Schlagwort-Archive: Begegnung

Aus der Rubrik: Jeder kann was!

Dialog von heute:

Person A: Aber jeder kann was!

Person B: Stimmt! Käse kann schimmeln. Und was kannst Du?

(Immer hübsch positiv bleiben!)

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Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

Beim Arzt

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Wer kennt nicht das Ausharren im Wartezimmer einer Arztpraxis. Dabei hört man so Einiges. Ob man will oder nicht. So auch folgenden Dialog:

Frau: „Ich hätte gern einen Termin. Ich war noch nie hier.“

Arzthelferin: „In Ordnung.“

Frau: „Ich habe einen Waschzwang, also ich wasch mich auch regelmäßig.“

Arzthelferin: „Das ist gut. Nächste Woche Mittwoch um 16 Uhr!“

Im Zug: Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht!

Berlin

„Entschuldigung, gehört Ihnen die Tasche dort oben in der Gepäckablage?“
„Ja!“
„Wäre es möglich, dass ich diese ein wenig beiseite schiebe? Meine Tasche passt sonst nicht oben in die Gepäckablage.“
„Nein, wir finden unsere Tasche ansonsten nicht wieder.“
Der junge Mann, der das ältere Ehepaar so höflich gefragt hatte, steht ratlos im Gang. In der einen Hand einen großen Rucksack, in der anderen einen Koffer. Er schaut sich Hilfe suchend um. Die Gepäckablage ist voll. Da hat sie etwas mit dem Zug gemein. Kein Wunder, der Zug in dem sich diese Szene abspielt ist überfüllt, weil er die Passagiere eines ausgefallenen Zugs mit an den Zielort bringen muss.
Besagter junger Mann sucht nach einer Lösung. Die zwei älteren Herrschaften, die ihm verboten hatten ihren Koffer ein wenig zur Seite zu schieben, schauen dem jungen Mann ungerührt beim Suchen zu. Schließlich sagt der ältere Herr gereizt:
„Hier ist kein Platz. Meinen sie etwa, wir sitzen hier zum Spaß mit unserem großen Rucksack zwischen uns?“
Der junge Mann antwortet höflich, dass er ihnen deswegen auch keinen Vorwurf mache. Dann setzt er sich mühevoll auf den Sitzplatz vor dem Ehepaar, dass den Platz auf der Gepäckablage für sich allein haben will. Bequem ist das sicher nicht, wie er da versucht sich zwischen seinen Koffer und den Rucksack zu falten.
Dem älteren Ehepaar findet jedoch keine Ruhe. Der Rucksack zwischen ihnen stört und soll weg. Jetzt fangen sie doch an ihren eigenen Koffer hin und her zu schieben (hoffentlich finden sie ihn auch wieder!). Sie ziehen, schieben und es dauert nicht lange, bis außer ihnen noch weiterer Passagiere und der Zugbegleiter behilflich sind. Sogar der junge Mann, dem sie ihre Hilfe verweigerten steht in den Startlöchern. Vielleicht kann er auch helfen? Schließlich ist das ein älteres Ehepaar, dass sicher Hilfe braucht und damit das auch funktioniert, werden die Helfer ordentlich dirigiert. Der ältere Herr hat früher sicherlich eine leitende Funktion, er scheint geübt im kommandieren anderer Menschen, die versuchen den Koffer so weit zu verlagern, damit sich der Rucksack auch noch irgendwie dazwischen quetschen lässt.
Als der Rucksack an Ort und Stelle verstaut ist, gehen Helfer ihrer Wege. Ich höre weder ein Danke noch irgendetwas anderes Nettes aus der Richtung des Ehepaares. Was ich jedoch höre ist, wie die ältere Dame zu ihrem Mann nicht ohne giftigen Unterton sagt: „Das hätte der aber auch vorhin schon machen können, als er uns die Reservierung zeigte“. Ich nehme mal an, dass sie damit den Zugbegleiter meinte, der so nett war dem älteren Ehepaar beim Einsteigen in den Zug behilflich zu sein. Aus meiner Sicht sollten die zwei Herrschaften mit ihrem Gepäck die Plätze tauschen. Dann hätte ich jetzt angenehmere Sitznachbarn.

