie würde ihm schon zeigen, was das für ihn bedeutete! Er versuchte zu atmen, aber es gelang ihm nicht. Sie saß auf seiner Brust und schnürte ihm die Luft zum Atmen ab.

Das Café hatte sich gefüllt. Kein Tisch war leer geblieben und die Bedienung hatte alle Hände voll zu tun. Wenn sie in diese Situation kam, dann liebte sie ihr Café besonders. Es war gefüllt mit Leben und sie durfte teilhaben. Die Menschen ein wenig begleiten, was ihr jedes Mal ein gutes Gefühl verlieh. Alle Tische waren besetzt und sie musste oft in die Küche, um allen die Hunger hatten, etwas zu Essen zu zubereiten. Es entging ihr, wie der Gast auf dem Sofa hin und her rutschte. Keiner der Menschen im Café nahm ihn wahr. Alle waren mit sich beschäftigt. Mit den kleinen und großen Ereignissen des Lebens. Es wurde gegessen, gelacht, getrunken. Die Menschen befanden sich in einer Welt, zu der dem jungen Mann der Zutritt fehlte. Schon immer gefehlt hatte. Er spürte es und er hasste sie alle dafür. Er kannte sie nicht, aber er hasste sie. Er war allein mit seinem Handy und niemand nahm es ihm aus der Hand. Niemand sagte seiner Mutter, dass sie ihn in Ruhe lassen sollte. Niemand. Nur er konnte machen, dass es aufhörte. Heute. Jetzt. Er griff nach seinem Rucksack. Drückte ihn fest an sich. Niemand hörte das Grollen tief in seiner Seele, dass es diesmal bis über seine Lippen geschafft hatte. Es war ein leises Grollen. Noch. Die Musik und die Menschen übertönten dieses Geräusch. Er war so weit. Er war alt genug. Groß genug. Er würde die Dinge selbst in die Hand nehmen. Endlich konnte er sich wehren. Er glaubte fest daran, dass er es konnte und dass es richtig war. Als er mit wenigen Laufschritten die Tür erreicht hatte, zog er die Tür auf und schloss die Augen bevor er auf die Straße trat. Er wusste, wenn er die Augen schloss, würde sie bei ihm sein. Das war sie. Sie war seine Partnerin und sagte, was sie immer zu ihm sagte: Mach sie fertig! Er öffnete die Augen und war dankbar. Dankbar, dass sie bei ihm war und ihm Mut zusprach. Er drückte den Rucksack so fest an sich, wie er konnte und wusste, was er zu tun hatte.

Die Bedienung hatte den jungen Mann nur noch kurz im Herauslaufen gesehen und bemerkt, dass seine Hose ebenfalls viel zu kurz war. Dann war sie in die Küche gegangen, um einen weiteren Salat für einen ihrer Gäste zuzubereiten. Sie war froh darüber, dass der Mann nun endlich weg war. Er hatte etwas Beunruhigendes an sich gehabt.

Vom Suchen und Finden oder: Wie das Häschen seinem Platz fand

Mein Beitrag zum Thema: Identität und Realitätsabgleich

Das Häschen raste los. Es hatte sein Bündel geschnürt, mit den wichtigsten Dingen, die ein Häschen benötigte. Die Angst und die Scham ließ es davon laufen. Schnell hatte es eine große Strecke zwischen sich und dem Angreifer gebracht. Das war gerade nochmal gut gegangen! Wie so oft. Aber wie oft konnte das noch gutgehen, fragte sich das Häschen immer wieder.

