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Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

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Ein neuer Tachelespodcast ist online: Folge 26 Echt kriminell

Podcast

In der aktuellen Folge des Tachelespodcast beschäftigen wir uns hauptsächlich mit den Fragen: Wer wird eigentlich kriminell? Warum ist das so? Und was lässt sich dagegen unternehmen? Aber seht und hört selbst. Viel Spaß wünschen: Herr Bumms und Frau Dings.

tachelespodcast.de

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Besser doch nicht zum Arzt?

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Das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten, leider auch die beklopptesten.
Wer kennt das nicht? Ein kleines Zipperlein wird größer. Der Protagonistin folgender Geschichte, einer Frau im besten Alter, tat sich dieses Wehwehchen in Form einer Schwellung unter ihrem Zeh auf. Nachdem das leichte Ziehen sich zu einem ständigen Schmerz zu entwickeln drohte, beschloss besagte Frau, den Orthopäden ihres Vertrauen aufzusuchen. Dieser stellte fest: Ein Spreizfuß. Einlagen standen auf dem Rezept und unsere Protagonistin eilte zum Sanitätshaus. So schnell es ihre Füße zuließen. Das Laufen hatte sich zu einem Humpeln entwickelt, denn mittlerweile hatte sich besagte Schwellung vergrößert und der Schmerz mit ihm. Die Einlegesohlen wurden angefertigt und getragen. Nur der Erfolg ließ auf sich warten. Die Schwellung blieb. Ebenso der Schmerz und die Frage, warum so ein Spreizfuß nicht schon früher aufgefallen war?
Die Einlagen änderten nichts. Die Schwellung wuchs und mit ihr der Schmerz. Also: Ein erneuter Besuch beim Orthopäden. Der Arzt versuchte zu beruhigen: „Die Einlagen machen Druckstellen, sie müssen sich erst daran gewöhnen!“ Da unsere tapfere Protagonistin nun schon seit einigen Wochen versuchte sich zu gewöhnen, die Schwellung jedoch immer größer wurde, bat sie den Arzt doch mal genauer hinzuschauen. So ein Arzt ist sicher ein viel beschäftigter Mann, dennoch wollte die gute Frau, schließlich war sie gerade sowieso da und der Arzt braucht nur mal kurz unter ihren geschwollenen Zeh zu schauen, um festzustellen, dass dieser mittlerweile das Größenstadium einer Haselnuss angenommen hatte. Von einer Druckstelle sprach er danach nicht mehr, jedoch vom Verdacht eines Weichteiltumors. Wahrscheinlich kann man sich vorstellen, dass dies der Moment war, in dem unsere Protagonistin anfing neben Schmerz und nicht laufen können ernsthafte Sorge um ihr Leben zu entwickeln. Der Arzt teilte seiner Patientin mit, dass dies ein Fall für die Radiologie sei. Und nun sind wir bei den eigentlichen Hauptdarstellern dieses Blogartikels: Der Radiologie. Die einzige weit und breit in Kleinkleckersdorferhausen. Applaus und Vorhang auf. Unsere schmerz- und angstgeplagte Protagonistin wurde in ein MRT gesteckt. Der Arzt der Radiologie konnte, unsere Protagonistin herablassend anlachend, sogleich Entwarnung geben: Einen Tumor könne er definitiv ausschließen. „Aber was fehlt mir denn?“ Diese Frage wurde mit einem milden Lächeln beantwortet. Nicht jedoch mit einer Diagnose. Leider hielt die Tumor-Entwarnung nur wenige Tage. Nach der Besprechung aller Ärzte in besagter Praxis war sie fast vergessen, die Entwarnung. Ein zweites Mal musste die schmerzgeplagte Frau ins MRT. Diesmal mit Kontrastmittel. Warum dies nicht schon beim ersten Versuch angewendet wurde? ICH weiß es nicht. Fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker…
Fakt ist: Besagte Frau landete in einer Spezialklinik, die sich mit Weichteiltumoren auskennt. Deswegen heißt sie auch Spezialklinik. Auf was die Ärzte der Radiologie spezialisiert sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Fest steht, dass es auch nicht die Datenverarbeitung sein kann. Nachdem fälschlicherweise eine CD mit den Bildern des ersten MRT mitgeschickt wurden (was leider erst in besagter Spezialklinik auffiel), war es niemanden in der radiologischen Praxis möglich, die Daten der zweiten MRT Untersuchung über das Internet zu verschicken. Gut, dass die Frau eine liebe Freundin hatte. Diese holte die CD aus der Radiologie, um sie dann mit Hilfe ihres Privat-PCs, quasi vom heimischen Herd aus, zur Klinik zu verschicken. Ansonsten hätte der Lebensgefährte der Frau noch einmal zurück fahren müssen, um die richtigen Daten abzuholen, nur um sie in die Spezialklinik zu bringen. Bei einer einfachen Fahrt von ca. 200 Kilometern, hätte dies zu einer weiteren Verzögerung der Behandlung, weiteren Kosten und zusätzlicher nervlicher Belastung aller Beteiligten geführt, die nichts dafür können, dass einige Menschen Schwierigkeiten mit der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeiten haben. Was schlichtweg egal war. Wie wurde es so schön am Telefon gesagt: „Liebe Frau XY, das ist ja nicht unser Problem wie Sie die Daten nach Münster bekommen.“ Das stimmt, zweifelsohne. Die Radiologie IST das Problem.

