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Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

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Eine neue Rote-Sofa Geschichte: Der innere Antreiber und Sie

Männlein (2)

Eine Ruhe überfiel sie, als sie durch die Tür trat. Das leise Klingeln der Türglocke hieß sie willkommen. Sie schaute sich um. Das Café war gut gefüllt. Als hätte es auf sie gewartet, stand am Rand des Innenraumes ein rotes Sofa. Sie setzte sich und wartete. Die Stimme blieb aus. In ihrem Kopf war eine Stille, wie sie vorher noch nie da gewesene war. Sie schloß die Augen. Wie schön das war. Als sich ihre Augen wieder öffneten, stand eine Frau vor ihr. Sie lächelte und hatte einen Stift in der Hand. Die Frau auf dem Sofa lachte leise und sagte: «Entschuldigung. Ich war in Gedanken. Ich hätte gerne eine große Tasse Tee. Haben sie Earl Grey?» Die Frau nickte, blickte der Kundin in die Augen und sagte lächelnd: «Ja, habe ich. Er kommt sofort!» Die Worte der Bedienung hingen noch in der Luft, als sie wieder auf dem Rückweg zur Theke war. Die Frau auf dem Sofa schaute der Bedienung nach, ohne sie wahrzunehmen. Sie war ganz in ihrer Welt. Das war sie oft, aber sehr selten hatte sie sich dort so wohl gefühlt, wie in diesem Moment. Sie befand sich in einem Stille-Vakuum. Ihr innerer Antreiber war verstummt. Erstmal.

Ihr Tee wurde gebracht und sie setzte sich ein wenig auf die Kante des Sofas, um die Zitrone in den Tee zu rühren. Sie nahm das Knistern des Beutels wahr, das Geräusch, als sie ihn öffnete, um die Zitrone in den Tee zu träufeln. Sie schaute, wie sich der Tee mit der Zitrone vermengte. Er veränderte langsam seine Farbe. Wurde heller, als würden beide Flüssigkeiten einen Tanz aufführen, zu einer Melodie, die nur im Teeglas hörbar war. Sie hatte sich schon lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Wie war das möglich? Sie versuchte sich an die Einzelheiten des Gesprächs zu erinnern. Aber alles, woran sie sich erinnerte, waren einzelne Bruchstücke. Eins davon war, dass ihr innerer Antreiber sie schon von klein auf begleitete. Er kannte sie wirklich gut. Er hat nicht zufällig bei ihr halt gemacht. Er wurde ihr regelrecht „ins Ohr gesetzt“. Sätze aus ihrer Kindheit, die sie immer wieder gehört hatte, waren gepflanzt worden. Sie wuchsen und gediehen wie Unkraut. Nahmen von jedem Lebensbereich Besitz. Sie hatte die Sätze gehegt und gepflegt. Auf jedes „Du musst noch…!!!“ hatte sie gehorcht. Sich unterworfen. Sie hatte sich zur Sklavin machen lassen. Unbewusst und in bester Absicht. Angst ist ein treuer Begleiter und treibt zu Höchstleistungen. Ihr innerer Antreiber war mit ihr zusammen groß geworden. Er hatte auch etwas Positives: Er war immer da. Er hatte sie angetrieben und sie hatte viel geschafft. Wahrscheinlich hätte sie ohne ihn viel weniger erreicht. Sicherlich war er genauso müde wie sie. Vielleicht brauchte auch er mal eine Auszeit? Sie nippte an ihrem Tee. Er war heiß und schmeckte. Sie mochte diese blumige Note des Earl Grey Tees. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Gespräch. Sie wusste nicht mehr, wie sie darauf gekommen waren, eigentlich hatte sie wegen der Migräneanfälle ihren Hausarzt aufgesucht. Und plötzlich hörte sie, wie ihr Arzt sie fragte, ob sie ihren inneren Antreiber kennen würde. Sie war erschrocken gewesen und erinnerte sich, dass sie sofort ein Bild von einem grobschlächtigen Mann vor Augen gehabt hatte. Er hatte eine Peitsche in der Hand, grobe Stiefel an, einen dümmlichen Gesichtsausdruck und rief: „Du musst noch!“ Allein sein Bild vor Augen zu haben, ließ einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf entstehen. Parallel wuchs ein Kloß in ihrem Hals. Sie hatte den Arzt angeschaut und genickt. «Und, wie lange ist er schon bei ihnen?», hatte er gefragt. Daraufhin hatte sie nachdenken müssen. Sie wusste nicht, wie lange sie schweigend dort gesessen hatte. Der Antreiber ließ auf sich warten, bis er plötzlich mürrisch rief: «Du musst noch den Müll runter bringen!» Vorher war er einige Male laut stampfend auf und abgegangen. Es war ihm deutlich anzusehen gewesen, dass er wütend war. Sie spürte, wie eine alte Angst in ihrem Magen herauf kroch und sich schließlich in ihrem Nacken breit machte, um ihre Schultern nach vorne zu drücken. Als sie den Satz hörte, war ihr schlagartig bewusst: Er hatte die Stimme ihrer Mutter. Die Stimme passte nicht zum Bild des Sklaventreibers. Aber es war ihre Stimme. Der Antreiber hatte sich verraten, als er davon gesprochen hatte, dass der Müll runtergebracht werden sollte. Sie hatte als Kind den Müll runter bringen müssen, da sie in einem Hochhaus groß geworden war. Heute wohnte sie in einem eigenen Haus. Da brachte sie den Müll raus, nicht runter. Das war dem Antreiber entgangen. Er konnte nicht der Schlauste sein, war ein Gedanke, den sie gerne behalten hätte.

