Neues vom Sofa: Der Brief

Das Sofa-11

Als die Frau auf dem Sofa Platz genommen hatte, dauerte es keine Minute und sie hatte den Zettel aus ihrer Handtasche gezogen. Noch bevor sie ihn auseinander falten konnte, sah sie die Bedienung auf sich aufmerksam werden. Die Frau hielt den Zettel, der eigentlich ein Blatt Briefpapier war, mit ihren Händen fest umschlossen. Sie schaute die Bedienung an, die lächelnd hinter ihrer Theke hervorkam, um direkt auf ihren neuen Gast zu zusteuern.

Die Bedienung betrachtete die Frau, die sich auf dem roten Sofa niedergelassen hatte. Sie hatte die Frau noch nie in ihrem Café gesehen. Die Bedienung schätzte, dass sie noch keine vierzig Jahre alt war. Sie hatte etwas Trauriges in ihrem Blick. Das war das Auffälligste an der Frau. Das Traurige. Die Frau trug eine braune Jacke, die sie gerade im Begriff war auszuziehen. Darunter kamen ein grauer Pullover  und eine Jeans zum Vorschein. Sie trug graue Halbschuhe. Keinen Schmuck, aber dafür eine Handtasche, die den gleichen braunen Farbton hatte, wie die Jacke, die die Frau sorgfältig auf den Kleiderständer gehängt hatte. Als die Bedienung an den Tisch der Frau trat, sah sie in die ungeschminkten braunen Augen der Frau und dachte, dass ihre kurzen braunen Haare vielleicht der ausschlaggebende Faktor bei der Wahl der Jacke gewesen sein könnten. Den braunen Augen der Frau fehlte jeglicher Glanz. Stumpf, aber nicht ohne Schönheit, schauten sie erwartungsvoll in die Augen der Bedienung. Der Gedanke, dass diese Augen einmal sehr schön gewesen sein mussten, bevor die Traurigkeit die Frau ereilt hatte, durchdrang die Bedienung, bevor sie ihren neuen Gast begrüßte und nach den Wünschen fragte. Die Frau bestellte ein Glas Sprudelwasser. Als die Bedienung sich vom Tisch entfernt hatte, betrachtete die Frau auf dem Sofa den Brief in ihren Händen. Es war ein nicht ganz weißes Papier. Elfenbein oder Champagner nannte man dieses Weiß wohl. Auch wenn es mittlerweile einen leichten Grauton angenommen hatte. Das fortgeschrittene Alter war dem Brief anzusehen. Die Frau ließ ihre Finger vorsichtig über das Papier gleiten, es war etwas rauer als das, was die Frau für ihre Briefe benutzte. Sie nutzte zum Schreiben stets das billige Kopierpapier, das ihr Mann für ihren Drucker zu Hause kaufte. Das Papier, das sie nun in den Händen hielt, war ein besonderes Papier. Es war schwerer als das was die Frau kannte und es fühlte sich fester an. Sie ließ ihre Finger vorsichtig darauf ruhen. Der Brief war oft gefaltet worden. Das war offensichtlich, als sie den Brief das erste Mal auseinandergefaltet hatte.

Die Bedienung trug die Bestellung der Frau auf dem Tablett vor sich her, als sie sich erneut dem Sofa näherte. Sie stellte der Frau das Wasser mit einem lächelnden Nicken auf den Tisch. Als sie sich umgedreht hatte, um zurück zur Küche zu gehen, zuckte ihr der Gedanke durch den Kopf, dass die Frau auf den ersten Blick wirkte, als hätte sie nichts zu erzählen. Nichts, was sie eventuell beschäftigte, drang nach außen. Sie saß reglos auf dem Sofa. In ihrem Gesicht gab es nichts, was es zu lesen gegeben hätte, es war ebenso unbeweglich, wie die gesamte Erscheinung der Frau. Bis auf die Traurigkeit im Blick der Frau gab es nichts, was über ihren Gemütszustand etwas erahnen lassen würde. Auf den ersten Blick schien es, als gäbe es nichts im Inneren der Frau, was es sich lohnte nach außen gelassen zu werden. Mit einem Lächeln auf den Lippen schalt sich die Bedienung einen Dummkopf. Gerade sie sollte es besser wissen: Wie oft hatte sie schon über Menschen gedacht, dass diese nichts zu erzählen gehabt hätten, sie nichts beschäftigen würde, sie eine leere Hülle waren, die nur ihr Leben lebten, um die Erwartungen anderer erfüllen zu können? Genauso oft, wie sie eines Besseren belehrt worden war. Die Bedienung hatte die Erfahrung gemacht, dass es oft die Menschen waren, die auf den ersten Blick nichtssagend aussahen, die letztendlich am meisten zu erzählen hatten. Nur taten sie dies nicht. Dafür konnte es die verschiedensten Gründe geben. Entweder waren es so viele unschöne Dinge, die nicht erzählt werden wollten. Oder es gab niemanden der ihnen je zugehört hatte. Manchmal hatten diese Menschen auch Angst, das nach außen zu tragen, was sie beschäftigte, weil es nicht weniger als ihr Leben in Frage stellen würde, wenn sie ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf ließen. Manchmal waren die bewegenden Gefühle der Menschen aber auch verschüttet, um nicht an die Oberfläche dringen zu müssen. Zu schmerzhaft wäre, was zu Tage treten könnte. Wenn diese Menschen sich aber doch dazu entschließen konnten über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen, dann waren das meistens die interessantesten und ehrlichsten Gespräche. Ein Blick über die Schulter zu der Frau, die auf dem Sofa saß und ein zusammengefaltetes Papier in den Händen hielt, den Blick fest darauf gerichtet, ließ die Bedienung fragen, was diese Frau wohl für Gedanken hatte. Dann rief sie ein anderer Gast und sie musste alle Überlegungen beiseite schieben. Mit der sicheren Gewissheit, dass sie diese zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgreifen würde.

