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Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

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Eine neue Rote-Sofa Geschichte: Der innere Antreiber und Sie

Männlein (2)

Eine Ruhe überfiel sie, als sie durch die Tür trat. Das leise Klingeln der Türglocke hieß sie willkommen. Sie schaute sich um. Das Café war gut gefüllt. Als hätte es auf sie gewartet, stand am Rand des Innenraumes ein rotes Sofa. Sie setzte sich und wartete. Die Stimme blieb aus. In ihrem Kopf war eine Stille, wie sie vorher noch nie da gewesene war. Sie schloß die Augen. Wie schön das war. Als sich ihre Augen wieder öffneten, stand eine Frau vor ihr. Sie lächelte und hatte einen Stift in der Hand. Die Frau auf dem Sofa lachte leise und sagte: «Entschuldigung. Ich war in Gedanken. Ich hätte gerne eine große Tasse Tee. Haben sie Earl Grey?» Die Frau nickte, blickte der Kundin in die Augen und sagte lächelnd: «Ja, habe ich. Er kommt sofort!» Die Worte der Bedienung hingen noch in der Luft, als sie wieder auf dem Rückweg zur Theke war. Die Frau auf dem Sofa schaute der Bedienung nach, ohne sie wahrzunehmen. Sie war ganz in ihrer Welt. Das war sie oft, aber sehr selten hatte sie sich dort so wohl gefühlt, wie in diesem Moment. Sie befand sich in einem Stille-Vakuum. Ihr innerer Antreiber war verstummt. Erstmal.

Ihr Tee wurde gebracht und sie setzte sich ein wenig auf die Kante des Sofas, um die Zitrone in den Tee zu rühren. Sie nahm das Knistern des Beutels wahr, das Geräusch, als sie ihn öffnete, um die Zitrone in den Tee zu träufeln. Sie schaute, wie sich der Tee mit der Zitrone vermengte. Er veränderte langsam seine Farbe. Wurde heller, als würden beide Flüssigkeiten einen Tanz aufführen, zu einer Melodie, die nur im Teeglas hörbar war. Sie hatte sich schon lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Wie war das möglich? Sie versuchte sich an die Einzelheiten des Gesprächs zu erinnern. Aber alles, woran sie sich erinnerte, waren einzelne Bruchstücke. Eins davon war, dass ihr innerer Antreiber sie schon von klein auf begleitete. Er kannte sie wirklich gut. Er hat nicht zufällig bei ihr halt gemacht. Er wurde ihr regelrecht „ins Ohr gesetzt“. Sätze aus ihrer Kindheit, die sie immer wieder gehört hatte, waren gepflanzt worden. Sie wuchsen und gediehen wie Unkraut. Nahmen von jedem Lebensbereich Besitz. Sie hatte die Sätze gehegt und gepflegt. Auf jedes „Du musst noch…!!!“ hatte sie gehorcht. Sich unterworfen. Sie hatte sich zur Sklavin machen lassen. Unbewusst und in bester Absicht. Angst ist ein treuer Begleiter und treibt zu Höchstleistungen. Ihr innerer Antreiber war mit ihr zusammen groß geworden. Er hatte auch etwas Positives: Er war immer da. Er hatte sie angetrieben und sie hatte viel geschafft. Wahrscheinlich hätte sie ohne ihn viel weniger erreicht. Sicherlich war er genauso müde wie sie. Vielleicht brauchte auch er mal eine Auszeit? Sie nippte an ihrem Tee. Er war heiß und schmeckte. Sie mochte diese blumige Note des Earl Grey Tees. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Gespräch. Sie wusste nicht mehr, wie sie darauf gekommen waren, eigentlich hatte sie wegen der Migräneanfälle ihren Hausarzt aufgesucht. Und plötzlich hörte sie, wie ihr Arzt sie fragte, ob sie ihren inneren Antreiber kennen würde. Sie war erschrocken gewesen und erinnerte sich, dass sie sofort ein Bild von einem grobschlächtigen Mann vor Augen gehabt hatte. Er hatte eine Peitsche in der Hand, grobe Stiefel an, einen dümmlichen Gesichtsausdruck und rief: „Du musst noch!“ Allein sein Bild vor Augen zu haben, ließ einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf entstehen. Parallel wuchs ein Kloß in ihrem Hals. Sie hatte den Arzt angeschaut und genickt. «Und, wie lange ist er schon bei ihnen?», hatte er gefragt. Daraufhin hatte sie nachdenken müssen. Sie wusste nicht, wie lange sie schweigend dort gesessen hatte. Der Antreiber ließ auf sich warten, bis er plötzlich mürrisch rief: «Du musst noch den Müll runter bringen!» Vorher war er einige Male laut stampfend auf und abgegangen. Es war ihm deutlich anzusehen gewesen, dass er wütend war. Sie spürte, wie eine alte Angst in ihrem Magen herauf kroch und sich schließlich in ihrem Nacken breit machte, um ihre Schultern nach vorne zu drücken. Als sie den Satz hörte, war ihr schlagartig bewusst: Er hatte die Stimme ihrer Mutter. Die Stimme passte nicht zum Bild des Sklaventreibers. Aber es war ihre Stimme. Der Antreiber hatte sich verraten, als er davon gesprochen hatte, dass der Müll runtergebracht werden sollte. Sie hatte als Kind den Müll runter bringen müssen, da sie in einem Hochhaus groß geworden war. Heute wohnte sie in einem eigenen Haus. Da brachte sie den Müll raus, nicht runter. Das war dem Antreiber entgangen. Er konnte nicht der Schlauste sein, war ein Gedanke, den sie gerne behalten hätte.

