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Ein Jahr auf dem Sofa-Januar

Die erste Woche des Jahres war fast vergangen.

Das Gefühl festhalten! Sie wollte das Gefühl festhalten. Sie schaute vom roten Sofa auf und strich mit ihrer Hand über den samtigen Bezug. Sie freute sich über das Gleiten ihrer Hand über die weiche Oberfläche. Ob es anderen Menschen immer so ging? Das Fühlen des Glücks über die Schönheit des Augenblicks? So konnte es bleiben.

Fiona, die Bedienung schaute auf die Frau herab und fragte sich, woran die Frau denken mochte. Es war nur ein kleines Lächeln, das ihr Gesicht erstrahlen ließ. Dabei hatte sie die Augen geschlossen und strich immer wieder leicht über das Sofa. Sie wollte die Frau nicht stören und wartete einfach ab. Ihr Blick fiel nach draußen und sie sah, wie die Sonne versuchte sich an der Wolkenwand vorbei zu mogeln. Fiona bezweifelte, dass sie erfolgreich sein würde. Der Tag war in eintöniges Grau gehüllt. Es war 11 Uhr, dennoch sah es aus, als würde es heute nicht richtig hell werden. Dafür müsste die Sonne energischer sein.

„Ganz schön dunkel, oder?“, sagte die Frau auf dem Sofa und lächelte, als sie Fiona anschaute. Diese antwortete: „Ja, ein typischer Januartag. Alle bleibt wie in Blei getaucht. Eigentlich der perfekte Tag für eine heiße Schokolade.“ Sie lächelte und fragte: „Was darf ich Ihnen denn bringen?“ „Ihre Idee klingt gut. Ich hätte gerne die heiße Schokolade, von der sie eben sprachen. Bitte mit viel Sahne obendrauf!“ Als Fiona lächelte, kräuselten sich ihre Sommersprossen auf der Nase. Sie nickte und verschwand in der Küche. Als sie mit der fertigen Schokolade an den Tisch der Frau zurück kam, musterte sie diese. Kurze graue Haare, um die 50, mit sportlicher Figur. Das feine Lächeln, das ihren Mund umspielte, machte die Frau aus. Sie sah glücklich aus. Fiona versuchte auszumachen, was das Glück der Frau ausmachte. Es war nichts, was mit den Augen zu erkennen gewesen wäre. Es musste verborgen in der Mimik und Gestik sein. Etwas, dass Fiona erkannte, ohne es bewusst wahrzunehmen. Etwas an der Frau zeigte der Außenwelt, dass es ihr gut ging und dass sie genau zu diesem Zeitpunkt, an der Stelle wo sie war, sein wollte.

Als die Frau ihre Schokolade in Empfang genommen hatte, wendete sie sich der Sahne zu. Sie war weich und nur leicht mit Vanillezucker gesüßt. So wie die Frau es liebte. Während sie langsam den ersten Schluck nahm, dachte sie darüber nach, wie sie das Glücksgefühl festhalten konnte. Es war aus dem Nichts gekommen und hatte entschieden sich zu ihr zu gesellen. Das allein war schon ein großes Glück gewesen. Es festhalten zu wollen, war bestimmt der falsche Weg. Instinktiv war sie sich dessen sicher. Aber wenn sie sich es sich bewusst machen würde, dann könnte sie sich die Empfindungen bewusst machen. In sich hineinfühlen: Wie der Magen, die Beine und alle anderen Körperteile sich anfühlten? Welche Gedanken bevölkerten ihren Kopf?Diese Frage ließ sie inne halten. Welche Gedanken waren das denn? Sie stellte die Tasse ab und holte ihr kleines Notizbuch aus der Tasche. Sie zog den Kugelschreiber aus der zum Notizbuch dazugehörigen Stiftschlaufe und schlug eine freie Seite auf.

