Schlagwort-Archive: Alter

Beauty vor Weihnachten

Beautymann_Sketchnote

Es weihnachtet. Fast überall. Die Zeit davor nutze ich für das was andere auch machen: Einkaufen, um den Liebsten etwas zu schenken, wonach sie sich, im besten Fall, schon lange sehnen. Da dies als Vollzeitberufsttätige nicht ganz einfach ist, denn der Tag hat nur 24 Stunden, suche ich vor Weihnachten an einem Nachmittag einen dieser Rieseneinkaufstempel auf, der ALLES hat. Alles, außer Zeit, aber die bringe ich mit. Mit nach Hause nehme ich ALLE Geschenke!!!
Mit einem straff durchorganisierten Zeitplan im Kopf und einer Einkaufsliste in der Hand lief ich in die heiligen Hallen des Konsums und sofort einem jungen Mann in die Arme. Er strahlte mich an und fragte mich, ob er mich etwas fragen dürfe. Ich nickte, denn gedanklich war ich mit meiner Einkaufsliste beschäftigt.
„Sind das naturglatte Haare?“
Ich stutze, riss meine Gedanken davon los, dass ich Hunger hatte und vor dem Einkauf unbedingt noch etwas zu Essen ergattern MUSSTE!
„Ähm, ja?“
Der Mann musterte mich lächelnd und fragte: „Sind Sie damit zufrieden?“
„Ja?!“
„Wollen Sie es mal mit Locken probieren?“ Er unterstrich seine Frage mit einer einladenden Handbewegung zur Auslage einiger Lockenstäbe, die seinen Stand zierten. Der Stand hinter seinem Rücken war mir doch glatt entgangen. Der Hunger war Schuld. Er war immer Schuld. Es sei denn es war das Alter Schuld. Da war ich schon immer großzügig. Ich verneinte seine Frage und bedankte mich artig.
Auf dem Weg zum nächsten Imbiss, huschte ich noch flott in ein Schreibwarengeschäft. Schließlich brauchte ich Geschenkpapier für die Geschenke, die ich noch nicht hatte. Beim Herauskommen stand erneut ein junger Mann vor mir. Ein anderer, wenn er auch dem Mann, der mich nach meinen Haaren gefragt hatte, ähnlich sah. Mir lag auf der Zunge direkt zu sagen: „Danke, ich mag meine Haare so wie sie sind!“, schwieg aber aus Höflichkeit. Seine Frage: „Darf ich Sie mal was fragen?“ verursacht in mir ein Déjà-vu. Mir fehlten auf die Schnelle die passenden Worte. Hätte ich sie gefunden, so wäre es möglich gewesen ihm zu erklären, dass ich Hunger hatte, auf der Suche nach etwas zu Essen war und eigentlich gar keine Zeit hatte Fragen zu beantworten. Er überraschte mich mit der Frage:
„Sind das Ihre Nägel?“
„Ja sicher, was glauben Sie, wer dafür Geld ausgeben würde!“ Leider dachte ich diesen Satz nur. Ich versuchte meine Finger zu verstecken. Es war dafür viel zu spät, er hatte sie schon längst in Augenschein genommen – bevor ich wusste, worauf er hinaus wollte. Ich war hilfebedürftig. Ein Blick auf meine Nägel hatte es offenbart. Diesmal war ich schlauer, ich sah seinen Stand und mit ihm die vielen goldenen Fläschchen und Döschen. Darin war sicher alles, was Frauen wollen. Oder was Ihnen eingeredet wurde, was sie zu wollen haben. Ich schaute ihn an und suchte noch nach der richtigen sprachlichen Ausdrucksweise, um ihm möglichst schonend beizubringen, dass ich die Falsche war. Ich würde nichts kaufen! Als ich Luft holte, kam er mir zuvor:
„Glauben Sie an Magie?“
„Nein!“
„Darf ich trotzdem mal einen Finger von Ihnen haben?“
„Was wollen Sie mit meinem Finger!?“
„Es ist Weihnachten, ich werde sie verzaubern. Heute bin ich Harry Potter für Sie.“ Dabei griff er nach einer Nagelfeile. Keine herkömmliche Feile. Es handelte sich mehr um einen Block. Ein Feilenblock mit mehreren unterschiedlichen Exemplaren ringsrum. Für jeden Anlass eine andere.