Als sie ihrem Arzt erzählt hatte, woher sie die Stimme kannte, hatte er ihr einen Vorschlag gemacht: «Schreiben sie drei Situationen auf, in denen ihr Antreiber laut wird. Beschreiben sie diese genau. Welche Emotionen werden dadurch in ihnen wach? Schreiben sie diese auf.» Damit hatte er sie entlassen. Das Erstaunliche war, jetzt wo sie auf dem Sofa saß und ihn hören solle, blieb ihr Antreiber stumm. Vielleicht fühlte er sich ertappt. Bestimmt war er feige und konnte nur im Verborgenen agieren. Sie brauchte in ihrem Gedächtnis nicht lange suchen, um eine Situation zu finden, in der der Antreiber besonders laut war. Morgens, direkt nach dem Aufwachen war er laut. Ihr wurde bewusst, dass er sie jeden Morgen weckte. So, wie sie es aus Kindertagen kannte. Das erste, was die Stimme sagte, wenn sie sich laut rumpelnd bemerkbar gemacht hatte war: «DU MUSST AUFSTEHEN!!!» Sie hatte die Stimme ihrer Mutter mitgenommen und ihr das Bild eines häßlichen inneren Antreibers gegeben. Das war eine schmerzliche Erkenntnis. Gerade das hatte sie zurück lassen wollen. Mitgenommen hatte sie ausgerechnet das, was ihr nicht gut tat. Und nun?

Abwarten und Tee trinken. Die Stille im Kopf genießen. Sie hob das Teeglas und bemerkte, dass beide Flüssigkeiten sich miteinander verbunden hatten. Sie nahm einen Schluck. Der Tee war noch warm. Wie schön es in ihrem Kopf zuging, wenn die häßliche Stimme fehlte. Es war so still. Friedlich. Ruhig. Das hatte sie geschafft. Wo war der Antreiber, wenn er sich nicht in ihrem Kopf Aufmerksamkeit verschaffte? Sie dachte darüber nach, was ihm wohl gefallen könnte und sah ihn plötzlich in einem Zimmer sitzen. Das Zimmer war in einer Souterainwohnung. Die Fenster waren mit Efeu bewachsen. Es war dunkel, aber sehr sauber. Die Einrichtung war spartanisch. Es gab nur einen großen weichen Sessel mit Fußhocker. Einen Tisch, auf dem Knabberein standen und einen großen Fernseher mit einer Fernbedienung. Ein Glas Sekt stand auf dem Tisch. Der Antreiber saß vor dem Fernseher und schaute eine dieser furchtbaren TV-Serien mit Hans Meiser. Er trug Kopfhörer, so konnte die Frau nur die bewegten Bilder sehen, aber nichts hören. Sie verließ den Raum und schloß leise die Tür von außen. Sofort war das innere Bild des Raums aus ihrem Kopf verschwunden. Sie schloss die Augen und sie hörte in sich hinein, nur um die Stille zu genießen. Der Antreiber saß vor dem Fernseher. Er hatte sich zurückgezogen und ließ es sich gut gehen. Sie gönnte es ihm. Wenn es ihm gut ging, ging es ihr auch gut. Jetzt wo er stumm und beschäftigt war, konnte sie in Ruhe darüber nachdenken, was er für ein Mensch war. Warum hatte er ihr versucht einzureden, dass sie schwach war. Sie hatte ihm sooft beweisen müssen, dass sie alles alleine konnte. Du kannst das sowieso nicht!  war neben Du muss noch! sein zweiter Lieblingssatz. Wahrscheinlich war das die Strategie des inneren Antreibers von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Selbst bekam er nichts alleine geregelt, außer andere immer klein zu machen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie wahrscheinlich deswegen Menschen verabscheute, die andere immer wieder angriffen, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Sie musste an eine entfernte Bekannte denken, die gerne bei anderen immer den Finger in die Wunde legte. Man fühlte sich gezwungen, sich direkt zu verteidigen. Niemand war bis jetzt auf die Idee gekommen, diese Frau zu fragen, was mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten war. Alle waren sofort mit der eigenen Verteidigung beschäftigt. Das ging so weit, dass viele Menschen einen großen Bogen um diese Frau machten, da das Bedürfnis sich verteidigen zu müssen schon einsetzte, wenn die Frau nur in der Ferne am Horizont erschien. Wer andere immer klein macht, wird selbst nie groß sein.

Der Antreiber machte es genauso. Er sagte ihr ständig, was sie zu tun hatte und dass sie das gefälligst alleine tun solle. Hilfe durfte sie nicht annehmen, denn dann hätte sie bewiesen, dass sie es nicht konnte. Häh, Häh. Habe ich ja gleich gewusst. Du bist dafür zu doof!  Sagt jemand, der auf dem Sofa sitzt und hohle TV-Serien schaut, dachte sie. Sie stellte das leere Teeglas auf den Tisch. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Sie sah die Kirschblüten. Viele Blütenblätter rieselten zu Boden und bildeten einen dichten rosa Teppich. Sie konnte die Stille sehen. In diesem Moment wusste sie, dass sie durch das Bild der fallenden Blütenblätter die Stille in ihren Kopf zaubern konnte. Der Antreiber bekam davon nichts mit. Er war von Hans Meiser abgelenkt. Wer hätte gedacht, dass diese Fernsehserie für etwas gut sein konnte! Es dauerte, bis sie sich an der Stille satt gesehen hatte. Dann stand sie auf, bezahlte und ging. Den Antreiber nahm sie mit, aber er war noch nie so weit entfernt von ihr, wie heute.

