Paris bei Nacht

Metro

Sie eilt die Treppen herunter und stellt fest, dass es nur zwei Minuten sind. Es sind meistens zwei Minuten bis die Bahn im Tunnel erscheint, um die Wartenden einzusammeln. Aber noch ist der Tunnel leer. Sie schaut sich um, es sind nur noch vereinzelte Menschen auf dem Bahnsteig.  Bei der späten Uhrzeit ist das kein Wunder. Das ist ihr lieber als die Menschenmassen, die sich am Tag durch die Gänge wälzen. Während sie in der Tasche nach einem Kaugummi sucht, bemerkt sie nicht, dass ein weiterer Mann auf dem Bahnsteig eintrifft. Ihre Suche in der Tasche gibt sie auf, wahrscheinlich liegt das Päckchen auf ihrem Schreibtisch im Büro. Sie seufzt und schaut sich die Werbeplakate an. Es dauert eine Weile bis das Gefühl an die Oberfläche ihres Bewusstsein drängt. Sie fühlt sich unwohl, fast unruhig. Sie ist irritiert. Auf der Suche nach dem Grund des Gefühls, schaut sie sich um und trifft seinen Blick. Er starrt sie an. Ein ganz normaler Mann mit festem Blick. Sie schaut weg und fixiert die Werbung. Das Kribbeln in ihrem Nacken erschwert die Konzentration.

Sie hört das bekannte Geräusch, das der Zug macht, bevor er mit lautem Getöse den Tunnel verlässt und am Bahnsteig zum Stehen kommt. Die träge Masse der Wartenden gerät in Bewegung. Sie nutzt das aus und versucht möglichst viel Abstand zwischen den Mann und sich zu bekommen. Durch die erste Tür des Wagons geschlüpft, sucht sie einen Platz. Als sie ihren Blick über die mitfahrenden Menschen gleiten lässt, entdeckt sie sofort seinen stechenden Blick. Jetzt starrt sie zurück. Sie wehrt sich gegen ihn. Er weicht nicht aus und seine Augen sind undurchdringlich. Ihr Kribbeln breitet sich über den Rücken aus. An der nächsten Station muss sie aussteigen. Die Zeit ist zu kurz, um zu entscheiden, was zu tun ist. Als sie an der Tür steht, fällt ihr der Mann am Schalter ein, der am Ausgang der Metro auch zu dieser späten Stunde noch arbeitet. Sie versucht sich zu beruhigen und ärgert sich selbst über die Angst im Nacken. In Gedanken geht sie die drei Metrogänge durch, die sie vom Ausgang und von dem Mann am Schalter trennt. Tagsüber strömen stets viele Menschen gleichzeitig durch die Verbindungsschächte der Metro. Als sie ausgestiegen ist, registriert sie: Heute ist sie allein. Nein, nicht ganz allein. Sie hört seine Schritte hinter sich. Das stärker werdende Kribbeln verrät ihr, dass er das ist. Der Gedanke, dass es ein Fehler war die Bahn zu verlassen, nimmt jeden Raum ein. Dann rennt sie los….

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