Sie hielt kurz inne, bevor sie anfing zu schreiben. Sie beschloss, dass es ein erstes Brainstorming sein sollte:

Gute Gedanken-glückliche Gefühle:

Ruhe haben und sich Zeit lassen. Es änderte nichts, sich zu beeilen, denn wenn sie darüber nachdachte, was es noch alles zu tun gäbe, hätte sie schon Zeit vergeudet. Sich auf das zu konzentrieren was man gerade tat, war für sie ein Schritt zum Glück.

Was war alles gut in diesem Augenblick? Da gab es sicher einiges:

Sie war gesund, sie hatte zwei erwachsene Kinder, die ihr Leben im Griff hatten, eine Arbeit, die ihr Spaß machte. Und nicht zu vergessen: Sie hatte ein warmes Zuhause für sich. Das war wirklich ein großes Glück. Wie lange hatte sie sich danach gesehnt und wie schnell hatte sie es für selbstverständlich erachtet. Es war gut, dass sie sich immer wieder daran erinnerte, dass es ein großes Glück war, dass sie alleine leben durfte. In Ruhe. Keiner, der ihr sagte, was sie zu tun und zu lassen hatte.

Sie atmete ein und legte den Stift beiseite. Der Geschmack der süßen Sahne eroberte ihre Mundhöhle. Während ihre Zunge damit beschäftigt war den Geschmack zu verteilen, gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft. Ihr kam in den Sinn, wie sehr sie es genoß, dass sie zuhause vor dem Kamin mit einem Buch sitzen konnte, ohne dass ihr jemand Aufträge erteilte. Früher war das anders gewesen. Da hatte sie keine ruhige Minute finden können. Als sie noch bei ihren Eltern gewohnt hatte, war da ihre Mutter, die ihr stets sagte, was sie alles falsch gemacht hatte oder noch falsch machen würde. Später hatte sie die Stimme ihrer Mutter gegen die ihres Mannes eingetauscht. Und als diese auch nicht mehr da war, stellte sie fest, dass sie selbst ihr schlimmster und unerbittlichster Antreiber war. Die Stimme des Antreibers war in ihrem Kopf. Dort entfachte er unerbittliche Kämpfe gegen die Zeit. Sie versuchte ihren Terminkalender abzuarbeiten und stets perfekt auf alles zu reagieren. Sie brauchte keine Stimme, sie WAR die Stimme. Sie hatte den nie zufriedenen, stets anfeuernden inneren Antreiber in sich. Sie selbst gönnte sich keine Ruhe. Sie war ihr schlimmster Ruhe-Räuber und Stressverursacher. Sie hatte das Erbe ihrer Mutter angetreten. Niemandem konnte sie die Schuld dafür geben. Nur sich selbst.

Diese Erkenntnis war erschütternd gewesen. Sie hatte die Stimme ihrer Mutter zurücklassen wollen. Sie hatte gar nicht früh genug das Elternhaus verlassen können. Deshalb war sie so weit weg von zu Hause gezogen, wie es ihr möglich erschien. Nur um dann festzustellen, dass Sie die Stimme ihrer Mutter so verinnerlicht hatte, dass sie ein Teil von ihr geworden war. Das war das letzte, was sie gewollt hatte. Ihre Mutter war schon immer hartnäckig und unnachgiebig gewesen. Dennoch musste es doch einen Weg geben, damit sie nicht mehr in ihrem Kopf herumgeisterte. Dafür hatte sie die Stimme jedoch erstmal erkennen müssen. Was waren denn die Worte der inneren Antreiberin? Welches waren die Worte ihrer Mutter?

