Eine neue Geschichte vom Sofa: Herr Inn-Antre hat Pause

Als sich sein Denken wieder eingestellt hatte, erkannte er wohin es ihn verschlagen hatte. Er befand sich mitten in einem Café, in dem es nur noch wenige freie Sitzgelegenheiten gab. Gerade hatte sich ein Gast vom roten Sofa erhoben und er beschloss den Platz seines Vorgängers einzunehmen. Als er spürte, wie das weiche Polster unter ihm nachgab, war er ratlos. Er schaute sich um. Alles was er sah, war wenig hilfreich. Was sollte er nun tun? Er hatte sie verloren. Nach so vielen Jahren. Was das für ihn bedeutete, wusste er nicht. Außer einem Runzeln der Stirn konnte er sich zu keiner Regung bewegen. Die Bedienung huschte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Beruhigt atmete er auf. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das erleichterte. Er lebte davon nicht erkannt zu werden. Sobald er sich zu erkennen gab, wendeten sich die Menschen von ihm ab. Deshalb agierte er lieber im Verborgenem. Er wollte nur kurz ausruhen. Ausruhen und nachdenken. Eine Aufgabe, die ihm schwer fiel. Das Denken war für andere erfunden worden. Er konnte andere Sachen gut. Etwas was ihn wirklich ausmachte, war zu gewährleisten, dass andere ihre Höchstleistungen erreichten. Darin war er besonders gut. Eigentlich war das das Einzige, was er konnte. Das wusste er. Schließlich konnte er auf eine jahrelange Erfolgsbilanz zurück blicken. Was das Antreiben von Menschen betrifft, machte ihm so schnell keiner etwas vor. „Jeder kann was!“, hatte sie gesagt. Das hatte ihn bestärkt und in bester Absicht hatte er sie mit seinem Können unterstützt. Er hatte alle anderen vernachlässigt und sich ausschließlich auf sie konzentriert. Dabei war er nicht sicher, ob er stets die passende Methode gefunden hatte, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Vielleicht war er manchmal zu streng gewesen? Zu brutal? Er wusste es nicht. Wie gesagt, das Denken war für andere gemacht worden. Seine Hände glitten über das weiche Polster und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er das Gefühl nichts tun zu müssen. Er schluckte und bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn, die sich dort langsam ihren Platz eroberten. Er spürte Panik in sich aufsteigen. Was sollte er tun? Sie hatte immer gesagt, dass Angst ein treuer Begleiter sei. Also hatte er dafür gesorgt, dass sie stets auf ihre Angst zurück greifen konnte. Sollte sich ihre Angst nun bei ihm einnisten? Er wusste nicht mal, ob er wirklich Angst hatte. Das einzige, was er wahrnahm, war ein neues Gefühl: Er hatte nichts zu tun. Er war ohne eine Aufgabe. Jetzt war er allein mit sich und konnte sich ganz auf seine Bedürfnisse konzentrieren. Er schluckte. Das war noch nie vorgekommen, dass er auf sich gestellt war. Während er seinem Rauschen in den Ohren zuhörte, sah er sich um. Er sah viele Menschen, die er alle nicht kannte. Er hatte keine Lust, sich neben sie zu setzen. Er wollte sie zurück. Warum eigentlich? Sie hatte ihn doch gar nicht gewürdigt. All die Jahre hatte er dafür gesorgt, dass sie stets das Maximum erreichen konnte. Egal in was, er hatte sie zur Höchstform auflaufen lassen: Hausarbeit? Job? Familie? Immer hatte sie alles geschafft und zwar mit Bravour! Und hatte sie es ihm gedankt? Nein, sie hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Und hatte er sich darüber beschwert? Nein! Er war stets geduldig gewesen und hatte ebenfalls stets sein ganzes Können in sie investiert. Mit welchem Ergebnis? Jetzt, als sie ihn in aller Größe wahrgenommen hatte, da wollte sie ihn nicht mehr. Einfach weggeschickt hatte sie ihn. Stumm starrte er vor sich hin und sein Kopf war gefüllt mit leeren Gedanken. Sie hatte ihm ein Zimmer zugewiesen. Dort stand ein Fernseher mit Kopfhörern. Vielleicht sollte er sich dorthin zurückziehen und sich auf sich konzentrieren. Sie hatte gesagt, dass es ihm gut gehen soll und aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er gerne Fernsehshows mit Hans Meiser schaute. Wie sie das erfahren hatte, konnte er nicht sagen. Er stand auf und verließ das Café mit dem Vorsatz sich das Zimmer anzuschauen. Eigentlich hatte er sich die Ruhe verdient. Schließlich hatte er sie in den letzten Jahren ständig unterstützt. Vielleicht hatte sie recht: Er konnte ein wenig Ausruhen gebrauchen. Außerdem hatte er schon so lange kein Fernsehen gesehen, dass seinem gedanklichen Format entsprach gesehen. Er wusste, dass er es lieben würde. Dennoch beschloss er, ihr später doch noch eine Chance zu geben und sie noch einmal zu besuchen. Vielleicht konnte er sie davon überzeugen hin und wieder doch mit ihm ins Geschäft zu kommen. Aber bis dahin freute er sich auf Hans Meiser. Ruckartig erhob er sich vom Sofa. Unerkannt verließ er das Café.

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