Eine Neue Geschichte vom Sofa: Die Frau und ihre Gedanken – eine Geschichte zur Sprache und Systemtheorie

Die Frau und ihre Gedanken

Durcheinander purzelnde und überschlagende Wörter überrollten die Frau. Wörter die in Sturzbächen aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche treiben. Wörter, die ihren Platz in Sätzen suchen, um sich sich als Text zusammen zu puzzeln. Texte, deren Inhalt niemand hören wird. Irrend suchen sie einen Weg aus den Gedanken. Weg aus dem Kopf, hinein in die Realität! Endlich nach draußen. Wie kleine Luftblasen bewegen sie sich in einem durchsichtigen Ballon. Durch ihn kann man nach draußen schauen. Das Leben in der Welt betrachten, jedoch niemals mit ihr in Kontakt treten. Hinter einer durchsichtigen Wand warten die unzähligen unausgesprochenen und schreienden Wörtern im Kopf, die niemals gesagt wurden. Sie warten auf bessere Zeiten und darauf, dass sie endlich an die frische Luft dürfen. So wie die Frau, in deren Kopf sich die Gedanken tummelten.

An die frische Luft musste auch die Frau häufig gehen. Es gab Tage, an denen die Luft scheinbar ihren Gedanken sagte, wohin sie zu gehen hatten. Die Frau spazierte oft und gerne. Am Ende eines Gangs hatten sich die Gedanken in dankbare Ecken sortiert und gaben Gedankenstränge frei, die nützlich eingesetzt werden konnten. Es gab Tage, an denen die Frau darüber nachdachte, was für gedankliche Kapazitäten verfügbar wären, würden diese nicht auf Vergangenes und Nutzloses verschwendet. Nicht zu vergessen, die Sorgen! Welche Ecken in ihrem Kopf frei würden, wenn sie sich weniger sorgte. Es würde fast ausreichen, wenn sie fremde Sorgen, da belassen könnte, wo sie hingehörten: Bei den anderen!

Sie schaute sich um. Sie war ein Teil der Menschenmenge, die sich auf dem Fußweg bewegte. Jeder mit einem anderen Ziel vor Augen, in unterschiedlicher Geschwindigkeit unterwegs. Von oben betrachtet glich die Menge sicher einem Ameisenhaufen. Wobei ein Ameisenhaufen geordnet ihrer festgelegten Arbeit nachging und alle Ameisen ein gemeinsames Ziel verfolgten. Vielleicht hinkte der Vergleich. Die Menschen agierten unabhängig voneinander und jeder verfolgte seine eigenen Interessen. Sie beachteten einander nicht. Im eigenen Leben als Protagonist, blieb im Leben der anderen die Statistenrolle vorbehalten. Die Frau wäre gerne in ihrem Leben mehr Protagonistin und weniger weniger Statistin.

Sie stand abseits und bewegte sich nicht vom Fleck. In ihren Gedanken suchte sie nach dem Satz, der sich heute Morgen in ihr Bewusstsein gemogelt hatte. Sie wusste, dass sie ihn im Radio gehört hatte. Wegen der Kaffeemaschine hatte sie nicht genau zugehört. Dennoch war der Satz wie Saatgut in ihrem Bewusstsein gelandet. Sie wusste, es war bereit aufzugehen, wenn sie sich darum kümmerte. Aber dafür müsste sie sich Zeit nehmen, darüber nachzudenken. Das war schwierig. Sie hatte den Kopf so voll, dass es schwer war, freie Gedanken zu erwischen.