 

Im Krankenhaus kann es auch lustig sein…(I)

krankenhaus

Wer glaubt, dass Krankenhäuser Orte des ausschließlichen Elends sind, der täuscht. Es passieren Dinge, die das Leben durchaus erfreuen. Geradezu erfrischend und erheiternd sind teilweise die Anekdoten und Dialoge, die sich zutragen. So wie dieser Dialog zwischen einer Patientin und Arzt:

Arzt: „Hallo Frau XY, sie bekommen dann heute noch eine Impfung!“

Frau XY (runzelt die Stirn): Warum bekomme ich denn noch eine Impfung? Wogegen denn?“

Arzt: „Da bei Ihnen durch den Unfall bedingt die Milz entfernt werden musste, brauchen sie eine Impfung!“

Frau XY (entsetzt und mit panisch schriller Stimme): „Wieso ist denn die Milz nicht mehr da?!!! Mir wurde doch gesagt, dass sie gerettet werden konnte!“

Arzt (runzelt nur kurz die Stirn und wirft einen Blick in die Patientenakte): „Ach, da hab ich mich vertan, natürlich haben sie ihre Milz noch. Das war ein anderer Patient!“

Frau XY: „Sind sie sicher? Brauche ich also keine Impfung?“

Arzt (lächelt): „Nein, keine Impfung!“

Neues vom Sofa: Der Brief

Das Sofa-11

Als die Frau auf dem Sofa Platz genommen hatte, dauerte es keine Minute und sie hatte den Zettel aus ihrer Handtasche gezogen. Noch bevor sie ihn auseinander falten konnte, sah sie die Bedienung auf sich aufmerksam werden. Die Frau hielt den Zettel, der eigentlich ein Blatt Briefpapier war, mit ihren Händen fest umschlossen. Sie schaute die Bedienung an, die lächelnd hinter ihrer Theke hervorkam, um direkt auf ihren neuen Gast zu zusteuern.

Die Bedienung betrachtete die Frau, die sich auf dem roten Sofa niedergelassen hatte. Sie hatte die Frau noch nie in ihrem Café gesehen. Die Bedienung schätzte, dass sie noch keine vierzig Jahre alt war. Sie hatte etwas Trauriges in ihrem Blick. Das war das Auffälligste an der Frau. Das Traurige. Die Frau trug eine braune Jacke, die sie gerade im Begriff war auszuziehen. Darunter kamen ein grauer Pullover  und eine Jeans zum Vorschein. Sie trug graue Halbschuhe. Keinen Schmuck, aber dafür eine Handtasche, die den gleichen braunen Farbton hatte, wie die Jacke, die die Frau sorgfältig auf den Kleiderständer gehängt hatte. Als die Bedienung an den Tisch der Frau trat, sah sie in die ungeschminkten braunen Augen der Frau und dachte, dass ihre kurzen braunen Haare vielleicht der ausschlaggebende Faktor bei der Wahl der Jacke gewesen sein könnten. Den braunen Augen der Frau fehlte jeglicher Glanz. Stumpf, aber nicht ohne Schönheit, schauten sie erwartungsvoll in die Augen der Bedienung. Der Gedanke, dass diese Augen einmal sehr schön gewesen sein mussten, bevor die Traurigkeit die Frau ereilt hatte, durchdrang die Bedienung, bevor sie ihren neuen Gast begrüßte und nach den Wünschen fragte. Die Frau bestellte ein Glas Sprudelwasser. Als die Bedienung sich vom Tisch entfernt hatte, betrachtete die Frau auf dem Sofa den Brief in ihren Händen. Es war ein nicht ganz weißes Papier. Elfenbein oder Champagner nannte man dieses Weiß wohl. Auch wenn es mittlerweile einen leichten Grauton angenommen hatte. Das fortgeschrittene Alter war dem Brief anzusehen. Die Frau ließ ihre Finger vorsichtig über das Papier gleiten, es war etwas rauer als das, was die Frau für ihre Briefe benutzte. Sie nutzte zum Schreiben stets das billige Kopierpapier, das ihr Mann für ihren Drucker zu Hause kaufte. Das Papier, das sie nun in den Händen hielt, war ein besonderes Papier. Es war schwerer als das was die Frau kannte und es fühlte sich fester an. Sie ließ ihre Finger vorsichtig darauf ruhen. Der Brief war oft gefaltet worden. Das war offensichtlich, als sie den Brief das erste Mal auseinandergefaltet hatte.