Während die Frau auf dem Sofa sich erinnerte, wunderte sie sich darüber, wie sie so lange nicht hatte merken können, dass ihre Mutter ihre Gedanken verpestet hatte. Sie erinnerte sich sehr genau daran, wie erleichtert sie war, als sie endlich eine Möglichkeit gefunden hatte, um die ungeliebte Stimme loszuwerden. Sie hatte ein Bild ihrer Mutter genommen. Auf diesem Bild war sie nicht so vorteilhaft getroffen. Sie sah eher griesgrämig aus. Genauso wie sie aussah, wenn sie schlechte Laune hatte. Da dies eher die Regel als die Ausnahme gewesen war, gab es davon viele Fotos. Sie hatte sich eher wahllos für eins davon entschieden. Dann waren ihr die Sätze eingefallen, die sie gesagt hatte. Sie hat sie auf ein Blatt geschrieben. Dann hatte sie das Foto, einen Schuhkarton und das vollgeschriebene Blatt Papier genommen und war in den Garten gegangen. Sie hatte erst das Blatt verbrannt. Danach hatte sie sich versucht vorzustellen, welchen Raum ihre Mutter so gerne hätte, dass sie ihn nie wieder verlassen wollen würde. In ihrer Gedankenwelt hatte sie genau so einen Raum eingerichtet und sich vorgestellt, dass das Innenleben des Schuhkartons so aussehen würde. Sie hatte das Foto ihrer Mutter hineingelegt und ihr gewünscht, dass sie dort in diesem Traumzimmer endlich glücklich sein und zur Ruhe kommen würde. Den Schuhkarton hatte sie ins Gartenhäuschen ins Regal gestellt. Als sie die Türe geschlossen hatte, schloss sie die Augen und hörte: Nichts! Die Stimme in ihrem Kopf war still, weil sie nicht mehr da war.

Die Frau rührte in ihrer Schokolade, trank einen Schluck und lächelte. Dann schrieb sie auf den Zettel: Ruhe und gute Gedanken

Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

Eine neue Rote-Sofa Geschichte: Der innere Antreiber und Sie

Männlein (2)

Eine Ruhe überfiel sie, als sie durch die Tür trat. Das leise Klingeln der Türglocke hieß sie willkommen. Sie schaute sich um. Das Café war gut gefüllt. Als hätte es auf sie gewartet, stand am Rand des Innenraumes ein rotes Sofa. Sie setzte sich und wartete. Die Stimme blieb aus. In ihrem Kopf war eine Stille, wie sie vorher noch nie da gewesene war. Sie schloß die Augen. Wie schön das war. Als sich ihre Augen wieder öffneten, stand eine Frau vor ihr. Sie lächelte und hatte einen Stift in der Hand. Die Frau auf dem Sofa lachte leise und sagte: «Entschuldigung. Ich war in Gedanken. Ich hätte gerne eine große Tasse Tee. Haben sie Earl Grey?» Die Frau nickte, blickte der Kundin in die Augen und sagte lächelnd: «Ja, habe ich. Er kommt sofort!» Die Worte der Bedienung hingen noch in der Luft, als sie wieder auf dem Rückweg zur Theke war. Die Frau auf dem Sofa schaute der Bedienung nach, ohne sie wahrzunehmen. Sie war ganz in ihrer Welt. Das war sie oft, aber sehr selten hatte sie sich dort so wohl gefühlt, wie in diesem Moment. Sie befand sich in einem Stille-Vakuum. Ihr innerer Antreiber war verstummt. Erstmal.