Als es immer weiter in den tiefen Wald gelaufen war, fragte sich das Häschen, wann es endlich einen Platz fände, an dem es so sein dürfte, wie es war. Es war mittlerweile so müde vom immer gleichen Suchen. Es wollte endlich einmal einen Ort finden, nicht immer nur suchen. Als es anfing zu regnen, kam das Häschen nur noch langsam voran. Dabei musste es seine großen Füße heben und sich darauf konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Dabei grübelte es vor sich hin. Das konnte es wirklich gut! Wie oft hatte es schon versucht eine Bleibe für sich und seine Bedürfnisse zu finden. Aber bis jetzt hatte es noch keinen Platz gefunden, an dem es so bleiben durfte, wie es war. Erst gestern hatte es gedacht, dass das viele Suchen mit einem Finden belohnt worden war. Das Häschen hatte eine ruhige Stelle im Wald gefunden. Unter einem großen schönen Baum. Weit und breit war Stille und niemand zu sehen. Hier konnte sich das Häschen bestimmt verstecken und keiner würde sich an ihm stören. So dachte es jedenfalls. Das Häschen hatte eine Grube gegraben, sich hinein gelegt und gehofft, dass es niemanden stören würde, wenn ein Häschen unter einem Baum im Wald lebte. Aber das Glück hatte nicht lange angehalten. Das Häschen hatte sich gerade zum schlafen hingelegt, da vibriert die Erde. Steine und Erde flogen in die Häschengrube. Ein Erdbrocken klatschte dem Häschen auf die Nase und vor Schreck fiel es mit einem lauten „Plumps“ aus dem Bett. Blitzschnell war es totenstill. Das Häschen hatte wahnsinnige Angst. Zitternd krabbelte es vorsichtig zum Ausgang der Grube. Als es ängstlich sein Näschen an die Luft streckt, erblickte es zwei fürchterlich große Nasenlöcher. Sie schnaubten dem Häschen die Ohren nach hinten. Es musste die Augen zukneifen, weil der fürchterliche Atem dem Häschen die Tränen in die Augen trieb. Neben der großen Wildschweinnase standen zwei bedrohliche Hörner ab. Das Wildschwein schnaubte erneut und seine grollende Stimme sagte: „Was suchst du unter meinem Lieblingsbaum, du Häschen du! Du bist zu klein, zu weich und zu…. Offenbar fehlten dem Schwein da die Worte. Dem Häschen lagen schon helfende Begriffe auf den Zunge, die sie dem Schwein gerne unterstützend gegeben hätte, wie z. B. dumm, nichtsnutzig, schwach….ängstlich. Das Häschen hatte schon so viele Wörter über sich gehört, es hätte dem Schwein, das offensichtlich Wortfindungsstörungen plagten, so gerne geholfen, aber: Es traute sich nicht. Das Schwein grunzte nur und grollte mit tiefster und finsterster Stimme: „Wenn ich morgen zurückkomme, bist du verschwunden!“ Damit hatte es sich umgedreht und war mit lautem Getöse davon gestapft. Nicht ohne dem Häschen noch mehr Erde und Steine in die Grube zu schmeißen. Das Häschen hatte geseufzt. Es war tieftraurig und sammelte sein Hab und Gut zusammen. Dann war es von dannen gehoppelt, wie immer.

Daran dachte nun das Häschen, als es sich im Regen unter einen Busch gekauert hatte. Es dachte an die vielen erfolglosen Versuche für sich einen Platz im Wald zu finden. Als es sich z. B. mit großer Mühe in einem heruntergefallenes Nest einquartiert hatte, war es vom Picken einer großen Elster wachgeworden. Es hatte sich gewundert, warum dieser Vogel ein Nest am Boden beherbergen wollte, aber das Häschen konnte vor lauter Angst nicht sprechen. Es war aus dem Nest geflüchtet und hatte schnell das Weite gesucht. Auch der Versuch sich tief in die Erde zu graben, hatte nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Auch da wohnten schon welche, die nicht bereit waren, das Häschen neben sich zu akzeptieren. Herr Maulwurf hatte drohend seine großen Schaufelhände geschwenkt und war nicht mal bereit gewesen, seine dunkle Brille abzunehmen. Das Häschen war weggerannt, so schnell es konnte. So wie heute und die vielen Male davor. Nun saß es erschöpft, traurig und resigniert unter diesem Busch, von dem es sicher war, dass es garantiert jemanden geben würde, der sich am Häschen störte. Aber so kraftlos wie es gerade war, rollte es sich trotzdem zusammen und schlief sofort ein. Es schlief sehr lange und im Traum erschien ihm die Hasenfee. Sie war eine sehr runde Hasenfee und das schlafende Häschen fragte sich im Traum, ob die Hasenfee eigentlich wusste, dass die kleinen filigranen Flügel sie eigentlich nicht tragen dürften? Wahrscheinlich wusste die Fee davon nichts, denn sie tanzte anmutig durch die Luft und schwirrte flink um die Nase des schlafenden Häschens herum bevor sie sagte: „Hase, mal ehrlich, wie lange willst du eigentlich noch vor dir davon laufen?“ Das Häschen runzelte die Stirn und antwortete: „Aber das mache ich doch gar nicht! Die anderen wollen mich nicht haben, weil ich zu dumm, klein, ängstlich,…“ Endlich, so dachte das Häschen, kann ich all die schlimmen Eigenschaften, die ich immer wieder gesagt bekomme, aussprechen…. Aber mit einer schnellen Handbewegung brachte die Hasenfee den Hasenfuß zum Schweigen. „Papperlapapp! Komm mir nicht mit solchen Ausreden! Du hast ein Recht darauf so zu sein, wie du bist. Aber wenn Du nicht sagst wer du bist, dann können die anderen auch nicht wissen, dass es gut ist, ein Häschen wie dich im Wald zu haben. Du musst nicht nur Hase sein und dich auskennen im Wald, du musst es den anderen auch sagen! Und wenn du nicht schnell einen Platz für dich finden wirst, wird von dir bald nichts mehr übrig sein. Wer soll sich denn dann um das kleine Häschen in dir kümmern? Wer soll ihm sagen, wo es sicher ist? Wer soll es versorgen? Also bitte: Finde einen Platz und zeig dich endlich!“

„Puff“, die Hasenfee löste sich in Luft auf. Das Häschen schlief noch sehr lange tief und fest. Ein Sonnenstrahl weckte es kitzelnd an der Nase. Das Häschen reckte und streckte sich ausgiebig. Es schüttelte die großen Füße aus. Dann setzte es sich vor den Busch und reckte die Nase in die Sonne. Es schloss die Augen und versuchte das kleine Häschen in sich zu finden. Und was soll ich euch sagen, es war schnell gefunden. Es saß auf einem gepackten Koffer und hielt ein Schild in der Hand auf dem stand: Kümmer dich, ich will endlich ankommen!

