Neues vom Sofa: Eine Leseprobe

Das Sofa-11

Aus dem Kapitel:  Auf ewig dein

Er kam zur Tür herein und der erste Gedanke, der ihr zu diesem Mann einfiel war, dass ihr nichts einfiel. Sie würde sich sein Gesicht kaum merken können. Dies wurde ihr sofort bewusst, als sie auf ihn zuging, um seine Bestellung aufzunehmen. Ihr Café hatte sich sichtlich gelehrt und es waren nur noch vereinzelte Plätze an den Tischen besetzt. Die Cafébesitzerin schaute auf die Uhr und stellte fest, dass sie nur noch zwei Stunden von ihrem Feierabend trennten. Sie beobachtete, wie der Mann, den sie auf ein Alter von ca. 60 Jahren schätzte, sich auf das freie Sofa setzte. Ganz an den Rand. Seine Hand hatte die Armlehne umschlungen, als wollte er sich daran festhalten. Seine Füße standen akkurat nebeneinander und er saß in der Ecke des Sofas, als wollte er sich darin verkriechen und unsichtbar machen. Als sie vor ihm stand, schauten sie durch dicke Brillengläser zwei erschrockene große braune Augen an.

Als er einen Tee bestellt hatte, drehte sich die Frau um und verschwand in der Küche. Er war allein mit sich und seinen Gedanken und er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Es überraschte ihn, dass er sich wie immer fühlte. Nach allem, was an diesem Tag passiert war, hätte er mehr erwartet als die Leere, die ihn erfüllte. Die nette Frau, hatte ihm den Tee auf den Tisch gestellt und als er das Glas mit der dampfenden bernsteinfarbenen Flüssigkeit betrachtete, fühlte er wenigstens nicht das Bestreben sich beeilen zu müssen. In den letzten vierzig Jahren war das Gefühl sein ständiger Begleiter gewesen. Nun war es gegangen. Seltsam. Er war sich nicht sicher, ob es nicht heimtückisch wieder auftauchen würde. Ihm kam in den Sinn, wie sie ihn das erste Mal angetrieben hatte. Da waren sie auf einer Wanderung gewesen und sie wollte unbedingt mit ihm den Gipfel des Berges, dessen Namen er verdrängt hatte, erklimmen. Er hatte in seiner Naivität angenommen, dass es dabei um einen vergnüglichen Ausflug gehen würde. Er hatte gedacht, dass wandern Spaß machen sollte. Mit ihrem Ehrgeiz hatte er nicht gerechnet. Ebenso unvorbereitet hatte ihn ihr Ausdruck Versager getroffen, als er sich auf eine Bank gesetzt hatte, um sich auszuruhen. Damals war er ein ganz normaler junger Mann gewesen, der diesen Ausdruck noch nie mit sich in Verbindung gebracht hatte. Ihn aus dem Mund der Frau zu hören, die er über alles liebte, verletzte ihn zutiefst. Ihre Entschuldigung am Ende des Tages hatte jedoch aufrichtig geklungen und er hatte sie zu gerne angenommen. Dachte er doch, dass es sich um ein einmaliges Versehen ihrerseits gehandelt hatte. Seine Liebe zu ihr hatte der Vorfall keinesfalls in Frage gestellt.

Wenn er sich versuchte vorzustellen, wie er gewesen war bevor er sie getroffen hatte, erkannte er sich selbst nicht in diesem Mann wieder. Er war damals ein anderer gewesen. Jemand, der vor langer Zeit gestorben war. Der Mann, der jetzt auf dem Sofa saß, war er eigentlich gar nicht. Oder war es genau anders herum? Ab heute bestand zumindest die Möglichkeit es herauszufinden. Er trank einen Schluck des heißen Tees und das erste Mal seit vielen Jahren genoss er es: Das Gefühl nicht gehetzt zu werden. Keine Angst mehr haben zu müssen. Er hatte vergessen, wie sich das anfühlte. Aber in seinen Zellen war die Erinnerung daran noch gespeichert. Vielleicht konnte sie doch wieder ein Teil von ihm werden, die Ruhe.

Nach der ersten Beschimpfung auf dem Weg zum Gipfel, folgte nach nur kurzer Zeit die Zweite. Es dauerte nicht lange, dann hatten sie zum täglichen Allerlei gehört. Er hatte schnell die ganze Palette ihrer Boshaftigkeiten kennengelernt. Wenn sie ihn nicht als Versager beschimpft hatte, dann war er der Feigling und der Nichtsnutz. Bald war es ihm so vorgekommen, als habe sie seinen Namen komplett aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Egal, was er auch tat, sie hatte ihn kritisieren müssen. Nein, es war mehr als einfaches kritisieren. Demontage traf es wesentlich besser. In den letzten vierzig Jahren seines Lebens hatte sie keinen Tag ausgelassen ihn bis ins tiefste Mark zu kränken. Wenn er für sie gekocht hatte, rümpfte sie die Nase. In den letzten zehn Jahren hatte sie ihre Wut über ihn und sein Versagen immer weniger kontrollieren können. Es passierte immer häufiger, dass sie ihm die vollen Teller vor die Füße schmiss. Unter ihrem bösen Blick und ihrem permanenten Gezeter war er auf Knien durch die Küche gerutscht, um alles aufzuwischen. Da hatte er schon jegliches Aufbegehren gegen die Situation und vor allem gegen sie aufgegeben. Sie war übermächtig in ihrem Zorn. […]

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