Als sie ihrem Arzt erzählt hatte, woher sie die Stimme kannte, hatte er ihr einen Vorschlag gemacht: «Schreiben sie drei Situationen auf, in denen ihr Antreiber laut wird. Beschreiben sie diese genau. Welche Emotionen werden dadurch in ihnen wach? Schreiben sie diese auf.» Damit hatte er sie entlassen. Das Erstaunliche war, jetzt wo sie auf dem Sofa saß und ihn hören solle, blieb ihr Antreiber stumm. Vielleicht fühlte er sich ertappt. Bestimmt war er feige und konnte nur im Verborgenen agieren. Sie brauchte in ihrem Gedächtnis nicht lange suchen, um eine Situation zu finden, in der der Antreiber besonders laut war. Morgens, direkt nach dem Aufwachen war er laut. Ihr wurde bewusst, dass er sie jeden Morgen weckte. So, wie sie es aus Kindertagen kannte. Das erste, was die Stimme sagte, wenn sie sich laut rumpelnd bemerkbar gemacht hatte war: «DU MUSST AUFSTEHEN!!!» Sie hatte die Stimme ihrer Mutter mitgenommen und ihr das Bild eines häßlichen inneren Antreibers gegeben. Das war eine schmerzliche Erkenntnis. Gerade das hatte sie zurück lassen wollen. Mitgenommen hatte sie ausgerechnet das, was ihr nicht gut tat. Und nun?

Abwarten und Tee trinken. Die Stille im Kopf genießen. Sie hob das Teeglas und bemerkte, dass beide Flüssigkeiten sich miteinander verbunden hatten. Sie nahm einen Schluck. Der Tee war noch warm. Wie schön es in ihrem Kopf zuging, wenn die häßliche Stimme fehlte. Es war so still. Friedlich. Ruhig. Das hatte sie geschafft. Wo war der Antreiber, wenn er sich nicht in ihrem Kopf Aufmerksamkeit verschaffte? Sie dachte darüber nach, was ihm wohl gefallen könnte und sah ihn plötzlich in einem Zimmer sitzen. Das Zimmer war in einer Souterainwohnung. Die Fenster waren mit Efeu bewachsen. Es war dunkel, aber sehr sauber. Die Einrichtung war spartanisch. Es gab nur einen großen weichen Sessel mit Fußhocker. Einen Tisch, auf dem Knabberein standen und einen großen Fernseher mit einer Fernbedienung. Ein Glas Sekt stand auf dem Tisch. Der Antreiber saß vor dem Fernseher und schaute eine dieser furchtbaren TV-Serien mit Hans Meiser. Er trug Kopfhörer, so konnte die Frau nur die bewegten Bilder sehen, aber nichts hören. Sie verließ den Raum und schloß leise die Tür von außen. Sofort war das innere Bild des Raums aus ihrem Kopf verschwunden. Sie schloss die Augen und sie hörte in sich hinein, nur um die Stille zu genießen. Der Antreiber saß vor dem Fernseher. Er hatte sich zurückgezogen und ließ es sich gut gehen. Sie gönnte es ihm. Wenn es ihm gut ging, ging es ihr auch gut. Jetzt wo er stumm und beschäftigt war, konnte sie in Ruhe darüber nachdenken, was er für ein Mensch war. Warum hatte er ihr versucht einzureden, dass sie schwach war. Sie hatte ihm sooft beweisen müssen, dass sie alles alleine konnte. Du kannst das sowieso nicht!  war neben Du muss noch! sein zweiter Lieblingssatz. Wahrscheinlich war das die Strategie des inneren Antreibers von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Selbst bekam er nichts alleine geregelt, außer andere immer klein zu machen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie wahrscheinlich deswegen Menschen verabscheute, die andere immer wieder angriffen, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Sie musste an eine entfernte Bekannte denken, die gerne bei anderen immer den Finger in die Wunde legte. Man fühlte sich gezwungen, sich direkt zu verteidigen. Niemand war bis jetzt auf die Idee gekommen, diese Frau zu fragen, was mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten war. Alle waren sofort mit der eigenen Verteidigung beschäftigt. Das ging so weit, dass viele Menschen einen großen Bogen um diese Frau machten, da das Bedürfnis sich verteidigen zu müssen schon einsetzte, wenn die Frau nur in der Ferne am Horizont erschien. Wer andere immer klein macht, wird selbst nie groß sein.