Das Häschen machte die Augen auf. Es sprang auf, trommelte auf der Brust und schrie aus Leibeskräften in den Wald hinein: „Ich kümmere mich und ich schaffe das!“ Da grummelte eine schneidende Stimme hinter dem Häschen: „Bist du denn total bescheuert hier so laut herumzubrüllen!?? Mach das du wegkommst!“ Das Häschen drehte sich um und erblickte einen großen schönen Fasan. Der stolze Vogel blickte herablassend in die Häschenaugen. Mit einem Satz sprang das Häschen auf den Fasan zu. Es stellte sich auf seine großen Füße und als es genau so groß war wie der Vogel, drückte es sein Gesicht an das Gesicht des Fasans und schrie, dass die Federn des Vogels nur so flogen: „Ich schreie, wann ich will und ich suche eine Bleibe für mich und mein kleines Häschen!“

Als der Fasan sein Gefieder wieder gerichtet, traurig die heruntergefallenen Vogelfedern betrachtet hatte, antwortete er: „Warum sagst du das nicht gleich? Es gibt einen schönen Hasenbau, der schon lange leer steht. Wir könnten einen Hasen wie dich in der Nachbarschaft gut brauchen, vorausgesetzt, du kannst auch leiser sprechen. Soll ich dir den Bau zeigen?“ Das Häschen nickte und nahm sein Bündel. Der Fasan schaute suchend umher und fragte: „Wo ist denn das kleine Häschen?“ Der Hase schaute den Fasan an und holte tief Luft, als es sagte: „Das ist in mir. Kann ich dir das später erklären?“ „Klar, Hauptsache du schreist nicht wieder!“, antwortete der Fasan. Der Hase sagte: „Ich kann auch ohne schreien sagen, wer ich bin und was ich möchte, versprochen!“ Der Fasan nickte und sagte: „Das ist gut, dann passt du genau hierher!“ Beide setzten sich in Bewegung.

Das kleine Häschen faltete das Schild zusammen, stand auf und verstaute es im Koffer. Es nahm ein großen Kissen und ein Buch aus dem Koffer heraus. Es atmete auf. Hier konnte es endlich bleiben und Ruhe finden. Es drapierte das Kissen so, dass es sich hinein kuscheln konnte und begann zu lesen. Das tat es für sein Leben gern!

Eine neue Geschichte vom Sofa: Whiskey

Whiskey

Sie ließ sich in das rote Sofa sinken. So schnell und einfach konnte alles aus den Fugen geraten. Es reichte ein einfacher Anruf. Sie sah die Bedienung, als sie aufschaute. Sie stand vor ihr und hielt ihr lächelnd die Karte entgegen. Sie brauchte die Karte nicht, um zu wissen, was sie wollte. „Ich hätte gern eine große Tasse Kaffee und einen Whisky.“ Die Bedienung nickte, schrieb aber nichts auf. Stattdessen fragte sie: „Welchen Whisky darf ich Ihnen bringen?“ Die Frau schloß die Augen und versuchte sich zu erinnern. Der Name fing mit J an. Aber es war fraglich, ob es in diesem Café eine so große Auswahl gab. Sie schaute vom Sofa aus in die Augen der Bedienung, die wartete, als hätte sie alle Zeit der Welt. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Gibt es einen Whisky, der mit J anfängt? Es ist so lange her, dass ich mich nicht daran erinnern kann.“ Die Bedienung lächelte etwas breiter und sagte: „Sie meinen bestimmt den Whiskey von Jameson. Das ist ein irischer Whiskey. Ich bringe ihnen ein Glas mit dem Kaffee zusammen.“ Als die Bedienung sich umdrehen wollte, sagte die Frau vom Sofa: „Bitte bringen sie ein großes Glas!“.