Ich atmete innerlich auf, es ging also um den Verkauf einer Feile. Ich zeigte darauf und sagte: „Die kenne ich, meine Tochter hat auch so eine!“
„Bekomme ich einen Finger? Bitte…..Nur einen.“ Während er nach meinem Daumen griff, den ich ihm zaghaft hinhielt, fragte er: „Sie haben eine Tochter? Wie alt ist die Tochter?“ Ich durchschaute sein Ablenkungsmanöver und antwortete trotzdem, dass ich zwei Töchter hätte und nannte das Alter: 16 und 11. Ein Fehler, beim Aussprechen war mir das schon klar. Zu spät: Es kam wie gedacht:
„Nein, das kann doch nicht sein. SO eine junge Tochter. Sie sehen doch erst aus wie 25!“
Ich lächelte müde, was ihn dazu anstiftete mich mit der Schulter anzustupsen. Dabei war er ansteckend fröhlich und ich fand ihn wirklich sympathisch. Nicht wegen der Sie-sind-doch-erst-25-Nummer. Ich hatte meine Einkaufsliste fast vergessen. Plötzlich ließ er meinen Finger los und sagt:
„Und – schon verzaubert!!“ Ich schaute auf meinen Finger und sagte: „Toll, wie der glänzt!“
„Ich habe doch gesagt: Ich bin ihr Harry Potter! Das macht alles nur dieses kleine Wunderwerkzeug!“
„Wie Harry Potter sehen sie gar nicht aus. Ihnen fehlt die Brille. Aber wenn ich diese Feile hier kaufe, haben Sie dann auch die Zeit in Flaschen, die ich brauche, um das Werkzeug überhaupt anwenden zu können?“ Er schaute mich mit EINER hochgezogenen Augenbraue an und sagte:
„Aber das sind nur zwei Minuten – zwei Minuten, die sie sich nehmen sollten!“
„Klar: Hier zwei Minuten, da zwei Minuten – letztendlich habe ich keine freilaufenden Minuten.“
Er schaute mich an und fragte: „Sind Sie verheiratet oder glücklich?“
„Glücklich“, rutschte es mir heraus und er stupst mich nochmal an. Dann wollte er mich noch glücklicher machen. Mit einem Serum für die Augen, das mich zwanzig Jahre jünger aussehen lassen würde. „Dann bin ich ja erst 5!“, fiel mir leider in diesem Moment nicht ein.
Ich konnte nicht anders. Ich musste ihm die Wahrheit sagen, damit der junge Mann sich seine Fröhlichkeit erhalten konnte, um sie bei Frauen einzusetzen, die wenigstens willig waren etwas zu kaufen. Ich sagte:
„Es ist wirklich nett wie viel Mühe Sie sich machen, aber ich bin die Falsche. Ich werde nichts kaufen!“ Der Mann war unerschütterlich. „Aber Sie müssen nichts kaufen! Lassen Sie mich einfach mal ihre Augen verwöhnen. Nur eins, dann werden sie viel jünger aussehen. Egal ob sie etwas kaufen oder nicht.“
„Fühlen werde ich mich trotzdem wie vierundvierzig und das ist auch gut so, weil ich glücklich mit dem bin, was da ist.“ Damit hatte ich ihn. Er schmunzelt noch vor sich hin: „Vierundvierzig….das kann nicht sein!“ Aber das Verkaufsgespräch war beendet. Er hatte es verstanden und entließ mich in die Wunderwelt des Konsums und wünschte mir ein frohes Weihnachtsfest.
Auf dem Weg zur nächsten Imbissbude versuchte ich mich stark am Wegesrand zu orientieren. Denn in der Mitte der Gänge standen so viele junge Männer, die Ausschau hielten. Bestimmt nach Frauen mit glatten Haaren, kaputten Fingernägeln und anderlei Gebrechen. Hinter ihnen waren Stände mit Gegenständen darauf, die ich nicht erkennen wollte. Und wer weiß nach was die vielen Harry Potters mich noch fragen würden, wenn ich nicht aufpasste.
Advertisements