Nicht alles muss bleiben wie es ist

Fahrrad

Beim Gespräch mit einem guten Freund sind wir auf das Thema Automechaniker, Fahrradhändler und die Spezies Mensch, die einem im Bereich Medien mit ihrer Beratungskompetenz das Leben bereichern, gekommen. Mein guter Freund beschwerte sich über folgendes: Trifft Mann auf einen von ihnen, so laufe sofort dieses Männerding ab. Auf meinen fragenden Blick hin erläuterte er mir, dass es dabei um die Darstellung der größeren Kompetenz ginge. Diese gilt es möglichst schnell auf möglichst vielen Gebieten zur Schau zu stellen. Die Strategien dazu können vielfältig sein. Im schlimmsten Fall wird versucht die eigene Kompetenz zu demonstrieren, indem man dem Gegenüber jegliche Kompetenz abspricht. In der Tierwelt wird in diesem Fall geschaut, wer am lautesten auf der Brust herum trommelt, die buschigste Mähne hat oder das schillerndste Gefieder, um damit möglichst hektisch im Kreis zu laufen, was beispielsweise Größe demonstrieren soll. Dass das weibliche Pendent in der Tierwelt dazu vor Ehrfurcht auf die Knie sinkt, soll hier nicht unerwähnt bleiben, spielt für unsere Geschichte jedoch keine Rolle. Was ich aus unserem Gespräch schloss war: Eine Männerdomäne wie z. B. eine Autowerkstatt oder einen Fahrradladen (von Läden mit elektronischen Medien aller Art mal ganz zu schweigen) zu betreten, kann für Mann und Frau gleichermaßen unerfreulich sein.
Sofort hatte ich ein längst verdrängtes Erlebnis vor Augen, das ich meinem guten Freund erzählte: Vor ungefähr 25 Jahre führte mich ein kaputtes Fahrradventil in einen Fahrradladen. Bevor ich dort ankam, bat mich mein damaliger Freund ihm einen Schlauchreifen für sein Fahrrad mitzubringen. Für alle, die es nicht wissen: Es gibt Rennräder, die weder Schlauch noch Mantel haben, sondern eine Kombination aus beiden. Diese wird auf eine spezielle Felge geklebt. In besagtem Fahrradladen verlangte ich einen dieser Modelle – wohlweislich hatte ich alle technischen Daten dabei. Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass der entrüstete Fahrradhändler sich standhaft weigerte mir einen Schlauchreifen zu verkaufen, weil er von mir wissen wollte, ob ich denn nun einen Schlauch oder einen Mantel wolle. Meinen Wunsch nach einem Schlauchreifen wiederholend, schaute er mich wie ein kleines Kind an, dem er den Unterschied zwischen rot und blau erklären musste. Er redet langsam und sehr deutlich: „Junge Frau. Sie müssen mir schon sagen was sie wollen. Einen Schlauch oder einen Mantel. Wissen sie, das da ist ein Mantel (er zeigte auf ein Modell in seinem Laden) und das ist ein Schlauch“, was er wieder durch einen Fingerzeig demonstrierte. Brav wiederholte ich meinen Wunsch und stellte sicher, dass ich den Unterschied zwischen Schlauch und Mantel kenne, aber einen Schlauchreifen benötigte. Der Mann wurde ungehalten, fast laut. Als er zum dritten Mal die Augen verdrehte, als ich ihm mitteilte, was ich wollte, zweifelte ich an mir und meiner sprachlichen Kompetenz. Ich begann meinen Wunsch zu konkretisieren und beschrieb die Felge, bei der besagter Schlauchreifen aufgeklebt werden müsse…. Plötzlich funkelte er mich böse an, unterbrach meinen Erklärungsversuch und meckerte: „Das hätten Sie auch gleich sagen können, dass sie einen Schlauchreifen wollen!“ Dann trabte er ins Hinterzimmer und kam mit einem Schlauchreifen wieder. Ich muss an dieser Stelle sicher nicht erwähnen, dass ich diesen Händler niemals wieder gesehen habe.
Nachdem ich meine Geschichte beendet hatte, erzählte mein guter Freund sein Jahre zurückliegendes Erlebnis mit der Wegfahrsperre seines neuen Wagens, die er nicht kannte und die sein Auto ungefragt in die Beziehung zu ihm mitgebracht hatte. Der Autohändler reagierte auf sein Nachfragen, warum denn das neu bei ihm erworbene Auto nicht anspringen wolle, folgendermaßen: „Wie lange haben Sie denn den Führerschein? Das sollte Mann ja wohl wissen und für sowas würde Mann (als ob Frau es im gleichen Fall besser erginge) ja wohl nicht anrufen“. Nachdem so alle Kompetenzen vermeintlich geklärt waren, erklärte er die Wegfahrsperre.
Mein Freund und ich atmeten auf, denn wir leben im Hier und Jetzt. Die Geschichten gehörten der Vergangenheit an. Der Fahrradhändler meines Vertrauens hat mir neulich ungefragt meinen Fahrradkorb mit der von mir gekauften Halterung befestigt. Mit einem Lächeln und den Worten: Das gehöre zum Service (NICHT, weil ich zu inkompetent aussehe oder Frau oder Mann bin). Mein guter Freund hat mittlerweile einen Automechaniker, der ihn wie einen Menschen behandelt und nicht als Mann oder Frau! Schön, wenn sich Dinge ändern.