Sie schaute sich im Café um. Es war ein Tag wie jeder andere. Für die anderen. Da saßen zwei Frauen und redeten angeregt am Fenster. Sie hatten zwei dampfende Tassen vor sich auf dem Tisch stehen. Am Nachbartisch schaute ein Mann in eine Zeitung und biss hin und wieder in sein Brötchen, das mit Käse belegt war. Im hinteren Teil des Cafés saßen zwei ältere Herren am Tisch und spielten Schach. Neben ihnen standen zwei Weingläser mit rotem Inhalt. Sie betrachtete das alles von außen, als würde eine Glasscheibe sie von der Welt trennen. Sie war allein in ihrer Gedankenwelt. Die Bedienung stellte ihr die Getränke auf den Tisch und sagte: „ Ich hoffe, der Whiskey ist so, dass er ihren Vorstellungen entspricht. Jameson hat viele verschiedene Whiskeys, aber wir haben hier nur eine Sorte. Ich hätte noch einen schottischen Whisky im Angebot…?“ Die Frau auf dem Sofa lächelte, als sie sagte: „Nein, Jameson ist genau richtig. Das ist der Whiskey, der früher bei uns zuhause getrunken wurde. Vielen Dank!“ Als die Bedienung sich einem anderen Gast zugewendet hatte, nahm die Frau das Glas mit dem Whiskey in die Hand. Sie hielt kurz inne, bevor sie das Glas an die Nase hielt. Sie wusste, dass Gerüche Erinnerungen auslösen konnten. Sie wusste auch, dass dies bei ihr leicht und schnell passierte. Eine Erfahrung, die sie schon früh gemacht hatte. Es reichte nur ein kurzer Moment, der richtige Duft und schon fluteten die Bilder der Erinnerung ihren Kopf. Sie erinnerte sich noch gut daran, als sie das Rasierwasser ihrer ersten großen Liebe direkt nach der Trennung bei einem Mann gerochen hatte, der vor ihr an einer Supermarktkasse gestanden hatte. Damals war ihr Einkauf durch eine Tränenflut unterbrochen worden und nur, weil der Mann ihr geholfen hatte, war ihr Einkauf erfolgreich gewesen. Sie hatte sich lange geschämt, weil sie sich damals nicht bei ihm bedankt hatte. Seit dem war sie vorsichtig. Deshalb hielt sie das Glas Whiskey noch immer reglos in der Hand. Eigentlich hatte nur ihre Mutter Whiskey getrunken. Zu besonderen Anlässen und immer Jameson. Warum eigentlich? Sie wusste es nicht. Es war nicht wichtig gewesen. Der Whiskey wurde erst wichtig, nachdem ihre Mutter verschwunden war. Als sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen hatte, stand vor ihr ein Glas Jameson Whiskey. Sie hatte am Küchentisch gesessen. Allein. Ihr Vater war angeln gewesen und ihr kleiner Bruder spielte mit der Tochter der Vermieter. Außer dem Glas stand da nichts auf dem Tisch und sie hatte sich lange gefragt, warum ihre Mutter Whiskey getrunken hatte. Es war schließlich kein besonderer Anlass. Oder doch? Sie waren schließlich im Urlaub. Sie waren in der Ferienwohnung, in die sie jeden Sommer fuhren. Sie hatte lange gedacht, dass die Freude über den Urlaub der Grund für ihre Mutter gewesen war ein Glas Whiskey zu trinken. Das war am 10. Juli 1986. Am 11. Juli war ihre Mutter verschwunden gewesen. Drei Tage vor ihrem fünfzehnten Geburtstag. Das war dreiunddreißig Jahre her. Seit heute wusste sie, dass der Grund für den Whiskey ein anderer gewesen sein musste.

Sie hielt sich das Glas an die Nase und atmete den Geruch ein. Er brannte viel weniger, als sie es in Erinnerung hatte. Er hatte etwas weiches, dass sich in der Nase ausbreitete und verriet, welcher Geschmack sich im Mund ausbreiten würde. Sie hatte bis heute Whiskey gemieden. In der Hoffnung, damit die Erinnerungen auf Abstand halten zu können. Offenbar waren sie alle noch da. Die Bilder kamen vollständig hinter der Absperrung hervor und marschierten in ihrem Kopf ein: Sie sah die Küche vor sich. Den Küchentisch mit seiner Resopaltischplatte. Er hatte eine hellblaue Oberfläche. Der Tisch stand am Fenster. Und zwischen Fenster und Tisch befand sich eine Bank, auf der ihre Mutter gesessen hatte. Das Glas Whiskey vor sich stehend. Als sie die Küche betreten hatte, wollte sie sich ein Glas Milch aus dem Kühlschrank nehmen. Ihre Mutter hatte sich eine Zigarette angesteckt und beobachtete sie rauchend in ihrem Tun. Sie schwiegen beide. Sie sah sich selbst in ihrer Erinnerung, wie sie sich bückte, um den Kühlschrank zu öffnen. Sie hatte sich die Milch herausgenommen und ein Glas aus dem Hängeschrank. Nachdem sie die Milch getrunken hatte, wollte sie das benutzte Glas in die Spüle stellen. Da hatte ihre Mutter gesagt: „Mach das sofort sauber. Das Glas kannst Du wieder zurückstellen!“ Sie hatte einen Blick auf den Abwasch vom Mittagessen geworfen und beeilte sich ihr Glas abzuwaschen. Sie erinnerte sich daran, dass sie froh gewesen war, dass ihre Mutter ihr nicht den gesamten Abwasch aufgetragen hatte. Schnell hatte sie danach die Küche verlassen. Sie hatte schon oft darüber nachgedacht, ob sie etwas zu ihrer Mutter gesagt hatte, aber sie hatte sich nicht erinnern können. Jetzt mit der Nase im Whiskeyglas war sie sich sicher, sie war schweigend gewesen. Sie hatten nicht gesprochen. Wie so oft damals, war sie auch an diesem Tag schweigend gewesen. Nachdem sie die Küche verlassen hatte, war sie in das Zimmer gegangen, in dem sie während der Ferienzeit schlief. Sie erinnerte sich an die schweren grünen Samtvorhänge, an die hässlichen Troddeln am Saum und an den Geruch von Mottenkugeln, der den Motten egal gewesen war. Sie erschienen immer zahlreich und erschreckten sie, wenn sie morgens die Vorhänge aufzog. Vor den großen Fenstern standen vier alte Buchen, in denen die Tauben wohnten. Morgens wurde sie von ihnen geweckt. Ihr Leben lang war der Geruch von Mottenkugeln an das Rufen von Tauben gekoppelt gewesen. Sie hatte sich ihr Buch gegriffen. Sie sah noch das Titelbild vor sich. Eine Zeichnung von einem Mädchen, dass eine Katze streichelte. Selbst der Titel fiel ihr ein: Ein ganz besonderer September. Sie hatte das Buch geliebt. Sie erinnerte sich, während sie damit im Gartenschuppen verschwunden war, um in Ruhe zu lesen, hatte ihr Bruder mit der Tochter der Vermieter um die Wette geschaukelt. Das Kinderlachen und das Jauchzen war ihr im Gedächtnis geblieben. Wie so vieles, das an diesem Tag passiert war.

