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Drum rum sind die Geschichten

Nachtcafé

Ich sitze in einem Café. Eine Frau setzt sich ein paar Tische weiter auf einen Stuhl. Ich schaue sie an und schon galoppiert meine Fantasie los. Ich dichte ihr ein komplett erfundenes Leben an. Um es gleich mal auf die Spitze zu treiben: Die Leben, die sich in meiner Vorstellungswelt entspinnen sind sehr wahrscheinlich weit weg von der Realität, dafür sind sie sehr unterschiedlich: Von der Existenz der Dame als Auftragkillerin, bis hin zur Hauswirtin, die ihren Nachbarn in den Wahnsinn treibt, sind mehrere Varianten möglich. Vielleicht ist sie aber auch die Frau, die jeden Tag zur Arbeit geht, abends kocht und dann noch Sport macht. Wer weiß das schon? Es wäre auch möglich, dass ich sie mir als unbescholtene Kommissarin ausmale und die Einstiegsgeschichte eines neuen Romans zurecht denke.
Als ein Pärchen sich einen Tisch weiter dazu setzt, ist die Dame vergessen und das Gedankenkarussell beginnt von neu. Nein, sie ist nicht ganz vergessen, aber die erfundenen Geschichten rücken in den Hintergrund. Ich praktiziere das, seit ich Kind war. Mein eigenes Unterhaltungsprogramm, wenn das Lesen mal nicht möglich war. Damals war die Frau an der Kasse mit dem russischen Akzent eine Prinzessin, die nicht wusste, dass sie einem Königshaus entsprungen war. Der Mann, der mir jeden Morgen mit seinem Hund begegnete, war ein Privatdetektiv und der arbeitslose Nachbar war ein heimlicher Millionär. Das Spinnen eigener Geschichten im Kopf bescherte mir schon immer schöne Stunden. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Nicht jede Geschichte ist es wert zu Ende gedacht zu werden. Einige schon. Andere wahre Geschichten sind dagegen so unglaublich, dass sich die Fantasie niemals freiwillig so etwas ausdenken würde, jedenfalls nicht ohne Weiteres. Es lohnt sich jedoch oft genauer hinzuschauen: Was für Menschen begegnen mir und was tun sie? Manchmal fügen sich so zwei oder mehrere Geschichten, die nichts miteinander zu tun haben, zusammen. Machmal wird alles erfunden und das einzige Reale ist die Person in ihrer Erscheinungsform. Was aus meiner Sicht spannender ist als das Aussehen oder die Erscheinung: Was macht die Person und vor allem warum? Das Riesenrad der Spekulationen darf in Gang gesetzt werden: Warum tut die Person genau DAS und nichts ANDERES? Da kann man ganz oft sehr daneben liegen, was nicht schlimm ist, wenn es für die erfundene Geschichte von Wert ist. So eine erfundene Geschichte hat den Vorteil dass sie rund ist. Eins fügt sich zum anderen. So wie ich das möchte. Ob das wirklich so ist oder nicht…für die Geschichte ist es real. Manchmal kommt man beim Spekulieren über die Beweggründe einer Person sehr dicht an die Wirklichkeit anderer einzelner Personen heran. Ohne es zu wissen oder gar zu wollen. Aber auch da gilt: Es ist eine erfundene Geschichte und wenn es den einen oder anderen anspricht, weil er sich entdeckt oder erkannt fühlt, dann kann man nur hoffen, dass es positive Denkanstöße hinterlässt. Denn auch wenn sich Menschen noch so sehr wiederzukennen glauben – es bleibt eine erfundene Geschichte. Aber was ist schon Wirklichkeit und was Fiktion? Das philosophisch zu ergründen würde wohl zu lange dauern. Genau hinschauen und Geschichten entdecken geht hingegen ganz schnell!
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Schön fremd

Fremde Stadt

Ivi blieb mit Mutter und Tochter einige Tage in der fremden Stadt. Entweder schlüpfte sie in die Jackentasche des Mädchens oder ließ sich in der Netzseitentasche des Rucksacks von der Mutter spazieren tragen. So hatte sie den besten Überblick über die fremden Häuser und Menschen. Sie wurde durch die Stadt getragen und schnappte immer wieder Laute dieser seltsamen Sprache auf. Manchmal klang das fast wie deutsch, aber eben nur manchmal. Auch das Essen war anders, aber egal wie es auch heißen mochte: Ivi liebte es, vor allem die Dinger die Pannenkoeken hießen! Was waren die lecker. Am allerbesten war für Ivi jedoch: Es gab kein Watt! Nur einen Fluss ohne Watt. Wer wollte schon Watt haben, wenn er dort sein ganzes Leben verbracht hatte? Ivi bestimmt nicht. Ihre Gummistiefel hatte sie in der Ecke des Sockenfachs verstaut, in dem sie noch immer schlief. Aber seit sich die Stiefel von ihren Füssen gelöst hatten, wurden sie von Ivi ignoriert. Schließlich hatte sie die Dinger stets loswerden wollen. Sie würde die Gummistiefel erst wieder anziehen, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
Dass die Weiterfahrt bevorstand merkte Ivi, als Mutter und Tochter abends ihre Taschen packten und sich den Wecker für den kommenden Morgen stellten. Das hatten sie in den vergangenen Tagen nicht getan. Die kleine Wattenmeerelfe schlüpfte zu den Socken und machte es sich bequem. Sie hatte keine Ahnung in welchem Land sie waren und keinesfalls wollte sie alleine in diesem Hotelzimmer zurück bleiben. Auch wenn sie bis jetzt unerkannt mit Mutter und Tochter gereist war und beide nicht wussten, dass sich eine Wattelfe als blinder Passagier in ihrer Reisetasche befand: Ivi hatte die beiden ins Herz geschlossen und wollte unbedingt in ihrer Nähe bleiben. Außerdem gefiel ihr das kleine Mädchen. Das hüpfte immer viel in der Gegend herum. Wenn Ivi in ihrer Tasche saß, war das wie Wattschlittenrennen fahren. Das war toll, auch wenn Ivi danach immer etwas schwindelig war.
Die Wattelfe wurde durch das bekannte Geschaukel der Reisetasche geweckt. So müde wie sie war, musste es noch sehr früh am Morgen sein. Es dauerte nicht lange und das bekannte Motorengeräusch des Autos erklang. Bevor die Wattelfe wieder einschlief fragte sie sich kurz, ob sie wieder nach Hause fuhren. Ihr letzter Gedanke, bevor sie der Schlaf einholte, galt der Hoffnung, dass das nicht der Fall sein würde.