Für die Prinzessinnen unter uns

Prinzessin

Es ist nicht leicht eine Prinzessin zu werden, aber es rückt in den Bereich des Machbaren, wie folgende Geschichte zeigt:
Die Frau stand an der Kasse beim Supermarkt ihres Vertrauens. Es war kurz vor Ladenschluss. Hinter ihr einige Kunden und vor ihr nur noch eine Frau. Die ältere Dame bemühte sich den fälligen Betrag von zweiundzwanzig Euro und achtzig Cent in ein und zwei (vielleicht auch fünf) Centstücken der Verkäuferin passend zu überreichen. Dieses Unterfangen würde dauern. Also machte die wartende Frau, was sie in vergleichbaren Situationen stets tut: Autogenes Training mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad. Das Sonnengeflecht ist warm und entspannt funktioniert im Stehen schlechter als im Liegen. Danach drei Mal bis zehn zählen! Nochmal bis zehn zählen. Zum krönenden Abschluss: Zehn Mal bis zehn zählen! Ein Blick auf das Förderband zeigte einen Betrag, der sicherlich schon die Hälfte der Kosten deckte. Die ältere Dame zählte in aller Ruhe weiter ihre Cent Stücke. Um sie in der Ruhe nicht zu stören, schließlich sollte sie sich keinesfalls verzählen, schaltete die wartende Frau ihr Hirn aus und ließ den Blick schweifen. Sie versuchte dabei so wenig wie möglich zu denken. Dennoch lässt ein Hirn sich nicht ohne weiteres komplett ausschalten, solange es Kontakt zur Außenwelt hat. Augen und Ohren sind gnadenlos. In diesem Fall fiel der Blick der Frau auf ein junges Paar an der Nebenkasse, das zu den glücklichen Kunden gehörte, die ihre Einkäufe schon einpacken durften. Die junge Frau hatte lange blonde Haare, sie war Mitte zwanzig und ihre ganze Erscheinung schrie es in die Welt, während sie lustlos ihrem Mann die Einkaufstüte aufhielt: Ich will nicht hier sein! Wo denn sonst? Egal! Aber nicht hier! Ihr ausdrucksloses Gesicht zeigte keinerlei Regung. Es war stumm und bewegungslos, wie die restliche Frau. Die Augen starr auf das Nichts des Seins fokussiert, hielt sie aus und die Tüte auf. Ihr Mann packte unbeirrt die Lebensmittel ein. Etwas ließ das Unterbewusstsein der anderen Frau an der Kasse nebenan aufhorchen und es war nicht die ältere Dame vor ihr, denn diese zählte noch immer sehr fleißig. Das Auge des Unterbewusstseins hatte sich an den Pullover der jungen Frau geheftet, die noch immer unbewegt die Einkaufstüte für ihren Mann aufhielt. Da stand in großen schwarzen Buchstaben: Eignungstest zur Prinzessin bestanden. Damit war alles klar. Prinzessinnen werden ist doch möglich. Jeder kann Prinzessin sein! Denn es sind auch nur Menschen wie Du und ich.