Sie trank einen Schluck Whiskey und stellte es weit von sich auf den Tisch. Sie atmete tief ein und war froh, dass sie hier war. Eine Frau von achtundvierzig Jahren. Glücklicherweise keine Jugendliche mehr, die ihre Mutter verloren hatte. Als sie später der Polizei erklären musste, was passiert war, gab es nicht viel zu erzählen. Die Ereignisse hatte sie später immer wieder erzählen müssen. Sie fragte sich manchmal, ob ihre heutige Version sich von der ersten Version unterschied. Wahrscheinlich. Aber was konnte man dagegen tun, außer Whiskey trinken und hoffen, dass das Gedächtnis sich erbarmte und die richtigen Bilder auf den Vormarsch schickte. Sie hatte der Polizei erzählt, dass sie lange gelesen hatte. Irgendwann hatte ihr Bruder Hunger bekommen. Er hatte am Gartenschuppen geklopft, weil er wusste, dass seine große Schwester dort gerne las. Sie konnte seinem Blick nicht widerstehen, als er sagte, dass er großen Hunger hatte und ob sie ihm ein Brot machen könne. Sie hatte das Buch zusammengeklappt, ihn bei der Hand genommen und ihn die Treppe hinauf in die Ferienwohnung begleitet. Sie erinnerte sich an die steile gewundene Treppe, die mit einem braunen Teppich beklebt war. Hier war ihr Bruder schon einmal gestürzt und war die gesamte Treppe hinunter gefallen. Seit dem nahm sie ihn immer an die Hand. Es war so ein großes Glück, dass ihm nicht passiert war. Sie erinnerte sich daran, wie verwundert sie war, dass ihre Mutter nicht da war. Schließlich war ihr Vater zum Angeln gefahren. Das bedeutete, dass er die ganze Nacht auf einem Fischkutter sein würde. Ihre Mutter blieb dann zuhause. Sie hatte sich die Abwesenheit dadurch erklärt, dass sie vielleicht ein Eis essen gegangen war. Sie hatte ihren Bruder Hannes an den Tisch gesetzt, den Tisch gedeckt und mit ihm Abendbrot gegessen. Er hatte ein dickes Brot mit dem Frischkäse bekommen, den er so liebte. Sie selbst hatte sich ein Salamibrot gemacht. Sie hatte Salami schon immer geliebt. Eine Liebe, die bis heute geblieben war. Dann hatte sie ihren Bruder zum waschen ins Badezimmer geschickt, hatte mit ihm seine Zähne geputzt und ihm eine Geschichte vorgelesen, als er in seinem blauen Frotteeschlafanzug im Bett gelegen hatte. Sie hatten von zuhause die Bettwäsche mitgenommen und er lag unter seiner Schlumpfbettwäsche eingemummelt. Als sie selbst im Bett lag, hatte sie sich noch immer keine Sorgen gemacht. Es war mittlerweile zwar schon dunkel, aber sie war so sehr in ihr Buch vertieft gewesen, dass sie darüber eingeschlafen war. Erst als sie am nächsten Morgen von ihrem Vater geweckt worden war, und er sie gefragt hatte, wo ihre Mutter sei, kamen die Sorgen. Es war der 11. Juni 1986 und ihre Mutter war verschwunden. Sie blieb es, bis heute.

Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zwölf und der Anruf war noch keine Stunde her. Sie war gerade auf dem Weg in ihre Praxis gewesen. Während sie in der U-Bahn saß, hatte sie die Renovierungskosten ihres Hauses überschlagene. Ihr Handy hatte geklingelt, als sie nur noch eine Häuserecke von ihrem Ziel trennte. Die Nummer war ihr unbekannt, aber sie hatte eine Vorwahl, die nicht deutsch war. Sie war schon immer neugierig gewesen und versuchte vergeblich fremde Telefonnummern zu ignorieren. Sie nahm seufzend das Gespräch an. Es war ein Mann, der sich als Herr Jankauskas vorstellte. Er rief aus Litauen an und wollte mit ihr über den Nachlass ihrer Mutter sprechen. Sie war stehen geblieben und schaute die Häuserwand an. Sie hörte sich selbst sagen, dass das sicher eine Verwechslung sei und ihre Mutter seit 1986 verschwunden war. Später war sie für tot erklärt worden. Das beeindruckte Herrn Jankauskas wenig und er sagte mit einem charmant klingendem Akzent, dass er das wisse. Aber Frau Kudirkaiené hätte ein Testament hinterlassen, dass diesen Umstand erkläre. Dann sagte er noch, dass Frau Loreta Kudurkaiené früher Loreta Bäcker geheißen hätte und er alles erklären könne. Mit der Frage, wann sie nach Kaunas kommen könne, um die Hinterlassenschaften ihrer Mutter zu regeln, hatte er sie überrumpelt. Sie bat sich Bedenkzeit aus und versprach, sich am Nachmittag zu melden.

Dann war sie ziellos umher gelaufen und als sie das rote Sofa des Cafés durch die Fensterscheibe gesehen hatte, wollte sie nur noch ausruhen und in Ruhe überlegen, was zu tun sei. Sie schaute in die leere Kaffeetasse und fragte sich, wann sie den Kaffee getrunken hatte. Als sie sich umschaute, sah sie, dass einer der alten Herren nach draußen gegangen war, um zu rauchen. Das Rotweinglas hatte er mitgenommen. 1986 hatten Raucher Räume in Nebelschwaden getaucht. Sie erinnerte sich an den Geruch von verrauchten Räumen. Jede Familienfeier war ein Nebelfest gewesen. Sie schaute auf ihr volles Whiskeyglas und nahm noch einen kleinen Schluck. Sie wusste bis heute nicht, was ihre Mutter daran gefunden hatte. Sie wusste so vieles nicht, stellte sie fest. Keine neue Erkenntnis. Ihre Mutter war schon früher rätselhaft gewesen. Offenbar waren ihre Geheimnisse viel größer, als sie geglaubt hatte. Sie nahm ihr Handy und freute sich darüber, dass es ein leichtes war sich ein Flugticket nach Kaunas zu kaufen. Sie würde für den nächsten Tag alle Termine absagen und sich morgens in das Flugzeug setzen. Sie stand auf und ging zur Theke. Die Bedienung nannte den Preis. Während sie das Geld in ihrem Portemonnaie zusammensuchte, wurde sie gefragt: „Hat ihnen der Whiskey nicht geschmeckt?“ „Doch, er war genauso, wie ich ihn in Erinnerung hatte.“

Damit drehte sie sich um und ging auf die Tür zu. Die Bedienung räumte den Tisch ab und schüttete den Whiskey in den Ausguss.

Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

Eine neue Rote-Sofa Geschichte: Der innere Antreiber und Sie

Männlein (2)

Eine Ruhe überfiel sie, als sie durch die Tür trat. Das leise Klingeln der Türglocke hieß sie willkommen. Sie schaute sich um. Das Café war gut gefüllt. Als hätte es auf sie gewartet, stand am Rand des Innenraumes ein rotes Sofa. Sie setzte sich und wartete. Die Stimme blieb aus. In ihrem Kopf war eine Stille, wie sie vorher noch nie da gewesene war. Sie schloß die Augen. Wie schön das war. Als sich ihre Augen wieder öffneten, stand eine Frau vor ihr. Sie lächelte und hatte einen Stift in der Hand. Die Frau auf dem Sofa lachte leise und sagte: «Entschuldigung. Ich war in Gedanken. Ich hätte gerne eine große Tasse Tee. Haben sie Earl Grey?» Die Frau nickte, blickte der Kundin in die Augen und sagte lächelnd: «Ja, habe ich. Er kommt sofort!» Die Worte der Bedienung hingen noch in der Luft, als sie wieder auf dem Rückweg zur Theke war. Die Frau auf dem Sofa schaute der Bedienung nach, ohne sie wahrzunehmen. Sie war ganz in ihrer Welt. Das war sie oft, aber sehr selten hatte sie sich dort so wohl gefühlt, wie in diesem Moment. Sie befand sich in einem Stille-Vakuum. Ihr innerer Antreiber war verstummt. Erstmal.