Die Bedienung trug die Bestellung der Frau auf dem Tablett vor sich her, als sie sich erneut dem Sofa näherte. Sie stellte der Frau das Wasser mit einem lächelnden Nicken auf den Tisch. Als sie sich umgedreht hatte, um zurück zur Küche zu gehen, zuckte ihr der Gedanke durch den Kopf, dass die Frau auf den ersten Blick wirkte, als hätte sie nichts zu erzählen. Nichts, was sie eventuell beschäftigte, drang nach außen. Sie saß reglos auf dem Sofa. In ihrem Gesicht gab es nichts, was es zu lesen gegeben hätte, es war ebenso unbeweglich, wie die gesamte Erscheinung der Frau. Bis auf die Traurigkeit im Blick der Frau gab es nichts, was über ihren Gemütszustand etwas erahnen lassen würde. Auf den ersten Blick schien es, als gäbe es nichts im Inneren der Frau, was es sich lohnte nach außen gelassen zu werden. Mit einem Lächeln auf den Lippen schalt sich die Bedienung einen Dummkopf. Gerade sie sollte es besser wissen: Wie oft hatte sie schon über Menschen gedacht, dass diese nichts zu erzählen gehabt hätten, sie nichts beschäftigen würde, sie eine leere Hülle waren, die nur ihr Leben lebten, um die Erwartungen anderer erfüllen zu können? Genauso oft, wie sie eines Besseren belehrt worden war. Die Bedienung hatte die Erfahrung gemacht, dass es oft die Menschen waren, die auf den ersten Blick nichtssagend aussahen, die letztendlich am meisten zu erzählen hatten. Nur taten sie dies nicht. Dafür konnte es die verschiedensten Gründe geben. Entweder waren es so viele unschöne Dinge, die nicht erzählt werden wollten. Oder es gab niemanden der ihnen je zugehört hatte. Manchmal hatten diese Menschen auch Angst, das nach außen zu tragen, was sie beschäftigte, weil es nicht weniger als ihr Leben in Frage stellen würde, wenn sie ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf ließen. Manchmal waren die bewegenden Gefühle der Menschen aber auch verschüttet, um nicht an die Oberfläche dringen zu müssen. Zu schmerzhaft wäre, was zu Tage treten könnte. Wenn diese Menschen sich aber doch dazu entschließen konnten über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen, dann waren das meistens die interessantesten und ehrlichsten Gespräche. Ein Blick über die Schulter zu der Frau, die auf dem Sofa saß und ein zusammengefaltetes Papier in den Händen hielt, den Blick fest darauf gerichtet, ließ die Bedienung fragen, was diese Frau wohl für Gedanken hatte. Dann rief sie ein anderer Gast und sie musste alle Überlegungen beiseite schieben. Mit der sicheren Gewissheit, dass sie diese zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgreifen würde.

Die Frau saß mit dem Brief in der Hand auf dem roten weichen Polster des Sofas. Während sie die Papierstruktur des Briefes fixierte, verlor sich ihr Blick und sie versank in Gedanken zu dem Zeitpunkt zurück, an dem sie den Brief auf dem Boden liegend gefunden hatte. Das war keine Stunde her. Sie war, wie immer donnerstags, zum Einkaufen in den großen Supermarkt gefahren. Das tat sie schon seit Jahren. Am Donnerstag fuhr sie zum Einkaufen. Ihr Mann hatte, wie jeden Mittwoch, einen Einkaufszettel für sie angefertigt. Als sie nun auf dem Sofa saß, fragte sie sich, was aus dem Einkaufszettel geworden war. Sie musste ihn wohl verloren haben, als sie den Brief gefunden hatte. Vielleicht lag er noch im Einkaufswagen, den sie gedankenverloren und leer, zurück in seine Reihe gestellt hatte? Letztendlich war der Einkaufszettel für ihren wöchentlichen Besorgungen unwichtig. Sie hätte jede Woche den von der vorherigen nutzen können. Es stand in der Regel immer das gleiche darauf. Das, was ihr Mann und sie gerne aßen oder wenigstens glaubten zu mögen. Schließlich probierten sie nie etwas Neues aus. Das galt nicht nur für Lebensmittel. Sie versuchte den Gedanken wegzuwischen, er kam ihr momentan unwichtig vor.

Sie hatte den Zettel direkt am Eingang gefunden. Sie war noch nicht einmal bis zur Obstabteilung gekommen, als sie ihn am Boden hatte liegen sehen. Sie hatte sich gebückt, um ihn aufzuheben. Schon als sie ihn verloren am Boden hatte liegen sehen, war ihr der Gedanke gekommen, dass dies eine sehr lange Einkaufsliste sein musste. Als sie das Papier in den Fingern gespürt hatte, wusste sie instinktiv, dass es etwas anderes sein musste. Sie hatte den Brief angeschaut, war mit den Fingern vorsichtig über seine Falten gewandert und hatte die vergilbten Ränder wahrgenommen. DAS war kein Einkaufszettel. Sie hatte ihn vorsichtig auseinandergefaltet und bevor sie die Zeilen gelesen hatte, war ihr bewusst, dass es ein persönlicher Brief war, der mit Tinte geschrieben worden war. Die Handschrift war klein, zierlich und jeder Buchstabe sah aus wie gemalt. Sie hatte als erstes auf das Datum in der oberen rechten Ecke geschaut und war überrascht gewesen, dass der Brief zwölf Jahre alt war. Wie kam ein Brief nach mehr als zehn Jahren in diesen Supermarkt, war eine Frage, welche die Frau zu gern auf der Stelle hätte beantwortet haben wollen. Wer hatte ihn verloren? Das war die Frage, die direkt danach folgte. Der Brief begann mit den Worten: Mein lieber Eduard. Er endete mit den Worten: Deine Dich immer liebende Sarah. Die Frau hatte den Brief angestarrt und ohne den Teil zwischen Anfang und Ende gelesen zu haben, wieder zusammen gefaltet. Offenbar war es ein Liebesbrief. Die Frau hatte sich plötzlich wie jemand gefühlt, der an einem Fenster stand und jemanden beobachtete, der davon nichts wusste. Das hatte etwas Voyeuristisches und nichts mit ihr zu tun. Also hatte sie den Brief wieder eingesteckt. Sie hatte versucht ihre volle Konzentration und Motivation auf die Erledigung ihrer Einkäufe zu fokussieren. Nachdem sie jedoch drei Mal um die Gurken, die Tomaten und die Kartoffeln gekreist war, musste sie feststellen, dass ihr Einkaufswagen nach wie vor leer war und ihr Kopf drohte vor lauter Fragen auseinander zu platzen. Sie hatte sich an den Rand der Obst- und Gemüseabteilung gestellt. Als sie den Brief erneut aufgeklappt hatte, waren die Weintrauben und die Birnen, zwischen denen sie sich platziert hatte, vergessen. Sie las:

Ein Taxi bitte!!

lila Autobild

Das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten. Die folgende trug sich vor vielen Jahren zu und es ist fraglich ob es die beschriebenen Verkehrsmittel noch gibt – es wäre sicher lohnenswert dies mal zu recherchieren. Für die Handlung der Geschichte ist das jedoch unerheblich. Zur Einstimmung:  Asien. Thailand. Irgendwann Mitte der neunziger Jahre. Es war Mai. Während in Deutschland im Mai gerade der Sommer auf dem Vormarsch ist (wenn man Glück hat) hält Thailand zur gleichen Zeit die Regenzeit fest im Griff. Das bedeutet nicht nur Wolkenbrüche, die einen in minutenschnelle bis zum Knie in schlammartiger Brühe waten lässt, sondern auch permanente Feuchtigkeit, die niemals zu trocknen scheint. Was einem auf den ersten Blick nicht einleuchtet, wenn das Thermometer fünfundvierzig Grad im Schatten zeigt. Wenn man dann entdeckt, dass die Luftfeuchtigkeit bei über neunzig Prozent liegt, erklärt sich einiges.
Die Geschichte trug sich an einem Sonntag zu. Ein sehr heißer, schwüler Sonntag. Der einzige Tag, an dem die junge Frau, die in Thailand einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachging, frei hatte. Frei war in diesem Fall relativ. Sie war an besagtem Sonntag im Auftrag unterwegs. Ihr Chef hatte gesagt: Besuch den Reiseleiter im Hotel und klär die Formalitäten. Es war die Zeit ohne Handy. Selbst das so genannte Festnetzt konnte am Sonntag nicht genutzt werden, denn das Büro war geschlossen. Vielen mag das heute im Zeitalter von Internet und Co. absurd erscheinen, aber es musste tatsächlich ein persönlicher Kontakt stattfinden. Die Frau machte sich auf den Weg zum Reiseleiter, der nur sonntags im Hotel anzutreffen war.
Als sie sich auf den Weg machte, lag eine staubige Landstraße vor ihr. Das Flimmern der Hitze war zum Greifen nah. Was fehlte war etwas Schatten oder wenigstens etwas Schatten ähnliches. Dank der hohen Luftfeuchtigkeit klebten die Kleider in sekundenschnelle am Körper. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die Frau zu diesem Zeitpunkt schon einige Monate in Thailand zugebracht hatte. Die erste Furcht vor dem Unbekannten hatte sie hinter sich lassen können und alles wonach sie sich in diesem Moment auf der Landstraße sehnte, war ein Taxi. Jetzt könnte man meinen, dass es verwegen war, sich auf einer einsamen Landstraße ein Taxi zu wünschen. In Thailand hatte sie jedoch viele Situationen erlebt, die sie nicht für möglich gehalten hatte. Ein Taxi hielt sie für durchaus wahrscheinlich. Zumal am Ende der Landstraße ein belebtes Touristenviertel auf sie wartete. Das Viertel, in dem sie hoffte den Reiseleiter im besagten Hotel anzutreffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Frau schon einiges über die thailändischen Mitfahrgelegenheiten in Erfahrung bringen können. Es gab Sammeltaxen, Großraumtaxen, bestellbare Taxen und es gab Mopedtaxen, die einen von A nach B fuhren. Bis auf die Mopedfahrer, die ihr motorisiertes Zweirad als Taxi zur Verfügung stellten, hatte die Frau schon jedes Taxi ausprobiert. Als nun neben ihr in der brütenden Sonne einer dieser Mopedfahrer hielt und ihr etwas auf Thai zurief, war sie entschlossen sich den örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Warum in dieser Hitze laufen, wenn dieses Taxi doch bereit war sie für wenig Geld zu besagtem Reiseleiter zu befördern? Nur weil es keinen Helm gab? Der junge Thai auf dem Moped, den sie nicht verstand, weil er kein Englisch sprach, redete auf die junge Frau ein, was sie als Aufforderung zum Aufsteigen interpretierte. Sie verdrängte die Vorstellung an sämtliche Unfallvarianten, zeigte die Adresse des Hotels und stieg auf. Bei der Frage nach dem Preis, winkte der Mann lächelnd ab und sagte etwas, was die Frau in Richtung „Wir werden uns schon einig“ interpretierte. Los ging die Fahrt. Während sie den Fahrtwind genoss und versuchte den Verkehr im Auge zu behalten, fiel ihr auf, dass dem jungen Mann die Nummer auf dem Rücken fehlte. Alle Mopedtaxis die sie bis zu diesem Zeitpunkt registriert hatte, trugen eine Nummer. Der Blick auf den Rücken des Fahrers bestätigte ihr nochmals: Dieser trug keine. Ehe sie sich einen Reim darauf machen konnte, fuhr er auf den Vorplatz des Hotels. Direkt vor den zwei Pagen, die den Hoteleingang säumten, blieb er stehen. Der Mann stieg von seinem Moped und zog den Schlüssel ab, was die Frau irritiert wahr nahm. Sie holte daraufhin schnell einen Betrag Bargeld hervor, den sie für die Fahrt mehr als angemessen hielt und hielt ihn dem jungen Mann unter die Nase. Dieser schüttelte entschieden mit dem Kopf, während er immer wieder auf den Eingang des Hotels zeigte und in seiner Muttersprache unaufhörlich auf die junge Frau einredet, was diese jedoch beim besten Willen nicht verstehen konnte. Was die Frau jedoch sehr gut verstand, war die Gestik und Mimik des Mannes, der es sich wohl in den Kopf gesetzt hatte, an diesem Tag mehr Geld zu verdienen, als es für eine Taxifahrt üblich war. Was sich ebenfalls relativ schnell geklärt hatte war die Tatsache, dass dieser Mann kein Mopedtaxifahrer war. Vielmehr hatte er sich vorgenommen von der jungen Frau für andere, persönlichere Dienstleistungen bezahlen zu lassen. Letztendlich kamen die zwei Pagen des Hotels der Frau zur Hilfe, die sich einfach nicht überreden lassen wollte die Schwelle des Hotels zu übertreten. Erst als die junge Frau begann in ihrer Muttersprache zu schimpfen, was außer ihr niemand zu verstehen im Stande war, jagten die zwei Pagen den Mann samt Zweirad vom Hof. Als die junge Frau sich ihres ursprünglichen Auftrags besann und das Büro des Reiseleiters gefunden hatte, war dieser leider erkrankt. Spätestens da hätte sie sich ein Handy gewünscht, wenn sie diese damals schon gekannt hätte. 