Die Frau saß mit dem Brief in der Hand auf dem roten weichen Polster des Sofas. Während sie die Papierstruktur des Briefes fixierte, verlor sich ihr Blick und sie versank in Gedanken zu dem Zeitpunkt zurück, an dem sie den Brief auf dem Boden liegend gefunden hatte. Das war keine Stunde her. Sie war, wie immer donnerstags, zum Einkaufen in den großen Supermarkt gefahren. Das tat sie schon seit Jahren. Am Donnerstag fuhr sie zum Einkaufen. Ihr Mann hatte, wie jeden Mittwoch, einen Einkaufszettel für sie angefertigt. Als sie nun auf dem Sofa saß, fragte sie sich, was aus dem Einkaufszettel geworden war. Sie musste ihn wohl verloren haben, als sie den Brief gefunden hatte. Vielleicht lag er noch im Einkaufswagen, den sie gedankenverloren und leer, zurück in seine Reihe gestellt hatte? Letztendlich war der Einkaufszettel für ihren wöchentlichen Besorgungen unwichtig. Sie hätte jede Woche den von der vorherigen nutzen können. Es stand in der Regel immer das gleiche darauf. Das, was ihr Mann und sie gerne aßen oder wenigstens glaubten zu mögen. Schließlich probierten sie nie etwas Neues aus. Das galt nicht nur für Lebensmittel. Sie versuchte den Gedanken wegzuwischen, er kam ihr momentan unwichtig vor.

Sie hatte den Zettel direkt am Eingang gefunden. Sie war noch nicht einmal bis zur Obstabteilung gekommen, als sie ihn am Boden hatte liegen sehen. Sie hatte sich gebückt, um ihn aufzuheben. Schon als sie ihn verloren am Boden hatte liegen sehen, war ihr der Gedanke gekommen, dass dies eine sehr lange Einkaufsliste sein musste. Als sie das Papier in den Fingern gespürt hatte, wusste sie instinktiv, dass es etwas anderes sein musste. Sie hatte den Brief angeschaut, war mit den Fingern vorsichtig über seine Falten gewandert und hatte die vergilbten Ränder wahrgenommen. DAS war kein Einkaufszettel. Sie hatte ihn vorsichtig auseinandergefaltet und bevor sie die Zeilen gelesen hatte, war ihr bewusst, dass es ein persönlicher Brief war, der mit Tinte geschrieben worden war. Die Handschrift war klein, zierlich und jeder Buchstabe sah aus wie gemalt. Sie hatte als erstes auf das Datum in der oberen rechten Ecke geschaut und war überrascht gewesen, dass der Brief zwölf Jahre alt war. Wie kam ein Brief nach mehr als zehn Jahren in diesen Supermarkt, war eine Frage, welche die Frau zu gern auf der Stelle hätte beantwortet haben wollen. Wer hatte ihn verloren? Das war die Frage, die direkt danach folgte. Der Brief begann mit den Worten: Mein lieber Eduard. Er endete mit den Worten: Deine Dich immer liebende Sarah. Die Frau hatte den Brief angestarrt und ohne den Teil zwischen Anfang und Ende gelesen zu haben, wieder zusammen gefaltet. Offenbar war es ein Liebesbrief. Die Frau hatte sich plötzlich wie jemand gefühlt, der an einem Fenster stand und jemanden beobachtete, der davon nichts wusste. Das hatte etwas Voyeuristisches und nichts mit ihr zu tun. Also hatte sie den Brief wieder eingesteckt. Sie hatte versucht ihre volle Konzentration und Motivation auf die Erledigung ihrer Einkäufe zu fokussieren. Nachdem sie jedoch drei Mal um die Gurken, die Tomaten und die Kartoffeln gekreist war, musste sie feststellen, dass ihr Einkaufswagen nach wie vor leer war und ihr Kopf drohte vor lauter Fragen auseinander zu platzen. Sie hatte sich an den Rand der Obst- und Gemüseabteilung gestellt. Als sie den Brief erneut aufgeklappt hatte, waren die Weintrauben und die Birnen, zwischen denen sie sich platziert hatte, vergessen. Sie las:

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