Nachbarschaftskrieg oder: Ein Mann ist unzufrieden

Seifenblase2

Wer freut sich nicht auf das Rentnerdasein: Ausschlafen, wenn einen bis dahin die senile Bettflucht noch nicht ereilt hat. Den eigenen Interessen nachgehen…den eigenen Interessen nachgehen? Es ist ja gut, wenn Mann welche hat. Statistisch gesehen haben es da Männer schwerer als Frauen. Frauen treiben schon während ihres alltäglichen Arbeitslebens auf unterschiedlichsten kulturellen Gebieten ihr Unwesen. Tun sie das nicht, so stricken, häkeln und sticken sie, was das Zeug hält oder die Freizeit her gibt. Der Mann hingegen ist in Handarbeitskreisen definitiv nicht vertreten. Was macht er mit der vielen freien Zeit (wenn man Glück hat vielleicht Sport – soll ausgleichend wirken), wenn er beruflich nicht mehr gebraucht wird? Wenn das Pensionsalter da ist, die Verabschiedung mit Händedruck vom Chef und kleiner Anerkennung in ein paar Stündchen abgehandelt wurde, reift die Erkenntnis, dass die Arbeit, die vorher der Lebensinhalt gewesen war, nun ein anderer oder vielleicht sogar eine andere erledigt. Vielleicht sogar besser. Eine Seifenblase, die den Namen „Mein Leben“ trägt, zerplatzt. Ich glaube, dass es nur so zu Geschichten wie diese kommen konnte:
Man stelle sich jemanden vor, der sein Leben damit verbracht hat vermeintlich wichtig zu sein. Im eigenen Betrieb (es wird gemacht, was ich sage!), zu Hause (meine Frau kann das nicht alleine!) und auch sonst. Wir sprechen hier von einem Mann, der sich stets für den Nabel der Welt hielt (sicherlich haben hier seine Eltern eine gewisse Mitschuld zu tragen) und sein ganzes Umfeld so ausgesucht hat, dass er stets als klug, erhaben und ein klitzekleines bisschen arrogant durchs Leben gehen konnte. Dass sein Umwelt ihn stets ein wenig wohlwollend belächelte, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Auch nicht, dass dieser Mann nun das Rentenalter erreicht hat. Sehr zum Missfallen seines Umfelds. Ohne auf die sicherlich sehr persönliche Misere der Ehefrau eingehen zu wollen, muss nun das nachbarliche Umfeld als Ausgleich für das fehlende herumzukommandierende Arbeitspersonal herhalten. Was dies bedeutet, kann sich wohl jeder Nachbar vorstellen. Plötzlich werden zusätzliche Dächer aufgestellt (my home is my castle – was bei einem Reihenhaus mit 280 Quadratmeter Grundstück grundsätzlich schon lächerlich ist), Torbögen verändert und mit Briefen darauf hingewiesen, was man zu tun und zu lassen hat. Man möchte ihn bei der Hand nehmen, ihm sagen, dass alles nicht so schlimm ist und ihm einen Kaufmannsladen schenken. Dann wäre es vielleicht möglich, dass er sich als Ladeninhaber noch einmal wichtig fühlen kann. Leider bringen die Nachbarn dafür nicht mehr das nötige Wohlwollen auf, das einem Dreijährigen eigentlich gebühren sollte. Wie auch, schließlich sitzt einem vor Gericht ein graubärtiger Miesepeter gegenüber, der einen verklagt hat, weil man die Hecke um drei Zentimeter zu viel geschnitten hat, um es mal auf den lächerlichen Tatbestand zu reduzieren. Die Hecke steht hier nur stellvertretend für all die Lächerlichkeiten in Haus und Garten, die noch kommen werden. Angefangen von der exakten Zaunhöhe und Ankündigungsfristen, was den Heckenschnitt betrifft. Da fragt man sich als Nachbar, wie es nach 25 Jahren guter Nachbarschaft sein kann, dass aus dem etwas lächerlichen, aber durchaus nicht ganz unsympathischen Nachbarn innerhalb kürzester Zeit ein Rumpelstilzchen und Paragraphenreiter werden konnte? An dieser Stelle sollte noch erwähnt werden, dass es selbstverständlich ein weibliches Pendant zum Rumpelstilzchen gibt. So viel Gleichberechtigung muss sein. Allerdings treiben die sich glücklicherweise in der Lebensrealität von anderen herum (jeder bitte nur ein Kreuz!).
Von außen möchte man dem Rumpelstilzchen zurufen: „Mach was aus Deinem Leben! Jeder ist wichtig, auch Du!“. Vielleicht ruft man das auch besser seiner Frau zu.