Wenn die Seele Migräne hat

böser Blick

Neulich sagte eine liebe Freundin eine Verabredung ab. In ihrer kurzen Nachricht stand, sie hätte Seelen-Migräne. Ich war so höflich meine neugierige Frage: „Was ist das denn?“ erst ein paar Tage später zu stellen. Erst als ich sicher war: Egal was da Migräne hat, drei Tage wird es hoffentlich nicht anhalten. Gesagt, getan: Meine Freundin sagte, sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keine Migräne gehabt. Aber ab und an würden sich die Schatten der Vergangenheit etwas zu intensiv über sie beugen. Das seien die Tage, an denen alles in dunkles Grau getaucht würde und sie der böse Blick der Vergangenheit ins Visier nähme. Dann verliere sie den Boden unter den Füßen, panische Angst mache sich in ihr breit und sie durchlebe noch einmal Teile ihrer Kindheit, die nicht dazu beigetragen haben, dass es sich um die schönste Zeit des Lebens handelte, so wie es nach landläufiger Meinung zu sein hatte.  Das Einzige, dass ihr dann helfe sei: Ab ins Bett, Rollo herunter lassen, Tee trinken und schlafen. Irgendwann sei ihr aufgefallen, dass ihre Schwester exakt auf diese Art und Weise ihre Migräne behandelte. Damit war die Idee geboren. Meine Freundin würde diesen Zustand, der glücklicherweise selten vorkam, dafür aber umso unerfreulicher war, Seelen-Migräne nennen. Das tat sie seit dem. Schön, wenn etwas unaussprechlich Finsteres eine Bezeichnung bekommt, die von der bedrückenden Umschreibung des desolaten Imnenlebens wegführt. Meine Freundin genießt es dem „Ding“ einen Namen zu geben. Fragen von Freunden, die damit nichts anfangen können, würden meist erst später gestellt. Denn Migräne sei ein Garant für: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Meistens ginge es ihr wieder besser, wenn sie ihren Freunden die Seelen-Migräne erklären musste. Ein Blick in das Grinsen meiner Freundin bestätigte das.

Zähl dich raus!