Sie seufzte. Eine Stunde war sie spazieren gewesen, um ihren Kopf zu lüften, dennoch war sie gedanklich nicht weiter gekommen. Sie brauchte eine Pause. Sie schaute sich um und entdeckte das kleine Café. Es war auf der anderen Straßenseite und hinter großen blühenden Bäumen versteckt. Es sah einladend aus. Die Frau wusste, dass dieser erste Eindruck sich in der Regel verflüchtigte, wenn sie ein Café betrat. Dann war es plötzlich zu eng, zu voll und die Menschen musterten sie etwas zu lange, als würden sie durch sie erkennen, dass sie sich unwohl in fremden Menschenansammlungen fühlte. Wahrscheinlich taten sie das auch. Und dann war es für die Frau schwer zu sprechen. Bestellen, bezahlen, alles Vorgänge, die in ihr Stress auslösten. Sie atmete tief ein, schloß die Augen und atmete aus. Sie brauchte ein Pause und machte sich mit dem nächsten Einatmen auf den Weg zum Eingang des Cafés, so wie sie es gelernt hatte. An der Tür, wieder einatmen und die Tür aufdrücken-ausatmen. Sie stand im Café und schaute sich um. Es war angenehm leer, beruhigende klassische Musik legte sich auf ihre innerliche Anspannung und sie konnte länger im Raum stehen, um sich nach einem Platz umzusehen, ohne darüber nachzudenken, was die anderen Gäste über sie denken würden. Die anderen Gäste waren in ihr eigenes Tun vertieft und keiner beachtete die Frau, die im Gang stand und sich überlegte, wo sie sitzen wollte. Das freie rote Sofa, war ihr am nächsten und sie steuerte zielstrebig darauf zu. Als sie saß, atmete sie erneut ein und wieder aus. Gleich würde die Bedienung kommen und sie fragen was sie möchte. Was wollte sie denn? Cappuccino? Kaffee? Wasser? Alles? Die Frau nahm die Karte und stellte fest, dass es nicht alles gab. Das machte es einfacher und sie entschied sich für Cappuccino und Wasser. Sie legte die Karte zurück auf den Tisch und übte den Satz, den sie gleich sagen müsste, wenn sie gefragt würde, was sie bestellen wolle. Sie hatte Probleme mit Wörtern und Sätzen. Früher als Kind hatte sie viel geplappert. Mit zunehmenden Alter hatten die Wörter an Bedeutungskraft gewonnen. Dann war ihr die Sprache abhanden gekommen. Über was sollte gesprochen werden, wenn niemand zuhören wollte? Was sollte geredet werden, wenn jeder so viel schönere Dinge erzählen konnte, als ihr Leben her gab? Welche Worte sollten ausgesprochen werden, wenn diese sich falsch anfühlten? Fragen, die sie bis heute nicht beantworten konnte. Seit dieser Zeit hatten sich die Wörter in ihrem Kopf verbarrikadiert und mussten nach draußen gezwungen werden. Ein Kampf, den sie nun schon seit vielen Jahren führte. Sie fragte sich manchmal, ob sie nicht einfach aufgeben sollte.

Da war der Moment. Die Bedienung kam an den Tisch, lächelte sie an und fragte, was sie bestellen wollte. Die Frau auf dem Sofa sagte ihren im Kopf auswendig geübten Satz. Die Bedienung nickte und beendete die Situation, indem sie sich zur Theke bewegte. Die Frau auf dem Sofa atmete durch. Die Gedanken in ihrem Kopf nahmen das als Startsignal und stoben wild auseinander. Kreuz und quer ging es durch den Kopf: Der Einkauf fürs Wochenende, das Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter musste besorgt werden, sie war mit der Hauswoche dran, was hatte ihr Chef heute morgen gemeint, als er so komisch „Guten Morgen“ gesagt hatte? Und warum hatte ihre Kollegin so komisch geschaut? Sie seufzte und versuchte ihre Gedanken in die Schranken zu weisen. Sie wollte über das nachdenken, was sie heute Morgen im Radio gehört hatte. Was war das nochmal? Sie wusste, dass es um Sprache ging und sie gedacht hatte: „Warum soll ich zuhören? Mir ist die Sprache schon lange abhanden gekommen?“ Aber dann hatte sie doch etwas aufgeschnappt. Bevor sie den Gedankenzipfel fassen konnte, mischte sich der Gedanke ein, dass sie nun schon über dreißig war und noch immer nicht in der Lage war, ihre Gedanken zu ordnen. Sie atmete ein und aus und versuchte die Gedanken ziehen zu lassen. So, wie sie es gelernt hatte. Alle Gedanken dürfen da sein und man kann sie ziehen lassen. Wie die Wolken am Himmel. Weiterziehen lassen. Nicht dagegen wehren, das erzeugt Widerstand und raubt Energie. Ziehen lassen. Als wenn das so einfach wäre!