Schlank oder dick?

Akt_Frau

Wie wär es mal mit: Egal! Oder: Normal! Aber was heißt das überhaupt?
Angeregt über dieses weit über den persönlichen Horizont hinausgehende Thema nachzudenken, wurde ich durch verschiedene Zeitungsartikel. Die Zeit zum Beispiel beruft sich in einer ihrer letzten Ausgaben auf eine Statistik in der seit den achtziger Jahren genauso viel Übergewicht herrsche wie heute. Eine Radiosendung behauptet das Gegenteil.  Ja was denn nun? Also werden wir nun immer dicker oder nicht? Was wäre mir denn lieber?
Wenn ich in mich hineinhöre, wäre es mir mehr als lieb, wenn die Diskussion um Äußerlichkeiten abnähme und zur Abwechslung mal über die geistige Magersucht und die mentale Verfettung diskutiert würde. Leider sieht man die nicht gleich – aus den Augen aus dem Sinn. Wie schön. Schön einfach ist eben doch einfach schön.
Apropos schön: Leider liegen auch hier die Umfragewerte auseinander. Während bei einer Umfrage in Woman`s Health 84% der Frauen gerne abnehmen würden (trotzdem fühlen sich 77% auch mit zu vielen Pfunden schön – immerhin ein Anfang!) besagt eine Umfrage der Leserinnen der Zeitschrift Joli, dass sich über die Hälfte der befragten Leserinnen nur mit ihrem Aussehen arrangiert hätten.
Wieso kommt bei mir direkt der Verdacht auf, dass da was nicht stimmen kann? Wieso werden Umfragewerte dieser Art direkt neben Ernährungsplänen platziert? Wäre ich Verschwörungstheoretikerin könnte in mir die Idee aufkeimen, dass ein Lebensmittelkonzern mit seiner großen Werbekampagne auf der Seite daneben vielleicht….aber ich bin ja glücklicherweise keine Verschwörungstheoretikerin. Denn wenn ich eine wäre, müsste ich definitiv danach fragen, warum es erlaubt ist eine Sendung im Fernsehen zu zeigen, bei der eine Horde halbnackte junger Mädchen, teilweise unter Aufsicht ihrer Eltern, zur Begutachtung über einen Laufsteg geschickt werden. Und wenn man dann einmal anfängt nachzudenken, dann fragt man sich, warum man den ganzen Tag in Werbung und Medien mit Menschen konfrontiert wird, die schön, jung und sehr sehr schlank sind und die nichts mit den Menschen zu tun haben, denen man den ganzen Tag in der Realität über den Weg läuft. Sie vermitteln das Bild einer Gesellschaft, die es gar nicht gibt. Jedenfalls nicht in meiner Welt. Denn waren wir nicht das Land mit der überalterten Gesellschaft?

Und wer jetzt mit dem Hinweis kommt, dass schlank gesünder ist, der soll mir bitte erklären warum Menschen mit einem höheren BMI insgesamt länger leben. Denn wenn man der Zeit von Anfang Mai glauben schenkt ist das so.