Ihr Tee wurde gebracht und sie setzte sich ein wenig auf die Kante des Sofas, um die Zitrone in den Tee zu rühren. Sie nahm das Knistern des Beutels wahr, das Geräusch, als sie ihn öffnete, um die Zitrone in den Tee zu träufeln. Sie schaute, wie sich der Tee mit der Zitrone vermengte. Er veränderte langsam seine Farbe. Wurde heller, als würden beide Flüssigkeiten einen Tanz aufführen, zu einer Melodie, die nur im Teeglas hörbar war. Sie hatte sich schon lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Wie war das möglich? Sie versuchte sich an die Einzelheiten des Gesprächs zu erinnern. Aber alles, woran sie sich erinnerte, waren einzelne Bruchstücke. Eins davon war, dass ihr innerer Antreiber sie schon von klein auf begleitete. Er kannte sie wirklich gut. Er hat nicht zufällig bei ihr halt gemacht. Er wurde ihr regelrecht „ins Ohr gesetzt“. Sätze aus ihrer Kindheit, die sie immer wieder gehört hatte, waren gepflanzt worden. Sie wuchsen und gediehen wie Unkraut. Nahmen von jedem Lebensbereich Besitz. Sie hatte die Sätze gehegt und gepflegt. Auf jedes „Du musst noch…!!!“ hatte sie gehorcht. Sich unterworfen. Sie hatte sich zur Sklavin machen lassen. Unbewusst und in bester Absicht. Angst ist ein treuer Begleiter und treibt zu Höchstleistungen. Ihr innerer Antreiber war mit ihr zusammen groß geworden. Er hatte auch etwas Positives: Er war immer da. Er hatte sie angetrieben und sie hatte viel geschafft. Wahrscheinlich hätte sie ohne ihn viel weniger erreicht. Sicherlich war er genauso müde wie sie. Vielleicht brauchte auch er mal eine Auszeit? Sie nippte an ihrem Tee. Er war heiß und schmeckte. Sie mochte diese blumige Note des Earl Grey Tees. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken schweiften zurück zum Gespräch. Sie wusste nicht mehr, wie sie darauf gekommen waren, eigentlich hatte sie wegen der Migräneanfälle ihren Hausarzt aufgesucht. Und plötzlich hörte sie, wie ihr Arzt sie fragte, ob sie ihren inneren Antreiber kennen würde. Sie war erschrocken gewesen und erinnerte sich, dass sie sofort ein Bild von einem grobschlächtigen Mann vor Augen gehabt hatte. Er hatte eine Peitsche in der Hand, grobe Stiefel an, einen dümmlichen Gesichtsausdruck und rief: „Du musst noch!“ Allein sein Bild vor Augen zu haben, ließ einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf entstehen. Parallel wuchs ein Kloß in ihrem Hals. Sie hatte den Arzt angeschaut und genickt. «Und, wie lange ist er schon bei ihnen?», hatte er gefragt. Daraufhin hatte sie nachdenken müssen. Sie wusste nicht, wie lange sie schweigend dort gesessen hatte. Der Antreiber ließ auf sich warten, bis er plötzlich mürrisch rief: «Du musst noch den Müll runter bringen!» Vorher war er einige Male laut stampfend auf und abgegangen. Es war ihm deutlich anzusehen gewesen, dass er wütend war. Sie spürte, wie eine alte Angst in ihrem Magen herauf kroch und sich schließlich in ihrem Nacken breit machte, um ihre Schultern nach vorne zu drücken. Als sie den Satz hörte, war ihr schlagartig bewusst: Er hatte die Stimme ihrer Mutter. Die Stimme passte nicht zum Bild des Sklaventreibers. Aber es war ihre Stimme. Der Antreiber hatte sich verraten, als er davon gesprochen hatte, dass der Müll runtergebracht werden sollte. Sie hatte als Kind den Müll runter bringen müssen, da sie in einem Hochhaus groß geworden war. Heute wohnte sie in einem eigenen Haus. Da brachte sie den Müll raus, nicht runter. Das war dem Antreiber entgangen. Er konnte nicht der Schlauste sein, war ein Gedanke, den sie gerne behalten hätte.