Die Getränke wurden gebracht. Sie lächelte der Bedienung dankbar zu. Endlich konnte sie etwas tun. An ihrem Cappuccino nippen. Ihre Oberlippe vergrub sich im Milchschaum und sie war dankbar für das Getränkt, dass seinen köstlichen Geschmack in ihrem Mund verbreitete. Sie liebte die Verbindung vom bitteren Kaffee mit der Weiche des Milchgeschmacks. Wenn sie Kaffee oder Cappuccino trank, stellten ihre Gedanken das Flüstern ein. Deshalb trank sie viel zu viel Kaffee. Während sie schluckte kam ihr die Radiosendung vom Morgen in den Sinn. Die Sendung hieß: Alles systemisch: Sprache und Realität. Sie erinnerte sich an die Sätze, die ähnlich klangen wie: Wenn Gedanken ausgesprochen werden, dann bekommen sie nicht nur für den Zuhörer eine Bedeutung, sondern auch für den, der diese ausgesprochen hat. Das gesprochene Wort bekommt auch für den Sprecher eine neue Realität, weil er das Gesagte hört. Dann ist es in der Welt und nicht nur im Kopf des Sprechers.

Die Frau runzelte die Stirn. Was das wohl für sie selbst bedeutete? Wenn sie alles aussprechen würde, was wäre dann in ihrem Leben los? Vielleicht wären dann die lähmenden Gedanken weg? Sie schüttelte den Kopf, so war das sicherlich nicht gemeint gewesen-aussprechen und weg! Aber wenn sie selbst ihre belastenden Gedanken aussprechen würde, dann bekämen sie vielleicht eine neue Realität? Welche wäre das? Wäre das von Vorteil oder führte das zu noch größerer Belastung? Vielleicht würde sie darunter ersticken? Nicht nur in ihrem Kopf, sondern auch noch von außen? Was wäre, wenn sie der Bedienung sagen würde: „Wissen Sie, ich muss heute noch das Geschenk für meine Mutter besorgen!“ Was war mit diesem Satz, dass er ihren Kopf immer wieder mit seiner Anwesenheit belästigte? Und warum drehte er sich immer wieder im Kreis? Auf der Bühne, erhaben über alle anderen Sätze, die so viel wichtiger waren?