Ich glaube, dass es mit dem Gewicht genauso ist wie mit allem anderen: Menschen sind so unterschiedlich, warum sollte das beim Gewicht anders sein? Mir ist der Gedanke sympathisch, dass das Aussehen nur ein kleiner Teil der menschlichen Persönlichkeit ist und der Versuch alle Frauen (und auch Männer – hier funktioniert die Gleichberechtigung tadellos!) in ein Schlankheitsideal zu pressen boykottiert gehört.
Zu diesem Thema fand ich folgenden kleinen Film mehr als klasse. Viel Spaß beim Schauen:

Im Zug: Denkt jeder an sich, ist an alle gedacht!

Berlin

„Entschuldigung, gehört Ihnen die Tasche dort oben in der Gepäckablage?“
„Ja!“
„Wäre es möglich, dass ich diese ein wenig beiseite schiebe? Meine Tasche passt sonst nicht oben in die Gepäckablage.“
„Nein, wir finden unsere Tasche ansonsten nicht wieder.“
Der junge Mann, der das ältere Ehepaar so höflich gefragt hatte, steht ratlos im Gang. In der einen Hand einen großen Rucksack, in der anderen einen Koffer. Er schaut sich Hilfe suchend um. Die Gepäckablage ist voll. Da hat sie etwas mit dem Zug gemein. Kein Wunder, der Zug in dem sich diese Szene abspielt ist überfüllt, weil er die Passagiere eines ausgefallenen Zugs mit an den Zielort bringen muss.
Besagter junger Mann sucht nach einer Lösung. Die zwei älteren Herrschaften, die ihm verboten hatten ihren Koffer ein wenig zur Seite zu schieben, schauen dem jungen Mann ungerührt beim Suchen zu. Schließlich sagt der ältere Herr gereizt:
„Hier ist kein Platz. Meinen sie etwa, wir sitzen hier zum Spaß mit unserem großen Rucksack zwischen uns?“
Der junge Mann antwortet höflich, dass er ihnen deswegen auch keinen Vorwurf mache. Dann setzt er sich mühevoll auf den Sitzplatz vor dem Ehepaar, dass den Platz auf der Gepäckablage für sich allein haben will. Bequem ist das sicher nicht, wie er da versucht sich zwischen seinen Koffer und den Rucksack zu falten.
Dem älteren Ehepaar findet jedoch keine Ruhe. Der Rucksack zwischen ihnen stört und soll weg. Jetzt fangen sie doch an ihren eigenen Koffer hin und her zu schieben (hoffentlich finden sie ihn auch wieder!). Sie ziehen, schieben und es dauert nicht lange, bis außer ihnen noch weiterer Passagiere und der Zugbegleiter behilflich sind. Sogar der junge Mann, dem sie ihre Hilfe verweigerten steht in den Startlöchern. Vielleicht kann er auch helfen? Schließlich ist das ein älteres Ehepaar, dass sicher Hilfe braucht und damit das auch funktioniert, werden die Helfer ordentlich dirigiert. Der ältere Herr hat früher sicherlich eine leitende Funktion, er scheint geübt im kommandieren anderer Menschen, die versuchen den Koffer so weit zu verlagern, damit sich der Rucksack auch noch irgendwie dazwischen quetschen lässt.
Als der Rucksack an Ort und Stelle verstaut ist, gehen Helfer ihrer Wege. Ich höre weder ein Danke noch irgendetwas anderes Nettes aus der Richtung des Ehepaares. Was ich jedoch höre ist, wie die ältere Dame zu ihrem Mann nicht ohne giftigen Unterton sagt: „Das hätte der aber auch vorhin schon machen können, als er uns die Reservierung zeigte“. Ich nehme mal an, dass sie damit den Zugbegleiter meinte, der so nett war dem älteren Ehepaar beim Einsteigen in den Zug behilflich zu sein. Aus meiner Sicht sollten die zwei Herrschaften mit ihrem Gepäck die Plätze tauschen. Dann hätte ich jetzt angenehmere Sitznachbarn.

