Die Elfe in der Hundehütte

Sie hatte alles hinter sich gelassen. Nicht nur den Deich, sondern auch die Deichhöhlen, das Watt, die Strandkörbe, alle anderen Elfen…wenn man es genau nimmt: Ihr ganzes Leben. Sie fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Sie war gegangen und hatte nicht darüber nachgedacht. Alles was ihr lieb und teuer war, hatte sie in ihren Rucksack gepackt, war in ihre Gummistiefel geschlüpft und hatte sich direkt auf den Weg gemacht. Ihre Liebsten, die nicht in den Rucksack passten, hatte sie am Strand zurückgelassen. Ohne sich umzuschauen war sie den Deich hinauf gewandert. Das Elfenstimmengewirr war leiser geworden und als sie die Kuppe des Deichs hinter sich gelassen hatte, waren alle Elfenstimmen vollständig verstummt. Ein Blick in den Himmel verriet ihr, dass es nicht mehr lange hell bleiben würde. Aber sie hatte einige von den kleinen Glühwürmchen eingepackt, die ihr in einem Glas als Lampe den Weg erleuchten würden. Das würde ihr einige Stunden Zeit verschaffen. Jetzt wo sie auf dem Weg weg vom Deich war, fragte sie sich, ob sie nicht besser zurück gehen sollte. Wo wollte sie eigentlich hin?
Ihre Füße stapfen mit laut platschenden Geräuschen über den Asphalt. Ab und an überholte sie ein Fahrrad mit einem Menschen darauf. Beachtet wurde sie nicht. Sich die Frage zu stellen, warum Menschen so blind sein konnten, hatte sie schon vor einiger Zeit aufgegeben. Was wohl die anderen denken würden, wenn sie merkten, dass sie weg war? Sie hatte keine Antwort auf diese Frage. Sie hatte weg gewollt. Weg vom Deich und vom Streit um die Strandkörbe. Es musste doch noch mehr auf dieser Welt geben. Mehr hatte sie dazu nicht zu sagen. Sie nahm sich vor einen Brief an ihre Mutter zu schreiben, wenn sie irgendwo angekommen war. Wo auch immer das sein würde. Das beruhigte ihr Gewissen ein wenig. Wirklich nur ein wenig, aber was hätte sie sonst tun sollen? Zurückgehen? Undenkbar! Ihre Schritte wurden noch größer, sie wollte an diesem zu Ende gehenden Tag so weit wie möglich kommen.
Nach einigen Stunden, sie hatte schon das dritte Glühwürmchen an geknippst, fielen ihr immer wieder die Augen zu. Die Müdigkeit duldete keinen Aufschub. Das nächste Gartentor wurde von ihr auserwählt. Lautlos schlüpfte sie darunter hindurch. Im Garten war es sehr dunkel und das Glühwürmchen verströmte nur noch wenig Licht. Schemenhaft konnte die kleine Elfe etwas kastenförmiges im Garten erkennen. Von diesem Kasten ging eine wohlige Wärme aus. Die Elfe verschwendete keine weiteren Gedanken, sondern steuerte zielsicher darauf zu. Wattenmeerelfen benötigen zum Schlafen Höhlen in der Erde. Damit sie vom Regen verschont bleiben, suchen sie gerne Behausungen, die etwas geschützt sind. Deshalb sind die Höhlen unter den Strandkörben ja auch so beliebt. Dank ihrer Größe reichen den Elfen die winzigsten Exemplare, um sich darin häuslich einzurichten. Für Menschen sind diese kaum mit bloßem Auge zu erkennen. Als die kleine Elfe den Kasten erreicht hatte, fand sie schnell einen Zugang in die Erde darunter. Als sie sich schon zum Schlafen eingerollt hatte, erkannte sie, dass über ihr Atemzüge in regelmäßigen Abständen zu hören waren. Bevor sie sich fragen konnte, wer da so laut atmete, war sie jedoch eingeschlafen. Genau wie die kleinen Glühwürmchen in ihrem Glas.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s