Als sie ihrem Arzt erzählt hatte, woher sie die Stimme kannte, hatte er ihr einen Vorschlag gemacht: «Schreiben sie drei Situationen auf, in denen ihr Antreiber laut wird. Beschreiben sie diese genau. Welche Emotionen werden dadurch in ihnen wach? Schreiben sie diese auf.» Damit hatte er sie entlassen. Das Erstaunliche war, jetzt wo sie auf dem Sofa saß und ihn hören solle, blieb ihr Antreiber stumm. Vielleicht fühlte er sich ertappt. Bestimmt war er feige und konnte nur im Verborgenen agieren. Sie brauchte in ihrem Gedächtnis nicht lange suchen, um eine Situation zu finden, in der der Antreiber besonders laut war. Morgens, direkt nach dem Aufwachen war er laut. Ihr wurde bewusst, dass er sie jeden Morgen weckte. So, wie sie es aus Kindertagen kannte. Das erste, was die Stimme sagte, wenn sie sich laut rumpelnd bemerkbar gemacht hatte war: «DU MUSST AUFSTEHEN!!!» Sie hatte die Stimme ihrer Mutter mitgenommen und ihr das Bild eines häßlichen inneren Antreibers gegeben. Das war eine schmerzliche Erkenntnis. Gerade das hatte sie zurück lassen wollen. Mitgenommen hatte sie ausgerechnet das, was ihr nicht gut tat. Und nun?

Abwarten und Tee trinken. Die Stille im Kopf genießen. Sie hob das Teeglas und bemerkte, dass beide Flüssigkeiten sich miteinander verbunden hatten. Sie nahm einen Schluck. Der Tee war noch warm. Wie schön es in ihrem Kopf zuging, wenn die häßliche Stimme fehlte. Es war so still. Friedlich. Ruhig. Das hatte sie geschafft. Wo war der Antreiber, wenn er sich nicht in ihrem Kopf Aufmerksamkeit verschaffte? Sie dachte darüber nach, was ihm wohl gefallen könnte und sah ihn plötzlich in einem Zimmer sitzen. Das Zimmer war in einer Souterainwohnung. Die Fenster waren mit Efeu bewachsen. Es war dunkel, aber sehr sauber. Die Einrichtung war spartanisch. Es gab nur einen großen weichen Sessel mit Fußhocker. Einen Tisch, auf dem Knabberein standen und einen großen Fernseher mit einer Fernbedienung. Ein Glas Sekt stand auf dem Tisch. Der Antreiber saß vor dem Fernseher und schaute eine dieser furchtbaren TV-Serien mit Hans Meiser. Er trug Kopfhörer, so konnte die Frau nur die bewegten Bilder sehen, aber nichts hören. Sie verließ den Raum und schloß leise die Tür von außen. Sofort war das innere Bild des Raums aus ihrem Kopf verschwunden. Sie schloss die Augen und sie hörte in sich hinein, nur um die Stille zu genießen. Der Antreiber saß vor dem Fernseher. Er hatte sich zurückgezogen und ließ es sich gut gehen. Sie gönnte es ihm. Wenn es ihm gut ging, ging es ihr auch gut. Jetzt wo er stumm und beschäftigt war, konnte sie in Ruhe darüber nachdenken, was er für ein Mensch war. Warum hatte er ihr versucht einzureden, dass sie schwach war. Sie hatte ihm sooft beweisen müssen, dass sie alles alleine konnte. Du kannst das sowieso nicht!  war neben Du muss noch! sein zweiter Lieblingssatz. Wahrscheinlich war das die Strategie des inneren Antreibers von seiner eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Selbst bekam er nichts alleine geregelt, außer andere immer klein zu machen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie wahrscheinlich deswegen Menschen verabscheute, die andere immer wieder angriffen, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Sie musste an eine entfernte Bekannte denken, die gerne bei anderen immer den Finger in die Wunde legte. Man fühlte sich gezwungen, sich direkt zu verteidigen. Niemand war bis jetzt auf die Idee gekommen, diese Frau zu fragen, was mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten war. Alle waren sofort mit der eigenen Verteidigung beschäftigt. Das ging so weit, dass viele Menschen einen großen Bogen um diese Frau machten, da das Bedürfnis sich verteidigen zu müssen schon einsetzte, wenn die Frau nur in der Ferne am Horizont erschien. Wer andere immer klein macht, wird selbst nie groß sein.