Im Café mitgehört: …Schweigen ist Gold

IMG_9774
Geschichten bieten sich einem allerorts. Auf der Straße, beim Arzt, in der Familie, im Restaurant oder in einem Café, wie folgender Dialog zwischen einem älteren Ehepaar. Ein Mann wartete auf seine Verabredung und wurde unfreiwillig Zeuge. Bis auf die drei Personen, war das Café leer. Im Hintergrund klapperte die Bedienung mit Geschirr, die Kaffeemaschine surrte und es lief leise Musik. Zwei Tische neben des wartenden Mannes saß das Ehepaar. Beide schätzungsweise um die siebzig und extravagante Erscheinungen. Sie trug Hut und er viele große Goldringe. Während der Mann wartete, musste er mit anhören, was sich die Eheleute zu sagen hatten:
Sie „Du bist zu faul, um einen Kaffee zu bestellen.“
Er: „Das stimmt doch gar nicht!“
Sie: „Doch! Immer brauchst du jemanden, der für dich bestellt.“
Er: „Nein, ich warte nur so.“
Sie: „Kannst du denn nicht alleine bestellen?“
Er: „Ich will doch gar nichts!“
Sie: „Doch! Du willst Kaffee, aber wartest, dass ich den bestelle“
Er: „Das stimmt doch gar nicht!“
Sie: „Doch! Du machst doch nie was. Ich bestelle für Dich und du machst Dir einen lauen Lenz!“
Er: „Nein!“
Sie: „Doch. Ich mach das ja auch für Dich. Aber nur wenn du lieb bist. Sonst nicht! Ende! Ich hab nur ein Leben, nicht zehn. Du ruhst dich doch immer nur aus.“
Er: „Nein, das stimmt nicht. Ich mach auch was.“
Sie: „Ach ja, was denn?“
Schweigen
Sie: „Warum bist du eigentlich so? Nie hast Du Stress. Ich habe immer Stress und das alles wegen Dir. Immer muss ich alles machen, du machst nie was. Nie hast du Stress.“
Er: „Das stimmt doch gar nicht.“
Sie: „Doch!“
Er: „Nein!“
Sie: „Doch! Jetzt tu doch nicht so, als stimmt das nicht. Ich habe immer Stress. Immer muss ich mich um alles kümmern. Aber du…du hast nie Stress! Und dann meckerst du. Warum eigentlich? Jetzt ja auch. Wir streiten schon wieder. Wegen dir.
Er: „Das stimmt doch gar nicht.“
Sie: „Doch!“
Er: „Nein!“
Dann kam die Verabredung des Mannes. Er atmete auf, durfte er gedanklich aus den Streitigkeiten der älteren Herrschaften aussteigen.
Neulich fragte mich jemand was schlimmer wäre: Das Schweigen zwischen Paaren oder das Streiten. Nach dieser Geschichte bin ich geneigt zu sagen, dass Schweigen ganz ok sein kann.

