Schreiben soll helfen

Füller

Wenn man schreibt, soll man längst verdrängte Lebensabschnitte verarbeiten. Hab ich gelesen. In einer Zeitschrift. Also los: Ich brauche nicht lange nachzudenken. Vor zwanzig Jahren zog es mich ans andere Ende der Welt, um zu helfen. Welche Auswirkungen das auf die Waisen- und Straßenkinder hatte, die ich betreute, will ich hier gar nicht beleuchten. Sicher könnte man an der Stelle kritische Anmerkungen zum helfenden Westeuropäer machen, der in erster Linie sich selbst hilft, indem er für andere da ist. Das macht gute Gefühle, ist erwiesen. Damals hatte ich noch nicht soweit gedacht, sondern freute mich einfach nur über die lächelnde Kinderschar.

Offiziell beschäftigte mich schwerpunktmäßig in Pattaya (Thailand) die Arbeit mit Kindern, die entweder im Waisenhaus lebten oder als Straßenkinder unterwegs waren. Inoffiziell kämpfte ich mit dem Sextourismus und seinen Auswirkungen. Das ging gar nicht anders, auch wenn man es wirklich versuchte. Er war allgegenwärtig und hielt nicht nur die einheimische Bevölkerung auf Trab. In erster Linie natürlich die thailändischen Frauen. Die jungen besonders. Eine meiner Aufgaben, organisiert durch einen Ableger der katholischen Kirche, bestand darin den Frauen Englisch beizubringen. Es sollte ihnen ermöglicht werden so „Nein!“ zu sagen, dass die Herren es auch verstehen konnten. Trotz der durchaus vorhandenen Sprachbarriere fand ich schnell heraus, dass es nicht wirklich darum ging, dass die Frauen ernsthaft „Nein!“ sagten. Vielmehr ging es darum, den Herren mehr bieten zu können, als allabendlich am Tresen „Vier gewinnt“ zu spielen oder „Mau Mau“. Der kleine touristisch erschlossene Küstenort wurde von Männern überschwemmt, die entweder der Tennissockenfraktion angehörten oder irgendeiner Marine. Gemein war ihnen, dass sie genauso wenig Thai sprachen, wie ich. Wenn sie abends in die Bars strömten und sich am Tresen bei einer der vielen käuflichen Damen wiederfanden, blieb meist nur das Spielen von Gesellschaftspielen, ohne ein Wort zu wechseln. Welches auch? Aber was sind schon Worte – lasst Taten sprechen!

Die männlichen Einheimischen erfreuten ebenso großer Beliebtheit. Die Gay-Bars hatten regen Zulauf. Irgendwie kamen die besser mit dem Sprachproblem zurecht. Da wurde nicht gespielt. MANN kam lieber gleich zur Sache. Selbst die Kinder blieben nicht verschont. Ich hatte es zwar befürchtet, aber erst Jahre später sollte ich durch das öffentlich rechtliche Fernsehen traurige Gewissheit erlangen. Auf dem Sofa sitzend erfuhr ich durch einen gut recherchierten Bericht, wie das Geschäft funktionierte: Der Friseursalon hinter einer der Bars (an dem ich mehr wie einmal vorbei spaziert war) war gar kein wirklicher Friseur, auch wenn dort hin und wieder zur Tarnung Haare geschnitten wurden. Die Kinder vor dem Laden waren auch nicht die Sprösslinge der Friseurinnen, wie mich meine Naivität hatte glauben lassen wollen. Die müden Gesichter der Kleinen kamen nicht von der späten Tageszeit (obwohl das wirklich hätte sein können, denn es war schon spät als ich sie damals entdeckte), sondern von den Drogen, mit denen sie gefügig gemacht wurden. Fernsehen bildet und nimmt Einbildungen. Auf meinem Sofa sitzend fragte ich mich, wie ich so blind hatte sein können.

Seit dem sind rund zwanzig Jahre vergangen. Was wohl aus Pattaya geworden war? Vielleicht sollte ich einfach mal nachschauen. Nicht vor Ort, aber im Netz. Also: Pattaya gegoogelt. Sofort spukt das Internet allerhand Artikel, Videos und Berichte aus. Die meisten beschäftigten sich mit seinem Nachtleben. Der erste Artikel preist die besten und günstigsten Frauen an. Benimmregeln in entsprechenden Hotels und Zahlungsgepflogenheiten wurden ebenso dargelegt, wie „no gos“ („Da sind die Frauen zu teuer!“). Zwanzig Jahre später ist alles beim Alten.

So viel kann man gar nicht schreiben, um das zu verarbeiten. Ich probier es in zwanzig Jahren nochmal. Vielleicht ist die Alterssenilität gnädig mit mir und setzt früher als gewöhnlich ein.

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