Der Antreiber machte es genauso. Er sagte ihr ständig, was sie zu tun hatte und dass sie das gefälligst alleine tun solle. Hilfe durfte sie nicht annehmen, denn dann hätte sie bewiesen, dass sie es nicht konnte. Häh, Häh. Habe ich ja gleich gewusst. Du bist dafür zu doof!  Sagt jemand, der auf dem Sofa sitzt und hohle TV-Serien schaut, dachte sie. Sie stellte das leere Teeglas auf den Tisch. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Sie sah die Kirschblüten. Viele Blütenblätter rieselten zu Boden und bildeten einen dichten rosa Teppich. Sie konnte die Stille sehen. In diesem Moment wusste sie, dass sie durch das Bild der fallenden Blütenblätter die Stille in ihren Kopf zaubern konnte. Der Antreiber bekam davon nichts mit. Er war von Hans Meiser abgelenkt. Wer hätte gedacht, dass diese Fernsehserie für etwas gut sein konnte! Es dauerte, bis sie sich an der Stille satt gesehen hatte. Dann stand sie auf, bezahlte und ging. Den Antreiber nahm sie mit, aber er war noch nie so weit entfernt von ihr, wie heute.

 

Gelebte Inklusion oder wie viele Kartons es braucht, um einen Rollstuhlfahrer fern zu halten.

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Ein schöner sonniger Nachmittag, ein Telefonat mit einem lieben Freund, ich sitze auf einer Bank und blinzle in die Sonne. Während ich in das Gespräch vertieft bin, nehme ich meine Umgebung nebenbei wahr. Mir gegenüber ist ein kleines Café. Dort sitzt unter anderem ein Paar um die fünfzig. Daneben: zwei Bekleidungsgeschäfte mit entsprechenden Schaufenstern. Die Altpapierabholung scheint vor der Tür zu stehen, denn es stapeln sich große Kartons zwischen Café und Schaufenster. Hinter den Karton steht, mit Blick auf den gestapelten Turm, ein Rollstuhlfahrer, der vielleicht Anfang zwanzig ist. Mehr gibt es nicht zu sehen, jedenfalls sehe ich nicht mehr, denn ich vertiefe mich in das Gespräch mit besagtem Freund und versuche dabei jeden Sonnenstrahl aufzufangen, den ich kriegen kann. Wer weiß, vielleicht sind es die letzten in diesem Jahr. Nach einiger Zeit, die ich damit verbrachte das Für und Wider verschiedenster Dinge zu diskutieren, stelle ich fest, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht kennt das der eine oder andere. Man nimmt etwas unbewusst wahr, es stellt sich ein seltsames Gefühl ein und es dauert eine Weile, bis sich der Ursprung des Gefühls offenbart. So ging es mir. Ich schaue mir meine Umgebung an. Als ich feststelle, dass der Rollstuhlfahrer die ganze Zeit (und das waren ca. 15 Minuten) noch immer regungslos an genau der selben Stelle steht, bewegt sich etwas. Das Paar steht auf. Es geht zu dem Rollstuhlfahrer. Sie löst gekonnt die Bremse und er schiebt den jungen Mann zum angrenzenden Parkplatz hinter meiner Bank. Der junge Mann wird ins Auto verfrachtet und der Rollstuhl im geräumigen Kofferraum. Ich bin abgelenkt und frage meinen Freund, ob ihm eine Erklärung einfällt, warum ein Paar in einem Café sitzt, etwas trinkt und zehn Meter weiter den Mann, der vielleicht ihr Sohn, Neffe…. ist, aber definitiv zu ihnen gehört, hinter einem Stapel Kartons abstellt? Nachdem Stille für einige Momente die Verbindung füllt, bekomme ich ein „Nein“ als Antwort. Verschwunden ist die Sonne, wenn auch nur aus meinem Gemüt.
Das ist nun mehrere Tage her. Ich suche noch immer nach einer Erklärung. Und jetzt seid ihr mal dran. Vielleicht fällt einem von Euch eine harmlose Erklärung ein, warum dieser Mann im Rollstuhl nicht mit an den Tisch gestellt wurde, sondern hinter einem Stapel Kartons?