Begegnung VI oder: Vom Fühlen

Mann_Begegnung

Er ging die Straße hinunter. Es war dunkel und die Straßenlaternen warfen hin und wieder helle Flecken auf den Asphalt. Er betrachtete die gelben Lichtkegel und beobachtete die Schatten der Nacht, die über den Fußweg tanzten. In Gedanken stand er noch immer neben ihr am Herd in der riesigen Küche mit all den anderen Kochkursteilnehmern. Gemeinsam hatten sie versucht die rundesten, schönsten, glattesten Kartoffelknödel herzustellen, die die Welt je gesehen hatte. Das waren nicht einfach nur Kartoffelknödel, sondern seidenen Klöße gewesen, die sie vom Leiter des Kochkurses in Auftrag bekommen hatten. Das Mehl wurde durch Speisestärke ersetzt und schon wurden sie glatt und zart, die Klöße. Er hatte in seinem Leben noch nie so gern Klöße gerollt, wie mit ihr an seiner Seite. Ihr schien es ähnlich zu ergehen. Sie hatten nebeneinander gestanden und er hatte das Gefühl gespürt, das von ihr ausgegangen war und sich in der Mitte zwischen ihnen mit seinem getroffen hatte. Es war ein schönes Gefühl. Ein Gefühl reiner Freude und Wärme. Er hatte es schon so lange nicht mehr gespürt. Als er in ihre Augen geschaut hatte, während sie in völliger Übereinstimmung den Teig in den Händen in gleichmäßigen Bewegungen zu Klößen formten, hatte er es in ihren Augen lesen können: Sie durchströmte das gleich Gefühl wie ihn. Es brauchte keine Worte. Jetzt nicht. Dennoch war er sicher, dass sie Worte finden würden für das was sich zwischen ihnen im Begriff war zu verknüpfen. Ihn hatte in diesem Moment eine große Ruhe überkommen. Eine Ruhe, die er sich immer gewünscht hatte. Einer der vielen Wünsche, die er fast vergessen hatte.
Der Leiter des Kochkurses hatte die Form ihrer Klöße sehr gelobt. Auch über den Geschmack hatte er nur Gutes zu berichten gehabt. Allerdings war er der Meinung gewesen, dass sie zu lange gebraucht hatten, um sie herzustellen. Da mochte er sicher Recht gehabt haben. Seinem Lächeln nach zu urteilen, kannte er auch den Grund dafür. Sie hatten so viel Spaß zusammen gehabt. Er und die Frau, die ihm beim Kochen als Partnerin zugeteilt worden war. Als er über die Straße schritt und in Erinnerung versank, war er geneigt über göttliche Fügungen seine Meinung zu ändern.
Es war der dritte Termin seines Kochkurses gewesen und die Frau, mit der er sich partnerschaftlich einen Herd geteilt hatte, hatte er zu einem Cafébesuch eingeladen. Sie hatte ihn angelächelt und ihm zu verstehen gegeben, dass sie sehr gerne mit ihm in ein Café gehen würde. Erst vor wenigen Tagen hatte er das kleine Café entdeckt, in das er sie ausführen würde. Es lag auf seinem Nachhauseweg, wenn er die Einkäufe in dem großen Supermarkt, der nicht weit von seiner Wohnung entfernt lag, erledigt hatte. Er musste schon sehr oft daran vorbeigekommen sein, aber erst letzte Woche war es ihm aufgefallen, das Café. Als er durch die Fensterscheiben geschaut hatte, war das einladende rote Sofa in seinen Blick gerückt. Ohne darüber nachzudenken, war er durch die Glastür getreten und hatte seine Einkaufstüten neben das Sofa gestellt. Er hatte sich auf das weiche rote Polster sinken lassen und sich für eine kurze Zeit ganz dem Geschmack des leckeren Kaffees hingegeben, den ihm die nette Bedienung zubereitet hatte. In dem Moment, als er den samtigen Bezug des Sofas unter sich gespürt hatte, war ihm bewusst geworden, dass er sie hierher einladen wollte. Sie würde dieses Café genauso gut leiden können, wie er. Dessen war er sich sicher.

Als er sich plötzlich vor der eigenen Haustür wiederfand, war er überrascht. Gedanklich war er so mit ihr und den Erinnerungen an den schönen Abend beschäftigt gewesen, dass er den Nachhauseweg unbewusst gefunden hatte. Als er die Tür zu seiner Wohnung aufgeschlossen und den Flur betreten hatte, sah er das Blinken des Anrufbeantworters. Sorgfältig schloss er die Wohnungstür. Er zögerte, bevor der den Wiedergabeknopf betätigte. Als der Anrufbeantworter das letzte Mal geblinkt hatte, war es seine Frau gewesen. Sie war zwar noch seine Frau, aber sie hatte ihn verlassen. Er lebte jetzt allein und nachdem er einige Zeit gebraucht hatte, um zu verstehen, was in seinem Leben und in ihrer Ehe falsch gewesen war, musste er feststellen, dass es das Beste war, was sie hatte tun können: Ihn zu verlassen. Er hatte den Wiedergabeknopf gerade gedrückt, da hörte er schon die Stimme der Frau, mit der er so viele Jahre Seite an Seite gelebt hatte und die er doch nicht kannte. Sie war wütend, das konnte er an ihrem Tonfall hören. Einem Impuls folgend, löschte er die Aufnahme, bevor er erfuhr, was sie von ihm wollte. Er atmete laut aus und ging in die Küche, um sich ein Glas Rotwein einzuschenken. Dann setzte er sich auf den Balkon und genoss die Erinnerung an den schönen Abend, während er den Schatten der Nacht beim Tanzen zuschaute.

