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Neues vom Sofa: Wer etwas finden will, muss auf die Suche gehen

Das Sofa-11

Eine Leseprobe aus einem weiteren Kapitel der neuen Geschichten vom Sofa

[…] Die Bedienung hatte ihren Kopf zur Tür gedreht, gerade in dem Moment, indem der Mann das Café betreten hatte. Trotz der Einkaufstüten, die er in den Händen hielt, hatte er sich schnell auf das rote Sofa zubewegt. Seine Tüten hatte er sorgfältig neben das Sofa gestellt und der Bedienung war das leichte Lächeln des Mannes nicht entgangen. Bevor sie seine Bestellung aufnehmen konnte, musste sie zuvor die Wünsche eines anderen Gastes berücksichtigen, der schon seit einiger Zeit immer wieder wedelnd seine Hand nach ihr ausgestreckt hatte. Die Bedienung musterte den Neuankömmling aus den Augenwinkeln. Er war groß und sicherlich hatte er das Rentenalter schon erreicht. Dennoch strahlte er eine Vitalität aus, die sie überraschte. Er wirkte, als würde er das Leben jeden Tag aufs Neue entdecken. Vielleicht lag es an dem kleinen Lächeln, das seine Lippen grundlos zu umspielen schien. Aber es konnte auch das Glitzern in seinen Augen gewesen sein, dass sie kurz hatte aufblitzen sehen, als er sich im Café umgeschaut hatte. Es war in Sekundenbruchteilen geschehen, wie immer, wenn sie jemanden traf und sich ein Gefühl zu der entdeckten Person einstellte. Während sie automatisiert die Bestellung des anderen Gastes aufnahm, beobachtete sie ihn aus den Augenwinkeln. Er hatte sich aufrecht auf das Sofa gesetzt und betrachtete die Bilder an der Wand. Sein Lächeln wurde mal größer, mal kleiner. Es verschwand nie ganz und blieb bei seinen Lippen, um sie zu umspielen. Im Hintergrund nahm sie plötzlich die Musik wahr, die sie selbst ausgewählt hatte. In schönsten Klängen erklang eine Klarinette, die mal tief ergreifend und dann wieder zart verschiedene Töne zu einer Melodie verband. Es war eins von den Musikstücken der Klezmermusik, die inneres Glück verbreiten und dennoch eine Spur von Trauer mitschwingen lassen. Es entstand ein Moment, von dem sie wusste, dass er in ihrem Gedächtnis bleiben würde. Ein besonderer Moment. Sie wusste, sie war glücklich, ohne sagen zu können warum. Einer der kostbaren Momente, in denen das Glück grundlos aus dem Herzen kommend den ganzen Körper überflutete. Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen und gab sich dem Gefühl hin. Sie war sich sicher, wenn sie diesen Empfindungen intensiv nachspürte, so würde es ihr möglich sein, die Erinnerung daran abzurufen. Heute, morgen, wann immer ihr danach war. Als sie die Augen öffnete, betrachtete sie den Mann eine Weile. Sie sah, dass um seinen Mund herum eine weitere Falte zu entdecken war. Eine der Falten, die entstanden, wenn das Lächeln für lange Zeit nicht den Weg in das Gesicht gefunden hatte. Sie selbst besaß auch so eine Falte, die sich vor vielen Jahren in ihrem Gesicht einen Platz gesichert hatte. Mit den Jahren hatte sie sich eingenistet und auch durch vieles Lächeln, war sie nicht dazu zu bewegen gewesen, ihr Gesicht zu verlassen. Die Frau hatte sie akzeptiert, ihre Falte deren Nachname „Bitterkeit“ war. Sie gehörte zu ihr, wie der ganze Rest ihres Lebens. Es hatte gute Gründe gegeben, warum diese Falte in ihrem Gesicht entstanden war und sie wusste ebenso gut, dass die Ursache der Trauer der Vergangenheit angehörte. Es war vorbei, dennoch wäre sie ohne ihre persönliche Vergangenheit heute eine andere. Deshalb schätzte sie alle Falten um ihren Mund herum gleichermaßen, denn sie war gern die Frau, die sie war. Die Falte, die sich in ihre Haut vor vielen Jahre eingenistet hatte, zeigte ihr jeden Tag aufs Neue, dass sie selbst ihr Leben in die Hand nehmen konnte. Sie konnte alles gut werden lassen und Falten durch Freude und Lächeln entstehen lassen. Als sie sich nun auf das rote Sofa zubewegte, fragte sie sich, ob der neue Gast sich ebenfalls so viele Gedanken über seine Falten gemacht hatte, wie sie. […]

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