Drum rum sind die Geschichten

Nachtcafé

Ich sitze in einem Café. Eine Frau setzt sich ein paar Tische weiter auf einen Stuhl. Ich schaue sie an und schon galoppiert meine Fantasie los. Ich dichte ihr ein komplett erfundenes Leben an. Um es gleich mal auf die Spitze zu treiben: Die Leben, die sich in meiner Vorstellungswelt entspinnen sind sehr wahrscheinlich weit weg von der Realität, dafür sind sie sehr unterschiedlich: Von der Existenz der Dame als Auftragkillerin, bis hin zur Hauswirtin, die ihren Nachbarn in den Wahnsinn treibt, sind mehrere Varianten möglich. Vielleicht ist sie aber auch die Frau, die jeden Tag zur Arbeit geht, abends kocht und dann noch Sport macht. Wer weiß das schon? Es wäre auch möglich, dass ich sie mir als unbescholtene Kommissarin ausmale und die Einstiegsgeschichte eines neuen Romans zurecht denke.
Als ein Pärchen sich einen Tisch weiter dazu setzt, ist die Dame vergessen und das Gedankenkarussell beginnt von neu. Nein, sie ist nicht ganz vergessen, aber die erfundenen Geschichten rücken in den Hintergrund. Ich praktiziere das, seit ich Kind war. Mein eigenes Unterhaltungsprogramm, wenn das Lesen mal nicht möglich war. Damals war die Frau an der Kasse mit dem russischen Akzent eine Prinzessin, die nicht wusste, dass sie einem Königshaus entsprungen war. Der Mann, der mir jeden Morgen mit seinem Hund begegnete, war ein Privatdetektiv und der arbeitslose Nachbar war ein heimlicher Millionär. Das Spinnen eigener Geschichten im Kopf bescherte mir schon immer schöne Stunden. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Nicht jede Geschichte ist es wert zu Ende gedacht zu werden. Einige schon. Andere wahre Geschichten sind dagegen so unglaublich, dass sich die Fantasie niemals freiwillig so etwas ausdenken würde, jedenfalls nicht ohne Weiteres. Es lohnt sich jedoch oft genauer hinzuschauen: Was für Menschen begegnen mir und was tun sie? Manchmal fügen sich so zwei oder mehrere Geschichten, die nichts miteinander zu tun haben, zusammen. Machmal wird alles erfunden und das einzige Reale ist die Person in ihrer Erscheinungsform. Was aus meiner Sicht spannender ist als das Aussehen oder die Erscheinung: Was macht die Person und vor allem warum? Das Riesenrad der Spekulationen darf in Gang gesetzt werden: Warum tut die Person genau DAS und nichts ANDERES? Da kann man ganz oft sehr daneben liegen, was nicht schlimm ist, wenn es für die erfundene Geschichte von Wert ist. So eine erfundene Geschichte hat den Vorteil dass sie rund ist. Eins fügt sich zum anderen. So wie ich das möchte. Ob das wirklich so ist oder nicht…für die Geschichte ist es real. Manchmal kommt man beim Spekulieren über die Beweggründe einer Person sehr dicht an die Wirklichkeit anderer einzelner Personen heran. Ohne es zu wissen oder gar zu wollen. Aber auch da gilt: Es ist eine erfundene Geschichte und wenn es den einen oder anderen anspricht, weil er sich entdeckt oder erkannt fühlt, dann kann man nur hoffen, dass es positive Denkanstöße hinterlässt. Denn auch wenn sich Menschen noch so sehr wiederzukennen glauben – es bleibt eine erfundene Geschichte. Aber was ist schon Wirklichkeit und was Fiktion? Das philosophisch zu ergründen würde wohl zu lange dauern. Genau hinschauen und Geschichten entdecken geht hingegen ganz schnell!