Nicht ganz frisch…

Orangenseife

Bio-Traube, Bio-Olivenöl, Bio-Granatapfel, Bio-Zitronenmelisse, Kiwisamenextrakt, Bio-Wildrosenöl und weißer Tee…auch wenn man es nicht glauben mag: Ich befinde mich nicht in der Gemüseabteilung eines Supermarktes, sondern in der Drogerie meines Vertrauens. Vor meiner Nase: Unzählige kleine Tuben mit veganen Inhalten. Ich schaue mich um, nein es ist und bleibt die Drogerie. Obwohl ich langsam Hunger bekomme. Bei einer ausgiebigen Bestandsaufnahme ergriff mich heute morgen vor dem Spiegel der Gedanke, meinem Gesicht mal was Gutes zu tun. Schließlich befinde ich mich in meiner Lebensmitte. Mein Blick fällt auf ein Produkt: Hamamelis, die Zaubernuss soll das Gesicht sanft reinigen. Wenn der Name Programm ist bestimmt.
 
Das Anti-Cellulite-Bioöl mit Rosskastanienextrakt ignoriere ich. In meinem Alter ist es dafür sowieso zu spät. Konzentriere ich mich lieber auf das, was jetzt dran ist: Welche der vielen Cremes passen denn nun am besten zu meinem Hauttyp? Was brauche ich? Nachdem ich die Inhalte gelesen habe (Vitamin E, Dou-Hylaron, Argireline, Q10, ein regenerierender Wirkstoffkomplex) weiß ich, dass ich ein Chemiestudium benötige oder wenigstens ein Lexikon. Woher soll ich denn wissen, wofür diese Inhaltsstoffe gut sind? Plötzlich fühle ich mich schlecht. Sicher bin ich die einzige Frau, die ihr Aussehen in den letzten Jahren vernachlässigte. Ich hätte die Bio-Trauben nicht essen, sondern sie mir ins Gesicht schmieren sollen. Das habe ich jetzt davon. Kein Wunder dass sich Falten bildeten.
 
Ich glaube, das ist Absicht und hat System: Die Kosmetikindustrie verwirrt uns so, damit wir Falten bekommen. Dann werden wir mit einer unübersichtlichen Anzahl an Pflegeprodukten mit fragwürdigen Inhalt konfrontiert. Da wir nicht wissen, was darin ist, kaufen wir alle, um später festzustellen, dass KEINE davon wirkt. Als Trost für diese Enttäuschung werden Schokolade, Gummibärchen und Kekse verspeist. Ich glaube, dass die Kosmetik- und Süßigkeitenindustrie zusammenarbeitet. Die holen aus uns den bestmöglichen Gewinn heraus! Und die Frauenzeitschriften müssen in diesen Komplott ebenfalls irgendwie verstrickt sein. Ohne sie wüssten wir ja gar nicht, dass es rein optisch ab 20 steil bergab geht und wir gegen den Alterungsprozess ankämpfen müssen.
 
Mein Blick fällt in einen der vielen Spiegel der Drogerie. Mein ich wehrt sich mit Händen und Füßen: So schlecht sehe ich doch gar nicht aus…die paar Falten! Ich danke meinem ich und greife zu meiner Wunderwaffe: Nivea Creme! Da weiß ich auch nicht was drin ist, aber die kenne ich wenigstens. Ein weiterer Vorteil: Ich will sie nicht essen! Dafür kaufe ich jetzt einen Sesamkrokantriegel. Der ist auch vegan. Auf dem Weg nach draußen verscheuche ich meine Verschwörungstheorie bezüglich der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie. Der Riegel schmeckt einfach zu gut, als dass sich damit etwas Böses verbinden ließe.