Der Antreiber machte es genauso. Er sagte ihr ständig, was sie zu tun hatte und dass sie das gefälligst alleine tun solle. Hilfe durfte sie nicht annehmen, denn dann hätte sie bewiesen, dass sie es nicht konnte. Häh, Häh. Habe ich ja gleich gewusst. Du bist dafür zu doof!  Sagt jemand, der auf dem Sofa sitzt und hohle TV-Serien schaut, dachte sie. Sie stellte das leere Teeglas auf den Tisch. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Sie sah die Kirschblüten. Viele Blütenblätter rieselten zu Boden und bildeten einen dichten rosa Teppich. Sie konnte die Stille sehen. In diesem Moment wusste sie, dass sie durch das Bild der fallenden Blütenblätter die Stille in ihren Kopf zaubern konnte. Der Antreiber bekam davon nichts mit. Er war von Hans Meiser abgelenkt. Wer hätte gedacht, dass diese Fernsehserie für etwas gut sein konnte! Es dauerte, bis sie sich an der Stille satt gesehen hatte. Dann stand sie auf, bezahlte und ging. Den Antreiber nahm sie mit, aber er war noch nie so weit entfernt von ihr, wie heute.

 

Wenn Achtsamkeit unter den Nägeln brennt

Achtsamkeit und mit sich achtsam umgehen ist im Trend. Ich dachte: Das ist nützlich für mich und mein Wohlbefinden. Nicht der Trend, aber der Umstand mehr auf sich acht zu geben. Entspannungsübungen sind gut und bereichern meinen Alltag. Achtsamkeitsübungen lassen sich sicher ebenso gewinnbringend einbauen. So viel zum Plan.

Gesagt getan: Die Achtsamkeitsübung sah vor eine Teetasse zu spülen. Und das sehr achtsam!!! Was das bedeutet? Die Konzentration auf die Teetasse fokussieren. Farbe, haptische Beschaffenheit, der Ton des blubbernden Spülwassers,….

Wasser eingelassen, Tasse rein und los. Teetasse spülen und dabei alle oben genannten Faktoren berücksichtigen. Bis die Tasse gespült war hat alles gut funktioniert.

Dann war da die gespülte Tasse, eine Menge sauberes Spülwasser und weiterer Dreck, den man hätte beseitigen können. Ich habe mit mir gerungen. ‚Lass die Achtsamkeit die Oberhand gewinnen‘. ‚Lass die Küche dreckig‘.

Um es kurz zu machen: Die Küche hat gewonnen. Die Achtsamkeit ist im Spülwasser versunken.