„Wissen Sie, ich muss heute noch das Geschenk für meine Mutter besorgen!“ Sie hatte den Satz vor sich hingemurmelt, nur zum leisen Üben. Da hörte sie die Bedienung sagen: „Aha, wissen Sie denn schon was sie verschenken wollen?“ Irritiert schaute die Frau vom roten Sofa auf und betrachtete die Bedienung. Ohne es zu bemerken, hatte sie ihre Gedanken zu laut ausgesprochen. Sie hatte wissen wollen, ob das Aussprechen für sie eine Veränderung bedeutete. Die Worte waren nicht für andere bestimmt gewesen und dennoch wurden sie gehört. Die Frau auf dem Sofa musste antworten. Sie suchte die Wörter in ihrem Kopf zusammen. Zog sie hinter verschlossenen Türen hervor, nur um sie direkt wieder entwischen zu lassen. Schließlich hob sie nur ihre Schultern und zögerte, bevor sie sagte: „Ich weiß nicht.“ Die Bedienung lächelte und sagte: „Das kenne ich. Mütter zu beschenken ist schwer.“ Die Frau auf dem Sofa schaute die Bedienung an und diese fragte: „Was haben sie denn letztes Jahr geschenkt?“ Die Frau auf dem Sofa antwortete: „Einen großen Wandkalender mit Bildern aus Asien, den sie sich gewünschte hatte. Als ich ihn ihr schenkte, wollte sie ihn plötzlich nicht mehr.“ Die Bedienung schaute die Frau an und sagte: „Warum wollte sie ihn nicht mehr? Sie hatte sich den Kalender doch gewünscht?“ Die Frau vom Sofa schaute auf ihre Hände und dann in die Augen der Bedienung: „Das weiß ich nicht. Jedes Jahr ist das so. Erst bedankt sie sich und drei Tage später bekomme ich die Geschenke zurück.“ Die Bedienung runzelte die Stirn als sie sagte: „Wäre das die Mutter einer Freundin von mir, würde ich ihr sagen, dass sie lieber sich selbst, als ihre Mutter beschenken sollte. Offenbar ist es eine Fehlinvestition, wenn sie Geld für die Geschenke ihrer Mutter ausgeben.“ Die Frau vom Sofa schaute die Bedienung lange an, bevor sie antwortete: „Wahrscheinlich haben sie recht. Ich kann es meiner Mutter sowieso nicht recht machen. Vielleicht sollte ich aufhören, es zu versuchen. Ich danke Ihnen!“ „Gern geschehen. Möchten Sie noch einen Cappuccino trinken?“ Die Frau auf dem Sofa lächelte und nickte.

Als sie wieder allein mit ihren Gedanken war, wunderte sie sich über die Stille in ihrem Kopf. Als hätten ihre Gedanken alle gemeinsam beschlossen, schlafen zu gehen. Was war passiert? Würde sie kein Geschenk kaufen? Ohne Geschenk gratulieren? Vielleicht sollte sie anrufen und gratulieren? So könnte sie dem vorwurfsvollen Blick entgehen, den sie niemals ändern würde, egal was sie tat. Ihre Mutter würde bleiben wie sie ist. Sie selbst nicht. Sie konnte etwas ändern. Sich selbst vielleicht nicht, aber ihre Handlungen konnte sie verändern. Es gab Hoffnung!

Die Frau bekam ihren Cappuccino, nahm die Tasse in die Hand und nahm die Wärme des Getränks durch das Porzellan wahr. Sie betrachtete die Tasse und fühlte die glatte Oberfläche in ihrer Hand. Sie horchte der Stille in ihrem Kopf nach. Den Satz auszusprechen hatte etwas verändert. Sie hoffte die Veränderung festhalten zu können. Sie würde kein Geschenk kaufen. Alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt. Auf der Suche nach dem passenden Geschenk, das diesmal nicht zurückgegeben werden würde, hatte sie immer und immer wieder darüber nachgedacht, was das perfekte Geschenk sein könnte. Durch das Aussprechen hatte sie realisiert: Es gab kein passendes Geschenk, da ihre Mutter nicht das Geschenk ablehnte. Der Umstand, dass es von ihrer Tochter kam, führte zur Ablehnung. Es war egal, was sie schenken würde. Also konnte sie es auch bleiben lassen. Sie trank noch einen Schluck und genoß die Stille in ihrem Kopf, die sich in dieser Erkenntnis sonnte.

Als sie an die Theke ging, um zu bezahlen, sagte sie: „Über das Geschenk meiner Mutter zu sprechen, war nicht meine Absicht gewesen. Aber es tat gut, es auszusprechen. Danke, dass sie mir zugehört haben. Für mich hat sich dadurch Entscheidendes verändert.“ Die Bedienung lächelte, als die Frau durch die Tür verschwunden war.

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