Im Krankenhaus kann es auch lustig sein…(III)

Oder: Zwei Ärzte – zwei Meinungen

krankenhaus

Wer krank ist, wird auch irgendwann wieder gesund. Vielleicht, wenn man Glück hat. Meine Prognose sah gut aus. Da ich viel Glück hatte, sollte von den unfallbedingten Verletzungen nichts zurück bleiben. Ob das auch tatsächlich so ist, sollte überprüft werden. Mit Hilfe der Technik. In meinem Fall mit einer CT-Untersuchung. Die mündlich formulierte Erwartungshaltung meines behandelnden Arztes im Krankenhaus war, dass die Fraktur gut verheilen müsste. „Sie sind ja noch jung!“, sagte er. Bei einer Frau meines Alters wäre zu erwarten, dass der Knochen nach neun Wochen belastungsfähig zusammen wächst und nicht die allseits formulierten 12 Wochen benötigen wird.

Gesagt getan: Ein Kontrolltermin nach neun Wochen wurde vereinbart und ein Gesprächstermin. Leider trennten beide Termine acht Stunden. Untersuchung um halb neun in einer in Krankenhausnähe befindlichen Praxis, Gespräch um halb fünf im Krankenhaus selbst.

Das Glück war mir hold. Nach der besagten CT Untersuchung nahm sich ein Arzt der radiologischen Praxis für mich Zeit, um mir das Ergebnis mitzuteilen. Selbstverständlich wollte er dem behandelnden Arzt nicht vorgreifen. Ich war aufgeregt. Von dieser Untersuchung hing schließlich viel für mich ab. Durfte ich wieder normal gehen? Das linke Bein voll belasten?

Ein Blick in die Augen des Arztes reichte aus, um alle Hoffnungen im Keim zu ersticken.

Arzt: „Das sieht nicht gut aus! Bei einer Frau ihren Alters würde man ein deutlich besseres Zusammenwachsen der Knochen erwarten. Sie sind ja noch jung!“

Ich widerstehe dem Impuls den Mann anzuschreien. Ich hatte so oft von Ärzten gehört, dass ich jung sei, dass ich manchmal selbst nicht glauben kann, dass ich mich mit 45 Jahren oft anders fühle und frage:

„Was bedeutet das für mich?“

Er erklärt mir, dass ich meinen behandelnden Arzt fragen solle, was da zu tun sei. Diese Äußerung lässt für mich die Frage nach einer weiteren Operation aufkommen, die ich panisch stelle, denn das Letzte was ich will, ist eine Operation. Das hat nicht nur mit meiner tief sitzenden Abneigung gegen Operationen im allgemeinen zu tun, sondern hängt auch mit dem Unbehagen zusammen, den mir Krankenhausaufenthalte mittlerweile verursachen.

Da ging sie nun hin, die Hoffnung schnell wieder richtig laufen zu können. Der Arzt gab mir noch auf den Weg, dass ich sicherlich bei einer Teilbelastung von 20 kg maximal bleiben werde. Dann ging ich dahin, wo ich am besten aufgehoben war: Nach Hause. Gehen ist allerdings euphemistisch. Ich kroch zum Taxi und das brachte mich nach Hause. Dort verweilte ich in Trauer und verbrachte die folgenden acht Stunden mit Weinen und ANGST. Angst vor einer weiteren OP, Angst vor multiresistenten Krankenhauskeimen, Angst doch noch einen bleibenden Schaden zurückzubehalten, Angst…Angst…Angst. Nicht allein, ich hatte Aufsicht. Gute Freunde standen mir bei und ich suchte schon mal nach alternativen Krankenhäusern, um mir eine zweite Meinung einzuholen. Selbstredend, dass der Nachmittag in bleibender Erinnerung bleiben wird. Abgelegt in der Schublade Horror mit der Bitte an das sowieso schon lückenhafte Gedächtnis diese Erinnerung, wie viele andere zu verdrängen. Es kann dem Gedächtnis nichts ausmachen – es verdrängt so viel am Tag, da kann es doch auf diese eine Erinnerung nicht ankommen.

Niedergeschlagen erreichte ich wie geplant den Gesprächstermin um 16:30 Uhr mit meinem behandelnden Arzt. Als er mich sah, grüßte er und verließ das Sprechzimmer, weil er meine CT-Bilder besprechen musste. Zwanzig Minuten später kam er wieder. Das er mich überhaupt noch in seinem Sprechzimmer entdeckte, überraschte mich. Gefühlt war ich auf Erbsengröße geschrumpft. Mehr hatte die Angst nicht übrig gelassen.

Völlig zu unrecht, denn mir wurde mit einem Lächeln mitgeteilt, dass der Arzt vom Morgen einen falschen Befund gestellt hatte. Einer Vollbelastung würde nichts im Wege stehen. Auf mehrfaches ungläubiges Nachfragen meinerseits wurde mir erklärt, dass Röntgenbilder angucken und lesen zweierlei sein können. Ungläubig nahm ich das hin und versuchte mich zu freuen, wie es sich nach so einer freudigen Nachricht gehörte. Es gelang nicht auf Anhieb.

Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, ob der Arzt der radiologischen Praxis nicht der gleiche Arzt gewesen war, der einer guten Freundin von mir im letzten Jahr eine Krebsdiagnose gestellt hatte, die sich als pure Wasseransammlung entpuppt hatte. Leider erst vier Wochen später, nach einem Besuch in einer Spezialklinik, wo sich ein Arzt, der sich damit auskannte, ihrer annahm.

Ein Anruf bei besagter Freundin bestätigte: Offenbar behält mein Gedächtnis doch mehr Dinge als ich möchte. Gleicher Arzt, gleiche Praxis und noch ein falscher Befund.

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