Die Krimimimi

Krimimimi

Seit geraumer Zeit schreibe ich an einem Krimi. Dabei stoße ich nicht nur auf Schwierigkeiten rund um das Schreiben (fehlende Zeit – fehlende Zeit – fehlende Zeit), sondern auch auf die unterschiedlichsten Fakten rund ums Kriminelle. Zum einen hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich in meinem persönlichen Umfeld derartig viele Anregungen entdecken würde. Häufiger als erwartet, werde ich mit Personen und Gegebenheiten konfrontiert, die in mir den Wunsch auslösen sie im Krimi zu verarbeiten. Damit ist weniger das psychische als das handwerkliche Verarbeiten gemeint. Mehl wird zu Teig verarbeitet und Situationen mit Menschen zu Kapiteln. Wichtig: DAS HAT NICHTS AUTOBIOGRAFISCHES. Nachdem mein erstes Buch erschienen war, wurde ich häufig darauf angesprochen, ob die Geschichten mir passiert wären und ob es die Menschen wirklich gibt. Schon lange wollte ich dazu loswerden:
Alle Personen und Geschichten sind frei erfunden. Vielleicht erinnern sie an Bekannte. Auch wenn reale Situationen und Menschen Geschichten und Assoziationen „anstupsen“, so stehen sie höchstens Pate oder Patin. So, wie sie in meinen Geschichten auftauchen, gibt es sie nicht.
Fakt ist – das Leben ist so spannend, dass es sich lohnt genauer hinzuschauen, zu ordnen und zu sortieren (dabei können Sketchnotes hilfreich sein – siehe oben). Dann braucht es „nur“ noch Zeit, um das alles aufzuschreiben.

Der Hund, der mich nicht los lässt

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Das Leben. Es hat einiges zu bieten. Nicht nur Geschichten. Sondern auch Hunde. Manchmal auch eine Geschichte mit Hund. In diesem Fall ist diese Geschichte wirklich passiert, nämlich mir.
Ein Abend wie jeder andere. Ich raffe mich auf, ziehe die Laufschuhe an und mache mich auf den Weg. Eine Runde übers Feld laufen bevor es dunkel wird. Beim Laufen ziehen die Gedanken ihre eigenen Runden. Wer läuft, kennt das vielleicht. Man nimmt die Umgebung wahr, aber anders. Als ich meine Runde über das Feld zu einem großen Teil schon hinter mich gebracht habe und auf dem Rückweg bin, erkenne ich von Weitem zwei Fahrradfahrer. Hinter den Rädern läuft ein Hund in großem Abstand hinter her. Beim Näherkommen erkenne ich, dass es sich um Fahrradfahrerinnen handelt. Eine Frau und ein Mädchen kommen mir entgegen. Der Hund holt auf. Als er einige Zeit nach den Frauen auf meinen Feldweg einbiegt, sieht er mich und legt sich hin. Ich kenne diese Geste von meinem Hund, den ich früher einmal hatte. Der Hund wartet auf mich. Im besten Fall will er mit mir spielen. Vielleicht aber auch nicht. Und wenn doch: Hoffentlich versteht er unter spielen etwas ähnliches wie ich. Mir wird komisch zu Mute und ich mache die Frau, die gerade mit dem Kind an mir vorbei fährt, darauf aufmerksam, dass ihr Hund sich gerade auf den Feldweg auf die Lauer legt. Sie lacht mich strahlend an und erwidert, dass sie den Hund gar nicht kenne. Der wäre einfach so hinter ihr her gelaufen. Dann fährt sie weiter. Mit ihrem Kind. Der Hund bleibt da. Liegend und mich ins Visier nehmend. Ein Blick über das Feld (und hier kann man wirklich kilometerweit gucken. Es ist ein 1A Rübenfeld – weit und breit kein Baum, kein Strauch, kein gar nichts) zeigt mir, dass außer dem Hund und mir weit und breit kein weiteres Lebewesen zu sehen ist. Wir schauen uns an. Der Hund und ich. Von Joggen kann keine Rede mehr sein. Nachher denkt der Hund noch, dass ich vor ihm weg laufe und er will mich zur Strecke bringen. Ich versuche es mit langsamen Bewegungen. Beim näheren Begutachten des liegenden Hundes stelle ich fest, dass es ein Hovawart ist. Hübsch. Aber groß. Ich weiß nichts über diese Rasse. Ob die nett sind?? Ich frage den Hund. Er antwortet nicht und ich spreche weiter mit dem Tier und als uns nur noch wenige Meter trennen, springt er auf und rennt auf mich zu. Ich halte nur kurz die Luft an, denn die Rute wedelt eifrig hin und her. Die Ohren hat das Tier auch nach vorn gestellt. Die freundlich gesinnte Hundedame lehnt sich an meine Beine und das Streicheln scheint ihr zu gefallen. Ich atme auf und setze mein Laufrunde fort. Allerdings nicht allein. Das Tier begleitet mich. Und nu?
Diese Frage stelle ich mir auch noch, als ich den Hund in meinen Garten lasse und er interessiert meinen Rasen abschnüffelt. Meine Töchter sind hellauf begeistert über besagte Hundedame, die wir sehr schnell in unser Herz schließen. Aber: Dieses nette Tier wird jemand vermissen, dass ist uns allen klar. Also: Polizei angerufen, aber dort wird nur ein Bernhardiner vermisst. Nein, dass ist sie nun wirklich nicht. Wir füttern unseren Gast und bereiten ihr ein Nachtlager. Sie nimmt das alles sehr gelassen hin. Wenn ich allerdings in der Garage oder im Keller verschwinde, steht sie vor der Tür und wartet auf mich. Wenn sie mich erblickt, wedelt sie mit dem Schwanz und stupst mich mit der Nase an.
Uns ist natürlich klar, dass dieses liebe Tier jemand vermissen wird. Allerdings fragen wir uns bis heute, warum das erst am nächsten Tag war. Ein Herr ruft an und sagt, dass er die Telefonnummer von der Polizei habe. Es kommt, wie es kommen musste. Das Auto steht vor der Tür und ein Mann steigt aus. Die Reaktion des Hundes ist allerdings anders als erwartet. Sie kneift die Rute ein und legt die Ohren an. Ein freudiger Empfang sieht anders aus. Schon auf dem Weg zum Auto knurrt die Hundedame. Dann fährt sie und lässt traurige Gemüter zurück.
Seit diesem Tag laufe ich häufiger. Vielleicht schafft die Hundedame es ja nochmal wegzulaufen. Dann werde ich an Ort und Stelle sein, damit sie den Weg auch findet.