Ihr Tee wurde gebracht und sie setzte sich ein wenig auf die Kante des Sofas, um die Zitrone in den Tee zu rühren. Sie nahm das Knistern des Beutels wahr, das Geräusch, als sie ihn öffnete, um die Zitrone in den Tee zu träufeln. Sie schaute, wie sich der Tee mit der Zitrone vermengte. Er veränderte langsam seine Farbe. Wurde heller, als würden beide Flüssigkeiten einen Tanz aufführen, zu einer Melodie, die nur im Teeglas hörbar war. Sie hatte sich schon lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Wie war das möglich? Sie versuchte sich an die Einzelheiten des Gesprächs zu erinnern. Aber alles, woran sie sich erinnerte, waren einzelne Bruchstücke. Eins davon war, dass ihr innerer Antreiber sie schon von klein auf begleitete. Er kannte sie wirklich gut. Er hat nicht zufällig bei ihr halt gemacht. Er wurde ihr regelrecht „ins Ohr gesetzt“. Sätze aus ihrer Kindheit, die sie immer wieder gehört hatte, waren gepflanzt worden. Sie wuchsen und gediehen wie Unkraut. Nahmen von jedem Lebensbereich Besitz. Sie hatte die Sätze gehegt und gepflegt. Auf jedes „Du musst noch…!!!“ hatte sie gehorcht. Sich unterworfen. Sie hatte sich zur Sklavin machen lassen. Unbewusst und in bester Absicht. Angst ist ein treuer Begleiter und treibt zu Höchstleistungen. Ihr innerer Antreiber war mit ihr zusammen groß geworden. Er hatte auch etwas Positives: Er war immer da. Er hatte sie angetrieben und sie hatte viel geschafft. Wahrscheinlich hätte sie ohne ihn viel weniger erreicht. Sicherlich war er genauso müde wie sie. Vielleicht brauchte auch er mal eine Auszeit? Sie nippte an ihrem Tee. Er war heiß und schmeckte. Sie mochte diese blumige Note des Earl Grey Tees. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Gespräch. Sie wusste nicht mehr, wie sie darauf gekommen waren, eigentlich hatte sie wegen der Migräneanfälle ihren Hausarzt aufgesucht. Und plötzlich hörte sie, wie ihr Arzt sie fragte, ob sie ihren inneren Antreiber kennen würde. Sie war erschrocken gewesen und erinnerte sich, dass sie sofort ein Bild von einem grobschlächtigen Mann vor Augen gehabt hatte. Er hatte eine Peitsche in der Hand, grobe Stiefel an, einen dümmlichen Gesichtsausdruck und rief: „Du musst noch!“ Allein sein Bild vor Augen zu haben, ließ einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf entstehen. Parallel wuchs ein Kloß in ihrem Hals. Sie hatte den Arzt angeschaut und genickt. «Und, wie lange ist er schon bei ihnen?», hatte er gefragt. Daraufhin hatte sie nachdenken müssen. Sie wusste nicht, wie lange sie schweigend dort gesessen hatte. Der Antreiber ließ auf sich warten, bis er plötzlich mürrisch rief: «Du musst noch den Müll runter bringen!» Vorher war er einige Male laut stampfend auf und abgegangen. Es war ihm deutlich anzusehen gewesen, dass er wütend war. Sie spürte, wie eine alte Angst in ihrem Magen herauf kroch und sich schließlich in ihrem Nacken breit machte, um ihre Schultern nach vorne zu drücken. Als sie den Satz hörte, war ihr schlagartig bewusst: Er hatte die Stimme ihrer Mutter. Die Stimme passte nicht zum Bild des Sklaventreibers. Aber es war ihre Stimme. Der Antreiber hatte sich verraten, als er davon gesprochen hatte, dass der Müll runtergebracht werden sollte. Sie hatte als Kind den Müll runter bringen müssen, da sie in einem Hochhaus groß geworden war. Heute wohnte sie in einem eigenen Haus. Da brachte sie den Müll raus, nicht runter. Das war dem Antreiber entgangen. Er konnte nicht der Schlauste sein, war ein Gedanke, den sie gerne behalten hätte.

Als sie ihrem Arzt erzählt hatte, woher sie die Stimme kannte, hatte er ihr einen Vorschlag gemacht: «Schreiben sie drei Situationen auf, in denen ihr Antreiber laut wird. Beschreiben sie diese genau. Welche Emotionen werden dadurch in ihnen wach? Schreiben sie diese auf.» Damit hatte er sie entlassen. Das Erstaunliche war, jetzt wo sie auf dem Sofa saß und ihn hören solle, blieb ihr Antreiber stumm. Vielleicht fühlte er sich ertappt. Bestimmt war er feige und konnte nur im Verborgenen agieren. Sie brauchte in ihrem Gedächtnis nicht lange suchen, um eine Situation zu finden, in der der Antreiber besonders laut war. Morgens, direkt nach dem Aufwachen war er laut. Ihr wurde bewusst, dass er sie jeden Morgen weckte. So, wie sie es aus Kindertagen kannte. Das erste, was die Stimme sagte, wenn sie sich laut rumpelnd bemerkbar gemacht hatte war: «DU MUSST AUFSTEHEN!!!» Sie hatte die Stimme ihrer Mutter mitgenommen und ihr das Bild eines häßlichen inneren Antreibers gegeben. Das war eine schmerzliche Erkenntnis. Gerade das hatte sie zurück lassen wollen. Mitgenommen hatte sie ausgerechnet das, was ihr nicht gut tat. Und nun?

