Die Rollenfindung oder: Die Rolle, das Ich und die Frau

Schlumpfinen

Bekanntlich soll man nur über das schreiben was man kennt, wenn man sich dann auch noch auskennt, umso besser. Auskennen – spontan fällt mir da „Frau sein“ ein. Damit kenne ich mich aus. Natürlicherweise, es blieb mir nichts anderes übrig. Sich arrangiert zu haben, klänge nach Mangel. Dem ist nicht so. Eine Frau zu sein ist schön. Meistens. Wenn, ja wenn es nicht mit den vielen verschiedenen Rollen behaftet wäre, die täglich über einen ausgeschüttet werden. Nicht alle will man haben, einige sind schön, andere lästig und viele haben gar nichts mit einem zu tun. Hier eine kleine Auswahl, die nicht den Anspruch hat allumfassend zu sein: Die Mutterrolle (sicherlich eine der Rollen, die gesellschaftlich von besonderer Bedeutung sind, von privaten Auswirkungen mal ganz zu schweigen), Erzieherin, Köchin, Ehefrau und Geliebte (manchmal sogar mit nur einem Gegenpart!). Taxiunternehmen, Weichenstellerin (eine kluge Freundin sagte mal: Die Frau ist ein Rangierbahnhof – was der Mann aus ihrer Sicht war, will ich hier verschweigen – damit kenne ich mich wirklich nicht aus). Des Weiteren wären da noch: Krankenpflegerin (vor allem bei kindlichem Erbrechen und Männerschnupfen), Seelsorgerin, Beichtvater (VATER!), Ernährerin, Arbeitstier, Schlafmangelkönigin (vor allem wenn die Kinder noch klein sind), nächtlicher Wach- und Schließdienst (vor allem, wenn die Kinder groß sind), Freundin, Feindin, Shoppingqueen und Verkäuferinnenschreck, Kreativdirektor (schließlich muss ja jemand das alles unter einen Hut zu bringen wissen).
An dieser Stelle sollte unbedingt erwähnt werden: Nicht alle Rollen haben mich persönlich heimgesucht. Manche kenne ich nur vom Hörensagen (wozu hat man Freundinnen?). Einigen Rollen konnte ich geschickt ausweichen, andere abarbeiten und weiterreichen. Nicht alle Rollen sind gleichermaßen erstrebenswert. Manche Rollen, die einen zu einem Zeitpunkt des Lebens ausfüllten, werden zu einem späteren Zeitpunkt lästig. Manche lauern hinter einer finsteren Ecke, dann springen sie einen von hinten an, ringen zu Boden, setzen sich drauf und schon ist man drin. In der Rolle. In welcher auch immer. Du kommst hier nicht rein  klingt in diesem Fall nach verheißungsvoller Wohltat. Da kannste mal gucken, wie Du da wieder rauskommst ist aber alles, was man vom inneren Schweinehund zu hören bekommt. Und der hat immer die gleiche Rolle! Ungerecht, ich weiß, aber nicht zu ändern. Manche Rollen kleben wie Harz, es ist fast unmöglich sie abzustreifen. Andere, die man gerne gehabt hätte, wollen sich einfach nicht zeigen. Vielleicht ist das wie beim TV-Casting? Die beliebtesten Rollen sind rar gesäht, eine andere hat sie schon weggeschnappt? Nein, das wäre zu absurd. Sich passend in die verschiedenen Rollen zu begeben ist auch nicht jedermanns Sache. Zum einen ist das Thema Rollenschärfung in diesem Zusammenhang durchaus erwähnenswert. Je genauer die Rolle umrissen wird, desto eher lässt sich abschätzen, ob es sich lohnt sie auszufüllen. Dabei ließe sich feststellen, ob die Rolle zur eigenen Persönlichkeit passt. Versuchte ich zum Beispiel die Rolle der stets einfallsreichen und kreativen Köchin der gesunden Ernährung auszufüllen, käme das dem Versuch gleich sich in ein Kleidungsstück quetschen zu wollen, welches eindeutig einer anderen Konfektionsgröße bedürfe, um meiner Figur zu genügen. Die Rolle des Essers gelänge hingegen spielend. Was, wenn ich beim Vergleich mit den Textilien bleibe, dem Überziehen eines legeren Rollkragenpullovers gleich kommt.
Jetzt könnten kritische Stimmen behaupten: „Selbst schuld, warum zwängst du dich auch in so engen Zwirn? Such Dir doch passende Jäckchen, Pullöverchen oder Schühchen (oh ja, bitte Schuhe) aus.“  Was soll Frau darauf antworten? Es wird doch erwartet, dass wir uns in Hosen zwängen, die nichts mit uns zu tun haben!? Oder: Wenn doch gerade nur Clogs da sind, werde ich sie wohl tragen müssen, obwohl ich sie ständig und überall verliere. Das alles in dem Bewusstsein, dass es sehr wohl andere Möglichkeiten gäbe, wenn man (FRAU!) sich nur die Mühe machte sie auch finden zu wollen. Einfacher ist es hingegen sich auf allgemeine Floskeln zurückzuziehen: Zu kompliziert, zu anstrengend, ich trau mich nicht. Wachsam den verschiedenen Rollen zu begegnen und den Blick für sie zu schärfen ist sicherlich nicht verkehrt, um sich im Dschungel der vielfältigen Ansprüche zurecht zu finden. Vor allem in Bezug auf die verschiedenen Rollen des eigenen Ichs, aber wer kennt sich damit schon aus?
Ein unschlagbarer Partner im Umgang mit Rollen im Allgemeinen und unliebsamen Rollen im Besonderen: Humor! Der geht immer und macht das Leben leichter. Selbst wenn die Rolle unfähige Blondine parkt ein durch einen älteren Herren, der mit verschränkten Armen und süffisantem Lächeln am Straßenrand stünde, überreicht werden sollte. Dann könnte der Humor einen die Rolle annehmen lassen. Mit einem Lächeln ließe sich mit der einen Hand eine lange Haarsträhne um den Finger wickeln, die andere Hand winkte den Mann ans Auto heran, um ihn mit einem hilflosen Blick (gelernt ist gelernt!) um seine Unterstützung beim Einparken zu bitten. Dann hätte er ebenfalls eine Rolle. Er wüsste es nicht, aber er füllte sie mehr als gut aus (gelernt ist gelernt) und winkte das Auto samt Fahrerin, einem Fluglotsen gleich, in die Parklücke, deren Größe für einen Panzer ausgereicht hätte. Damit wäre die Rolle hilflose Blondine erstmal ad acta gelegt. Vorerst. Welche Rolle dem Herrn in diesem Falle zu käme? Darüber sollte jemand schreiben, der sich damit auskennt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s