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Ob es über die meditative Wirkung des Zählens eine wissenschaftliche Abhandlung gibt (würde mich nicht wundern, schließlich gibt es über fast alles eine Studie), habe ich nicht recherchiert. Aber ob es die nun gibt oder nicht, die Erfahrung in meinem Umfeld zeigt: Zählen hilft!  Nicht bei allem, aber oft. Schon Graf Zahl (jeder der über dreißig ist kennt sicher die sympatische Handpuppe mit der scharfen Hakennase aus der Sesamstraße, die so wunderbar das „R“ rollen kann) zählte alles und jeden und stellte fest, dass beim Zählen nur gezählt wird. Sonst nichts! Dieser kleine Graf brachte mir von Kindesbeinen an das Zählen nah. Als Kind vor dem Fernseher half ich Graf Zahl mental beim Zahlen ordnen. Allerdings lernte ich nie seine Betonung der Zahlen zu übernehmen, was wirklich schade ist, denn keiner betont die einzelnen Zahlen so schön wie Graf Zahl. Für das was ich beim Zählen lernte, war das aber auch nicht entscheidend! Außer der Zahlenfolge lernte ich etwas, das mein Leben langfristig bereicherte: Wer zählt kann nicht denken! Jetzt war es nicht so, dass ich als Kind vor dem Fernseher saß und dachte: Hey, wenn ich zähle, dann kann ich nicht denken. Ohne sich des Wissens über diese Wunderwaffe der Kognition bewusst zu sein, habe ich sie intuitiv angewendet: Wenn ich in der Schule wieder eine von diesen Fragen gestellt bekam, deren Beantwortung außerhalb meiner Möglichkeiten lag, nahm ich meine Finger unter dem Tisch in Augenschein und zählte sie. Eins, zwei, drei, vier….zehn (keine Überraschung, aber dennoch hilfreich). Ein Blick nach oben und die Lehrerin war kopfschüttelnd weiter gezogen (dabei hätte sie von mir noch was Wichtiges lernen können!), um ein anderes Opfer ins Visier zu nehmen. Ein kindliches Aufatmen und die Gewissheit, dass nicht einmal ein schlechtes Gefühl aufkommen konnte, denn Zählen bedeutete: Leerer Kopf und keine Emotionen. Nur so können Sprüche wie: Bist du wütend zähl bis vier, hilft das nicht, dann explodier entstehen.
Als Kind das Zählen intuitiv angewendet, entdeckte ich erst viel später, dass sich das Zählen auch bewusst einsetzen lässt. Wenn ich ehrlich bin, wurde ich mit der Nase darauf gestoßen. Im Geburtsvorbereitungskurs lernte ich das systematische Zählen mit der Atmung zu koppeln. Die Erkenntnis: Wenn Zählen hilft Kinder auf die Welt zu bringen, ohne an den Schmerz denken zu müssen, kann man damit alles schaffen. Gesagt getan: Flugangst? Einatmen (dabei bis drei zählen), ausatmen (dabei bis drei zählen). Von vorne: Einatmen (bis vier zählen), ausatmen (bis vier zählen)… Wie das ganz genau funktioniert, erfährt man hier:
Bei Angst vor dem Zahnarzt, kann die gleiche Methode die Wartezeit vor der Behandlung erleichtern. Bei der Behandlung selbst, hängt der Erfolg wesentlich von der Wahl des Bohrers ab. Die laut brummenden erschweren das Zählen erheblich, da im Kopf kaum Platz zum Hören der inneren Stimme bleibt. Kinder bekommen ist dagegen eine sehr leise Angelegenheit.
In meinem Umfeld konnte ich im Laufe der Jahre beobachten, dass das Zählen vielfältig einsetzbar ist. Eine Entdeckung war: Handarbeiten führen dazu, dass sich Frauen aus dem Leben zählen. An dieser Stelle soll nicht der Eindruck entstehen, dass stricken und sticken eine Tätigkeit ist, die von Frauen bevorzugt wird, um sich aus der Realität zu zählen. Dennoch glaube ich, dass beim Sticken im Kopf wenig Platz für anderes bleibt. Sticken besteht zum großen Teil aus zählen. Wie viele grüne Kästchen? Wie viele rote? Nach oben, nach links nach rechts? Ärger über die Wahl des Fernsehprogramms und den Streit mit dem Gatten verloren? Schon entsteht ein neues Ornament auf dem zu bestickenden Handtuch, denn: Sticken hilft! Es gibt Frauen, die offen zugeben, dass sie die Übertragungen der Fußballweltmeisterschaft nur durch das Sticken halbwegs schadlos überstanden haben. Sticken lässt sich übrigens auch durch Stricken ersetzen. Eine gute Freundin gab zu, dass sie ihre Ehe nur aufrechterhalten konnte, weil sie permanent strickte. Am liebsten Rippenmuster: Zwei rechts, zwei links, zwei rechts, zwei links. Als die Kinder größer wurden und sich die Pubertierenden gegen Selbstgestricktes zur Wehr setzten, hat sie das Stricken eingestellt. Nach einem Jahr ist sie ausgezogen. Gestrickt hat sie nie wieder. Ob das ein Beweis ist? Nein, aber vielleicht lohnt es sich, das Zählen bewusst in den Alltag einzubauen: Wenn mal wieder jemand den letzten Parkplatz vor der eigenen Nase weg geschnappt hat: Eins, zwei, drei, vier…. Oder wenn an der Kasse im Supermarkt die Frage entsteht, warum jemand mit einer Hand in Zeitlupe einzeln seine Lebensmittel auf das Beförderungsband legt, während die andere Hand ein Mobiltelefon an das Ohr presst? Zählt, und es wird euch geholfen werden!