Abwarten und Tee trinken. Die Stille im Kopf genießen. Sie hob das Teeglas und bemerkte, dass beide Flüssigkeiten sich miteinander verbunden hatten. Sie nahm einen Schluck. Der Tee war noch warm. Wie schön es in ihrem Kopf zuging, wenn die häßliche Stimme fehlte. Es war so still. Friedlich. Ruhig. Das hatte sie geschafft. Wo war der Antreiber, wenn er sich nicht in ihrem Kopf Aufmerksamkeit verschaffte? Sie dachte darüber nach, was ihm wohl gefallen könnte und sah ihn plötzlich in einem Zimmer sitzen. Das Zimmer war in einer Souterainwohnung. Die Fenster waren mit Efeu bewachsen. Es war dunkel, aber sehr sauber. Die Einrichtung war spartanisch. Es gab nur einen großen weichen Sessel mit Fußhocker. Einen Tisch, auf dem Knabberein standen und einen großen Fernseher mit einer Fernbedienung. Ein Glas Sekt stand auf dem Tisch. Der Antreiber saß vor dem Fernseher und schaute eine dieser furchtbaren TV-Serien mit Hans Meiser. Er trug Kopfhörer, so konnte die Frau nur die bewegten Bilder sehen, aber nichts hören. Sie verließ den Raum und schloß leise die Tür von außen. Sofort war das innere Bild des Raums aus ihrem Kopf verschwunden. Sie schloss die Augen und sie hörte in sich hinein, nur um die Stille zu genießen. Der Antreiber saß vor dem Fernseher. Er hatte sich zurückgezogen und ließ es sich gut gehen. Sie gönnte es ihm. Wenn es ihm gut ging, ging es ihr auch gut. Jetzt wo er stumm und beschäftigt war, konnte sie in Ruhe darüber nachdenken, was er für ein Mensch war. Warum hatte er ihr versucht einzureden, dass sie schwach war. Sie hatte ihm sooft beweisen müssen, dass sie alles alleine konnte. Du kannst das sowieso nicht!  war neben Du muss noch! sein zweiter Lieblingssatz. Wahrscheinlich war das die Strategie des inneren Antreibers von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Selbst bekam er nichts alleine geregelt, außer andere immer klein zu machen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie wahrscheinlich deswegen Menschen verabscheute, die andere immer wieder angriffen, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Sie musste an eine entfernte Bekannte denken, die gerne bei anderen immer den Finger in die Wunde legte. Man fühlte sich gezwungen, sich direkt zu verteidigen. Niemand war bis jetzt auf die Idee gekommen, diese Frau zu fragen, was mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten war. Alle waren sofort mit der eigenen Verteidigung beschäftigt. Das ging so weit, dass viele Menschen einen großen Bogen um diese Frau machten, da das Bedürfnis sich verteidigen zu müssen schon einsetzte, wenn die Frau nur in der Ferne am Horizont erschien. Wer andere immer klein macht, wird selbst nie groß sein.

Der Antreiber machte es genauso. Er sagte ihr ständig, was sie zu tun hatte und dass sie das gefälligst alleine tun solle. Hilfe durfte sie nicht annehmen, denn dann hätte sie bewiesen, dass sie es nicht konnte. Häh, Häh. Habe ich ja gleich gewusst. Du bist dafür zu doof!  Sagt jemand, der auf dem Sofa sitzt und hohle TV-Serien schaut, dachte sie. Sie stellte das leere Teeglas auf den Tisch. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Sie sah die Kirschblüten. Viele Blütenblätter rieselten zu Boden und bildeten einen dichten rosa Teppich. Sie konnte die Stille sehen. In diesem Moment wusste sie, dass sie durch das Bild der fallenden Blütenblätter die Stille in ihren Kopf zaubern konnte. Der Antreiber bekam davon nichts mit. Er war von Hans Meiser abgelenkt. Wer hätte gedacht, dass diese Fernsehserie für etwas gut sein konnte! Es dauerte, bis sie sich an der Stille satt gesehen hatte. Dann stand sie auf, bezahlte und ging. Den Antreiber nahm sie mit, aber er war noch nie so weit entfernt von ihr, wie heute.

 

Im Krankenhaus kann es auch lustig sein…(I)

krankenhaus

Wer glaubt, dass Krankenhäuser Orte des ausschließlichen Elends sind, der täuscht. Es passieren Dinge, die das Leben durchaus erfreuen. Geradezu erfrischend und erheiternd sind teilweise die Anekdoten und Dialoge, die sich zutragen. So wie dieser Dialog zwischen einer Patientin und Arzt:

Arzt: „Hallo Frau XY, sie bekommen dann heute noch eine Impfung!“

Frau XY (runzelt die Stirn): Warum bekomme ich denn noch eine Impfung? Wogegen denn?“

Arzt: „Da bei Ihnen durch den Unfall bedingt die Milz entfernt werden musste, brauchen sie eine Impfung!“

Frau XY (entsetzt und mit panisch schriller Stimme): „Wieso ist denn die Milz nicht mehr da?!!! Mir wurde doch gesagt, dass sie gerettet werden konnte!“

Arzt (runzelt nur kurz die Stirn und wirft einen Blick in die Patientenakte): „Ach, da hab ich mich vertan, natürlich haben sie ihre Milz noch. Das war ein anderer Patient!“

Frau XY: „Sind sie sicher? Brauche ich also keine Impfung?“

Arzt (lächelt): „Nein, keine Impfung!“