Den Rückweg trat sie zu Fuß an. Fünfundvierzig Grad konnten einen nicht umbringen. Luftfeuchtigkeit? Geschenkt! Die drei Taxen, die sie zur Mitfahrt animieren wollten, ignorierte sie. Übrigens: Es blieb bei diesem einen Versuch Mopedtaxi zu fahren. Füße waren ein wunderbares Fortbewegungsmittel.

Begegnung V oder: Alles zurück auf Anfang

Langer Weg

Es war ewig her, dass sie sich so bewusst dem Fahren mit der U-Bahn hingegeben hatte. Die letzten Jahre war sie mit den Gedanken stets woanders gewesen, wenn sie die U-Bahn nutzen musste. Die erste Begegnung mit ihrem Mann war vor langer Zeit in Vergessenheit geraten. Nun hatte sie ihr Ziel erreicht und betrachtete die Rolltreppe mit einem Blick, die in ihr fast nostalgische Erinnerungen hervorrief. Hier hatte alles begonnen. Vor so vielen Jahren, dass es ihr erschien, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Auf seine Art und Weise war das kein verkehrter Gedanke. Sie schaute auf ihre Uhr. Wenn er es nicht vermasselte, dann könnte sie hier heute wieder von vorne beginnen. Ihre Liebe, die sie im Laufe der Jahre verloren hatten, konnte wieder gewonnen werden. Da war sie sich sicher. Auch wenn der alles verzehrende Alltag sie ihnen geraubt hatte. Heute sollte sie zum neuen Leben erweckt werden. So hatte die Frau es beschlossen. Sie hatte sich alles bis ins kleinste Detail ausgemalt. War zum Friseur gegangen. Hatte sich einen neuen Mantel gekauft. Ein kurzer Blick in die widerspiegelnde Fensterscheibe verriet ihr, dass es richtig gewesen war sich für den hellblauen Mantel entschieden zu haben. Heute sollte alles perfekt werden. Sie wollte es perfekt haben. Der Neuanfang sollte sich abheben gegen die letzten Jahre der Mittelmäßigkeit. Hoffentlich würde er nicht zu lange brauchen, um sie in der U-Bahn zu entdecken. Sie hatte ihm geschrieben, was er zu tun hatte. Jetzt musste er nur noch in der U-Bahnstation auftauchen und alles würde wieder gut werden. Nein, es würde besser werden. Sie würde dafür sorgen, dass es besser werden würde.
Sie setzte den Fuß auf die Rolltreppe, als sie eine freie Stufe entdeckte. Um sie herum waren Menschenmassen, die, wie sie, versuchten in das Innere der U-Bahnstation zu gelangen. Ihr Blick haftete auf der großen Uhr, die den Rolltreppenaufgang zierte. Sie war pünktlich. Damit sie nicht zu lange warten musste, hatte sie die Zeitspanne und auch die in Frage kommenden U-Bahngänge eingegrenzt. Sonst würde er sie am Ende nicht finden können. Das wollte sie nicht riskieren. Sie hatte die Uhrzeit so gelegt, dass er sie spätestens am frühen Abend gefunden haben musste. Dann hätten sie noch Zeit gemeinsam Essen zu gehen, um alles weitere zu besprechen. Sie hatte eine Liste der Dinge angefertigt, die sie geändert haben wollte. Es mussten Dinge aus ihrer gemeinsamen Wohnung gegen neue ausgetauscht werden. Sie war sich sicher, dass er nichts dagegen haben würde. Er würde einfach nur froh sein, dass sie endlich wieder nach Hause kam. Als sie einfach gegangen war, musste das für ihn ein Schock gewesen sein. Das war jetzt fast ein halbes Jahr her. Sie hatte beschlossen, dass er genug gelitten hatte.
Sie setzte sich auf eine zentrale Bank, von der aus sie einen guten Blick auf das Geschehen in der U-Bahn hatte. Die Menschen glichen einem Ameisenhaufen. Sie liefen in die verschiedenen Richtungen. Alle zusammen und doch jeder in seiner eigenen Welt versunken. Mit dem Handy am Ohr. Den Blick zum Boden gesenkt. Manche schauten auf die Uhr und sprinteten los. Sie atmete aus und freute sich über ihren gut durchdachten Plan. Während sie ihre Zeitung aus der Handtasche nahm, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Als sie die Zeitung ausgelesen hatte, schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass die Hälfte der Zeit schon vergangen war. Sie runzelte die Stirn. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er so spät kommen würde. Eher hatte sie gedacht, dass er direkt am Anfang der von ihr bestimmten Zeitspanne vor ihr stehen würde. Sie seufzte. Wahrscheinlich suchte er sie schon seit Stunden. Sie würde wohl sitzen bleiben und warten müssen. Sie bereute, sich keine weitere Zeitung mitgenommen zu haben. Sie wartete und studierte die Menschen, die an ihr vorbei liefen und keine Notiz von ihr nahmen. Es waren viel weniger Menschen, als zu Beginn ihrer Wartezeit. Nach einer weiteren Stunde, liefen nur noch vereinzelte Personen durch die Gänge und sie hatte einen sehr guten Überblick über jeden der da die Rolltreppe rauf und herunterfuhr. Sie wurde von Minute zu Minute unruhiger und wütender. Das konnte doch nicht sein, dass er nicht kam. Bestimmt hatte er sich das falsche Datum notiert. Oder die falsche Uhrzeit. Wahrscheinlich beides. Es war zum verrückt werden mit ihm. Nie konnte man sich auf ihn verlassen. Als die Nacht durch den Rolltreppenaufgang in die U-Bahnstation hereinlugte, beschloss sie nach Hause zu fahren. Sie wusste nicht welches Gefühl überwog. Die Wut oder die Traurigkeit. Als sie endlich zu Hause ankam, wurde ihr klar, dass sie einen ganzen schönen Nachmittag vergeudet hatte. ER hatte ihn verdorben, diesen Nachmittag, der eigentlich ihr Neuanfang hatte sein sollen. Sie holte ihr Telefon und wählte seine Nummer.
Als er lächelnd die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, war er noch immer in Gedanken mit dem Fischrezept beschäftigt. Er war so froh, sich bei dem Kochkurs angemeldet zu haben. Erst hatten ihn Angst und Bedenken davon abgehalten, aber die Werbung in der Zeitung hatte so spannend geklungen, dass er einfach nicht hatte widerstehen können. Es war ein toller Abend gewesen. Er hatte so viele nette Menschen getroffen. Sie hatten zusammen gekocht und danach waren sie noch ein wenig im Restaurant geblieben und hatten Wein getrunken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so intensiv mit anderen Menschen ausgetauscht hatte. Das Beste war aber das Gefühl gewesen, dass ihm jemand wirklich zugehört hatte. Als er jetzt die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ, freute er sich auf die weiteren neun Termine, die er noch vor sich hatte. Er summte ein Lied vor sich hin und hängte seine Jacke an die Garderobe. Das Blinken des Anrufbeantworters fiel ihm ins Auge. Er stutzte. Vielleicht sein Sohn? Er drückte auf den Knopf und sofort konnte er ihre Wut hören. Sie beschwerte sich. Darüber, dass er nicht zum richtigen Zeitpunkt dagewesen war. Dass er alles kaputt gemacht habe. Sie hatte auf ihn an der U-Bahnstation gewartet. Er stutzte und erst nach einigen Sekunden rückte ihr Brief zurück in sein Gedächtnis. Er hatte ihn weg geworfen und sich nicht weiter darum gekümmert. Das Datum hatte er sich nicht gemerkt, weil er nicht vorgehabt hatte zu diesem Treffen zu gehen. Kurz überkam ihn die Idee, dass er ihr vielleicht hätte sagen sollen, dass er nicht kommen würde. Kurz, dann war der Gedanke verflogen. Er drückte auf die Löschtaste des Anrufbeantworters und holte sein Rezeptbuch heraus, um das Fischrezept fein säuberlich aufzuschreiben.

