Wie verzweifelt muss Politik sein?

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Mit Entsetzen habe ich gerade in der Zeit (Ausgabe 16, 13.04.2017, Martins Gans) einen Artikel über Martin Schulz und seine vermeintliche Vorliebe für Stopfleber (Fois gras) gelesen.

Entsetzlich finde ich dabei nicht die kulinarischen Genüsse (auch wenn ich Stopfleber verabscheue), sondern das, was daraus gemacht wird. Wie verzweifelt müssen Unionspolitiker sein, wie viel Angst müssen sie haben, wenn eine Vorspeise für 25 Euro als Anlass für die Verurteilung einer vermeintlichen Lebensweise genutzt wird?

Spannend wäre es, wenn jetzt jeder Politiker (egal welcher Partei angehörig) eine monatliche Liste zusammenstellen müsste, in dem die Kosten für sogenannte „geschäftliche Essen“ aufgeführt werden. Ich bin sicher, da kämen horrende Summen zusammen. Und wenn sie schon dabei sind: Die Nachweise der Herkunft von verzehrten Fleisch- und Fisch, sowie Gemüsearten können bitte direkt dazu geheftet werden. Eine eigens eingerichtete Jury, könnte dann darüber entscheiden, ob die Essgewohnheiten der Politiker/die Politikerin moralisch einwandfrei sind und sie sich deshalb zur Wiederwahl stellen dürfen. Und wenn wir schon dabei sind: Wie sieht eigentlich das Privatleben insgesamt aus? Man könnte über den Tellerrand hinaus schauen und Politikern/Politikerinnen fragen: Wie oft haben Sie Ihre Kinder geschlagen? Ihren Ehepartner betrogen?….Denn wir haben in diesem Land und in der momentanen Weltgeschichte überhaupt keine anderen Probleme. So könnte der Eindruck entstehen. Und wenn ich nicht weiter weiß, dann kann ich immer noch den Politiker als Mensch vernichten. Was das mit Kompetenzen im politischen Bereich zu tun hat? Nichts!

Aber bleiben wir bei den Mahlzeiten. Vor ca. 25 Jahren hatte ich das große Vergnügen an einem Essen der besonderen Art teilhaben zu dürfen, das die Familie eines Landespolitikers in gehobener Stellung zu sich nahm. Ich war quasi zu einem Familienessen geladen, da ich einen Sprössling dieser Familie gut kannte.  Um es kurz zu machen: Die Rechnung war so hoch, dass ich von den Kosten gut anderthalb Monate meines Studentinnendaseins hätte bezahlen können. (Was die anwesenden Bodyguards am Nebentisch aßen weiß ich nicht, ebensowenig den Rechnungsbetrag). Mir wurde versichert, dass das üblich ist und ich mir keine Sorgen machen solle. Einen großen Teil bekäme man von der Steuer wieder! Ich wurde auch darüber aufgeklärt, dass viele politische Treffen bei Essen stattfänden. Klar ist auch, dass die nicht in der Pommessbude stattfinden. Die wenigsten Pommesbuden haben Platz für gepanzerte Limousinen.

Also befindet sich Martin Schulz in guter Tradition. Solche Essen sind Usus. Interessant finde ich, dass dieses unwichtige Detail, mit Wahl der Vorspeise, an die große Glocke gehängt wird. Mein Fazit: Die Angst muss wirklich groß sein und etwas „besseres“ als die Essgewohnheiten des politischen Gegners der Union gibt es wohl gerade nicht.

Ja, meine Erfahrung mit den kulinarischen Gepflogenheiten eines Politikers sind lange her, dennoch glaube ich, dass sich dank Inflation und gesellschaftlicher Entwicklung wenig geändert haben wird.

Und: Eine Regierung, die auf der einen Seite marode Atomkraftwerke in Belgien verurteilt, aber stickum Lieferungen von Brennstäben an genau dieses Kraftwerk genehmigt, sollte sich besser zügeln, bevor sie wegen Stopfleber und der angeblichen gehobeneren Lebensart, einen Mann versucht in Misskredit zu bringen.

Diese Art der Doppelmoral ist aus zwei Gründen unerträglich. Zum einen ist da der widerliche Umstand des mit zweierlei Mass messen. Zum anderen: Für wie dumm müssen Politiker Bürgerinnen und Bürger halten, um glauben zu können, dass derartig verschlagene und hinterhältige Manöver nicht auffallen?

Das ließe sich bestimmt bei einem guten Essen diskutieren. Teure Restaurants gibt es ja genug….

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3 Gedanken zu „Wie verzweifelt muss Politik sein?

  1. Hiltrud von den Driesch

    Ehrlich gesagt habe ich bereits einen gewaltigen Horror vor der sog. „Heißen Phase“ des kommenden Wahlkampfs. Da wird es doch ausschließlich darum gehen, den politischen Gegner fertig zu machen. Und bekanntlich bleibt ja etwas in den Köpfen hängen, wenn man nur genügend mit Schmutz wirft. Da sind sie alle gleich – egal welcher Couleur. Dazu all die Versprechungen, die dem Bürger gemacht werden! – Die kannst du doch alle in die Tonne kloppen. Sobald sie ihre Pöstchen haben und ihre Pfründe gesichert sind, erinnern sie sich an nichts mehr. Heute geht es doch nur noch um Macht und Geld. Politiker, die sich w i r k l i c h für die Probleme und Anliegen der Menschen einsetzen???? Da fällt mir spontan kein einziger ein. 😒

    Antwort
    1. loulila Autor

      Mir leider auch nicht😳Trotzdem werde ich wählen, weil bekanntlich jede nicht abgegebene Stimme unter Umständen die unterstützt, die man nicht unterstützen möchte.

      Antwort
  2. Hiltrud von den Driesch

    Das ist vollkommen richtig. Nicht wählen ist auch keine Lösung. Das spielt nur denen zu, die wir ganz bestimmt nicht wollen.

    Antwort

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