Die Metaebene oder: Nichts ist erledigt!

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Beim Schreiben der Blogbeiträge über die kleinen Alltagsgeschichten überkam mich irgendwann das Gefühl des „Da sind doch Gemeinsamkeiten!“. Nicht, dass ich das Gefühl gehabt hätte, dass sich die Geschichten wiederholten. Es war vielmehr das Gefühl: Da ist etwas, das schlummert im Verborgenen und kommt, ohne dass es zu verhindern wäre, stets im neuen Gewand an die Oberfläche. Es taucht auf, schaut nach rechts und links und schließlich stellt sich das es vor: „Guten Tag. Ich bin die Metaebene“. Alles hat eine Metaebene und je nach Betrachter und dessen Standpunkt kann die Interpretation besagter Ebene sehr unterschiedlich sein. Beim Grübeln über die Metaebene kam mir der Gedanke darüber einen Blogeintrag zu verfassen. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fiel mir dazu ein. Wasserfallartig überströmten mich Gedanken, Informationen und längst verschüttet geglaubtes Wissen über Konstruktivismus, Psychologische Aspekte des Daseins und Erinnerungen wirklich erlebter Geschichten. Ich schrieb und schrieb und schrieb….
Um es kurz zu fassen: Es wird kein Blogeintrag. Das würde den Rahmen sprengen. Aber vielleicht wird ein Buch daraus. Denn die Metaebene schwingt immer mit – egal was wir tun. Sie ist da und sie bietet Chancen. Es gibt die Möglichkeit der Änderung des Blickwinkels. Allerdings darf man gewisse Realitäten dabei nicht aus den Augen verlieren: Es nützt nichts den Standpunkt zu wechseln, wenn man schlecht behandelt wird. Die Betrachtung auf der Metaebene erleichtert eventuell einen Erklärungsversuch warum sich jemand gemein, hinterhältig oder einfach nur doof verhält. Man selbst darf deshalb trotzdem mit einem Gegenschlag reagieren, egal welche Erklärungen die Metaebene parat hält. Nur weil man glaubt zu wissen, warum man gerade vom Gegenüber mies behandelt wird, bedeutet das noch lange nicht, dass dies damit zu entschulden ist. Außerdem hilft eine heftige (vielleicht!) Reaktion beim Mensch XY etwas anzustoßen. Ob das hilfreich ist? Hängt von der Interpretation der Kontrahenten ab! Es nützt nichts, wenn nur einer den Standpunkt wechselt und einen Blick auf die Metaebene riskiert. Denn dann dreht sich alles um denjenigen, der starr und steif auf seinem Standpunkt beharrt, nichts begreift und immer nur um sich selber kreist. Dann darf man sich auch gerne mal weiter entfernen und die Metaebene hinter sich lassen.