Neues vom Sofa: Die Stimme

Das Sofa-11

Als er bemerkte wo er sich befand, war es zu spät. Er schaute sich um und alles was er entdeckte, hatte nichts mit ihm zu tun. Alles sah falsch aus. Nichts von dem was er in diesem Café sah, gehörte in seine Lebenswelt. Bis jetzt war er ausschließlich in Kneipen gewesen oder in Bistros, allerdings nur einige wenige Male. Ganz allein. Dies hier wäre eindeutig ein Café für seine Mutter gewesen. Was sollte er hier? Warum ging er nicht einfach wieder? Seine Beine wollten nicht und blieben wo sie waren. An einem Platz, wo er nicht hingehörte. Wieso überraschte ihn dieses bekannte Gefühl immer wieder aufs Neue? Er und dieses Gefühl waren gute alte Bekannte. Es kam immer wieder ungefragt und er verabscheute es. So war es und es ließ sich nicht ändern. Er hatte es so oft versucht. Vergeblich. Er hasste es, wie so vieles andere auch. Da seine Beine beschlossen hatten hier zu bleiben, suchte er nach einem freien Sitzplatz. Außer dem alten roten Sofa, war nichts frei. Ohne es zu merken biss er die Zähne zusammen und schaute sich um, während er auf das Sofa zusteuerte. Nur hin und wieder begegnete ihm der Blick einer der anwesenden Menschen. Er konnte den Blick in die Augen anderer nicht ertragen. Nie wusste er, warum sie ihn anschauten. Oft hatte er sich gefragt, was die Augen der Menschen ihm sagen wollten. Er verstand die Bedeutung nicht. Der Blick der anderen machte ihm Angst. Alle schienen zu wissen, was in den Augen der Menschen geschrieben stand, wenn sie einander anschauten. Nur er allein wusste es nicht. Ihm fehlte diese Fähigkeit. Er beherrschte diese Sprache nicht und er verstand nicht, was Gesichter und Augen ihm sagen wollten. Schon immer war er den Menschen deshalb ausgewichen. Er mied sie, wo er nur konnte. Leider war das viel seltener, als ihm lieb gewesen war. Als er sich dem Sofa näherte, hielt er seinen Blick zum Boden gesenkt. Der Boden war ein unverfänglicher Gesprächspartner. Widerwillig ließ er sich auf dem Sofa nieder und sofort quälte ihn die Frage, wie er seine Beine dazu bekommen konnte, diesen Ort zu verlassen. Das einfachste wäre gewesen, sofort wieder heraus zu laufen, aber er schaffte es nicht sich den Blicken der anderen erneut auszusetzen. Er blieb wo er war. Auf dem roten Sofa, auch wenn er es nicht mochte, genauso wenig, wie das ganze restliche Café.