Neues vom Sofa: Stalking

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Hier gibt es eine Leseprobe des neuen Kapitels Stalking aus: Neue Geschichten vom Sofa. Das vollständige Kapitel steht zum kostenlosen Download drei Tage zur Verfügung:

http://www.loulila.de/leseproben.html

Sie stürmte in das Café und ließ sich direkt auf den nächsten freien Platz fallen. Sie nahm nicht wahr, dass es sich bei ihrem Sitzplatz um ein weiches rotes Sofa handelte. Sobald sie sich hingesetzt hatte, rutschte sie bis an seinen Rand heran und schaute sich hektisch im Café um, bereit sofort aufzustehen und erneut zu fliehen. Ihr Atem ging stoßweise und viel zu schnell. Ihr Herz raste, als wollte es einem imaginären Ziel möglichst schnell entgegensteuern. Ihr Blick fiel auf den nahe am Sofa hängenden Spiegel. Unvorbereitet traf sie ihr eigener gehetzter Gesichtsausdruck und die Angst in den eigenen Augen erschreckte sie. Sie zuckte zusammen und begann zu zittern. Warum musste ihr das passieren? Sie versuchte zur Ruhe zu kommen, aber ihr Herz wollte einfach nicht langsamer werden. Sie schloss die Augen, schon allein um nicht mit ihrer eigenen Angst konfrontiert zu werden, und versuchte bis zehn zu zählen. Erst beim dritten Versuch konnte sie sich an alle Zahlen erinnern und auch ihr Herz fühlte sich an, als wollte es wenigstens ein wenig langsamer werden. Als sie die Augen öffnete, stand die Bedienung vor ihr. Sie schaute sie lächelnd an und das erste, was sie sagte war: «Kann ich ihnen vielleicht helfen? Geht es Ihnen nicht gut?» Sie schauten sich eine Weile an und es war der Bedienung als würde sie ein kurzes Zögern im Blick der jungen Frau erkennen, aber dann war der Moment verflogen und ihr Gast auf dem Sofa antwortete: «Nein, es ist alles in Ordnung, vielen Dank. Könnten sie mir bitte eine große Apfelsaftschorle bringen?» Die Bedienung lächelte und antwortete: «Natürlich. Gerne! Wenn sie dennoch etwas brauchen sollten, lassen sie es mich bitte wissen.» Dann ließ die Bedienung die junge Frau mit der Gewissheit allein, dass sie Hilfe bekommen würde, wenn sie welche brauchen sollte. Diese schaute vom Sofa aus der netten Bedienung nach und bedauerte, dass sie ihr nicht alles erzählen konnte. Sofort schämte sie sich bei diesem Gedanken. Die Frau hatte doch anderes zu erledigen. Dennoch war die Versuchung groß, als die Bedienung ihr das Glas brachte und sie anlächelte, bevor sie einen weiteren Gast nach seinen Wünschen fragte. Die junge Frau blieb allein auf dem Sofa zurück, versunken in den Gedanken, wie alles angefangen hatte.

Sie wohnte jetzt seit einem Jahr in der Stadt. Das Studium hatte sie hierher verschlagen. Es war nicht leicht gewesen eine kleine bezahlbare Wohnung zu bekommen, aber sie war schon immer ein Glückspilz gewesen, jedenfalls hatte sie sich das ihr ganzes Leben lang eingebildet. Die Wohnung gehörte einer älteren Dame und offenbar hatte diese gefallen an ihr gefunden. Der Mietvertrag wurde unterzeichnet und von da an wohnte sie auf neunundzwanzig Quadratmetern und fühlte sich in ihrem kleinen Reich mehr als wohl. Die Wohnung lag unter dem Dach und hatte ausschließlich kleine Dachfenster, die ihr den Blick in den Himmel erlaubten. Abends, wenn sie in ihrem Bett lag, konnte sie die Sterne am Himmel durch ihr Fenster beobachten. Sie liebte ihre Wohnung. Es war für sie der Ort, an dem sie am liebsten war. Dass sich alles veränderte, hatte vor einigen Monaten angefangen. Mit einem Anruf, dem sie nicht allzu große Bedeutung beigemessen hatte. Es hatte geklingelt und sie hatte den Hörer abgenommen. Als sie ihren Namen gesagt hatte, hörte sie nichts, außer einem Atem in der Leitung. Sie hatte aufgelegt und den Anruf vergessen, bis es wenige Tage danach wieder geklingelt hatte. Alles war wie beim ersten Mal gewesen: Sie dachte, es hätte sich jemand verwählt. Beim dritten Mal war sie gerade zur Tür herein gekommen und das Klingeln des Telefons hatte sie kurz zögern lassen, bevor sie den Hörer abgenommen hatte. Sie hatte angenommen, dass sie wieder den Atem eines Menschen hören würde. Unwillkürlich hatten sich damals ihre Haare am Unterarm aufgestellt und sie hatte ein unangenehmes Kribbeln im Nacken verspürt. Sie erinnerte sich gut an die Abscheu, die sie empfunden hatte, als sie den Hörer ans Ohr gehalten und ihren Namen gesagt hatte. Es war kein Atem gewesen, was ihr Ohr erreichte, diesmal war es ein Stöhnen. Sofort hatte sie aufgelegt und sich auf ihr Bett gesetzt. Als sie versucht hatte einen klaren Gedanken zu fassen, war ihr Blick auf die offene Wohnungstür gefallen. Schnell war sie aufgesprungen, hatte sie mit einem Knall geschlossen, um gleich darauf nach dem Wohnungsschlüssel zu suchen, mit dem sie dann zwei Mal von innen abgeschlossen hatte. Die Angst hatte damals Einzug in ihre Welt gehalten und war seit dem nicht mehr gegangen.

