Neulich bei der Bahn

Sonntag

Das Leben schreibt die besten Geschichten:
Es war ein Sonntag, wie jeder andere. Sie hatte ihre Tochter besucht und war auf dem Rückweg nach Hause. Sie fuhr häufig mit der Bahn. Verstopfte Zugabteile, fehlende Wagons und ausfallende Züge, die durch Taxen, Busse, Fahrräder, Heißluftballons und Rollschuhe ersetzt wurden, kannte sie aus der Vergangenheit. Sie hatte einen Sitzplatz reserviert, in der Hoffnung, dass dieser auch vorhanden sein würde. Manchmal hatte man Glück, sie saß auf ihrem Platz, noch bevor die Reise los ging. Alles war gut. Auch noch, als andere Mitreisende in ihr Abteil strömten. Eine junge Frau, die mit ihrem Handy verwachsen zu sein schien, setzte sich ans Fenster. Dann betrat ein Paar das Abteil. Während sie sich munter auf ihren Sitz fallen ließ, kam er schnaufend und stöhnend durch die Tür. Seine Begleitung kramte in ihrer Tasche, ohne den Mann an ihrer Seite zu beachten. Die Frau, die als erste im Abteil gewesen war und entspannt aus dem Fenster geschaut hatte, fixierte den Mann. So wie der schnaufte, würde sich eine Wiederbelebung nicht vermeiden lassen. Im Kopf ging sie die einzelnen Schritte durch. Welches war nochmal das geeignetste Lied zur Herzrhythmusmassage? Highway to hell oder Staying alive? Der Mann riss sie aus ihren Gedanken und stellte sich vor. Dann klärte er sie über sein Herzleiden auf, dass er schon seit einigen Jahren habe und das verantwortlich für seine Kurzatmigkeit war. Die Frau an seiner Seite stellte sich als seine Frau heraus. Die drei kamen ins Gespräch. Während die Gattin von der Frührente ihres Mannes (für das ebenfalls sein krankes Herz verantworlich war) erzählte, schätzte die Frau das Ehepaar ab. Er war um die sechzig und seine Frau vielleicht fünfzehn Jahre jünger. Nachdem der Mann wieder normal atmete, war sie sich sicher: sie hatte eine entspannte Fahrt vor sich.
 
Sie redeten über alles und nichts. so wie es sich für eine Fahrt mit der Deutschen Bahn gehört, je nachdem was man für einen Tag erwischte. Die drei handelten alle Themen ab, die jeder kennt, der auf die Bahn angewiesen ist: Wetter, Religion, Frau Merkel, Aktuelles, Politik (momentan: Gazastreifen, Ukraine und Russland), Ebola! Der Mann hatte als ehemaliger Psychologe auch einige Anekdoten aus der Vergangenheit beizusteuern. So kamen sie auch zum Thema Familie, Ehe und Zusammenleben. Genauer: Das Zusammenleben, wenn man schon mehr als 20 Jahre gemeinsam verbracht hat. Der Mann hatte den Durchblick (als Psychologe sollte er das auch!) und verkündete sein Rezept für eine gelingende Ehe. „Meine Frau und ich, wir kochen zusammen. Beim Kochen muss man miteinander reden. Man verbringt gemeinsame Zeit und stellt gemeinsam etwas her. Es ist etwas ganz Existenzielles, was wir da zusammen tun.“ Die Frau, die nicht seine war, nickte: „Das ist das Allerwichtigste. Etwas gemeinsam schaffen. Wobei der Austausch darüber mindestens genauso wichtig ist!“ Der Mann nickte eifrig und lächelte zufrieden in sich hineine: „Es gibt so viele Ehepaare, die einfach irgendwann aufgeben miteinander zu reden. Das ist fatal! Ich sage Ihnen, etwas gemeinsam tun und darüber sprechen. Das ist das Rezept für eine lange Ehe. Er nickte noch heftig, als seine Frau einwarf: „Aber Du liest mir doch nur vor, was ich in diesen Automaten tun soll!“ Ein Blick in das Gesicht der Ehefrau erinnerte an aufziehende Gewitterwolken. Seine Stirn konterte und legte sich in Falten, als er sagte: “ Das ist der Thermomix Schatz. Der ist so praktisch, das weißt du doch!“ Am Ende des Satzes war deutlich eine Veränderung seiner Stimmlage zu hören. Sie kippte ein wenig ins vorwurfsvolle. Sie sagte: „Ich hasse kochen!“ Dann holte sie tief Luft und rief: „Und ich hasse diesen Automaten!“ Der Blick zwischen den Eheleuten blitzte und er sagte: „Warum hast du das nie gesagt?!“ Während das Ehepaar versuchte sich mit Blicken aufzuspießen, warf die Frau ein: „Sie müssen mehr miteinander reden!“ Dann hatte sie es sehr eilig. Sie musste sowieso bald aussteigen und verließ das Abteil. Es waren nur noch hundertdreizehn Kilometer bis zu ihrem Bahnhof. Sitzplätze wurden allgemein überschätzt. Der Fußboden des Gangs konnte sehr einladend sein!

3 Gedanken zu „Neulich bei der Bahn

  1. schulhunde

    die Geschichte ist richtig klasse. Du hast die Wendungen toll herausgearbeitet. Ca. nach der Hälfte der Lektüre wollte ich deine Erkenntnis, dass gemeinsames Kochen den Paartherapeuten erspart, an alle Freunde, Verwandte und Bekannte schicken 😉.
    Mich erinnert das sehr an Ephraim Kishon!!! Hut ab!
    Ich kenne viele lang verheiratete Paare, die einen Thermo Mix ihr Eigen nennen. Hier sollte man doch glatt einmal soziologisch-psychologische Studien betreiben.

    Antwort
  2. Nicola

    Hui – vielleicht erklärt das den Erfolg all der Fast-Food-Ketten… :))
    Tupper wäre noch ein interessantes Gesprächsthema gewesen; darin hätte man dann praktischerweise all die Leichenteile verpacken können, die es unweigerlich gegeben hätte!
    N.
    (lass uns so verbleiben: wenn nicht N. druntersteht – dann isses auch nicht von mir, sondern…)

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s