Als die Bedienung sich auf einen der Tische zu bewegte, entdeckte sie den jungen Mann. Er hatte sich ganz an den Rand der Sofalehne gequetscht. Beim zweiten Hinschauen sah sie, dass er fast noch ein Junge war. Vielleicht hatte er gerade die Volljährigkeit erreicht, aber älter war er keinesfalls. Während sie die Bestellung von ihrem Tablett auf den Tisch einer der Gäste räumte, fragte sie sich, was so einen jungen Mann in ihr Café geführt haben könnte. Üblicherweise waren ihre Gäste älter. Junge Menschen bevorzugten Cafés mit angesagter Musik. Ihre Tochter hatte ihr einen langen Vortrag über die Vorlieben der Jugend gehalten und ihr deutlich gemacht, dass das Café ihrer Mutter sicher kein Treffpunkt für junge Leute werden würde, nicht bei dieser Musik im Hintergrund. Manchmal hatte sich die Cafébesitzerin gefragt, ob diese Erkenntnis sie bei der Musikauswahl beeinflusst haben könnte. Letztendlich war sie jedoch zu der Gewissheit gelangt, dass es ausschließlich ihre Vorliebe für klassische Musik gewesen war. Sie hatte nichts gegen junge Menschen, aber ihre Musikvorlieben konnte sie nicht teilen. Da glich sie wohl vielen anderen Menschen, die ihre Lebensmitte schon überschritten hatten. Als sie sich dem Mann auf dem Sofa näherte, hatte er in ihren Augen viel mehr von einem Jungen, als von einem Mann. Auch wenn dieser Junge sehr hoch gewachsen war und sicherlich fast an die ein Meter neunzig Marke heranreichte, er hatte ein Jungengesicht. Er war schlaksig und sie dachte, dass dies häufig der Fall war, wenn junge Menschen plötzlich an Größe zulegten. Die Größe änderte sich schneller, als das Gewicht hinterher kam. Im Alter relativierte sich das meistens, war ihre Erkenntnis, als sie vor ihm stand. Sie schaute ihren Gast an, aber dieser wich ihrem Blick aus. Er ließ seine Augen wirr durch das Café gleiten. Sie schienen nirgendwo anzukommen. Als sie die Hoffnung auf einen Blickkontakt aufgegeben hatte, fragte sie: «Hallo. Was darf ich ihnen denn bringen?» Er schaute sie noch immer nicht an. Sie runzelte leicht ihre Stirn und fragte sich, ob er sie überhaupt verstanden hatte. Vielleicht hörte er schwer? Sie wiederholte ihre Frage und der junge Mann fing an in seinen Hosentaschen zu suchen. Der Blick der Bedienung fiel auf den Rucksack, den er unter den Tisch gestellt hatte. Er war alt und der Reißverschluss wurde von einer verbogenen Sicherheitsnadel zusammen gehalten. Auf einmal hatte sie eine Ahnung, wonach der Mann suchen konnte. Sie hatte gerade den Mund geöffnet, um ihrem Gast mitzuteilen, dass er in Ruhe überlegen könne, was er trinken wolle, als er fragte: «Was kostet eine Cola?» Sie antwortete: «Zwei Euro.» Das war eine Lüge, aber der Gast nickte, hatte sich offenbar sofort entscheiden und sie war der Meinung, dass es durchaus vertretbar war auf die fehlenden siebzig Cent zu verzichten. Offenbar hatte der junge Mann wenig Geld. Es war nicht nur der Rucksack, der das vermuten ließ, sondern auch die abgelaufenen und kaputten Turnschuhe. Der Pullover, der zu klein war und dessen Ärmel nicht bis zum Handgelenk reichten, tat sein Übriges, um das Bild zu vervollständigen. Sie ging in die Küche und füllte ein großes Glas mit Cola. Als sie mit seiner Bestellung auf ihn zuging, trafen sich durch Zufall kurz ihre Blicke. Er konnte dem Blick in ihre Augen nicht standhalten und gleichzeitig griff er nach seinem Rucksack, um ihn neben sich auf das Sofa zu stellen. Diese Bewegung und der kurze Blick in seine dunklen Augen, ließ die Bedienung in ihrer Bewegung verharren. Sie hatte nur kurz in das Braun seiner Augen geschaut, aber alles was sie dort erkennen konnte war: Nichts. Sie waren durchsichtig, nichtssagend, tot? Sie schluckte. Das konnte nicht sein. Sie hätte gern ein zweites Mal hineingeschaut. Nicht weil es so schön gewesen wäre, sondern weil sie nicht glauben wollte, was sie gesehen hatte. Aber der junge Mann ließ es nicht zu. Wie konnte das sein? Ein Mensch mit toten und leeren Augen, der hier am Tisch auf ihrem Sofa saß? Und was war in diesem Rucksack, war die Frage, die sie sofort erfüllte.