Sie nippte an ihrem Glas und bemerkte weder den Geschmack des Apfelsaftes, noch das Prickeln der Kohlensäure. Ihre Erinnerung war damit beschäftigt die Stationen des Leids zu besuchen. Der Anrufer war nicht beim Atmen und Stöhnen geblieben. Irgendwann hatte er auch zu sprechen angefangen. Sie hatte die Stimme nicht erkennen können, aber vielleicht hatte er sie verstellt. Es war ein Mann. Ein junger Mann, würde sie vermuten. Bald hatten seine Anrufe sie täglich belästigt. Wenn er ihr nicht ins Ohr stöhnte oder Beschimpfungen entgegenschleuderte, dann hatte er Sachen gesagt, die ihr noch in der Erinnerung die Angst durch den Körper jagten. «Mir gefällt Deine Bettwäsche. Die gelben und die roten Kreise passen so schön zusammen», war sein erster persönlicher Satz gewesen. Sie hatte augenblicklich das Gespräch unterbrochen und den Hörer weit von sich geworfen. Sie hatte auf ihrem Bett gesessen und ihre Bettwäsche betrachtet. Der Anrufer hatte Recht. Weil die gelben und die roten Kreise so gut harmonierten, hatte sie die Bettwäsche ausgewählt. Sie hatte eine Beklemmung in sich aufsteigen spüren, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie irgendwo in ihrem Körper versteckt gewesen war. In ihren Gedanken war sie alle Menschen durchgegangen, die sie als Besucher in ihrer Wohnung empfangen hatten. Da ihre Wohnung nur aus einem Zimmer bestand, hatte jeder Besucher Gelegenheit alles in den Blick zu nehmen, auch das Bett war sofort für jeden sichtbar. Aber keiner ihrer Besucher hätte sie diese Anrufe zugetraut. Zwei Arbeitsgruppen aus der Uni, hatten sich in ihrer Wohnung getroffen. Sie hatte alle männlichen Kommilitonen gründlich unter die Lupe genommen. Sie war sich sicher, dass es keiner von denen sein konnte. Aber wie konnte sie sicher sein? Nur weil die Stimme zu keinem von ihnen passte? Vielleicht verstellte er seine Stimme? Vielleicht war sie beim Einkauf der Bettwäsche beobachtet worden? Ein Blick in den Himmel durch das Dachfenster hatte ihr die Gewissheit verschafft, dass es keinesfalls jemand gewesen sein konnte, der sie durch ihr Fenster beobachtet hatte. Es sei denn, es war jemand, der an ihrem Fenster vorbeigeflogen war, was wirklich auszuschließen war. Sie hatte die Bettwäsche gewechselt und danach eine Weile den Tränen freien Lauf gelassen. Seit diesem Tag kontrollierte sie mehrfach, ob sie sich auch eingeschlossen hatte, wenn sie allein zu Hause war. […]

Wattenmeerelfe unterwegs

Berlin

Ihre kleinen gelben Gummistiefel machten regelmäßige platschende Geräusche, als sie über die Fliesen der Bahnhofsvorhalle eilte. Sie wollte keine Minute länger in Braunschweig bleiben, als unbedingt notwendig. Sie hatte genug gesehen von dieser Stadt, die ausschließlich aus diesem blau-gelben Fußballverein und einem Löwen zu bestehen schien.