Blauer Himmel, Vögel und Kaffee

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Nach eigenen, über JAHRZEHNTE akribisch durchgeführten internen Ermittlungen, bin ich zu dem unumstößliche Ergebnis erlangt: Es gibt kein dazwischen! Es gibt nur entweder oder. Entweder Morgenmensch oder Abendmensch. Es muss mehr Abendmenschen geben. Wäre es anders, würde ich nicht jeden Morgen allein auf der Sonnenterasse dieses netten und einladenden Hotel sitzen. Dabei entgeht allen Langschläfern diese morgendliche Ruhe, das Vogelgezwitscher und dieses Gefühl von: Alles liegt vor mir…es ist so viel Zeit da. Andererseits: Wäre es anders, die Ruhe wäre dahin. Bin ich besser still!

Im Café mitgehört: …Schweigen ist Gold

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Geschichten bieten sich einem allerorts. Auf der Straße, beim Arzt, in der Familie, im Restaurant oder in einem Café, wie folgender Dialog zwischen einem älteren Ehepaar. Ein Mann wartete auf seine Verabredung und wurde unfreiwillig Zeuge. Bis auf die drei Personen, war das Café leer. Im Hintergrund klapperte die Bedienung mit Geschirr, die Kaffeemaschine surrte und es lief leise Musik. Zwei Tische neben des wartenden Mannes saß das Ehepaar. Beide schätzungsweise um die siebzig und extravagante Erscheinungen. Sie trug Hut und er viele große Goldringe. Während der Mann wartete, musste er mit anhören, was sich die Eheleute zu sagen hatten:
Sie „Du bist zu faul, um einen Kaffee zu bestellen.“
Er: „Das stimmt doch gar nicht!“
Sie: „Doch! Immer brauchst du jemanden, der für dich bestellt.“
Er: „Nein, ich warte nur so.“
Sie: „Kannst du denn nicht alleine bestellen?“
Er: „Ich will doch gar nichts!“
Sie: „Doch! Du willst Kaffee, aber wartest, dass ich den bestelle“
Er: „Das stimmt doch gar nicht!“
Sie: „Doch! Du machst doch nie was. Ich bestelle für Dich und du machst Dir einen lauen Lenz!“
Er: „Nein!“
Sie: „Doch. Ich mach das ja auch für Dich. Aber nur wenn du lieb bist. Sonst nicht! Ende! Ich hab nur ein Leben, nicht zehn. Du ruhst dich doch immer nur aus.“
Er: „Nein, das stimmt nicht. Ich mach auch was.“
Sie: „Ach ja, was denn?“
Schweigen
Sie: „Warum bist du eigentlich so? Nie hast Du Stress. Ich habe immer Stress und das alles wegen Dir. Immer muss ich alles machen, du machst nie was. Nie hast du Stress.“
Er: „Das stimmt doch gar nicht.“
Sie: „Doch!“
Er: „Nein!“
Sie: „Doch! Jetzt tu doch nicht so, als stimmt das nicht. Ich habe immer Stress. Immer muss ich mich um alles kümmern. Aber du…du hast nie Stress! Und dann meckerst du. Warum eigentlich? Jetzt ja auch. Wir streiten schon wieder. Wegen dir.
Er: „Das stimmt doch gar nicht.“
Sie: „Doch!“
Er: „Nein!“
Dann kam die Verabredung des Mannes. Er atmete auf, durfte er gedanklich aus den Streitigkeiten der älteren Herrschaften aussteigen.
Neulich fragte mich jemand was schlimmer wäre: Das Schweigen zwischen Paaren oder das Streiten. Nach dieser Geschichte bin ich geneigt zu sagen, dass Schweigen ganz ok sein kann.