Als sie den Bahnsteig erklommen hatte, stellte sie sich abseits der wartenden Menge. Sie hoffte auf ein schnelles Erscheinen des Zuges. Es war kalt, windig und sie wollte weiter. Die kleine Elfe hatte nicht den weiten Weg vom Wattenmeer durch das gesamte niedersächsische Land hinter sich gebracht, um jetzt in Braunschweig zu stranden. Es musste doch mehr in der Welt geben. Ein Blick auf die Anzeigetafel und sie hatte sich entschieden. Berlin! Das war ihr Ziel. Sie war sich sicher: Dort musste das passende Fleckchen Erde für sie zu finden sein. Weit weg von Deichhöhlen und Umsiedlungsmaßnahmen in Keller, Hühnerställe oder Ersatzstrandkörbe.

Der Zug brauste mit rasender Geschwindigkeit in den Bahnhof ein. Die Wattelfe musste sich mit aller Kraft an der Tasche eines Mitreisenden festhalten, um nicht vom Bahnsteig geweht zu werden. Da sie die Tasche weiterhin so fest wie möglich umklammerte, wurde sie von dessen Träger der in den Zug befördert. Kaum hatte sie das Innere des ICEs erreicht, machte sie sich selbstständig auf die Suche nach einem geeigneten Plätzchen für die Weiterfahrt. Dafür stromerte sie durch viele Gänge und musste so einigen Füßen ausweichen. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Menschen waren in großer Anzahl eine träge Masse. Da sie so klein war, gelang es ihr unter den Sitzen durchzuschlüpfen. Allerdings war das mit einem hohen Risiko verbunden. Sie durfte den Füßen nicht zu nahe kommen. Nicht auszudenken, wenn sie mit einem der dicken Winterstiefel kollidiert wäre. Unter einem Sitz lauerte sogar ein Hund. Es gelang ihr, sich ungesehen an ihm vorbei zu schleichen. Der Gedanke, was passieren würde, wenn er aufwachte, trieb ihr den Angstschweiß auf die Stirn. Schließlich erreichte sie ein Abteil, das ganz nach ihrem Geschmack war. Hier saßen nur wenige Menschen und alle schienen mit etwas anderem beschäftigt zu sein. Der eine las, eine Frau strickte mit dicker grüner Wolle einen Schal und der Mann mit der Brille hatte einen von diesen kleinen Computern auf dem Tisch vor sich stehen. Sie entschied sich für den nett aussehenden Mann. Er saß entspannt an einem Festerplatz und war ganz in seinen Computer vertieft. Hin und wieder holte er sein Handy heraus und lächelte, wenn er darauf schaute. Ungesehen krabbelte die Wattelfe an der Stuhllehne hoch und setzte ihren Weg fort, bis sie den kleinen Koffer, der neben ihm auf dem Sitz stand, ebenfalls erklommen hatte. Sie ließ sich in die kleine Seitentasche gleiten, so dass sie gerade noch herausschauen konnte. So hatte sie beste Sicht aus den Zugfenster. Als der Zug sich in Bewegung setzte, beobachtete sie, wie die Landschaft an ihr vorbei zog. Der Mann war sehr damit beschäftigt etwas in seinen Computer zu tippen. Die regelmäßigen Geräusche des Zuges, die Stille um sie herum und die vorbeiziehende Landschaft bewirkten, dass die kleine Wattelfe in nur wenigen Minuten tief und fest eingeschlafen war.

Sie erwachte vom Zuklappen des Computers. Der Mann packte seine Sachen zusammen. Ein Blick durchs Fenster verriet ihr, dass sich ihre Reise dem Ende näherte. Sie waren in der Hauptstadt angekommen. Der Zug fuhr nur noch langsam und die Elfe hatte Gelegenheit die vielen Gleise, die grauen, missmutig aussehenden Häuser und weitere an ihnen vorbeiziehende Züge zu betrachten. Beim Anblick der Stadt bezweifelte sie, dass es eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Sie machte sich ganz klein in ihrer Seitentasche und schlotterte ein wenig vor sich hin, so groß war die Angst vor der großen Stadt. Als der Mann seine Sachen verstaut hatte, griff er nach seinem Koffer und bewegte sich zum Ausgang des ICE. Ohne es zu wissen, beförderte er seinen kleinen blinden Passagier durch den riesigen Bahnhof. So hatte sich die kleine Wattenmeerelfe die Hauptstadt nicht vorgestellt. Sie hoffte inständig, dass der Mann an ihrer Seite Geschmack beweisen würde und sie an einen schönen Ort mitnähme.